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Kolumne "Ende der Reise":Wehe, wenn sie losgelassen

Urlauber an einem Strand in China

China geht voran, auch ans Meer: Anlässlich des "Tags der Arbeit" werden dort bis 5. Mai ungefähr 250 Millionen Menschen unterwegs sein.

(Foto: Imago)

Werden wir nach der Krise nachhaltiger reisen? Aber nein! Rache ist angesagt, denn der neue Trend ist: "Revenge Travel".

Von Hans Gasser

Nein, nein, wir regen uns nicht mehr auf! Um uns herum Frühlingserwachen allenthalben, die Italiener, die Österreicher, die Schweizer, sie sperren auf, sie lassen Menschen auf Terrassen sitzen und Spritz trinken, ja sogar in Hotels übernachten und in Museen gehen. Pah! Die werden schon sehen, was sie davon haben. "Wir sind da lieber ein bisserl vorsichtiger", hören wir fränkisch rollend eine Stimme aus dem Off.

Denn unsere Zeit wird kommen. Und es wird eine Zeit der Rache sein. Rache? Nun, wenn man dem neuesten Trendbegriff glauben darf, dann wird es bald oder zumindest irgendwann, wenn dann mal 70 Prozent der Bevölkerung durchgeimpft sind, zum "Revenge Travel" kommen. Revenge, das heißt Rache. Der psychologische Terminus ist Reaktanz, was aber wohl für die Marketingmenschen, die das erfunden haben, nicht ganz so gut klingt wie Revenge. Es meint jedenfalls "den starken Wunsch zur Wiederherstellung von zuvor eingeengten oder eliminierten Freiheitsspielräumen". Soll heißen: Sobald es wieder möglich wird, werden wir reisen, dass das CO₂ nur so staubt, die Turbine glüht und der Barkeeper im All-inclusive-Hotel eine Sehnenscheidenentzündung vom Cocktailmixen bekommt.

Einen kleinen Vorgeschmack davon konnte man ja schon erhalten, als kurz vor Ostern 40 000 Very-Last-Minute-Bucher nach Mallorca flogen, auf die sogenannte Lieblingsinsel der Deutschen, die aber dann von diesem spontanen Liebesausbruch etwas überfordert war. Zu einem Corona-Ausbruch kam es immerhin nicht, was all jene bestätigt, die die hygieneoptimierte Pauschalreise für bedeutend ungefährlicher halten als illegale Grillpartys im heimischen Garten.

Was aber Rachetourismus tatsächlich bedeuten kann, wird sich jetzt in China zeigen, wo laut Behördenschätzung zwischen dem 1. und 5. Mai ungefähr 250 Millionen Menschen unterwegs sein werden. Die Buchungen für Hotels und Flugreisen hätten das Niveau von 2019, also vor der Pandemie, deutlich überschritten, hieß es.

Das können wir auch! Das Sparvolumen in Deutschland hat einen historischen Höchststand erreicht, so viele Küchen- und digitale Endgeräte kann man sich während des Dauerlockdowns gar nicht bestellen, als dass nicht ordentlich was übrig bliebe für Fernreisen.

Da mögen Experten von Entschleunigung, Klimabewusstsein und Selbstbeschränkung nach der Krise träumen - laut einer GfK-Umfrage vom März wollen ganze 22 Prozent der Menschen, die jetzt schon Wert auf nachhaltigen Tourismus legen, künftig weniger fliegen. Und was machen die anderen 78 Prozent? Genau. Mal ordentlich was nachholen. Revenge.

Wer jetzt über die Grünen-Wähler herzieht, sollte Milde walten lassen, denn selbst wenn sie regional Urlaub machen wollen: geht ja nicht, alles zu. Da muss es nicht verwundern, wenn sie nach Antalya fliegen, ein Woche für 300 Euro im Viersternehotel. Da ist zwar auch gerade wieder Lockdown mit Ausgangsbeschränkungen, aber: Erstens kennt man das von zu Hause und zweitens: Touristen sind davon ausgenommen! Also, nicht aufregen, Flug buchen und mit der Revenge beginnen!

© SZ
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