Kurzflug in Schottland Das ging aber schnell

Die Maschine pendelt zwischen Papa Westray (Foto) und Westray.

(Foto: Orkney Tourism)

Zweimal täglich verbindet ein Flieger die Orkney-Inseln Westray und Papa-Westray. Viel Zeit, die Aussicht zu genießen, haben die Passagiere nicht: Die Strecke ist nur knapp drei Kilometer lang.

Von Evelyn Pschak

Für die Einheimischen ist dieser Flug ein alltäglicher. Für die Touristen aber, sagt Alex Rendall, ein junger Schotte, sei es das eben ganz und gar nicht. "Aus der ganzen Welt kommen sie angereist." Oft sind seine Gäste Menschen, denen Eintragungen im Guinness-Buch der Rekorde etwas bedeuten. Der 28-Jährige ist Pilot auf den Orkney-Inseln, dem Archipel vor der schottischen Nordküste. Rendall, selbst gebürtiger Orkadier, fliegt für die regionale Fluggesellschaft Loganair. Zum regulären Flugplan gehört der 1,7-Meilen-Flug von Westray nach Papa Westray. Und wer die 2735 Meter Luftstrecke in seiner lauten Britten-Norman Islander bewältigt hat, war somit Passagier beim kürzesten Linienflug der Welt. Eine Minute Flugzeit - Start und Landung inklusive. Danach kann, wer will, die Urkunde mit der Aufschrift "World's shortest scheduled air service" abholen.

Am Flughafen von Kirkwall, dem Hauptort der Orkney-Inseln, von wo aus man zunächst aufbricht, geht es gemächlich zu. Der einzige Schalter gehört zu Loganair, vor dem Café stehen ein paar Holzstühle, in den Vitrinen des Shops stellt die Orkney Craft Association Silberschmuck und Töpferware aus, am Gepäckband verweisen Werbetafeln auf einen lokal gebrauten Gin. Und an der Feuerschutztür zu Gate 3, dem Flugsteig für "Inter Island Departures and Pilots only", sieht man rechts durch die große Fensterfront auf ein paar geteerte Bahnen, trockenen Rasen, viel blaues Meer gleich dahinter - und ein einziges Flugzeug. Ein recht kleines. Es ist die Britten-Norman Islander, mit der Alex Rendall gleich abheben wird.

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Eine Bordkarte gibt es nicht. Ebenso wenig eine Überprüfung des Handgepäcks oder sonstige Sicherheitsvorkehrungen. Acht Passagiere passen in die Maschine. "Zwanzig Minuten vor Abflug sollte man schon am Flughafen sein", sagt Alex Rendall entspannt und zieht sich, bevor er seinen Platz im Cockpit einnimmt, noch schnell eine Sicherheitsweste mit dem Logo der Fluglinie an. Seine eigene Rekordzeit für den kürzesten Flug liegt bei 57 Sekunden. Am schnellsten sei ein anderer Pilot geflogen: 48 Sekunden! Doch es gehe ja auch gar nicht um die Zeit, sagt Rendall, sondern um die Strecke.

Etwa 40 Kilometer nördlich von Kirkwall liegt Papa Westray mit rund 90 Einwohnern. Ein wenig weiter südlich hat Westray etwa 600 Einwohner. Beide gehören zu den nördlichsten Orkney-Inseln, beide haben eine 467 Meter lange Landebahn und kleine, hell gestrichene Baracken als Terminalgebäude. Im Norden krachen die Brecher des Atlantiks in die Nordsee. Und an der Westküste, direkt am Meeresarm, der Papa Westray von Westray trennt, liegt eine Siedlung aus der Jungsteinzeit, Knap of Howar. Zwei dachlose Häuser ducken sich hier unter Grasbewuchs. Sie gelten mit weit über 5000 Jahren als älteste noch erhaltene Gebäude im nördlichen Europa.

Auf den Orkney-Inseln gibt es einige jungsteinzeitliche Fundstätten, viele davon gehören zum Weltkulturerbe. Der Ring von Brodgar auf Mainland, von dessen kreisförmig gesetzten Steinen noch immer 27 stehen, ist größer als das bekannte Stonehenge. Und die aus Bruchstein geschichteten Häuser von Skara Brae unweit des Henge, lange unter Dünen verschüttet und Mitte des 19. Jahrhunderts von einem Sturm wieder freigefegt, gelten heute als das Pompeji Schottlands. Im Besucherzentrum des Tomb of the Eagles, des steinzeitlichen Grabes der Adler auf South Ronaldsay, legen die Töchter des Bauern Ronnie Simison den Gästen sogar die vom Vater in den 50er-Jahren gefundenen Schmucksteine und Werkzeuge in die Hand.

