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Rodrigues im Indischen Ozean:Rodrigues wurde zivilisiert, konnte sich aber Wildheit bewahren

Rodrigues

Der Fang des Tages wird auf Rodrigues noch traditionell eingebracht.

(Foto: Tourist Office Rodrigues)

Die Insel wurde zivilisiert, sie wurde vom Menschen verändert. Fährt man aber über die schmalen Teerstraßen, die so fremd, so unecht wirken in der felsigen Landschaft, dann merkt man: Ihre Wildheit konnte ihr der Mensch nicht nehmen. Da sind die grünen Hänge mit spitzen Steinen, die wie Haifischzähne aus dem Boden ragen. Die Klippen, die dramatisch ins Meer abfallen. Das Korallenriff, an dem tobend die Wellen brechen. Der raue Wind, der die Palmen biegt wie Schilfrohr.

Und da sind die Rodriguais. Die haben, wie es sich für Insulaner eben gehört, ihren ganz eigenen Kopf. Es kümmert sie wenig, was Hunderte oder Tausende Kilometer weit weg passiert. Warum auch, solange die Fischer auf ihren bunten Pirogen genug Fisch nach Hause bringen. Solange die Frauen unter ihren großen Strohhüten im Schlick genügend Tintenfische finden. Und solange das Meer - in dem nie ein Rodriguais baden würde, weil kaum einer schwimmen kann - tut, was es schon immer tat: sich leise verziehen, um dann wieder grollend zur Küste zurückzukehren.

Vom Bananen-Fluss auf den Zitronen-Berg

Würde es einen idealen Sehnsuchtsort geben für alle Entschleunigungs-Anhänger, es wäre Rodrigues. Die 41 000 Einwohner leben am Bananen-Fluss, am Kokos-Bach, auf dem Zitronen-Berg oder an der Papaya-Straße. Wenn der Taxifahrer nicht pünktlich kommt, dann kommt er eben nicht pünktlich. Und wenn der Verkäufer im Holzverschlag-Laden erst noch seinen Kaffee austrinkt, bevor er hinter die Theke schlurft, dann wartet man eben. Hier kann man nicht entschleunigen - man muss.

Rodrigues sei, so wird es oft in Reiseführern beschrieben, wie Mauritius vor 25 Jahren. Und es stimmt. Hier gibt es keine Hotelburgen und Luxusresorts. Es gibt kein Theater, kein Kino, keine bedeutenden Bauwerke. Nicht mal Ampeln und Hausnummern.

"Mauritius?", fragt eine Frau im Hauptstädtchen Port Mathurin, in der Hand einen Strohkorb mit Gemüse. Sie schüttelt den Kopf. "Hier ist nicht Mauritius." Das ist auch kaum zu übersehen. Auf Rodrigues leben vor allem Kreolen, kaum Inder - anders als auf der Hauptinsel herrscht hier ein afrikanischer Lebensstil.

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Aber die Mutterinsel kann noch so weit weg sein und ihre Dominanz noch so störend - ein wenig von ihrem Glanz und von ihren Touristen will Rodrigues dann doch abhaben. Die kleine Insel hat große Träume: 100 000 Touristen sollen es werden bis 2025 - vergangenes Jahr kamen ungefähr 70 000 Besucher. Erste Hotels bauen um und vergrößern. "Und auch wir haben uns etwas einfallen lassen", sagt Natasha Jolicoeur vom Fremdenverkehrsamt und lacht: "Etwas total Verrücktes."

Eine Hängebrücke. Verrückt.

Also auf zum verrückten Etwas, das scharenweise Touristen anlocken soll: Nach gefühlt 50 Kurven, 100 Schlaglöchern und drei über die Straße trabenden Schafsherden steht man davor: eine Hängebrücke, nicht außergewöhnlich lang oder hoch, über eine wenig spektakuläre Schlucht. "Voilà", sagt Jolicoeur. Und für einen kurzen Moment überlegt man, ob man ihr nicht die Slow-Living-Marketing-Idee zuflüstern sollte. Solch verrücktes Zeug hat die Insel doch gar nicht nötig.

Denn was sie ausmacht, sind die Menschen, denen man hier begegnet. Zum Beispiel Aurèle Anquetil André. Gerade steht er auf einem schmalen Schotterweg und krault eine große Schildkröte. Sie streckt ihren faltigen Kopf in die Höhe. Und Anquetil André wirkt, als sei er der zufriedenste Mensch der Welt.

Aurèle Anquetil André

Vom Seelsorger zum Naturschützer: Aurèle Anquetil André hat Zehntausende Bäume gepflanzt und die Riesenschildkröte wieder auf Rodrigues angesidelt.

