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Schweiz:Leventina in der Schweiz: Am Ende des Tunnels

Die Leventina liegt gleich hinter dem Gotthardpass. Mit dem neuen Basistunnel wird es dort nun noch einsamer - eine Gelegenheit, die Gegend als Ferienziel neu zu erfinden.

Tatsächlich warten am Ende der Straße nicht nur Susanne Bigler, sondern auch zwei Hunde, ein Dutzend Esel, eine Handvoll Maultiere und Fanny Senn, eine wettergegerbte junge Frau, die gerade Stroh in die Futtertröge der Tiere schippt. An diesem regnerischen Mittwoch im Mai sieht es aus, als wäre der Hof Somarelli ebenso verlassen wie die Landschaft um ihn herum. Doch die Trekking-Touren mit Eseln sind beliebt. Familien, Firmen, Leute, die runde Geburtstage feiern, reisen gezielt von weit her an.

Im Valle di Blenio kommt kaum ein Tourist zufällig vorbei. Das Tal liegt im Norden des Kantons Tessin, in der Nähe des Gotthardtunnels, der den Kanton Uri und die italienischsprachige "Sonnenstube der Schweiz" verbindet. "Für viele Schweizer ist das hier noch gar nicht das Tessin", sagt Fanny Senn achselzuckend. Der sonnige Süden beginnt am Lago Maggiore. Die Leventina, dieses hügelige, einsame Gebiet hinter dem Gotthardpass, ist nicht mehr als Strecke, die man auf dem Weg in den Kurzurlaub zurücklegen muss.

Und in Zukunft muss man nicht einmal mehr hindurchfahren. Vor einigen Tagen wurde der längste Eisenbahntunnel der Welt eröffnet. Er verbindet Erstfeld im Kanton Uri mit Bodio im Tessin. Doch während der alte Eisenbahntunnel in Airolo, direkt hinter dem Gotthardmassiv, endet, führt dieser Tunnel bis Biasca, 40 Kilometer weiter südlich. Wenn die Strecke im Dezember in den Fahrplan aufgenommen wird, halten viele Züge erst in Bellinzona, eine S-Bahnfahrt vom See entfernt. Die Leventina? Ist keinen Stopp mehr wert. Allerdings hat man in der Kantonshauptstadt Bellinzona längst eine Marketing-Idee gefunden: Tourismus abseits der ausgetretenen Pfade. Entschleunigung. Echte, ungestörte Entspannung. Unterhält man sich mit Tourismus-Fachleuten, sagen sie ziemlich unverblümt: "Die Leventina hat ohnehin nicht mehr viel zu verlieren."

Gäste-Ansturm im VW-Käfer: In den Sechzigerjahren war viel Trubel in den Dörfern

Wer mit dem Auto vom Norden durch den Gotthard fährt, bekommt diese These bestätigt. Die Schaufenster der Geschäfte in den ehemals glanzvollen Ferienorten Airolo und Faido sind verrammelt, an vielen Wänden steht "vendere", zu verkaufen, dazu eine Handynummer. Im ersten Stock des Rathauses in Airolo klafft ein Loch im Boden, ein Bauzaun verhindert, dass man abstürzt. Der Gemeindepräsident, stets verzweifelt bemüht, für gute Presse zu sorgen, ist nicht erreichbar. Dass in Faido einst die österreichische Kaiserin Sisi übernachtet hat, dass in Airolo während des Zweiten Weltkrieges munter Ski gefahren wurde: Daran erinnert nichts mehr. Draußen, an der Via Gottardo, kann man noch Spuren des Booms entdecken. Ein gelber Kasten, in den man Filme zum Entwickeln einwerfen kann. Dazu in abgeblätterter Farbe die fünf Buchstaben einer Firma, die wie keine andere für das Festhalten von Urlaubsmomenten stand: Kodak. An der Tür ein Zettel, der verkündet, das Geschäft habe jeden Mittwoch geöffnet.

SZ-Karte

Es ist Mittwoch. Edo Borelli steht an einem Entwicklungsautomaten, wie man ihn inzwischen in jeder Drogerie findet, und druckt Fotos einer Kommunionfeier aus. Die guten Zeiten für Airolo? "1945 bis 1985. Borelli deutet auf die Ansichtskarten, ein Franken pro Stück. Bunte, kugelige VW-Käfer fahren durch die Landschaft, 1174 Meter über dem Meeresspiegel. Wintersportler stehen auf langen Holzlatten und schauen skeptisch den Berg hinunter. Einige Bilder hat Edo Borelli, 69 Jahre alt, selbst fotografiert, die meisten aber sind schwarz-weiß und stammen von seinem Vater, der ihn 1964 ins Geschäft aufgenommen hatte. Früher, sagt Borelli, seien die Reisenden direkt vor seinem Laden entlanggerollt. Laufkundschaft, Trubel. Die Nächte in seiner Wohnung, die direkt über dem Geschäft liegt, seien oft unerträglich laut gewesen.

1882, als der erste Eisenbahntunnel eröffnet wurde, lebten 3700 Menschen in Airolo. Heute sind es noch rund 1700. Irgendwo in den Jahren dazwischen scheint die Zeit stehen geblieben zu sein. In Faido, 16 Kilometer weiter südlich, verkauft der Elektroladen einzelne Herdplatten, staubige Bügeleisen, Telefone mit Schnur am Hörer. In Giornico, einem malerischen Dorf voller romanischer Kirchen, erklärt ein Museum die Identität der Leventina. Die zentralen Themen des Museums: der Tunnel, die Eisenbahn, das elektrische Licht.