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Schottland:"Amazon Kindle, shot by Shaun Bythell"

Die südschottische Landschaft, hier Loch Ken, hat ihren besonderen Reiz.

(Foto: Visit Scotland)

Er ist ein Mann in den Vierzigern mit rotem Haarschopf, großer Brille und trockenem Humor, der dem Online-Buchhandel und der Digitalisierung nichts abgewinnen kann. Zur Demonstration dieser Haltung hängt in seinem Laden an einem Bücherregal ein durchlöcherter Amazon-Kindle. Darunter steht geschrieben: "Amazon Kindle, shot by Shaun Bythell, 22nd August 2014, near Newton Stewart."

Shaun Bythells früherer Lebensgefährtin Jessica Fox war während eines Besuchs im einzigen Pub von Wigtown die Idee zu dem Open-Book-Konzept gekommen. Sie selbst hatte es 2007 nach Wigtown verschlagen, weil sie daheim in Kalifornien davon geträumt hatte, einmal in ihrem Leben in einem kleinen Buchladen an der schottischen Küste zu arbeiten.

Als sich die Gelegenheit ergab, kauften Bythells Eltern das Eckhaus in der 2 High Street in Wigtown, und Fox machte daraus ein Apartment mit dem Second-Hand-Buchladen Open Book darunter. "Ich war überrascht, wie gut die Idee ankam. Ich dachte, andere Menschen könnten eine ähnliche Vision haben wie ich sie hatte, aber ich wusste nicht, wie global der Wunsch verbreitet ist", sagt Fox. "Es kommen Menschen aus aller Welt."

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Im Open Book, hinter dem Holztresen, stecken auf mehreren Weltkarten bunte Nadeln in den Städten und Ländern, aus denen Menschen nach Wigtown gereist sind, um für kurze Zeit Buchhändler zu sein: Südafrika, Neuseeland, Australien, Kanada, USA, Japan, aber auch Spanien, Frankreich und Schweden. Jessica Fox nennt das "Buchladen spielen". Genau das machen nun eine Woche lang Marcy und Holly aus Washington D.C. und aus Point Roberts bei Seattle.Sie hatten sich vor zweieinhalb Jahren, als sie das Open Book buchten, nicht irgendeine Woche ausgesucht, sondern die letzte Woche im September, in der das jährliche Wigtown-Buchfestival stattfindet, das ein kleines Team zusammen mit dem halben Ort das ganze Jahr lang plant und organisiert. Kurz vor dem Festival erwacht der Ort aus seiner Beschaulichkeit.

Der Preis für dieses Buch? Nun, mal schauen ...

Zelte werden aufgebaut, Menschen rennen aufgeregt hin und her, um die letzten Vorbereitungen zu treffen - und auch für das Open Book gelten ausnahmsweise andere Regeln.Denn obwohl die Buchhändler auf Zeit das Open Book normalerweise öffnen und schließen dürfen, wann sie möchten - das Ganze soll ja Spaß machen und Zeit für Erkundungen lassen - sollen sie ausnahmsweise, please, wegen des Starts des Buchfestivals pünktlich um zehn Uhr mit dem Verkauf beginnen. Der Vermieter des Ladens nämlich ist offiziell die Wigtown Festival Company.

Am Vorabend erst angereist, sitzen Marcy und Holly deshalb am nächsten Tag schon früh im Buchladen und lassen sich von Harvey Lindsay, einem Mitarbeiter der Wigtown Festival Company, erklären, was hier wie zu tun ist. Die Bücher, in denen kein Preis vermerkt ist, können zum Beispiel selbst geschätzt und verkauft werden, die Einnahmen sollen dann in die kleine blaue Kasse hinter dem Tresen gelegt werden. Sie kommen der Festival Company zugute.

Das Open Book ist klein, aber verwinkelt und verlockt zum Stöbern in den Abteilungen "Motten und Schmetterlinge", "Geflügel und Landwirtschaft", "Klassiker" oder auch "Schottische Geschichte". Ein Roman über Nazis und auch Albert Camus' "The Outsider" verlassen die Regale, die Pfundstücke fliegen nur so in die Kasse. Marcy ist pensionierte Rechtsanwältin, Holly ist für eine US-Bundesbehörde tätig.

Doch seit sie Shaun Bythells Tagebuch gelesen habe, sagt Holly, könne sie sich ernsthaft vorstellen, nach ihrer Pensionierung in ihrem Heimatort einen unabhängigen Buchladen zu eröffnen. Schließlich ließen sich so gleich mehrere Dinge verbinden, die ihr am Herzen liegen: Bücher, Kaffee und Gemeinschaft.

Shaun Bythells Antiquariat liegt nur ein paar Häuser vom Open Book entfernt. Über ihn und seinen Laden gibt es sogar einen Song, geschrieben von Beth Porter und Ben Please, den zwei Musikern der Bookshop Band. Die beiden begannen vor einigen Jahren, für eine Buchhandlung in England Liedtexte zu schreiben, inspiriert von Romanen.

Seitdem treten sie mit ihren Buchsongs in Buchläden auf und landeten irgendwann in Wigtown, wo sie mittlerweile leben. Auch im Open Book gaben sie schon Konzerte und nahmen einmal sogar, für ein Lied über Alice im Wunderland und die darin vorkommende Teeparty, die Stimmen der Einwohner von Wigtown auf.

Beth Porter und Ben Please musizieren als Bookshop Band in Wigtown.

(Foto: Wigtown Festival Company)

Im ersten Stock von Bythells Buchladen nun, in einem riesigen Wohnzimmer mit Stuckdecke, packen Porter und Please ihre Instrumente aus. Auf Cello und Gitarre beginnt die Bookshop Band ihren wunderbaren Song "How not to woo a woman" zu spielen.

Ja, wirklich, sie sitzen dabei vor einem offenen Kamin, während draußen ein kühler Wind weht, sich die Sonne immer wieder durch die Wolken schiebt und das Küstenstädtchen in ein helles Licht taucht. Gegenüber übrigens, im Buchladen-Café mit der rosa Fassade, gibt es Kaffee und Tee - und die besten Scones der Stadt.

Reiseinformationen

Anreise: Nonstop-Flüge mit Easyjet oder Eurowings nach Edinburgh oder mit Lufthansa nach Glasgow, hin und zurück ab etwa 200 Euro. Von dort in knapp drei Stunden mit dem Mietwagen nach Wigtown.

Unterkunft: B&B Hillcrest House, DZ ab 85 Euro, www.hillcrest-wigtown.co.uk; Apartment und Open Book buchbar über Airbnb, Infos unter www.wigtown-booktown.co.uk/the-open-book

Buchhandlungen: The Bookshop, größte Second-Hand-Buchhandlung Schottlands, www.the-bookshop.com; Wigtown Book Festival, jährlich im September, www.wigtownbookfestival.com

Weitere Auskünfte: www.visitscotland.com

Hinweis

Die Recherchereise für diesen Beitrag wurde zum Teil unterstützt von Veranstaltern, Hotels, Fluglinien und/oder Tourismus-Agenturen.

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