Süddeutsche Zeitung

Reisetipps:Zum Gin oder doch lieber zum Whisky?

Lesezeit: 7 min

Fans halten entweder Whisky oder Gin jeweils für das Höchste. Je sechs Tipps für den Genuss unterwegs - vom Gin im Bergwerk bis zum Jakobsweg für Whisky-Gläubige.

Von SZ-Autoren

Ginstruktionen: Zu Gast im Londoner Gin-Hotel

Die erste Adresse für Wacholderschnapsfans in London lautet 186 Portobello Road. Hier hat im vergangenen Jahr das erste Gin-Hotel Großbritanniens eröffnet. Auf vier Stockwerken dreht sich alles um die Spirituose: Im Keller befindet sich eine eigene Destillerie, bei dreistündigen Verkostungen lässt ein "Ginstructor" die Teilnehmer an Botanicals schnuppern, referiert die Geschichte des Gins und stellt mit den Gästen eigene Mischungen her. In den Etagen darüber liegen zwei Bars, die mehr als 100 Ginsorten vorhalten. Im einen Lokal werden klassische Pubgerichte serviert, im anderen gibt es Tapas - eine Hommage an Spanien, das Land mit den angeblich meisten Gintrinkern. Unterm Dach liegt ein Veranstaltungsraum zum Mieten, und dann gibt es noch drei Zimmer, in denen man seinen Rausch ausschlafen kann. Frühstück gibt es keines, auch am Morgen sind die Gäste auf Flüssiges angewiesen. ( https://the-distillery.london, DZ ab etwa 140 Euro, Übernachtung ab 18 Jahren) Jochen Temsch

Gin City: Keine Metropole ohne Szene-Destillen

Die meisten Schnäpse werden auf dem Land gebrannt, wo Birnbäume, Gerste oder Trauben wachsen. Der Modeschnaps Gin hingegen geht häufig aus Großstädten hervor: Allein in München samt Umland gibt es sechs Ginproduzenten, darunter die Pioniere von "The Duke", die bereits 2008 in einem Hinterhof begonnen haben. Marken wie "The Illusionist", dessen Farbe bei Zugabe von Tonicwater wechselt, der "Siegfried"-Gin aus Bonn oder der Berliner "Adler"-Gin zeigen, worauf es vor allem anzukommen scheint: weniger auf das kunstfertige Brennen als vielmehr auf kreatives Marketing. Das Herstellen von Gin ist im Vergleich zu Obst- oder Whiskybrennen relativ einfach: In Rohalkohol werden Kräuter und Gewürze eingelegt und einmal destilliert. Die In-Gins sind in den angesagten Ausgehvierteln überall zu haben, manche Hersteller bieten Brennerei-Führungen an, etwa "The Duke" oder "Adler". Hans Gasser

Salzig im Abgang: Berchtesgaden bietet Gin aus dem Bergwerk

Schon seit 1692 besitzt die Enzianbrennerei Grassl in Berchtesgaden das Recht, neben ihrem Lieblingsbrennstoff Enzian auch Wacholder aus dem angrenzenden Nationalpark holen zu dürfen. "Nur hat Wacholder ewig lang keinen interessiert", meint Martin Beierl, einer der beiden Grassl-Geschäftsführer. Das hat sich mit der Welle der Ginbegeisterung schlagartig geändert. Die erste Flasche "Bergbrenner Gin" wurde 2016 geöffnet; seit diesem Herbst ist die Weiterentwicklung für 27,99 Euro pro halber Litererhältlich: der "Miner's Gin". Er erhält seinen "leicht salzigen Abgang" (Beierl) durch die Lagerung in einem Seitenstollen des Salzbergwerks Berchtesgaden und ist nicht nur ein Trick aus dem Handbuch des Spirituosenmarketings, sondern auch die Symbiose zweier Traditionsunternehmen. Denn das Bergwerk feierte heuer sein 500-jähriges Bestehen und versüßt die Stollentouren für Besucher nur zu gerne mit kleinen Randgeschichten. Wie eben Steinfässern, randvoll mit Minengin. Dominik Prantl

Gute Ginfrastruktur: Interaktiv zu Schottlands Brennereien

Gin gilt als Nationalgetränk der Briten. Weniger bekannt ist, dass der meiste Wacholderschnaps von der Insel aus Schottland und seinen Dutzenden namhaften Destillerien stammt. Für eine bessere Übersicht über die Ginfrastruktur des Landes hat der britische Wirtschaftsverband für Wein und Spirituosen eine digitale Karte mit Destillerien und Gin-Bars entwickelt und zu deren Erkundung einen Scotland Gin Trail eingerichtet: Der Weg führt von The Shetland Distillery Company auf Unst, der nördlichsten bewohnten Insel Großbritanniens, bis zur Crafty Distillery in den Galloway Hills im Süden. Ginteractive nennt sich diese Landkarte für Pub-Touristen. In Edinburgh kann man außerdem Juniper Gin Cruises buchen, zweistündige Bootstouren über den Union Canal mit Ginverkostung. (www.visitscotland.com/see-do/food-drink/gin-tours-tastings/map/; www.solid-liquids.co.uk/juniper-gin-events) Evelyn Pschak

