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Skitourismus in Sotschi:Skifahren im subtropischen Winter

Sochi's Rosa Khutor Alpine Resort In Winter.

Architektonisch eine wilde Mischung, für Skifahrer tadellos: das Resort Rosa Khutor.

(Foto: Dmitry Norov/Getty Images)

Der Olympia-Ort Sotschi will endlich international im Tourismus mitspielen. Aber niemand weiß so recht, wie das klappen soll.

Schon eindrucksvoll, diese Einflugschneise vom Schwarzen Meer auf Sotschi zu: direkt über die Olympiabauten hinweg. Schwer drücken Wolken aufs wintergraue Wasser, die Palmen am Flughafen triefen vom Regen. Das ist der subtropische Winter in Sotschi. Die Berge und der Schnee kommen erst hinter den Tunnels auf der gut 46 Kilometer langen Straße nach Krasnaja Poljana mit seinem Hauptskiort Rosa Khutor.

Zum ersten Mal landete hier Anfang Februar dieses Jahres eine Condor-Chartermaschine aus Berlin-Schönefeld. Auslastung: gerade mal 45 Prozent. Der Jungfernflug war sogar um ein paar Wochen verschoben worden - zu geringe Nachfrage. Den ersten Flieger füllten vor allem Journalisten und Touristiker. Sie sollten schnell und laut trommeln, damit die folgenden Maschinen voller würden. Doch nun, noch vor Ablauf des Monats, werden die Flüge schon wieder eingestellt. Und damit ist das Problem schon ziemlich gut umrissen: Rosa Khutor, ein Alpin-Resort, das vor drei Jahren die volle Ladung Medienglanz abbekam, als hier die olympischen Ski-Wettbewerbe stattfanden, will endlich international im Tourismus mitspielen. Aber niemand weiß so recht, wie.

Dafür leistet sich der kleine Retorten-Ort eine eigene Marketing-Direktorin: Olga Filipenkova, 34 Jahre alt, eine Petersburgerin mit sehr entschlossenem Blick und einem leicht schroffen Zug um den Mund. Zusammen mit ihrer Kollegin Julia Mokhova von der Tourismusagentur Visit Russia jettet sie um die Welt, um allen da draußen zu sagen: Kommt doch mal nach Sotschi. Ist super hier. Es gibt zurzeit leichtere Jobs.

Es ist nicht so, dass niemand hierher kommen will. Das Resort ist so etwas wie das Wintersport-Naherholungsgebiet von Moskau und Sankt Petersburg. Jetzt, nach dem Weihnachtsferien-Wahnsinn, wo alle Gäste über volle Restaurants und Schlangen an den Liften maulten (und die Russen maulen gern), ist es auch wieder entspannter und leer. Jetzt kommen die Studenten aus den großen Städten, die noch ein bisschen frei haben. Meistens sitzen sie schon mit Snowboard und dicken Schneehosen im Flieger, steigen am Flughafen in den Zug und gehen direkt auf die Piste. Schneesicher ist es auch um diese Zeit - Rosa Khutors Pisten reichen bis auf 2300 Meter.

Der Menschenschlag hier: die angenehmeren, offeneren, entspannteren Russen

In der Gondel sitzt ein Skilehrer, der heute seinen freien Tag hat. Er freut sich auf ein paar Stunden Tiefschneefahren und bietet sogar an, uns ein paar seiner Lieblingsrouten zu zeigen. Dann erzählt er, dass er diesen Winter eigentlich in Österreich arbeiten wollte, um besseres Geld zu verdienen. "Aber es gab Visum-Probleme."

Von einem Wintersportort in Österreich oder der Schweiz ist Rosa Khutor nicht mehr zu unterscheiden. Mal abgesehen vielleicht von den Sicherheitskontrollen an der Talstation der Gondeln, die Kontrolleure wie Skifahrer gleichermaßen schluderig absolvieren; und dass es auf den Self-Service-Hütten Borschtsch, Blintschiki (Pfannkuchen) mit Kondensmilch und "Kotelett Kiew" gibt. Glühwein heißt hier Glintweyn, und das Bier Baltika, auch wenn es in Russland gebraut ist.

Reisekarten

SZ-Grafik

Der Tagesskipass kostet umgerechnet knapp 25 Euro. Die Unterkünfte reichen von der Jugendherberge bis zum Apartment mit Concierge-Service und japanischem Saunafass auf der Terrasse. Im Ort sind diverse Après-Ski-Möglichkeiten, Karaoke-Bars, teure Kleidergeschäfte. Der Menschenschlag hier: die angenehmeren, offeneren, entspannteren Russen. Freundliche, bemühte Mitarbeiter. Viele von ihnen beherrschen Englisch.

Wo liegt also das Problem?

Diese Frage kann man in Russland zwar immer stellen. Nur: richtige Antworten bekommt man selten. Auch nicht in Sotschi. Und erst recht nicht von einer Marketing-Direktorin. Olga Filipenkova setzt an und redet in einem Atemzug vom olympischen Standard der Pisten, vom guten Preis-Leistungs-Verhältnis und davon, dass Sotschi für jeden Geldbeutel etwas böte. "Auch gute Skifahrer finden hier etwas, wir müssen eine neue Willkommenskultur an die Massen bringen, den Russen zeigen, was man alles im eigenen Land erleben kann." Auf Filipenkovas Kapuzenpullover steht: "Keep calm and do business ... in Russia."

