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Selbstversuch Billig-Fernbus:Von München nach Berlin für 1,50 Euro?

Natürlich ist der erste Gedanke: Das kann nie funktionieren. Wieso sollte ein Unternehmen eine solch lange Fahrt sozusagen verschenken, wenn alles mit rechten Dingen zugeht? Der Anbieter sagt: Er will in den umkämpften Markt einsteigen und nimmt anfängliche Verluste in Kauf, weil er das Potenzial sieht und sein Angebot später ausbauen, sprich die Preise erhöhen will.

Fernbus Megabus München Berlin 1 Euro

Am Morgen nach der Ankunft: der Megabus mit Ein-Euro-Werbung in Berlin. Ist der aufgemalte Busfahrer eher freundlich oder eher ein Schlitzohr? Der Brite würde sagen: in between.

(Foto: Yi Luo)

Allerdings: Seit Öffnung des Marktes für die Fernbusse sind die Preise eben nicht, wie immer prophezeit, gestiegen. Was auch daran liegen dürfte, dass mancher Anbieter schon wieder aufgegeben hat. Verträgt der ohnehin so stark umkämpfte Markt einen weiteren Anbieter mit derartigen Dumpingpreisen, und hält "Megabus", was er verspricht?

Nicht ganz: Buchen geht nur mit Kreditkarte, ist relativ aufwändig, und die ersten Schnäppchen sind schon weg. Aber immerhin: Für 5,50 Euro per Nachtbus von München nach Berlin - da kann man nicht meckern. Auch wenn die Fahrt knapp zehn Stunden dauert und zusätzlich über Nürnberg und Leipzig führt - oder?

Der Bus ist nagelneu, die Fahrt fast gratis

In der Nacht zu Mittwoch ist es soweit, wir besteigen einen niegelnagelneuen Bus in München. Es ist ein komisches Gefühl: Die Fahrt mit dem Taxi vom Gärtnerplatz zum Busbahnhof kostet dreimal so viel wie die Busfahrt nach Berlin.

Und trotzdem steigen wir nun in ein Gefährt, das noch nach Kunststoff riecht und blitzblank ist. Die Beinfreiheit ist wie in den meisten Bussen eingeschränkt, aber Platz ist theoretisch mehr als genug vorhanden - denn außer uns wagen sich nur zehn Menschen in den Doppeldecker. Das schwere Gepäck wird vom Personal fachgerecht verstaut, es geht pünktlich los, der Busfahrer stellt sich mit Namen vor, und seine Berufsbezeichnung schiebt er praktischerweise hinterher: Er sei Busfahrer. Wie beruhigend.

Kritische Stimmen aus dem Netz, dass diese Buslinie nur Busfahrer beschäftige, die kein Deutsch sprechen würden, sind also schon mal übertrieben. Auch wenn dies die einzige Ansprache des Busfahrers für die nächsten zehn Stunden sein wird. Es gibt Schlimmeres (siehe Bahn).

Ein Kollege hatte mir freundlicherweise das Bild eines Greyhound-Busses mitgegeben, in dem ein Irrer seinem Vordermann die Kehle aufgeschlitzt hatte. Ich bin also auf jegliches Grauen vorbereitet. Hinter mir sitzt aber niemand, nur ganz vorne, wo die Plätze immer als erstes besetzt sind, ein Pärchen, und weiter hinten vereinzelte und harmlos wirkende mutmaßliche Studenten. Unter uns sitzt nur ein einzelner Mann an seinem hellerleuchteten Laptop.

Wieso ist die Inneneinrichtung fast immer hässlich?

Ich bin also nicht die einzige, die nicht schläft. Er und ich halten fast die ganze Nacht durch. Alle anderen schlafen, manche lautstark. Die Vordersitzer haben ihre Schuhe ausgezogen und liegen quer über der Sitzbank. Ringelsocken. Immerhin ein schöneres Bild als die Inneneinrichtung des Busses.

