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Sanfter Walbeobachtungstourismus:Zu Gast bei den Tümmlern

Vor La Gomera kann man von einem Holzschiff aus umweltverträglich Delphine und Wale beobachten - wie nah man ihnen dabei kommt, bestimmen die Tiere selbst.

Es riecht streng. Eine Mischung aus faulen Eiern und verrottendem Seegras. Einige der Kinder auf dem Schiff halten sich angewidert die Nase zu. "Blas auf zwei Uhr!" Samyo, der Skipper, deutet schräg vor dem Bug auf einen imaginären Punkt. Schon wieder verpasst. Der Wal ist abgetaucht. Alles, was er hinterlässt, ist die riesige Druckstelle, eine spiegelglatte Fläche zwischen den sich kräuselnden Wellen, und die Ausdünstungen seines Verdauungsapparats.

Schon seit zwei Stunden sucht die Bootsbesatzung den dunkel wogenden Atlantik ab, starrt auf jede Unregelmäßigkeit in der Dünung. Jeder Hinweis erhöht schlagartig den Adrenalinspiegel. Und sei es auch nur eine Gruppe Gelbschnabelsturmtaucher, die im Tiefflug über die Wellen jagen.

"Sie folgen den Fischschwärmen, die von Delphin- und Walschulen getrieben werden", erklärt der Skipper. Samyo steht breitbeinig, das Ruder gelassen zwischen den Waden auspendelnd, auf dem Heck des ehemaligen Fischerbootes.

Nur zehn Mitfahrer finden auf dem blau-weißen Holzschiff Platz, und anders als bei der kommerziellen Whale-Watch-Flotte, die im Stundentakt von Teneriffa startet, gibt es an Bord weder Gitarrenmusik noch Tapas. Und auch keine Geld-zurück-Garantie.

"Wir sind hier nur zu Gast, und so verhalten wir uns auch. Wenn die Tiere signalisieren, dass sie ihre Ruhe haben wollen, respektieren wir das", erklärt Susanne Braack, Leiterin der Agentur für Walbeobachtung Oceano, die seit mehr als zehn Jahren von La Gomera aus interessierten Urlaubern die Möglichkeit bietet, Delphinen und Walen auf respektvolle Art und Weise zu begegnen.

Gleichzeitig unterstützt sie die Forschungsarbeit des Vereins M.E.E.R., indem sie den Biologen der Organisation ihr Boot als Forschungsplattform zur Verfügung stellt. Auf jeder Ausfahrt werden Delphinbegegnungen genau dokumentiert, ein Sichtungsplan enthält Uhrzeit, Gruppengröße, Verhalten, Art und Position des Zusammentreffens mit den Meeressäugern.

Lesen Sie auf der nächsten Seite, wieso bei La Gomera nicht mehr mit Walen und Delphinen geschwommen wird und warum manche hoffen, dass Whale Watching den großen Meeressäugern das Leben retten kann.

Zu Gast bei den Tümmlern

Hauptsächlich schätzen Fleckendelphine, Große Tümmler, Grind- und Pilotwale sowie Schnabelwale die kühle Meeresströmung und guten Futterbedingungen vor La Gomera. Insgesamt 21 von 80 Walarten sind schon gesichtet worden: auch Orkas und ein gigantischer Pottwalrücken.

Unfälle zwichen Walen und Booten

Aber nicht immer geschieht das Zusammentreffen von Mensch und Tier freiwillig. Nach neuesten Zahlen der IWC Vessel Strike Data Standardisation Group, die für die Internationale Walfangkommission Unfälle zwischen Walen und Booten dokumentiert, kommt es allein in der kanarischen Region zu durchschnittlich neun für die Tiere tödlichen Kollisionen jährlich, die Dunkelziffer scheint noch erheblich höher zu liegen.

Bei 29.000 Passagen jährlich sind es vor allem die Schnellfähren, deren Kapitänen bei Geschwindigkeiten von bis zu 40 Knoten oft nur wenige Sekunden Reaktionszeit bleiben, selbst wenn die Tiere schon auf einer Distanz von 500 Metern gesichtet werden. M.E.E.R. und andere Organisationen fordern aus diesem Grund Geschwindigkeitsbegrenzungen auf 13 Knoten in den unfallträchtigsten Gebieten und setzen sich darüber hinaus für ein Meeresschutzgebiet vor La Gomera ein.

Im Rahmen des EU-Programms Natura 2000 wurde bereits das Gebiet vom Valle Gran Rey bis Playa de Santiago als Meeres-Nationalpark vorgeschlagen. Nur die Umsetzung der Kanarischen Regierung fehlt noch immer.