Stollen der Rekorde: In Kufstein gibt es eine Bar mit 888 Ginsorten

Der Weg in den Ginhimmel führt in einen alten Stollen mitten in Kufstein. Er wurde laut den Annalen des Anwesens einst von der namhaften Brauereifamilie Auracher in den angrenzenden Festungsberg getrieben und diente ursprünglich als Bierkühlung. Seit 2014 beherbergt der Felstunnel jedoch den "Stollen 1930", eine Bar im Flüsterkneipen-Stil der Prohibitionszeit. Außer auffälligen Kronleuchtern und Barkeepern mit Schirmmütze und Hosenträgern gibt es hier vor allem die - vom Guinnessbuch der Rekorde beglaubigte - größte Ginauswahl des Universums. 888 Sorten der Spirituose sind offiziell vorrätig, dazu 30 verschiedene Tonic Water. Wollte man sämtliche, alleine aus diesen zwei Komponenten mögliche Kombinationen testen, könnte man fast 73 Jahre lang jeden Abend einen anderen Gin Tonic trinken. Wer das versuchen möchte, sollte sich beeilen. Laut Geschäftsführer Martin Gasteiger soll das Ginsortiment möglichst bald auf 1000 aufgestockt werden. Dominik Prantl

Mutter aller Gins: Die Niederlande sind stolz auf ihren Genever

Alle Welt destilliert Gin auf mehr oder weniger britische Art. Und wer hat's erfunden? Die Niederländer. Die Mutter des Gins ist der Genever. Der holländische Nationalbrand, destilliert aus gemälztem Getreide, wird vermischt mit einem zweiten Destillat aus Wacholder (Genever), Kümmel und anderen Gewürzen. Der Schnaps wurde während des niederländisch-spanischen Krieges im 17. Jahrhundert von Soldaten nach England gebracht und begann dort seine Karriere als Gin. In der kleinen Stadt Schiedam soll der Genever erfunden worden sein, hier gibt es das Nationale Genever-Museum und im Frühling ein Genever-Festival, das in der barocken Hafenkirche stattfindet - mit Cocktailwettstreit, Workshops und Verkostungen. Wie wichtig der Schnaps ist, zeigt, dass World-Businessclass-Gäste der nationalen Fluglinie KLM seit 65 Jahren als Geschenk ein Delfter Porzellanhäuschen bekommen, gefüllt mit Bols-Genever. Hans Gasser

Maria und Moritz: Die größte und die kleinste Whisky-Bar

Eine Kneipenschlägerei? Ausgeschlossen in der Bar von Gunter Sommer. Kein Platz zum Ausholen. Weniger als neun Quadratmeter misst die "Smallest Whisky Bar on Earth", die der Deutsche seit mehr als zehn Jahren betreibt in Santa Maria, Graubünden. Aktuell hat der Teilzeit-Barkeeper Sommer 279 Sorten im Angebot. Durchprobieren kann man sich jeweils samstags von 21 Uhr an. Der Schweiz-Tourist muss unter der Woche jedoch nicht abstinent leben. Nur zwei Zugstunden entfernt, in St. Moritz, stehen allabendlich die Türen der weltgrößten Whisky-Bar offen - diesen Titel bescheinigt das Guinnessbuch der Rekorde. Im Hotel Waldhaus am See werden 2500 verschiedene Abfüllungen ausgeschenkt, darunter exotische aus Uruguay und Sri Lanka oder seltene wie ein Macallan 1878. Ein teuflisches Vergnügen, und deshalb heißt die Bar des sammelwütigen Wirts Claudio Bernasconi "Devil's Place". Stefan Fischer

Eigenes Karo: Kanada als neue Heimat des Single Malts

In der kanadischen Atlantik-Provinz Nova Scotia ist vieles sehr schottisch: Golfplätze, Ortsnamen wie Inverness oder New Glasgow, sogar die Topografie erinnert mit sanften Hügeln im Westen sowie Bergen und Steilküsten im Osten an die Lowlands und Highlands der alten Heimat der Auswanderer. Auf Cape Breton gibt es sogar Ortsschilder in gälischer Sprache, Schottenröcke mit eigenem Karo. Doch was wäre das alles ohne Whisky? Anfang 1800 gründete Bruce Jardine Nordamerikas erste Whiskydestillerie Glenora in Glenville. Die Single Malts sind zwischen acht und 25 Jahre alt. Es gibt auch Eiswhisky, ausgebaut im Eisweinfass, und den Fiddler's Choice, der im Kentucky-Bourbon-Fass nachreift. Der Ceilidh Trail führt zu Pubs und Kunsthandwerkern. Besonders viel los ist im Red Shoe Pub und beim Celtic Colours Festival. Whisky darf da nicht fehlen. ( glenoradistillery.com, celtic-colours.com) Ingrid Brunner

