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Serie: Deutsche Straßen:Zwischen Genie und Ramsch

Zwischen Bauernmarkt und Schillerhaus: Das Weimar der Gegenwart ist ein schönes Rätsel. Den Touristen genügt oft schon der einfache Blick auf die Stadt.

(Foto: imago)

Die Schillerstraße in Weimar könnte eine ganz normale Fußgängerzone sein. Doch an manchen Ecken ist sie noch immer außergewöhnlich.

Kulturpessimismus ist ein ödes Privileg der Bessergestellten, aber wer ihn dennoch pflegen möchte, der findet dafür keinen besseren Ort in Deutschland als Weimar. Über Weimar nachzudenken, das bedeutet zunächst, darüber nachzudenken, was Weimar alles gewesen und was es also nicht mehr ist, da geht es mit dem Pessimismus ja schon los.

Goethe sah in Weimar ein deutsches Bethlehem, auf solche Ideen kommt eben, wer immer eine Handbreit Wein unterm Federkiel hat. Nichtsdestotrotz: große Dichter, tiefes Denken, später der Aufbruch in die Moderne - all das war Weimar. Die Stadt ist aber auch ein Geschichte und Chiffre gewordenes Ja-Aber, und nach diesem Aber kommen zu Recht die Nazis. In Weimar saß die erste rein nationalsozialistische Landesregierung, und es gibt diesen bis heute nicht nur geografisch gültigen Satz des Germanisten Richard Alewyn: "Zwischen uns und Weimar liegt Buchenwald."

Im Land der Rostbratwurst

Gedanklich ist man mit diesem Satz von Alewyn längst im Weimar der Gegenwart angekommen. Dieses, denkt man, könne doch eigentlich nichts anderes sein als ein betrüblicher Minimalkonsens und damit letztlich: eine notwendige Enttäuschung. Thüringen ist nicht mehr nur das Land Schillers und Goethes, Liszts oder van de Veldes, es ist, ja, doch, vor allem das Land der Rostbratwurst. Wer sich aber über die Abwesenheit großer Gegenwartsgeister ernsthaft beklagt, für den hält Weimar die Botschaft bereit, dass es einen ja auch hätte schlimmer treffen können (Hitler). Auch wieder wahr. Wie gesagt: Minimalkonsens, oder?

Mit dieser schweren Weimar-Wolke im Kopf erreicht man schließlich den Bahnhof, und dort durchfährt einen sogleich die Anomalie dieser Stadt, wie sie einen immer durchfährt, sobald man ein paar Meter auf der Carl-August-Allee Richtung Zentrum gegangen ist. Weimar ist von einer enormen Sommerlichkeit, und dies selbst auch an trüben Herbsttagen. Es bleibt ein schönes Rätsel.

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So zumindest ist man innerlich gut durchlüftet für den Landgang über die Schillerstraße, zu welchem sich Hellmut Seemann mit so berechtigter wie unausgesprochener Skepsis bereit erklärt hat. Seemann ist seit 15 Jahren Präsident der Klassik-Stiftung Weimar, eine absolute Kapazität und noch dazu humorbegabt. Man hofft zunächst dümmlich, dass Seemann die Schillerstraße als Nussschalen-Weimar klassifiziert und damit als Nussschalen-Deutschland, aber was er dann sagt, ist natürlich noch besser. Diese Straße, sie sei für ihn vor allem "eine schöne Markierung der Kernarbeitszeit", vor neun und nach 21 Uhr dürfe man sie nämlich mit dem Fahrrad durchqueren, dazwischen regiert die Laufkundschaft. Von dieser erst lebt die Schillerstraße, denn sie ist auch, Seemann zum Zweiten, "eine Fußgängerzone wie in tausend anderen Städten auch, wie in Celle oder Dinkelsbühl". Mit dem Weimar-Bild der Deutschen habe die Schillerstraße praktisch nichts mehr gemein, gnädigstenfalls stehe sie für "das Zusammentreffen des kernstädtischen Weimarer Milieus mit dem Welterbe".

Typisch für Gegenwartsdeutschland

Dieses kernstädtische Weimarer Milieu, es ist ja gerade in seiner Tristesse auch schon wieder typisch für Gegenwartsdeutschland. Im Land und auf der Straße der Denker gibt es nun einen Laden namens "Think!". Er verkauft Damenschuhe. Alchemie? Könnte heute der Name eines Mischkonzerns sein, in der Schillerstraße jedenfalls begrenzt sich der Respekt vor Architektur und Geschichte auf das blättrige Gold, in dem McDonald's und Douglas und Müller ihre Filialtüren überschrieben haben. In den Regalen von Letztgenanntem, angeblich ein Drogeriemarkt, lässt sich erstaunlich vollständig betrachten, was einen am Kapitalismus immer schon gestört hat. Der ganze Wegwerfschrott der Alles-Egal-Gesellschaft, hier gibt es ihn auf zu vielen Quadratmetern und für wie immer unschlagbare Komma-neunundneunzig-Euro. Flucht nach draußen also, wo gerade ein dicker Junge etwas zu stoisch versucht, einen groß-eckigen Pizzakarton in einen klein-runden Papierkorbschlund zu drücken. Fluchtfortsetzung zu "Hoffmann's Buchhandlung", in deren Schaufenster für Beckett geworben wird: "Sterben kann ewig dauern."

Teil 4: Schillerstraße, Weimar.

