Hotel am Aletschgletscher:Gehobene Ansprüche

Villa Cassel auf der Riederfurka, Wallis, Goms, Pro Natura Naturschutzzentrum Aletsch, Aletschgebiet *** Villa Cassel on

In der Villa Cassel auf der Riederfurka war einst Winston Churchill zu Gast. Heute befindet sich im Haus das Pro Natura Zentrum Aletsch.

(Foto: J. Pfeiffer/Imago)

Von der Millionärsunterkunft zum Naturschutzzentrum: In der umgebauten Villa Cassel am Aletschgletscher schläft es sich mondän, trotzdem günstig - und jetzt auch klimaneutral.

Von Johanna Pfund, Riederalp

Der Anblick ist bizarr. Vor den schneebedeckten Gipfeln über dem Aletschgletscher, inmitten von Latschen, Fichten und Alpenrosen thront eine viktorianische Villa weithin sichtbar auf dem Sattel der Riederfurka, mit Türmchen und Vorsprüngen, mit Fachwerk und hohen Fenstern. Dieses Haus passt nicht hierher ins Wallis, auf eine Höhe von gut 2000 Meter über dem Meeresspiegel. Ist das eine Art Schweizer Neuschwanstein? Eine exklusive Zweitwohnung auf der Alp ohne Straßenanbindung?

Nun, so falsch ist diese Annahme nicht. Gebaut wurde die Villa Anfang des 20. Jahrhunderts im Auftrag des deutsch-englischen Bankiers Sir Ernest Cassel, der in den Bergen Erholung von der Last des Lebens als Finanzier der englischen Königsfamilie suchte. Heute liegt sein einstiger Sommersitz im Bereich des Unesco-Welterbes Schweizer Alpen Jungfrau-Aletsch und gehört der Naturschutzorganisation Pro Natura. Der Hauch englischer Oberklasse weht noch immer durch die holzgetäfelten Räume, doch die Villa steht nun allen Besuchern offen, als Infozentrum, Tee-Salon oder einfache Unterkunft. Und seit 2020 ist sie auch Vorzeigeprojekt in Sachen Klimaschutz.

Eine Gründerzeitvilla auf 2000 Meter klimaneutral zu machen, ist kein leichtes Unterfangen

"Wir sind schon ein wenig stolz darauf, dass wir jetzt energetisch CO₂-neutral wirtschaften", sagt Laudo Albrecht, der das Zentrum seit 1989 leitet. Im Rahmen des Projekts "Villa Cassel 2020" hat Pro Natura für insgesamt drei Millionen Franken drei Vorhaben umgesetzt: Die Ausstellungsräume wurden ins Untergeschoss verlagert und thematisieren nun auch Gletscherschwund und Klimawandel. Der Speisesaal, der bislang im Untergeschoss lag, findet sich nun seit dem Abschluss der Arbeiten im vergangenen Jahr in den einstigen Repräsentationsräumen im Hochparterre. Auf einen weiteren Umbau verzichtete man; die Gäste übernachten in Zwei-, Drei- oder Sechsbettzimmern mit Etagendusche. Die Atmosphäre edler Sommerfrische haben die Zwei- und Dreibettzimmer - mit blank poliertem Parkett, großen Betten und teils antikem Mobiliar. Geduscht aber wird auf der Etage, wie vor 100 Jahren. Stockbetten wie in einer Jugendherberge gibt es im Dachgeschoss, ein skurriler Gegensatz zur Eleganz der unteren Stockwerke. Das ist bewusst so gehalten. "Wir sind kein Hotel", sagt Laudo Albrecht. "Aber das Ambiente, das ist etwas Besonderes."