Hochtrinken: Der Appenzeller Whiskytrek führt ins Gebirge

Die Schweizer wissen genau, dass der Gipfel erstens nur ein Umweg zur nächsten Kneipe ist und man - zweitens - Wanderwege und Whisky heute am besten über Geschichten vermarktet. Deshalb wurde für den Appenzeller Whiskytrek auf den 27 Berggasthäusern des Alpsteinmassivs jeweils ein Fass mit Whisky eingelagert. Der Inhalt ist zwar immer Säntis Malt und stammt immer vom gleichen Hersteller, der Appenzeller Brauerei Locher AG, aber das tut der Geschichte keinen Abbruch. Denn zum einen unterscheiden sich die 27 Fässer, die beispielsweise schon Bier, Madeira- oder Portwein enthielten, zum anderen die 27 Lagerstätten. Mal klemmt das Fass auf 1141 Metern zwischen Bäumen am Seealpsee, mal reift es in einer Höhle am Äscher-Wildkirchli, mal auf 2500 Metern nahe dem Säntisgipfel. Vor allem aber gilt: Wer den jeweiligen Whisky verkosten oder auch in Sammlerfläschchen mit nach Hause nehmen möchte, muss ihn erwandern. ( www.saentismalt.com) Dominik Prantl

Wasser des Lebens: Verkostungstour auf dem Spey in Schottland

Sofern es um Whisky geht, wäre jede Region zwischen Kanada und der Schwäbischen Alb gerne ein wenig Schottland. Dabei ist freilich nichts besser als das Original, und wer auch nur ein einziges Mal auf eine Whisky-Reise geht, sollte dies in Speyside tun, der wichtigsten Whisky-Region des wichtigsten Whisky-Landes. Etwa die Hälfte der schottischen Destillerien haben hier ihren Sitz; auch sind die milden Whiskys eher für Greenhorns geeignet als die gewöhnungsbedürftigen Vertreter von den schottischen Inseln. Noch dazu gibt es mit dem Speyside Whisky Trail so etwas wie den Jakobsweg für Whisky-Gläubige. Vor allem aber fließt durch die Region der Fluss Spey. Sie hat einen ebenso gemäßigten Charakter wie die Whiskys der Umgebung und lässt sich vorzüglich mit dem Kanu befahren. Und sollte das Paddeln einmal gar zu fad werden: Das nächste Tasting ist garantiert nicht weit. ( www.wildernessscotland.com) Dominik Prantl

Schottische Schwaben: Die Whisky-Brenner von der Alb

Als sparsam gelten sie, aber dass die Schwaben auch in puncto Whisky den Schotten Konkurrenz machen, wissen die wenigsten. In Owen, einem recht schottisch klingenden Dorf auf der Schwäbischen Alb, gibt es schon seit Anfang der 1990er-Jahre drei Whisky-Brennereien. "Tecker", "Danne's" und "Owen" heißen die Marken, und sie haben sich mittlerweile auch bei Whisky-Experten wie Jim Murray einen exzellenten Ruf erworben. Wer sich davon überzeugen will, kann an einer Whisky-Wanderung teilnehmen, bei der die Expertin Angela Weis über Streuobstwiesen und an Kornfeldern vorbei in die drei Betriebe führt. Von den Brennern selbst erfährt man dabei alles über den Schwäbischen Whisky, etwa dass er teils aus hier angebautem Dinkel gebrannt und auch in Fellbacher Rotweinfässern gelagert wird. Die Führungen zwischen April und Oktober sind oft ausgebucht. ( www.schwaebischer-whisky.com) Hans Gasser

Japanische Schotten: Shochu mit Whiskygeschmack auf der Insel Iki

Japanische Whiskys gewinnen Preise gegen ihre schottischen Vorbilder. Im Ausland sind Nikka und Yamazaki berühmt, wohl berühmter als in Japan. Jene Japaner, die überhaupt Whisky trinken, neigen zu Long Drinks. Whisky Sour, Highball mit Soda oder Olong-Tee. Dafür sind Edel-Whiskys zu teuer. Aber meist trinken die Japaner Shochu, Brände aus Reis, Gerste, Buchweizen oder Süßkartoffeln, die an milde Wodkas erinnern. Gleichwohl hat sich der Whisky-Geschmack etabliert. Auf Iki, einer kleinen Insel in der Meerenge zwischen Kyushu und Korea, brennt Ikinokura ihre Shochus. Iki gilt als Geburtsort der Shinto-Religion. Und des aus Reis und Gerste gebrannten Iki Shochu, der die Süße des Reises mit der Komplexität der Gerste kombiniert. Aber auch Traditionsdestillen müssen mit der Zeit gehen: Mit "Muchibitsu" brennt Ikinokura Shochus, die in Sherry-Fässern gealtert werden. Und wie Whisky schmecken. Christoph Neidhart

Bestens informiert mit SZ Plus – 4 Wochen kostenlos zur Probe lesen. Jetzt bestellen unter: www.sz.de/szplus-testen

URL:
www.sz.de/1.3755101
Copyright:
Süddeutsche Zeitung Digitale Medien GmbH / Süddeutsche Zeitung GmbH
Quelle:
SZ vom 16. November 2017
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über Süddeutsche Zeitung Content. Bitte senden Sie Ihre Nutzungsanfrage an syndication@sueddeutsche.de.