Süddeutsche Zeitung

Baumwipfelpfad in der Schweiz:Auf Stelzen durch den Wald

In Graubünden hat der längste Baumwipfelpfad der Welt eröffnet. Kommt man der Natur auf solchen Stegen tatsächlich näher?

Von Isabel Pfaff, Laax

Auf gut zwei Dutzend Metern über der Erde hämmern und schrauben sie, lassen Handkreissägen aufheulen, installieren Drehkreuze. Letzte Arbeiten sind noch zu machen, bevor der angeblich längste Baumwipfelpfad der Welt eröffnet werden kann, und so herrscht auf dieser luftigen Baustelle in den Bergen Graubündens ziemlicher Betrieb.

Reto Poltera, ein kräftiger Mann mit grauem Bart, erklimmt die letzten Stufen des Einstiegsturmes und bahnt sich seinen Weg durch Bauarbeiter, herumliegendes Werkzeug, Kabel und lose Holzplanken. Dann liegt er vor ihm: der knapp 1600 Meter lange, fast fertige Steg durch die Baumkronen. Es duftet nach frisch gesägtem Fichtenholz, die Planken leuchten fast weiß in der Julisonne, und am Horizont strebt das wuchtige Plateau des Flimsersteins in den Himmel.

Reto Poltera ist Geschäftsleitungsmitglied der Weissen Arena, jener Firma, die das Skigebiet um Flims, Laax und Falera samt Bergbahnen, Läden, Restaurants und Unterkünften betreibt. Poltera und seine Kollegen hatten 2017 die Idee, in dem eigentlich für seine Wintersport-Events bekannten Ort Laax einen Baumwipfelpfad zu bauen. "Das ist was für den ganzen Clan", sagt Poltera, "vom Urgroßvater bis zum kleinsten Kind." Er zeigt auf den Aufzug, der im Einstiegsturm steckt. "Auch gehbehinderte Menschen oder Familien mit Kinderwagen können hier rauf."

Schnee ist die eine Sache - reicht aber nicht, um elf Monate im Jahr Touristen anzuziehen

Vor allem aber ergänzt Laax mit dem Baumwipfelpfad, der die beiden Ortsteile Murschetg und Laax Dorf miteinander verbindet, sein Sommerangebot. "Schnee ist die eine Sache", hatte Gemeindepräsident Franz Gschwend im Dezember 2018 gesagt, als die Abstimmung der Gemeinde über das Projekt anstand. "Aber wir müssen schauen, dass wir den Tourismus auf elf Monate im Jahr ausweiten." Eine Mehrheit der Laaxer stimmte zu, und so griff die Gemeinde die Idee der Weissen Arena auf und investierte rund acht Millionen Franken in das Projekt.

Nun erhofft man sich 130 000 Besucher im Jahr, der Gemeindepräsident schätzt das Wertschöpfungspotenzial auf fünf Millionen Franken. Geworben wird in erster Linie mit einem Superlativ: Nach Angaben der Weissen Arena, die den Pfad im Auftrag der Gemeinde betreibt, ist der Laaxer Baumwipfelpfad der längste der Welt. "Zumindest der längste aufgestelzte", präzisiert Reto Poltera. Andere seien zwar länger, berührten aber immer wieder den Boden. Der Steg in Laax schwebt durchgehend über der Erde, die Abstände bewegen sich zwischen zwei und 28 Metern. Zudem, so versprechen die Macher des Pfads, sei er ein "Lehrpfad zur Sensibilisierung für die Natur". Auf Schautafeln, aber bald auch auf ausleihbaren Tablets erfahren die Besucher Wissenswertes über die Landschaft rund um Laax sowie über die Pflanzen und Tiere des Waldes.

