Süddeutsche Zeitung

Schneeschuhwandern in der Schweiz:Jenseits der Stille

Eine Wanderung auf Schneeschuhen unterhalb des Schweizer Schwarzhorns in Graubünden beschert dem Besucher ein faszinierendes Naturerlebnis.

Ob Wetter, Ausrüstung oder Laune - im Gebirge machen 800 Höhenmeter einen gewaltigen Unterschied. Am Morgen liegt das Jakobshorn noch im Nebel, der Himmel über Davos Dorf auf 1560 Meter über dem Meeresspiegel ist bedeckt, es nieselt. Mit dem Auto geht es durchs Flüelatal, einen Wald, das Örtchen Tschuggen mit seinem "Kirchli", in Serpentinen hoch auf den Flüelapass.

Auf halbem Weg, Jürg Baumgartner, Schneeschuhtourenführer, Betriebsökonom und Skilehrer aus Bern, referiert gerade die Vor- und Nachteile von GPS-Geräten, öffnen sich die Wolken - blauer Himmel, Sonnenstrahlen. Oben auf 2383 Meter ist es dann sonnig, kalt, windig und weiß - in der Nacht hat es geschneit.

Der Flüelapass, eine karge und schneebedeckte Mondlandschaft, hochalpines Gebiet, weit über der höchsten Stadt Europas verbindet die Regionen Landwasser und das Engadin im Kanton Graubünden. Im Winter, spätestens von Neujahr an bis in den Mai, ist er wegen Lawinengefahr gesperrt, BMW darf dann einen Teil der Straße als Teststrecke nutzen. Über den Pass geht es weiter, ein Hospiz, Bergseen, noch ein Stück abwärts Richtung Engadin bis zur Bushaltestelle Schwarzhorn.

Gamaschen, Teleskopstöcke, Lawinenverschüttetensuchgerät, Sondierstange, Schneeschaufel, Outdoorjacken, -hosen und - unterhosen, Gummiriemen an den Schneeschuhen festziehen - die Vorbereitung für die Tour dauert eine kurze Weile.

Den Kopf nach unten gesenkt, den Blick auf die Spur des Vordermanns gerichtet, die Gedanken konzentriert, breitbeinig stapfend und schwankend geht es dann in die im Schatten liegende steile Bergflanke gen Schwarzhorn. Die Schritte kosten Kraft, Schneeschuhwandern ist permanentes Treppensteigen. Baumgartner hat gutes Material herausgesucht, Schneeschuhe von einer Firma, die unter anderem Benzinkocher herstellt.

Je weiter sich die Straße entfernt, desto ruhiger wird es, bis nur noch das gleichmäßige Knirschen der Kunststoff-Schuhe im Schnee zu hören ist.

Dahin gehen, wo die Anderen nicht sind

Dahin zu gehen, wo die Anderen nicht sind - das ist der große Reiz des Schneeschuhwanderns. "In den vergangenen Jahren hat die Nachfrage deutlich angezogen", sagt Baumgartner, der in Davos geführte Touren für Unternehmen anbietet. Im vergangenen Winter haben er und seine Kollegen erstmals zwei eigens markierte Schneeschuhwanderwege bei Davos angelegt, einen beim Skigebiet Pischa.

Schneeschuhwandern ist ein Trendsport geworden, der seine heutige Popularität einem anderen Trendsport verdankt. Mitte der neunziger Jahre verspürten die Snowboarder den Wunsch, Touren zu gehen - als Hilfsmittel für den Aufstieg verwendeten sie Schneeschuhe.

Steile Hänge in der "Diretissima"

Verschnaufpause unterhalb des Vorgipfels mit dem hübschen Schweizer Namen Schwarxchopfs. Unten im Tal leuchtet das Engadin grün, der Blick gleitet über die weißen Gipfel und Hänge, den Pix Radönt, das Radüner Rothorn bis zum Schwarzhorn - mit 3416 Meter die höchste Erhebung in der Landschaft Davos.

Im Sommer führt ein viel begangener Wanderweg auf den Gipfel, im Winter ist von ihm nichts zu sehen. Nur ein einsamer gelber Wegweiser ragt aus dem Schnee. Die Stille hier oben ist phantastisch, von der Passstraße ist nichts hören. Fast wie in einem schalldichten Raum, allerdings mit viel Frischluftzufuhr.

Die Lawinengefahr im Auge behalten

"Es hat hier in der Gegend die ersten Toten beim Schneeschuhlaufen gegeben", erzählt Baumgartner. Tote beim Schneeschuhwandern? Das ist doch nichts Gefährliches. Von wegen. Zur Grundausrüstung im hochalpinen Gebiet gehören Lawinenverschüttetensuchgerät, Schaufel und Sondierstange. "Wenn ich in eine Lawine komme, bist Du der einzige, der mir helfen kann", erklärt Baumgartner und zeichnet mit dem Zeigefinger eine ansteigende Kurve in den Schnee.

Zehn Prozent der Lawinenopfer sind sofort tot, erklärt er, sie sterben zum Beispiel durch Genickbruch. Am höchsten Punkt der Kurve, nach etwa zehn Minuten, sind 85 Prozent der Lawinenopfer bereits tot. Sekunden können also über Leben und Tod entscheiden - sind "matchentscheidend", wie der Schweizer in einer sympathischen Mischung aus Englisch und Schwyzerdütsch erklärt.

Die Lawinengefahr ist heute eher gering. Nun geht es weiter in den Kessel unterhalb des Schwarzhorns hinein. Die Sonne treibt Schweißperlen auf die Stirn, der Wind ist weg, die Ruhe fast schon meditativ. In der Nähe der Felsen sinkt man tiefer in den Schnee ein, es ist noch früh in der Saison, der Schnee ist noch nicht fest.

An den steileren Passagen muss man langsamer einen Schritt nach dem anderen setzen, ein merkwürdiges Gefühl, einmal einen relativ steilen Hang auf der "Diretissima" zu erklimmen und auf Serpentinen zu verzichten, aber die Eisen greifen gut.

Soweit das Auge blickt kein Lebenszeichen

Auf einem Felsen auf 2640 Metern ist der höchste Punkt der Tour erreicht, soweit das Auge blickt kein Lebewesen zu sehen. Doch immer dasselbe Problem, wohin setzen auf einer Schneewanderung? Gut, wenn ein trockener Stein in der Nähe ist oder man wasserdichte Bekleidung anhat. "Wie am Ende der Welt, so fühlt man sich hier oben", sagt Baumgartner.

Es ist eine Krux mit den Individualsportarten: Einerseits lassen sich abseits der vollen Pisten die schönsten Winterlandschaften genießen, andererseits begeben sich die Wanderer in Rückzugsgebiete für das Wild - für Steinböcke, Gämsen, Hirsche. "Die Tiere hier haben sich schon teilweise daran gewöhnt", sagt Baumgartner, "manchmal beobachtet eine Hirsch dann aus zehn, 20 Metern Entfernung den Wanderer." Wer allerdings durch ausgeschriebene Wildschutzzonen latscht, dem droht eine saftige Strafe.

Durch den glitzernden Schnee der Nachmittagssonne geht es wieder abwärts. Leichter ist es nun, eine eigene Spur zu bahnen, anstatt dem Vordermann zu folgen. Die Tritte federn besser im Schnee ab. Am Auto angekommen, sehen die Wanderer hoch zu ihren Spuren. Sie waren die Einzigen heute hier oben.

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Quelle:
SZ vom 11.11.2009
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