Süddeutsche Zeitung

Selbstversuch Billig-Fernbus:Atemlos durch die Nacht

Warum selbst Bushasser auf den Fernbus umsteigen und wie es sich im neuen Ein-Euro-Bus von München nach Berlin fährt: ein Selbstversuch.

Von Ruth Schneeberger (Text) und Yi Luo (Bild)

Am Anfang war der Schreck: Der Flieger ist weg. Und das trotz der eingeplanten Stunde Puffer. Ich war mitten in der Nacht aufgestanden, um den Sechs-Uhr-morgens-Flieger von München nach Berlin zu bekommen. Doch die S-Bahn-Fahrt wurde wegen diverser Störungen zur Odyssee, aussteigen und Taxi nehmen ging nicht, bei der Ankunft am Flughafen hob das Flugzeug gerade ab.

Die gar nicht mal so freundliche Air-Berlin-Mitarbeiterin bot mir und den anderen an, den nächsten Flug zu nehmen - für knapp 500 Euro. Verblüffung machte sich breit: Wie war das noch mit der Kulanz? Aber jetzt einen Zug nehmen, dafür noch mal den vollen Preis zahlen und den ganzen Tag unterwegs sein? Auch keine Option. Die Nebendame riet mir, es unter Busliniensuche.de zu versuchen. Meine erste Reaktion: Niemals!

Schon als Kind wurde mir ständig schlecht im Bus. Bis heute mag ich deshalb keine Busse, die oft sogar noch unbequemer und ungepflegter als S- und U-Bahnen waren. Und dieses Elend soll ich mir auf einer Fernstrecke antun?

Flug zu teuer, Bahn zu nervig - also doch der Bus?

Doch dann erinnerte ich mich daran, warum ich als Pendlerin zwischen Berlin und München überhaupt vom viel umweltfreundlicheren Zug auf den Flug umgestiegen war: Die Fahrten mit der Deutschen Bahn sind auf dieser Strecke kein Spaß. Aus vorgesehenen knapp sieben Stunden werden immer wieder acht bis sogar zehn. Hochwasser, Zugverspätungen, Notarzteinsätze, unvorhergesehene Ereignisse - irgendwas ist immer.

Vielleicht weil das ohnehin kaum ein Reisender mitmacht, setzt die Bahn zu allem Übel auf dieser Strecke gerne ihre ganz alten Schätzchen ein: Züge im 90er-Jahre-Stil mit klappernden Türen, kaputten Klimaanlagen und ohne Speisewagen. Und wenn es einen Speisewagen gibt, ist oft das Wasser alle, das Hauptgericht nicht geliefert worden, das Restaurant auf ein Bistro geschrumpft.

Das Beste aber waren die Schaffner. Das Handy-Ticket ist nicht ausgedruckt? Macht dann 160 Euro extra plus monatelangen Ärger mit der "Service"-Abteilung der Bahn. Das Online-Ticket wird zwar theoretisch anerkannt, aber die Online-Verbindung streikt kilometerlang? Da wird man als zahlender Kunde gerne mal behandelt wie ein zutiefst verdächtiger Schwarzfahr-Kandidat. Man hat vorher extra am Schalter nachgefragt, ob das Ticket für diesen bestimmten Zug gültig ist, doch die Schaffnerin sieht das anders und erhebt Nachschlag - doch nun mit EC-Karte zahlen? Das ist auf keinen Fall vorgesehen. Und wieder steht ein Mahnverfahren an.

All das ist im Einzelfall vielleicht verständlich, nicht aber mehrfach im Monat. Und das ist der Grund, warum ich nun tatsächlich Fernbus fahre. Die anderen öffentlichen Verkehrsmittel sind mir zu kompliziert geworden - und zu kundenunfreundlich. Ich hätte es selbst nie für möglich gehalten, als Bushasserin jemals einen Bus zu besteigen, der mehr als fünf Kilometer fährt. Aber jetzt gibt es eben die Fernbusse. Hat man sich einmal darauf eingelassen, bieten sie erstaunliche Vorteile.

