Schwimmen mit den WalhaienAbstand halten

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Hinterher! Schwimmen mit dem Walhai bedeutet vor allem, dass man tempomäßig mit ihm mithalten kann.
Hinterher! Schwimmen mit dem Walhai bedeutet vor allem, dass man tempomäßig mit ihm mithalten kann. Ningaloo Aviation

Wer am Ningaloo-Riff Walhaie sehen will, muss klare Regeln befolgen - auch wenn das bedeutet, dass man eher hinterherschwimmt.

Von Ingrid Brunner

Walhaie sind ziemlich große Tiere, das zumindest ist jedem klar. Bis zu 16 Meter lang können diese friedlichen Giganten werden. Das bedeutet: Schwimmen oder schnorcheln mit dem größten Hai der Gegenwart findet nicht im flachen Wasser statt, sondern auf offener See. Deshalb steuert Bootseigner Murray Pattison seinen Wave Rider schnell vor das schützende Riff und fährt weit hinaus in den Ningaloo Marine Park beim Städtchen Exmouth. Man hätte also wissen können, dass man bei der ersten Begegnung mit einem Walhai eventuell seekrank ist.

Es ist deshalb gut, dass Guide Katie die Teilnehmer erst mal mit ein paar Trockenübungen auf Linie bringt. So hat man noch eine kleine Galgenfrist. Und vielleicht legt sich das flaue Gefühl im Magen ja noch. Katie, eine dieser stets gut gelaunten US-amerikanischen Studentinnen, ist zierlich, resolut und, wie sich herausstellen wird, ein echtes Kraftpaket. Sie steht für eine junge Generation von Guides, die sich für sicheren, nachhaltigen und respektvollen Walhaitourismus einsetzen. Sie holt jetzt ein halbes Dutzend Spielzeugsoldaten aus dem Bordregal und reiht sie am Heck auf: "So müsst ihr sitzen. Und wenn ich sage 'Springt!', dann springt einer nach dem anderen ins Wasser. Verstanden?" Die Gruppe antwortet mit zögerlichem Nicken und bedröppeltem Schweigen. Katie nimmt nun einen Plüsch-Walhai in die eine Hand, einen Soldaten in die andere und erklärt den Code of Conduct - Benimmregeln für die Walhai-Begegnung. Ordnung ist wichtig: Die Teilnehmer bilden im Wasser eine Linie, an der schwimmt im Idealfall der Walhai vorbei: "Nur seitlich oder hinter dem Wal schwimmen, nicht anfassen, nicht vors Maul schwimmen!" Ernsthaft? Hatte das jemand vor? Gütiger!

Walhaie werden aus der Luft, von kleinen Flugzeugen gesucht. Plane Spotting nennen sie das. Vier Firmen teilen sich diese Aufgabe in der Region. Damit sich die Maschinen in der Luft nicht ins Gehege kommen, fliegt jede auf einer definierten Flughöhe. Jetzt drosselt Murray den Motor, der erste Funkspruch kam soeben herein. Die Teilnehmer sitzen aufgereiht am Heck, rücken Brille und Schnorchel zurecht. Katie ruft "Jump!" Einer nach dem anderen lässt sich in die bewegte See fallen. Die Könner tauchen sofort ab und schwimmen dem großen Fisch hinterher. Die Anfänger treiben an der Oberfläche und sind mit sich selbst beschäftigt: Das Wasser ist milchig, die Brille beschlagen, und der Schnorchel im Mund bei aufsteigender Übelkeit nicht eben hilfreich. Plötzlich spürt man einen eisernen Griff am Arm. Puh, gottlob, es ist nur Katie, sie schleppt einen wie ein Stück Totholz weiter. Ihre freie Hand zeigt die Richtung an. Da! Weiße Punkte im großen Blau! Da zieht er vorbei, der Walhai.

"Du musst mitschwimmen!", mahnt Katie. Aber der Walhai ist viel schneller und wartet nicht. Gottlob, ein Ehepaar aus dem Münchner Süden will zurück aufs Boot, der Frau ist ebenfalls übel. Also erst mal zurück an Bord, der Walhai ist eh schon weit weg. Katie und Murray erzählen jetzt viel Wissenswertes über Walhaie. Jedes Jahr zwischen März und Juli ist Walhaisaison. Den Auftakt bildet stets die Korallenblüte am 300 Kilometer langen Ningaloo-Riff im Indischen Ozean. Bei Vollmond laichen gut 200 Korallenarten gleichzeitig ab. Schon das ist ein unglaubliches Naturschauspiel, auch Korallenhochzeit genannt. Der Korallenlaich nährt Krill und Plankton, das ist es, was das Wasser milchig-trüb macht. Die Walhaie kommen ans Riff, um sich vom Krill zu ernähren.