Das Geschäft mit den Meeressäugern

Von den Planken des Walforschungsbootes aus glaubt man sich in einer heilen Welt: Ringsherum klares Wasser ohne eine Spur von Zivilisationsmüll, in der Ferne die grünbraunen, unverbauten Hänge der Vulkaninsel La Gomera. Und doch ist der weltweite Walbeobachtungstourismus gleichzeitig ein Riesen-Geschäft und zählt zu den am schnellsten wachsenden Tourismusbranchen.

Meeresbiologen verbinden damit die Utopie, dass Whale Watching langfristig dem kommerziellen Walfang als ökologische und ökonomische Alternative den Rang ablaufen könnte. An etwa 500 Orten von Kanada bis Australien werden inzwischen Walbeobachtungstouren angeboten. Die Grindwale vor Teneriffa werden jährlich von Tausenden Touristen besucht und zählen damit zu den am stärksten beobachteten Populationen der Welt.

"Bis 1996 durften wir auch noch zu den Tieren ins Wasser", sagt Susanne Braack, "aber als immer mehr Touristen auf engem Raum mit den Walen und Delphinen planschten und immer mehr gefährdende Situationen für Mensch und Tier entstanden, wurde schließlich das gemeinsame Schwimmen ganz verboten."

Erfahren Sie auf der nächsten Seite, warum sanfte Walbeobachtung auch bedeuten kann, auf das beste Foto zu verzichten.

Zu Gast bei den Tümmlern

Inzwischen fordern Gesetze einen Mindestabstand von 60 Metern, zu Jungtieren soll die Distanz sogar 100 Meter betragen. Auch die Vergabe der Bootslizenzen wird heute strenger reguliert. In den neunziger Jahren gab es allein 50 Zulassungen nur für Boote aus den Häfen von Teneriffa. Deutlich zu viele für die gestressten Vorzeigewale.

Delphine mit Bierdosen beworfen

Zumal die Walbeobachtung bei den kommerziellen Veranstaltern oft nur als Beigabe dient: Die Besucher bekommen dort Piratenkappen aufgesetzt, werden fotografiert, mit Drinks versorgt, und selbstverständlich fehlt auch die Gute-Laune-Kapelle nicht.

Kein Wunder also, dass Geschichten von betrunkenen Passagieren kursieren, die Delphine mit Bierdosen bewarfen. Als Samyo wieder "Blas auf zwei Uhr" ruft, haben sich die Wale schon von selbst auf Riechweite angenähert. Gelassen begleiten sie in einer Dreiergruppe das Boot.

Der Skipper stellt den Motor ab. Jetzt ist deutlich das Durchbrechen der Wasseroberfläche zu hören, ein leises Prusten, dann wieder nur das gleichmäßige Plätschern der Wellen am hölzernen Schiffsrumpf. Gespanntes Schweigen an Deck.

Unterhaltung per Fiepen und Klicken

Plötzlich ist das Fiepen ganz nah am Boot zu hören. Der Skipper hat die Sonaranlage aufgedreht, die mit einem Unterwassermikrophon verbunden ist. Fehlt nur noch ein Schnappschuss aus nächster Nähe! Aber sanfte Walbeobachtung heißt auch, auf das beste Foto zu verzichten, abzudrehen, wenn die Tiere sich vom Boot entfernen.

Die Gelegenheit dazu ergibt sich aber schon kurz darauf wie von selbst: Eine Delphinschule nähert sich zielstrebig dem Fischerboot. Abwechselnd tauchen die Tiere in die Bugwelle ein, legen sich spielerisch auf den Rücken und scheinen in dem Gefährt ein interessantes Spielzeug gefunden zu haben.

Das Sonargerät klickert wie ein geheimnisvoller Morseapparat. Und plötzlich sind sie fort. "Wale und Delphine stellen die sozialsten Lebensformen in den Ozeanen dar", erklärt Susanne Braack. "Wir wissen nicht, ob sie menschlichen Kontakt suchen. Fest steht nur: Die Meeressäuger scheinen bei vielen Menschen etwas in Schwingung zu bringen."

Und vielleicht schwingt ja im Whale Watching tatsächlich ein uralter Menschheitstraum mit: Die Sehnsucht, mit den Tieren zu kommunizieren, ein Teil des lebenden Ozeans zu werden. Und dafür selbst den Dunst von faulen Eiern wie einen Willkommensgruß durch die Nase ziehen zu lassen.

Anreise: z.B. mit Iberia ab München nach Teneriffa Süd hin und zurück ab 330 Euro, www.iberia.com, Hotline: 01805/44 29 00

Walbeobachtungs-Touren: Oceano Gomera S.L. Tel./ Fax.: 0034/922805717, www.oceano-gomera.com

Weitere Auskünfte: Spanisches Fremdenverkehrsamt, Tel.: 089/ 53 074611, www.spain.info

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SZ vom 28.08.2008/lpr
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