Wer von Rosa Khutor in der Gondel Richtung Bergstation Rosa Peak schwebt, schaut auf ein schmales Tal, durch das sich das Flüsschen Msymta schlängelt. An dessen Ufer stehen Bauten, die ein stadtplanerisches Konzept vermissen lassen: toskanischer Stil, alpiner Touch, glatte Hotelfassaden, eine wilde Mischung. Nichts Ursprüngliches. "Ach", sagt eine Touristin aus Sankt Petersburg, "das ist doch nicht so wichtig, wie es hier aussieht. Früher gab es hier nur ein paar alte Holzhütten, jetzt ist Rosa Khutor ein richtiger Ort."

Oben dann der Kaukasus: eindrucksvolle Bergketten, mal sanft, mal kantig. Die Pisten sind anspruchsvoll und übersichtlich. Das Gelände ist nicht irrsinnig abwechslungsreich. Aber solide 77 Pistenkilometer mit modernen Liftanlagen aus Österreich. Das Internet läuft fast überall.

Und doch: Auf nur einem Bein kann Sotschi nicht gut stehen. Die 800 000 Russen, die im Winter kommen - sie reichen einfach nicht, übers Jahr gerechnet. An wenigen Winterferientagen ist alles überbucht und verstopft. Wer mit dem Auto kommt, steht möglicherweise im Tunnel im Stau. Und dann noch mal vor dem Lift. Die Anlagen sind auf 10 000 Besucher am Tag ausgelegt, an manchen Tagen zwischen Weihnachten und Neujahr oder im Januar kommen aber gerne mal 15 000 Skifahrer.

Die Entwicklung der vergangenen zwei Jahre war gut für den Skiort, jedenfalls was den Inlandstourismus angeht: Erst kam der Rubelverfall, gleichzeitig legte sich Russland mit dem Westen, der Türkei und Ägypten an. Den wohlhabenderen Russen brachen die Urlaubsziele weg. Plötzlich waren für viele St. Moritz und Salzburg nicht mehr erschwinglich. Warum dann nicht mal den Ort testen, den man von Olympia aus dem Fernsehen kannte?

Der klassische Sotschi-Urlauber, sagt Olga Filipenkovas Statistik, ist männlich, Familienvater, recht jung - zwischen 27 und 34 Jahre alt. Er kennt Skiorte in Österreich und der Schweiz, und will - oder muss - jetzt mal das eigene Land testen. Vielleicht freut er sich über Restaurants wie das Paulaner oder internationale Hotelketten. Aber er hat auch nichts dagegen, wenn die Tourismus-Strategen ein wenig die patriotische Keule schwingen, das funktioniert zurzeit ziemlich gut in Russland.

Aber wie an internationale Gäste rankommen, die sich von so einer Haltung eher abschrecken lassen? Es scheint ein unlösbarer Knoten zu sein, an dem Filipenkova dröselt. "Das braucht Zeit", sagt sie nur. Als Vorbild gelte Whistler in Kanada.

Ein weiteres Problem: Jeder Ort dieses Bergclusters gehört einem anderen russischen Oligarchen. Über manche wird geschwiegen, manche, wie der Energieriese Gazprom, sind überall sichtbar. Der eine wollte ein zweites Courchevel eröffnen, der Zweite will vor allem sich selbst promoten. Die Bergorte sind nicht miteinander verbunden, weil die Gipfelkönige sich nicht einigen können. Man muss für jedes der drei Gebiete einen eigenen Skipass kaufen. Wie das einem Skitouristen erklären, der mehrere Tausend Kilometer weit anreist und ein Visum bezahlen muss?

Schließlich lässt sich Filipenkova doch noch zu einem sehr deutlichen Standpunkt hinreißen: "Solange wir diese Politik haben, werden wir nicht genug Gäste aus dem Ausland bekommen."

Reiseinformationen

Anreise: Flug z. B. mit Condor ab Berlin-Schönefeld und zurück ab 250 Euro, www.condor.com; oder mit Aeroflot über St. Petersburg, www.aeroflot.com; Pauschalangebote (Flug und Übernachtung) über die Website des Resorts Rosa Khutor, www.rosaski.com, hier auch Infos über Skipässe und Skiverleih.

Unterkunft: Hotel Mercure, Doppelzimmer ab 205 Euro pro Nacht. Go-east-Reisen bietet Wochen-Pakete an, inklusive Flug, Übernachtungen, Halbpension, Transfer zum Flughafen sowie Ausflügen ans Meer ab 720 Euro pro Person, https://go-east.de Ausflug: Im Ashtyrka-Tal gibt es einen Skypark mit Hängebrücke, www.ajhackett.com/sochi/

Weitere Auskünfte: www.sochicityguide.com

© SZ vom 16.02.2017/ihe

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