Die Pause an Bord tut gut. Übelkeit und Würgereiz lassen allmählich nach. Alle sind jetzt bereit für den nächsten Sprung. Leider kommt die Order "Jump" dieses Mal just in dem Moment, als der Walhai seinen Kurs ändert und man beinahe in ein Maul springt, breit wie ein Überseekoffer. Aber da ist wieder Katie, sie schiebt die panische Schwimmerin aus dem Weg. Näher als geplant zieht jetzt in aller Ruhe ein Tier in der Länge eines Busses vorbei, begleitet von vielen kleinen Putzerfischen. Unfassbar, die riesigen Kiemenspalten wie Entlüftungsschlitze, und all die Tupfen auf der rauen Haut, die aussehen wie Lichtreflexe.

Die Pilotin Tiffany Klein ist Plane-Spotterin. Sie ist ihr eigener Boss, Ningaloo Aviation ist ihre Firma. Nach einem Tag in der Luft erzählt sie beim Abendessen von ihrer Arbeit. Sie liebt es, Walhaie und andere große Meeresbewohner von oben zu beobachten und zu fotografieren: Delfine, Mantarochen, Buckelwale, Tigerhaie. Natürlich könne man sich von weit oben auch mal vertun. Einmal, erzählt sie belustigt, habe sie ein Boot aus Versehen zu einem Tiger-, statt zu einem Walhai gelotst. "Darauf kam der Funkspruch: Hallo Tiffany, danke für den Hai, aber wir wollten einen mit Punkten, keinen mit Streifen."

Ihre Fotos teilt sie auf Instagram und mit Wissenschaftlern. Auch den Schnappschuss, der ihr im vergangenen August gelungen ist: Sie fotografierte erstmals Walhaie bei der Paarung. Forscher auf der ganzen Welt waren elektrisiert. Der Biologe Peter Barnes erklärt, das Bildmaterial helfe ihnen, das Verhalten der Tiere besser zu verstehen und auch, sie zu identifizieren. Jeder Walhai habe ein individuelles Tupfenmuster, so unverwechselbar wie ein Fingerabdruck. Barnes ist seit 2012 Manager des Ningaloo Marine Parks. Zwischen 300 und 600 Walhaie zählen die Parkbediensteten während der Hochsaison am Ningaloo-Riff. Aber woher sie kommen und wohin sie gehen, ist immer noch nicht klar.

Zu Barnes' Aufgaben gehört es auch, den Walhai-Tourismus nachhaltig zu gestalten. "Die Methoden im Ningaloo Marine Park sind weltweit beispielhaft", erklärt er. "Bei uns ist es verboten, die Tiere zu füttern, zu berühren oder mit Booten einzukreisen", wie es in anderen, meist ärmeren Regionen der Welt, leider der Fall sei. Nur jeweils zehn Gäste pro Boot dürfen ins Wasser. Um für einen nachhaltigeren Walhaitourismus weltweit zu werben und ihr Wissen zu teilen, haben Barnes und sein Team im Mai dieses Jahres Wissenschaftler und Touristiker zur Internationalen Walhaikonferenz nach Exmouth eingeladen. Das Plane Spotting trage dazu bei, den Stress und negative Auswirkungen auf die Tiere zu minimieren. Und was ist mit dem Motorenlärm von Flugzeugen und Booten? "Wir wissen es nicht, kann sein, dass einige abdrehen oder abtauchen."

An diesem Tag sehen die Teilnehmer sechs Walhaie. Sechs Mal springen, mit jedem Mal wächst die Begeisterung - und bei den ängstlicheren Teilnehmern die Gewissheit, dass diese Riesen wirklich harmlos sind. Wie auch immer: Es macht müde, ihnen hinterher zu schwimmen. Deshalb klingt der Tag hinter dem Riff aus. Im flachen türkisblauen Wasser schwimmen Schildkröten, Rochen und Delfine um das Boot. Die großen Fische bleiben draußen.

Der Veranstalter Live Ningaloo nimmt maximal zehn Personen an Bord. Die Tagestour kostet circa 355 Euro , www.liveningaloo.com.au

© SZ vom 27.12.2019 - Rechte am Artikel können Sie hier erwerben.
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