Nur: So ganz verbergen können die Laaxer nicht, dass es bei diesem Projekt nicht in erster Linie um Wald und Natur ging. Der Baumwipfelpfad schlägt immerhin eine beachtliche Schneise durch ein schönes Stück Gebirgswald. Zwar haben die Gemeinde als Bauherrin und die Weisse Arena als Betreiberin auf die Kritik von Natur- und Landschaftsschützern reagiert und bei der Planung einige Kompromisse gemacht: So verläuft der Pfad bewusst am Waldrand entlang, die Linienführung nimmt Rücksicht auf den Baumbestand, und bei den Öffnungszeiten spielten die Ruhezeiten für die Tiere eine wichtige Rolle. Reto Poltera zeigt noch auf die Stelzen, die sich in den Waldboden bohren: "Alles Schraubfundamente, kein Beton!", sagt er stolz. "Wenn wir den Pfad nicht mehr wollen, bauen wir ihn ab, nehmen die Fundamente raus, und dann ist wirklich nichts mehr da."

Nichtsdestotrotz hat der Pfad den Laaxer Wald verändert. Die beiden wuchtigen Einstiegstürme etwa sind weithin sichtbar - und jener in Murschetg beinhaltet neben dem Aufzug auch noch eine 73 Meter lange Rutschbahn für Kinder, die man zum Pfad-Ticket noch dazu buchen kann.

Überhaupt scheinen die Macher ihrem Versprechen eines "einzigartigen Naturerlebnisses" selbst nicht ganz zu trauen: Neben der Rutschbahn haben sie auch viel Arbeit in das digitale Begleitangebot gesteckt, das erst ab Herbst zur Verfügung stehen wird. Am Einstiegsturm in Murschetg und auf den vier Plattformen des Pfads können Besucher sich dann per Tablet in "augmented reality" erzählen lassen, wie es zum Flimser Bergsturz kam oder welche Baumarten in Laax heimisch sind. Für die Kinder wurde eigens eine Geschichte rund um den Pfad erfunden, erzählt von animierten Figuren mit Lokalkolorit. Ein aufwendiges Angebot, aber dennoch: Statt ausnahmsweise ungefiltert in die Landschaft zu schauen, werden viele auf dem Pfad wieder einen Bildschirm vor der Nase haben.

Auf dem luftigen Steg kann man gesichtslose Feriensiedlungen und Parkplätze ausblenden

Dabei sind die 1,6 Kilometer durch den Laaxer Wald, die seit dem 11. Juli für alle offen stehen, auch ohne Hilfsmittel ein besonderes, wenn auch leises Erlebnis. Laute Action gibt es nicht auf den Holzplanken, dafür: eine einmalige Bergsicht, den würzigen Duft des Waldbodens und ab und zu einen Fichtenzweig im Gesicht. Auch wenn man selten tatsächlich auf Augenhöhe mit den Wipfeln ist, kommt man den Fichten, Tannen und Kiefern nahe, manchmal auch einem Specht. Da, wo der Pfad dicht über dem Waldboden schwebt, entdeckt man Farne, junge Bäume und blühendes Heidekraut. Und das Schönste: Auf dem luftigen Steg kann man einiges ausblenden. Gesichtslose Feriensiedlungen zum Beispiel, Parkplätze, Shoppingmeilen oder was eben sonst noch normal geworden ist in touristischen Bergorten.

Angelehnt an die Kindergeschichte haben die Laaxer ihren Pfad übrigens "Senda dil Dragun" genannt, "Drachenweg" auf Rätoromanisch. Die Sprachwahl ist keine Koketterie: Die Mehrheit der Bevölkerung hier spricht im Alltag Romanisch, jene vierte Amtssprache der Schweiz, die insgesamt nur noch ein paar Zehntausend Sprecher hat. Auf den dreisprachigen Infotafeln kommt die romanische Version nicht nur vor, sondern an erster Stelle. "Das war uns wichtig", sagt Reto Poltera. "Wir sind so wenige Sprecher, das muss einfach erhalten werden." Auf mehreren Ebenen einzigartig ist er also, dieser lange Steg durch den Bündner Wald.

Erwachsene: 16 Franken (ca. 15 Euro), Kinder 6-17 Jahre: 8 Franken, Rutsche 5 Franken, flimslaax.com

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