Und auch die Energieversorgung ist jetzt etwas Besonderes. "Es hat uns schon lange gestört, dass wir mit Öl gearbeitet haben", erzählt Albrecht. Davon ist man jetzt weg: Eine Luft-Wasser-Wärmepumpe liefert die Energie für Warmwasser, der notwendige Strom wird mit einer Photovoltaikanlage, die weiter unten am Berghang auf dem Schulhaus und einem Nebengebäude in Ried-Mörel steht, erzeugt. Denn auf oder neben das denkmalgeschützte Haus durfte man die Anlage nicht platzieren, erzählt Albrecht. Entstanden ist so seinen Worten nach ein Leuchtturmprojekt: "Wir zeigen, dass man auch ein Haus mit 60 Betten auf 2000 Metern über dem Meer CO₂-neutral führen kann."

Hotel am Aletschgletscher: Der Grat zwischen Riederfurka und Eggishorn trennt den Eisstrom des Aletschgletschers von der sanften Landschaft der Bettmer- und Riederalp.

Der Grat zwischen Riederfurka und Eggishorn trennt den Eisstrom des Aletschgletschers von der sanften Landschaft der Bettmer- und Riederalp.

(Foto: Johanna Pfund)

Und was für ein Haus. Dort, wo heute Schulklassen und Familien übernachten, um Exkursionen auf den größten Gletscher der Alpen zu unternehmen, oder um mehr über den geschützten Zirbelkieferwald auf der Nordwestseite der Riederfurka zu lernen, dort verbrachten bis zum Ersten Weltkrieg wichtige Vertreter der englischen Oberschicht ihre Sommer. Villen-Erbauer Ernest Cassel (1852 bis 1921) zählte seinerzeit zu den einflussreichsten Geldgebern in London. Cassel war gebürtiger Kölner, Sohn eines jüdischen Bankiers. Bereits mit 17 ging er nach England und stieg dort innerhalb weniger Jahre im Bankgeschäft auf. Das Leben in London erwies sich jedoch alles andere als gesund, und der Arzt des späteren Königs Edward VII. empfahl dem Bankier, die Sommer in den Schweizer Alpen zu verbringen. Das tat Cassel auch. Doch der Gasthof auf der Riederfurka, den es immer noch gibt, genügte seinen Ansprüchen nicht. Bald schon schaute er sich nach einem geeigneten Bauplatz auf der Hochebene der Riederalp um.

Für Churchills Ruhe musste man die Kuhglocken mit Stroh ausstopfen

Erst nach längerer Suche konnten sich die Gemeinde und der Bauwerber aus London einigen. Es heißt, eine großzügige Spende von Cassel habe bei der Entscheidungsfindung geholfen. Und so entstand in den Jahren 1900 bis 1902 die Villa. 1200 Höhenmeter sind vom Tal der Rhone bis auf die Riederfurka zu überwinden. Heute erledigen die Besucher das in der Regel mit der Seilbahn. Die Dörfer Riederalp, Bettmeralp und Fiescheralp auf dem Plateau zwischen Aletschgletscher und Rhonetal, die sich als Aletsch-Arena vermarkten, haben sich schon vor Jahrzehnten dafür entschieden, autofrei zu bleiben. Wer von der Bergstation Riederalp zur Villa Cassel will, muss immer noch die letzte halbe Stunde zu Fuß zurücklegen. Besuchern steht es natürlich frei, gleich von Mörel unten am Ufer der Rhone über den steilen Südhang zu Fuß aufzusteigen. Dann wissen sie ganz genau, was die Träger vor mehr als 120 Jahren geleistet haben, als sie das Baumaterial für die Villa hinaufgeschleppt haben auf die Riederfurka. 50 Rappen soll es für den Transport einer Kraxe voll Material gegeben haben. Sogar ein Klavier trugen vier Männer Kehre für Kehre hinauf. Als die Villa schon gebaut war, ließ sich Cassel für seine Gäste auch gerne frische Semmeln zum Frühstück liefern. Die Lieferanten hatten vermutlich eine hervorragende Kondition.