Wer auch immer den Einrichtern öffentlicher Verkehrsmittel jemals erzählt hat, sie müssten Sitze und Fußböden mit 90er-Jahre-Mustern in den hässlichsten Farben der Welt betupfen: Er war zu einflussreich. Meist dominieren Gelb und Grün, im Megabus sind es Dunkelblau und Orange. Eine Farbkombi, die schon Aldi und Plus berühmt gemacht hat. Auf dem Boden scheinen sich Garnelen zu krümmen. Bestimmt hat sich der Designer etwas anderes dabei gedacht.

Man hat sehr viel Zeit, über solche Dinge nachzudenken in einem Fernbus bei Nacht. Ich könnte niemals richtig schlafen, weil ein Sitz, auch wenn man ihn minimal zurückschieben kann, dafür einfach nicht das passende Möbelstück ist. Also bleibe ich wach und hänge hundemüde meinen Gedanken nach. Draußen ist es düster, rausgucken macht also keinen Sinn. Zum Lesen ist es zu dunkel und ich bin auch zu schlapp. Irgendwann merke ich, dass ich mit offenen Augen aber vernebeltem Hirn wohl doch so etwas wie eingenickt bin. Es muss furchtbar ausgesehen haben. Gottseidank ist sonst kaum jemand im Bus. Ich fühle mich gequält.

Im Vergleich zum Schlafwagen der Bahn: fast Luxus

Die Fahrt nach Berlin dauert länger als sonst im Bus. Dafür ist sie deutlich günstiger. Knapp zehn Stunden statt sieben, für ein Fünftel des Preises - einen Versuch ist es wert. Ich habe auch schon mal den Schlafwagen der Deutschen Bahn getestet. Aber auch da konnte ich nicht schlafen. Was nur zum Teil an dem dauerquatschenden Nebenmann lag. Ich hatte einfach Angst, aus dem engen Bett zu fallen. Vorrichtungen dagegen gibt es nicht. Im Vergleich dazu ist das hier schon fast wieder Luxus. Wobei ich mir das alles ungleich geruhsamer vorgestellt hatte: einsteigen, einschlafen, ankommen. Aber nichts da.

Um sechs Uhr morgens darf ich endlich wieder richtig wach sein. Es ist hell, man kann rausgucken, wir sind in Leipzig, es gibt etwas zu sehen. Außerdem steigen jetzt viele Menschen zu. Alle geschätzt unter 30. Der Busfahrer macht eine von vier kurzen Pausen und geht dann auf die letzte Teilstrecke. Um kurz vor neun Uhr morgens sollen wir in Berlin ankommen.

Doch dann kommt ein Unfall dazwischen. Ein kilometerlanger Stau legt uns lahm. Dagegen ist man auch im Auto machtlos. Worauf Megabus aber Einfluss hätte: wie die Verzögerung kommuniziert wird. Am Ende verspäten wir uns um 40 Minuten - erfahren davon aber nur durch die lautstarke Unterhaltung des Fahrers mit der Zentrale. Eine Durchsage an die Passagiere gibt es nicht.

Trotz alledem: Irgendwann löst sich auch dieser Stau, wir kommen heil an. Die letzten Stunden habe ich angenehm mit Lesen verbracht. Im Zug kann ich nicht lesen, weil mir sofort schlecht wird. Im Bus ist das jetzt gar kein Problem mehr. Die neue Generation von Bussen scheint wesentlich weniger zu schunkeln als die alte. Diese Art des Reisens fängt an, mir zu gefallen.

Tagsüber top, nachts flop

Fazit: Tagsüber mit dem Fernbus zu fahren, ist auch auf langen Strecken viel angenehmer als gedacht - und eine echte Alternative zu Zug und Flug. In der Nacht aber bleibt für mich nur das Auto. Flieger fliegen nicht, der Zug ist zu unbequem - und der Bus hat mich des Nachts eher atemlos gemacht.

Die Luft ist stickig, der Platz gering, und die Körperstellung, in die man gezwungen wird, ist zum Schlafen einfach nicht gemacht. Und dieser Bus war fast leer. Nicht auszudenken, wenn rüpelnde, rülpsende, schubsende, schnarchende Mitfahrer das Angebot entdecken. Für eine solche Tortur wären dann selbst 1,50 Euro zu teuer.

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