Reisebuch "Traces of Other Places":Ohne Kopie kein Original

Reisebuch "Traces of Other Places": Im chinesischen Nachbau von Hallstatt gibt es die typischen Häuser und auch einen See. Nur die Berge fehlen.

Im chinesischen Nachbau von Hallstatt gibt es die typischen Häuser und auch einen See. Nur die Berge fehlen.

(Foto: Sebastian Acker)

Der Fotograf Sebastian Acker hat chinesische Nachbauten europäischer Orte aufgesucht. Und kann in diesen Repliken nichts Schlechtes erkennen.

Rezension von Stefan Fischer

Als die Nachricht die Runde machte, dass in der chinesischen Provinz Guangdong eine Kopie der pittoresk an einem See im Salzkammergut gelegenen Marktgemeinde Hallstatt errichtet werden sollte, gab es im deutschsprachigen Raum zwei Arten von Reaktionen: eine aggressiv-beleidigte Variante und eine ungläubig-belächelnde. Vertreter der ersten waren vor allem in Hallstatt selbst zu finden sowie in nationalbewussten Kreisen Österreichs. In gekränkter Ehrpusseligkeit wurde von ihnen erwogen, gerichtlich gegen das chinesische Hallstatt-Projekt vorzugehen, um so etwas wie ein Copyright oder einen Markenschutz durchzusetzen.

Die andere Gruppe hielt das Vorhaben für eine groteske Albernheit; und es herrschte Einigkeit darüber, dass solch eine Kopie naturgemäß nur eine schlechte Kopie sein könne. Eine schäbige Plastikvariante des Originals gewissermaßen, dem es an Traditionsbewusstsein mangelt und an einem Verständnis für die Zusammenhänge.

In dem englischsprachigen, im deutschen Kerber-Verlag erschienenen Buch "Traces of Other Places" des Fotografen Sebastian Acker werden beide Denkgebäude rasch und entschieden zum Einsturz gebracht. Weil sie, so die Argumente, viel zu kurz gedacht sind. Weil sie die Bedeutung des chinesischen Nachbaus verkennen und Probleme sehen, wo gar keine existieren. Und weil der eurozentrische Blick in Teilen auch ein überheblicher ist.

In China haben Kopien einen ganz anderen Stellenwert als im Westen

Eine Kopie als grundsätzlich minderwertig gegenüber dem Original anzusehen, ist eine zutiefst westliche Denkweise. In China würde, so erläutert die Autorin Sylvia Chan in ihrem Begleittext, das Kopieren als eine Kunstfertigkeit und Ausdruck einer technischen Vorherrschaft angesehen. Insofern seien in der chinesischen Anschauung die Kopien - ob nun auf dem technologischen Sektor oder auf dem kulturellen - Ausdruck von Wohlstand, Kultiviertheit, Raffinesse, Modernität und einer größer werdenden auch gedanklichen Beweglichkeit. Die Legitimität des Kopierens werde dabei nicht infrage gestellt.

Ein Abstecher führt den Fotografen Acker nach Dafen, in das sogenannte Oil Painting Village. Dort werden Kopien von Meisterwerken der Malerei erstellt. Man kann dort Repliken von Gemälden van Goghs, da Vincis oder Klimts erstehen, und längst ist Dafen selbst zu einem Markenzeichen geworden, das für außergewöhnliche Qualität bürgt. Wenn man so wolle, argumentiert Sylvia Chan, so sei Dafen selbst inzwischen zu einem Original geworden.

Die Rekonstruktion des Exotischen ist eine europäische Erfindung

Wer den Chinesen das Kopieren einzelner Bauwerke vorwirft - neben Hallstatt befasst sich Sebastian Acker in seinem Buch auch mit Thames Town, das nicht wie Hallstatt/Guandong ein Klon ist, sondern eine Collage aus Bauwerken unterschiedlicher englischer Städte -, der verkennt, dass diese Art der Rekonstruktion eine europäische Erfindung ist. Die ersten Weltausstellungen waren in dieser Hinsicht immer auch Plagiatsorgien, bei denen die Rekonstruktion des vermeintlich Exotischen einen Wert an sich darstellte. Höhepunkt war in dieser Hinsicht die Kolonialausstellung 1931 in Paris, bei der die Nachbauten eines kambodschanischen Tempels sowie der Lehmmoscheen von Timbuktu als Glanzstücke angesehen wurden.

Der Kernpunkt von Sebastian Ackers fotografischer Auseinandersetzung mit den architektonischen Kopien, die zuletzt in China entstanden sind, ist die Frage nach dem Wesen von Originalen. Braucht es nicht erst die Replik in China, damit das historisch bedeutend ältere Hallstatt sich als Original begreifen kann? Womit allerdings noch nicht geklärt wäre, welchen Begriff von Original man sich in Österreich macht. Denn auch wenn die Architektur in den Dorfkernen häufig noch etwas anderes behauptet, so ist der historische Charakter vieler alpiner Dörfer längst verschwunden. Die Menschen - wer mag es ihnen vorwerfen? - leben nicht mehr wie vor ein- oder zweihundert Jahren. In dem Maße aber, in dem sich das Überkommene auflöst, wachse die Sehnsucht nach einer historischen Idylle, so die Kunsthistorikerin Annette Tietenberg in ihrem das Buch einleitenden Text.

Beide Hallstatts seien mithin Reproduktionen einer Vergangenheit, die so nie existiert hat. Die Verwandlung des österreichischen Ortes in eine Touristenattraktion habe zu einer Neukontextualisierung geführt, so Sylvia Chan. Eine weitere Neukontextualisierung sei dann auch in Guandong erfolgt, nur mit anderem Inhalt. Artifiziell ist beides - und Ausdruck einer Originalität. Die aber keine Frage von Original und Kopie ist. Touristen finden an beiden Orten, was sie jeweils suchen.

Sebastian Acker: Traces of other Places. Kerber-Verlag, Bielefeld 2021. 112 Seiten, 29,90 Euro.

© SZ/mai
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