Ob sie wussten, wen sie da belieferten, ist ungewiss. In den Jahren bis 1914 waren weltpolitische Größen zu Gast. Winston Churchill, der spätere britische Premierminister, verbrachte mehrmals Urlaube auf der Riederfurka. Das Gebimmel der Kuhglocken soll ihn beim Schreiben gestört haben, sodass man Stroh in die Glocken stopfte. Für seine gehbehinderte Schwester ließ Cassel einen ebenen Wanderweg rund um das Riederhorn anlegen, der bis heute existiert und grandiose Ausblicke bietet. Zu seiner Enkelin Edwina pflegte Cassel ein enges Verhältnis. Sie heiratete Lord Louis Mountbatten, der der letzte Vizekönig von Indien werden sollte.

In die Schweiz zog es Edwina und ihre Familie nach dem Ersten Weltkrieg jedoch nicht mehr. Sie verkaufte das Haus 1924 an die Schweizer Hoteliersfamilie Cathrein. Mehr als 40 Jahre lang war die Villa ein Hotel, wurde dann geschlossen und verfiel. Pro Natura kaufte es schließlich und eröffnete es 1976 neu. Das Anliegen des Zentrums ist bis heute gleich geblieben: Es will die Besucher über das sensible Ökosystem der Bergwelt informieren, über Pflanzen, den nahe gelegenen Zirbenwald, über die Tiere im Hochgebirge. Und seit dem Umbau liegt ein Schwerpunkt auf dem Klimawandel.

Die Bergstation kann der Bewegung des Hanges folgen

Ein Beispiel für mögliche Folgen der Erderwärmung liegt in nächster Nähe: die Moosfluh. Dieser Berg, nur wenige Hundert Meter nordöstlich von der Villa Cassel gelegen, rutscht ab, weil der Aletschgletscher unten an der Basis des Berges schrumpft. Das Eis wirkte wie ein Fundament für die Moosfluh, die nun nachgibt. Risse auf der Nordseite zeigen, wie stark der Berg in Bewegung ist. Die Bergstation der Seilbahn wurde vor wenigen Jahren in eine Betonwanne verlegt, die - laienhaft gesprochen - mitrutscht. Natürlich kontrolliert. "Wir zeigen nun bei Exkursionen zur Moosfluh, wie Pflanzen und Tiere auf die Hangrutschung reagieren", berichtet Albrecht. "Wir wollen so aufmerksam machen auf das Thema Klimawandel und zeigen, dass jeder Einzelne etwas dazu beitragen kann, das Problem zu mildern."

Hotel am Aletschgletscher: Nichts für schwache Nerven: die Hängebrücke zwischen Riederalp und Belalp. Sie führt über die Massa, den Auslauf des Aletschgletschers.

Nichts für schwache Nerven: die Hängebrücke zwischen Riederalp und Belalp. Sie führt über die Massa, den Auslauf des Aletschgletschers.

(Foto: Johanna Pfund)

Einen guten Überblick können sich Besucher auch direkt über dem Gletscher, der Jahr für Jahr schrumpft, verschaffen: Dafür müssen sie 400 Meter durch den Aletschwald auf der Nordseite der Riederfurka absteigen. Unten führt seit 2008 eine 124 Meter lange Hängebrücke über die Massa-Schlucht, den Ausläufer des Gletschers, hinüber zur Belalp. Trotz Vertrauens in die Schweizer Ingenieurskunst bedarf es doch einiger Überwindung, über die schwankende Brücke zu gehen, um eine Bergtour auf der Südseite der Schlucht zu unternehmen. Der Rückweg über die Brücke geht dann schon leichter. Vor allem wartet oben die Villa Cassel mit ihren Kuchen im Teesalon, die laut Laudo Albrecht "Weltruhm" erlangt haben. Sir Ernest sei Dank für seinen Sommersitz.

Pro Natura Zentrum Aletsch, Villa Cassel, Riederalp, geöffnet Mitte Juni bis Mitte Oktober, Tel.: 0041 (0)27 928 62 20,Übernachtung mit Frühstück ab 50 Franken, pronatura-aletsch.ch

© SZ
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