Jetzt kommt auch noch ein neuer Busanbieter um die Ecke, der mit einem Preis ab 1,50 Euro (inklusive 50 Cent Bearbeitungsgebühr) für die Strecke von etwa 600 Kilometern von München nach Berlin wirbt: "Megabus" aus Großbritannien. Vom 21. April an werden zusätzlich die Städte Hamburg, Bremen, Kassel und Göttingen zu diesem Preis angesteuert, gab das Unternehmen am Donnerstag bekannt. Kann das wahr sein?

Von München nach Berlin für 1,50 Euro?

Natürlich ist der erste Gedanke: Das kann nie funktionieren. Wieso sollte ein Unternehmen eine solch lange Fahrt sozusagen verschenken, wenn alles mit rechten Dingen zugeht? Der Anbieter sagt: Er will in den umkämpften Markt einsteigen und nimmt anfängliche Verluste in Kauf, weil er das Potenzial sieht und sein Angebot später ausbauen, sprich die Preise erhöhen will.

Allerdings: Seit Öffnung des Marktes für die Fernbusse sind die Preise eben nicht, wie immer prophezeit, gestiegen. Was auch daran liegen dürfte, dass mancher Anbieter schon wieder aufgegeben hat. Verträgt der ohnehin so stark umkämpfte Markt einen weiteren Anbieter mit derartigen Dumpingpreisen, und hält "Megabus", was er verspricht?

Nicht ganz: Buchen geht nur mit Kreditkarte, ist relativ aufwändig, und die ersten Schnäppchen sind schon weg. Aber immerhin: Für 5,50 Euro per Nachtbus von München nach Berlin - da kann man nicht meckern. Auch wenn die Fahrt knapp zehn Stunden dauert und zusätzlich über Nürnberg und Leipzig führt - oder?

Der Bus ist nagelneu, die Fahrt fast gratis

In der Nacht zu Mittwoch ist es soweit, wir besteigen einen niegelnagelneuen Bus in München. Es ist ein komisches Gefühl: Die Fahrt mit dem Taxi vom Gärtnerplatz zum Busbahnhof kostet dreimal so viel wie die Busfahrt nach Berlin.

Und trotzdem steigen wir nun in ein Gefährt, das noch nach Kunststoff riecht und blitzblank ist. Die Beinfreiheit ist wie in den meisten Bussen eingeschränkt, aber Platz ist theoretisch mehr als genug vorhanden - denn außer uns wagen sich nur zehn Menschen in den Doppeldecker. Das schwere Gepäck wird vom Personal fachgerecht verstaut, es geht pünktlich los, der Busfahrer stellt sich mit Namen vor, und seine Berufsbezeichnung schiebt er praktischerweise hinterher: Er sei Busfahrer. Wie beruhigend.

Kritische Stimmen aus dem Netz, dass diese Buslinie nur Busfahrer beschäftige, die kein Deutsch sprechen würden, sind also schon mal übertrieben. Auch wenn dies die einzige Ansprache des Busfahrers für die nächsten zehn Stunden sein wird. Es gibt Schlimmeres (siehe Bahn).

Ein Kollege hatte mir freundlicherweise das Bild eines Greyhound-Busses mitgegeben, in dem ein Irrer seinem Vordermann die Kehle aufgeschlitzt hatte. Ich bin also auf jegliches Grauen vorbereitet. Hinter mir sitzt aber niemand, nur ganz vorne, wo die Plätze immer als erstes besetzt sind, ein Pärchen, und weiter hinten vereinzelte und harmlos wirkende mutmaßliche Studenten. Unter uns sitzt nur ein einzelner Mann an seinem hellerleuchteten Laptop.

Wieso ist die Inneneinrichtung fast immer hässlich?

Ich bin also nicht die einzige, die nicht schläft. Er und ich halten fast die ganze Nacht durch. Alle anderen schlafen, manche lautstark. Die Vordersitzer haben ihre Schuhe ausgezogen und liegen quer über der Sitzbank. Ringelsocken. Immerhin ein schöneres Bild als die Inneneinrichtung des Busses.