(Foto: OH)

Der weißbärtige Mann würde einem auf der Straße wahrscheinlich gar nicht auffallen, aber wenn er spricht und dabei die Arme hebt und die Augenbrauen, dann ist man sofort dabei, mittendrin in seiner Lebensgeschichte, die eher eine Parabel ist als eine Biografie.

Er studierte Theologie, war Seelsorger auf Madagaskar und Mauritius. Nach zehn Jahren stellte er sich die Frage: Bin ich glücklich? Nein, dachte er sich, er hatte das Gefühl, den Menschen in seiner Gemeinde nicht genug helfen zu können. Also fing er in einer Nudelfabrik an, er arbeitete am Fließband, später im Marketing, zehn Jahre ging das und wieder die gleiche Frage: War das nun das Richtige? Nein. Und als er sich gerade umschaute, was es denn sonst noch gab, las er in der Zeitung von einem Projekt, das François Leguat Reserve: 19 Hektar sollten wieder aufgeforstet, die vertriebenen Riesenschildkröten wieder angesiedelt werden.

Also packten er und ein paar andere an. Sie gruben Löcher, pflanzten Bäume, er weiß selbst nicht mehr, wie viele. Es müssen mehrere Zehntausend gewesen sein, denn heute ist da ein Wald, wo vorher Brachland war. Heute kriechen Tausende Schildkröten durch die Gegend, wo vorher nichts mehr lebte - anfangs wurden sie von Madagaskar geholt und von den Philippinen, nun hat das Reserve eine eigene Aufzuchtstation.

"Das Leben hier bringt alle runter"

Immer wieder kommen Menschen aus Europa, aus den USA oder Asien, sie nehmen sich ein paar Wochen Urlaub oder ein Sabbatical, um im Reservat zu helfen. "Das Leben hier, die Natur, bringt alle runter", sagt Anquetil André. Einmal, erzählt er, schrieb ihm eine Frau, sie war gerade in eine winzige Wohnung in Paris gezogen, draußen dröhnte der Verkehr, und sie konnte einfach nicht einschlafen, also setzte sie sich an den Rechner: "Könntest du mir ein Bild von meinen Schildkröten schicken?" Sie hatte drei adoptiert. "Das machte ich", sagt Anquetil André, "dann war alles wieder in Ordnung."

Auf Rodrigues sind ein paar Fleckchen heile Welt entstanden, weil es dort Menschen gibt wie Aurèle Anquetil André und Stephen Kirsakye, aber auch, weil sich überall auf der Insel ein Bewusstsein dafür entwickelt hat, wie wichtig es ist, die Natur zu erhalten. Schon Schulkinder gehen in die Reservate, sie kennen die einheimischen Tiere und Pflanzen, sie helfen mit in den Parks, schaufeln und pflanzen wie die Großen. Wenn es nach Aurèle Anquetil André ginge, könnte sich aber ruhig noch ein wenig mehr tun.

Er steht nun da, die Hände in die Hüften gestemmt, schaut auf das Land hinter dem Zaun, mit zugekniffenen Augen, als wäre es feindliches Gebiet. "Bis da drüben zum Flughafen sollte das Reservat gehen", sagt er, "das würde ich mir wünschen". Die Erweiterung dürfte auch ein Wunsch bleiben, denn der Flughafen soll ausgebaut werden: mehr Flüge, größere Maschinen, internationale Direktverbindungen. Der Baubeginn war schon vor einem Jahr geplant, wann wirklich etwas passiert, weiß keiner so genau. Rodrigues ist eben wirklich nicht Mauritius.

© SZ vom 05.12.2019/kaeb/cat
Reiseinformationen

Anreise: Flug mit Air Mauritius von verschiedenen deutschen Flughäfen über Mauritius nach Rodrigues, hin und zurück ab ca. 1000 Euro. Der Flug von Mauritius nach Rodrigues dauert etwa eineinhalb Stunden. airmauritius.com

Unterkunft: Gombrani Lodge, hübsche Bungalows mit Gemeinschaftspool, familiär geführt von Wirten, die abends für die Gäste kochen, zwei Nächte im Bungalow mit Frühstück circa 240 Euro, gombrani-lodge.com

Einkaufen: Care-Co, Rue de la Solidarité, Port Mathurin, Hörbehinderte fertigen hier aus Kokosnussschalen Gebrauchsgegenstände

Weitere Auskünfte: Fremdenverkehrsamt Mauritius, tourism-mauritius.mu

Hinweis

Die Recherchereise für diesen Beitrag wurde zum Teil unterstützt von Veranstaltern, Hotels, Fluglinien und/oder Tourismus-Agenturen.

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