Apropos. "Mehr Licht!", soll Goethe im letzten Hauch gewünscht haben - oder eben nicht. Ob die Geschichte stimmt, ist völlig egal, weil sie gut ist. Auch diese Lektion erteilt einem Hellmut Seemann beim Rundgang über die Schillerstraße, und das schönste Beweismittel findet er im Schaukasten vor dem Weimar-Haus, wo eine Liaison zwischen dem alten Goethe und der jungen Anna Amalia insinuiert wird. Dass die Herzogin zehn Jahre älter war als der Dichterfürst? Tja. Die "Christiane" an der Fassade des Goethe-Kaufhauses? Ist eigentlich Friederike Voß, eine von Goethe durchaus geschätzte Schauspielerin.

Mehr Licht im Schillerhaus

Mehr Licht!, da fällt Hellmut Seemann noch etwas ein, also weiter, zum Schillerhaus. Während Goethe vom Licht wenn überhaupt nur fiebrig fantasierte, erreichte Schiller noch zu Lebzeiten einen echten Durchbruch, und zwar an der Ostseite seines Arbeitszimmers. Das Fenster gibt es heute noch, wie es im Schillerhaus überhaupt vieles noch wie damals irgendwie gibt, nur der Blick nach draußen ist mit Sicherheit ein anderer geworden. Lebte Schiller noch, er könnte auf das Schiller-Kaufhaus schauen und auf die Werbetafel eines gewissen Divan, der zwar keine Gedichte, wohl aber einen west-östlichen Vorspeisenteller im Angebot hat.

Spätestens mit diesem Blick muss einem klar werden, dass es an Ort und Stelle verschiedene Weimars gibt. Es gibt das Weimar von Hellmut Seemann, der mit fast beschämender Leichtigkeit von Harry Graf Kessler erzählt, von Nietzsche und van de Velde, der Geschichte und Geschichten Weimars kennt wie Teile einer Partitur, deren Komposition ihm auch als Ganzes vertraut in den Ohren liegt. Seemann sagt, es sei der Hauptaspekt von Weimar, dass immer alles mit allem zusammenhängt, alle Biografien und Begebenheiten. Es gibt das Weimar der Touristen, denen die kleine Filmvorführung im Schiller-Museum und ein paar ausgegebene Euros im integrierten Tante-Tinnef-Laden im Grunde genügen. Es gibt, schließlich, das Weimar von Thomas Lüttich, es liegt ein wenig versteckt, lohnt aber jede Sekunde der Suche.

Das ehemalige Wohnhaus von Friedrich Schiller in der Schillerstraße.

(Foto: imago)

Buchbinder in sechster Generation

Wer das Schlimmste annimmt, den kann es irgendwie beruhigen, dass die Läden in der Schillerstraße großenteils zu einer eingetragenen Genossenschaft gehören, keinem Invest-Ungeheuer. Wer auf das Traditionelle hofft, der kann sein Herz wärmen an dem kleinen Reich von Thomas Lüttich, das sich weit hinter einer Schillerstraßenfassade auftut. Lüttich ist Buchbinder in sechster Generation, er kommt beim Zählen der vielen "Ur"s kurz durcheinander, als er seine Verbindung zu August Lüttich benennen möchte, der einst den Großherzoglichen Prinzen das Buchbinderhandwerk lehrte. Thomas Lüttich hat den Betrieb 1990 übernommen. Er erinnert sich auch an die Zeit davor, an die DDR und den Mangel, "da haben wir ins Blaue produziert, und uns wurde alles aus den Händen gerissen." Heute? Produziert Lüttich nur noch bei konkreten Aufträgen.

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Es gibt in der Schillerstraße auch für Thomas Lüttich noch ganz gute Laufkundschaft, Studenten meist, solche der freien Künste, der Architektur oder Gestaltung. Irgendwie ist sein Betrieb auch in den Baedeker gekommen, Lüttich weiß selbst nicht, auf welchen Wegen. Mit anderen Worten: Es geht schon alles, irgendwie. Bereut er es dennoch, nach dem Mauerfall und nach dem Tod des Vaters die Buchbinderei übernommen zu haben? "Ja und nein", sagt Lüttich. Einerseits sei sein Handwerk abwechslungsreich und bereite ihm Freude. Andererseits: zwei Wochen Urlaub im Jahr. Der letzte größere ist zehn Jahr her.

Thomas Lüttich führt nun durch seine Werkstatt. Der Tisch da, die Papierkiste dort, der Hocker daneben - alles aus dem 19. Jahrhundert. Ein unbezahlbarer Manufakturgeruch liegt in der Luft, womöglich ist es der "Buchbinder-Leim", den Lüttich in leeren Frühstücksgläsern verkauft wie Honig aus eigener Herstellung. Lüttich ist in einem Durchgang zum Stehen kommen, an der Wand neben ihm hängen kleine Bilderrahmen akkurat übereinander. Das Bild in der untersten Reihe zeigt Thomas Lüttich. Frage: Kommt da irgendwann ein neues Bild hin, unter Ihres? Lüttich sagt: "Ich bin der Letzte. Nach mir ist Schluss." Lüttich sagt das ohne Groll. Mit leichter Freude, mindestens aber mit Neugier erzählt er auch, dass er bald verstärkt im Internet nach Kunden suchen wolle, über das Netz könne er auch gar nicht klagen. Wer weiß, im Internet wird die Buchbinderei von Thomas Lüttich womöglich besser zu finden sein als in der Peripherie der Schillerstraße. Auch das wäre Weimar, auch das wäre deutsche Gegenwart.

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