Wer auch immer den Einrichtern öffentlicher Verkehrsmittel jemals erzählt hat, sie müssten Sitze und Fußböden mit 90er-Jahre-Mustern in den hässlichsten Farben der Welt betupfen: Er war zu einflussreich. Meist dominieren Gelb und Grün, im Megabus sind es Dunkelblau und Orange. Eine Farbkombi, die schon Aldi und Plus berühmt gemacht hat. Auf dem Boden scheinen sich Garnelen zu krümmen. Bestimmt hat sich der Designer etwas anderes dabei gedacht.

Man hat sehr viel Zeit, über solche Dinge nachzudenken in einem Fernbus bei Nacht. Ich könnte niemals richtig schlafen, weil ein Sitz, auch wenn man ihn minimal zurückschieben kann, dafür einfach nicht das passende Möbelstück ist. Also bleibe ich wach und hänge hundemüde meinen Gedanken nach. Draußen ist es düster, rausgucken macht also keinen Sinn. Zum Lesen ist es zu dunkel und ich bin auch zu schlapp. Irgendwann merke ich, dass ich mit offenen Augen aber vernebeltem Hirn wohl doch so etwas wie eingenickt bin. Es muss furchtbar ausgesehen haben. Gottseidank ist sonst kaum jemand im Bus. Ich fühle mich gequält.

Im Vergleich zum Schlafwagen der Bahn: fast Luxus

Die Fahrt nach Berlin dauert länger als sonst im Bus. Dafür ist sie deutlich günstiger. Knapp zehn Stunden statt sieben, für ein Fünftel des Preises - einen Versuch ist es wert. Ich habe auch schon mal den Schlafwagen der Deutschen Bahn getestet. Aber auch da konnte ich nicht schlafen. Was nur zum Teil an dem dauerquatschenden Nebenmann lag. Ich hatte einfach Angst, aus dem engen Bett zu fallen. Vorrichtungen dagegen gibt es nicht. Im Vergleich dazu ist das hier schon fast wieder Luxus. Wobei ich mir das alles ungleich geruhsamer vorgestellt hatte: einsteigen, einschlafen, ankommen. Aber nichts da.

Um sechs Uhr morgens darf ich endlich wieder richtig wach sein. Es ist hell, man kann rausgucken, wir sind in Leipzig, es gibt etwas zu sehen. Außerdem steigen jetzt viele Menschen zu. Alle geschätzt unter 30. Der Busfahrer macht eine von vier kurzen Pausen und geht dann auf die letzte Teilstrecke. Um kurz vor neun Uhr morgens sollen wir in Berlin ankommen.

Doch dann kommt ein Unfall dazwischen. Ein kilometerlanger Stau legt uns lahm. Dagegen ist man auch im Auto machtlos. Worauf Megabus aber Einfluss hätte: wie die Verzögerung kommuniziert wird. Am Ende verspäten wir uns um 40 Minuten - erfahren davon aber nur durch die lautstarke Unterhaltung des Fahrers mit der Zentrale. Eine Durchsage an die Passagiere gibt es nicht.

Trotz alledem: Irgendwann löst sich auch dieser Stau, wir kommen heil an. Die letzten Stunden habe ich angenehm mit Lesen verbracht. Im Zug kann ich nicht lesen, weil mir sofort schlecht wird. Im Bus ist das jetzt gar kein Problem mehr. Die neue Generation von Bussen scheint wesentlich weniger zu schunkeln als die alte. Diese Art des Reisens fängt an, mir zu gefallen.

Tagsüber top, nachts flop

Fazit: Tagsüber mit dem Fernbus zu fahren, ist auch auf langen Strecken viel angenehmer als gedacht - und eine echte Alternative zu Zug und Flug. In der Nacht aber bleibt für mich nur das Auto. Flieger fliegen nicht, der Zug ist zu unbequem - und der Bus hat mich des Nachts eher atemlos gemacht.

Die Luft ist stickig, der Platz gering, und die Körperstellung, in die man gezwungen wird, ist zum Schlafen einfach nicht gemacht. Und dieser Bus war fast leer. Nicht auszudenken, wenn rüpelnde, rülpsende, schubsende, schnarchende Mitfahrer das Angebot entdecken. Für eine solche Tortur wären dann selbst 1,50 Euro zu teuer.