Vom Knap of Howar sieht man auf den etwa drei Kilometer breiten Papa Sound, den es beim kürzesten Linienflug der Welt zu überqueren gilt. Man könnte für die Passage auch die Fähre nehmen, dann würde der Transfer allerdings nicht eine Minute dauern, sondern etwa 30. Viele Inselbewohner aber wollen Zeit sparen, also fliegen sie. Vor allem dann, wenn sie beruflich unterwegs sind. Lehrer nehmen gern eine Loganair-Maschine, wenn sie ihr Fach an mehreren Orten unterrichten. Auch die Post wird per Flieger gebracht. Eine Angestellte der Royal Bank of Scotland, die seit knapp drei Jahrzehnten als "flying banker" die Inseln bereist, hat es auf mehr als 12 000 Flüge gebracht.

Die Fluglinie Loganair bietet den kürzesten Linienflug der Welt an. Acht Passagiere haben in der Maschine Platz.

(Foto: Orkney Tourism)

Der Flug beginnt. Und dann geht alles noch viel schneller als gedacht. Bei 60 Metern Flughöhe lassen sich die kreisrunden Netze der Fischfarmen vor den Küsten zählen, die Schafe im baumlosen Grün, immer wieder ragt ein einzelnes Windrad aus dem sonst so flachen Land. Um die 70 Inseln zählen zu den Orkneys, 16 davon sind besiedelt, auf sie verteilen sich ungefähr 20 000 Einwohner. Doch auf manchen Inseln ist nur ein einziges Haus bewohnt, für viele der Gemeinden braucht es daher nicht mehr als ein einzelnes Windrad. Bei der Landung benötigt der Kapitän kein Mikro für seine Durchsagen. Rendall dreht nur ein wenig den Kopf über die Schulter, um mit seinen Passagieren zu kommunizieren: "Gleich kommt das Sicherheitspersonal und öffnet die Türen", bittet er noch kurz um Geduld. Die sind auch schon unterwegs, rote Fußhocker in der Hand, um das Aussteigen bequemer zu gestalten.

"Heute war die Sicht nicht so klar", bedauert Alex Rendall nach der Landung. "Ach, das habe ich gar nicht gemerkt, ich bin eingeschlafen", witzelt eine Mitreisende. Der Pilot lacht. Wobei: Nicht eine, fast zwei Minuten hat der Flug heute gedauert. "Wir hatten ziemlichen Gegenwind", sagt Alex Rendall entschuldigend. 120 Sekunden Ausblick auf runde Buchten und breite, helle Sandstreifen vor glitzerndem Wasser. Auf den dunkel ausfransenden Sandstein jäh abfallender, Gischt spuckender Klippen. Ach, Guinness-Buch hin oder her. Man wäre auch noch länger geflogen.

Reiseinformationen

Anreise: Flug z. B. mit Eurowings und Easyjet von München nach Edinburgh, hin und zurück je nach Vorausbuchung für 200 bis 300 Euro; Loganair fliegt dreimal täglich von Edinburgh nach Kirkwall (Orkney), einfach ca. 100 Euro.

Der Flug: Der "kürzeste Linienflug der Welt" von Westray nach Papa Westray findet zweimal täglich statt, am Wochenende einmal täglich. Ein einfaches Ticket kostet ca. 20 Euro. Für diesen Tarif muss man schon auf einer der Inseln sein (Fähren: www.orkneyferries.co.uk). Wer den Flug vom Flughafen in Kirkwall aus plant, kann eine Art Rundflug mit Zwischenstart und -landung auf Westray und Papa Westray buchen. Dieses sogenannte Sightseer-Ticket (52 Euro) ist nur am Ort und am Flugtag selbst buchbar. Empfehlung des Flughafens: Früh am Morgen anrufen, um zu buchen - online ist es nicht möglich. Damit will die Airline sicherstellen, dass die Einheimischen trotz internationaler Flugbegeisterung weiterhin an ihre Tickets kommen, www.loganair.co.uk

Übernachtung: Z. B. The Shore in Kirkwall, Doppelzimmer mit Frühstück ab 99 Euro, www.theshore.co.uk

Weitere Infos: www.visitscotland.com

Hinweis

Die Recherchereise für diesen Beitrag wurde zum Teil unterstützt von Veranstaltern, Hotels, Fluglinien und/oder Tourismus-Agenturen.

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