Vor- und Nachteile der Fernbusse

Vorteil 1: der Preis

Auch Flug und Zug sind inzwischen bezahlbar - allerdings nur, wenn man früh genug bucht (und eine Bahncard hat, zusätzlich den Sparpreis erwischt, den frühesten Flug nimmt etc.). Fernbusse hingegen lassen sich noch eine halbe Stunde vor der Abfahrt völlig problemlos online buchen. Und zwar ohne Aufpreis. Wobei bei vielen Anbietern gilt: Die Nachfrage bestimmt das Preisangebot - je ausgebuchter ein bestimmter Bus ist, zum Beispiel vor Feiertagen, desto teurer werden die wenigen noch freien Plätze.

Dennoch: Für bisher in der Regel 20 bis 30 Euro fährt man mit dem Fernbus von München nach Berlin. Zum Vergleich: Fliegen kostet das Drei- bis Zehnfache, Zugfahren das Doppelte bis Fünffache.

Vorteil 2: der Kundenservice

Ich erfahre eine halbe Stunde vor der Abfahrt, dass ich doch nicht fahren will, kann oder muss. Beim Fliegen wäre ich dann längst eingecheckt, also am oft weit außerhalb gelegenen Flughafen, und der Flugpreis wäre futsch. Mit der Bahn kann ich zwar in Verhandlungen eintreten, deren Ende ist aber offen. Normalerweise zahle ich fürs Umbuchen drauf, je nach Ticketart sogar erheblich.

Bei Meinfernbus habe ich erlebt, dass ich 20 Minuten vor Abfahrt noch telefonisch die Fahrt stornieren und ohne Aufpreis eine Gutschrift für eine neue Fahrt erhalte - und dafür keinen Finger rühren muss. Die freundliche Dame am Telefon erledigte alles sofort. Das schlägt alle bisherigen Erfahrungen mit anderen öffentlichen Verkehrsmitteln um Längen.

Vorteil 3: die Flexibilität

Je nach Anbieter lässt sich nach vorheriger Registrierung der Fernbus übers Smartphone buchen - schnell, unkompliziert, ohne Kreditkarte. Das geht bei der Bahn zwar auch, aber das Umbuchen ist schwieriger. Einen Flug ohne Kreditkarte zu buchen, ist nur bis spätestens eine Woche vorher möglich. Die große Ausnahme bei den Bussen: der neue Anbieter "Megabus". Ausgerechnet der billigste von allen bietet als Zahlungsoption nur die Kreditkarte an.

Nachteil 1: die Beinfreiheit

Die Busse können noch so neu sein: Die Beinfreiheit ist immer stark eingeschränkt, besonders für große Menschen. Das ist im Flieger zwar genauso, aber da dauert die gleiche Strecke natürlich nicht so lang. Im Zug kann man immer aufstehen und im Bestfall im Restaurant sitzen, wo viel mehr Platz ist und es ganz normale Tische gibt, an denen man arbeiten oder in Ruhe essen und lesen kann.

Nachteil 2: die Toilette

Alle Reisetoiletten sind eklig. Aber die im Bus sind ganz besonders notdürftig eingerichtet, auch die in den neuen Bussen. Das macht eine Sieben-Stunden-Fahrt unter ohnehin ungemütlichen Bedingungen nicht angenehmer. Zwar gibt es immer den Stop an der Raststätte. Aber bis dahin muss man es eben aushalten.

Nachteil 3: die Mitfahrer

In keinem anderen öffentlichen Verkehrsmittel kommen einem wildfremde Menschen auf Dauer so nahe wie im Bus. Das kann erfrischend sein, wenn die Nebensitzerin sich als großartige Gesprächspartnerin herausstellt, die auch nach Stunden nicht langweilig wird - schon erlebt. Es kann aber auch die Grenzen des Erträglichen sprengen: Nebensitzer, die sieben Stunde lang die Nase hochziehen, ohne es zu merken, und auch durch dauerkichernde Schülerinnen nicht davon abgehalten werden, ihre Ticks ungefiltert lautstark durch den ganzen Bus zu verbreiten. Ständiges Niesen, Rülpsen und Husten können eine enorme Herausforderung für die Umsitzenden sein. Und die Busse sind oft voll - das heißt: mitgefahren, mitgehangen.

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