bedeckt München
vgwortpixel

Reisepionierin Ida Pfeiffer:Am Ende bis zum Mond?

Die Gesellschaften der Kolonialzeit und der Sklavenhalter schont sie trotz aller Verbundenheit und Dankbarkeit nicht. Auf den indonesischen Inseln schreibt sie sogar nach dem Anblick abgeschlagener Menschenköpfe als Trophäen der Einheimischen: "Ich schauderte - konnte aber doch nicht umhin zu bedenken, dass wir Europäer nicht besser, ja im Gegenteil schlechter sind als diese verachteten Wilden. Ist nicht jedes Blatt unserer Geschichte voll Schandtaten, Morden und Verrätereien jeder Art? Was lässt sich vergleichen mit den Religionskriegen in Deutschland und Frankreich, mit der Eroberung Amerikas, mit dem Faustrecht, mit der Inquisition? Und selbst in neueren Zeiten, nachdem wir vielleicht feiner und gebildeter in der äußeren Form, sind wir deshalb weniger grausam?"

Pfeiffer sieht sich nie als Vergnügungsreisende, sondern als Forscherin und Entdeckerin. Tatsächlich ist sie im Inneren Borneos und in manchen Ecken Sumatras der allererste Besucher aus Europa. Nur selten verkleidet sie sich als Mann, normalerweise schützt sie sich lieber durch die Gesellschaft von Einheimischen oder Reisebekanntschaften - oder auch mal durch beherztes Zuschlagen mit dem Regenschirm.

Reisepioniere Im Damensattel bis in die Sahara
Reisepionierin Alexandrine Tinne

Im Damensattel bis in die Sahara

Die junge Erbin Alexandrine Tinne hätte es sich daheim bequem machen können. Stattdessen brach sie mit luxuriösem Gefolge auf, als erste Europäerin die große Wüste zu durchqueren. Ein tödliches Abenteuer.   Von Irene Helmes

Außerdem macht sie sich grundsätzlich keine großen Sorgen, etwa über gefährliche Kannibalen. Vor einer Exkursion auf Sumatra schreibt sie lakonisch an Daheimgebliebene: "Ich hoffe, mein Fleisch wird ihnen schon zu alt sein, sie lassen mich gewiss laufen." Sie hat sich vorgenommen zu testen, ob all die Gruselgeschichten bisheriger Reisender wirklich stimmen können. Ihr Fazit danach: "Außer der unnatürlichen Lüsternheit nach Menschenfleisch" gehe es beim Volk der Batak auch nicht schlimmer zu als anderswo und die Gastfreundschaft sei beachtlich gewesen. Ihre Berichte, die die Sensationslust von Pfeiffers Zeitgenossen auf ganz eigene Weise befriedigen, werden begierig nachgedruckt, auch im deutschen Vorläufer der ersten Unterhaltungszeitschriften, dem "Illustrierten Familienblatt Gartenlaube".

Ida Pfeiffer schreibt deutlich, wenn ihr örtliche Sitten und Bräuche gefallen, macht aber auch das Gegenteil ganz trocken klar. Über eine Darbietung auf Java schreibt sie: "Der Tanz war das wenigst Anziehende. Sechs Mädchen tappten auf einem engen Raum sehr plump umher und kreischten aus voller Kehle sogenannte Lieder herunter." Im Lauf der Zeit kann sie immer mehr Vergleiche anstellen zwischen Kulturen und auch Landschaften, etwa zwischen Vulkankratern auf Island und Sumatra. Mit immer wieder interessanten Schlussfolgerungen, wie in Kalifornien, wo es ihr eigentlich gut gefällt, aber: "In den schönsten und befahrensten Straßen liegen alte Kleider, Wäsche, Stiefel, Flaschen, Geschirre, Kisten, tote Hunde, Katzen und ungeheure Ratten, an welchen die Stadt überreich ist; aller Unrat wird vor die Türe geworfen - man könnte wirklich Konstantinopel im Vergleich zu San Francisco die Stadt der Reinlichkeit nennen."

Strapazen steht Pfeiffer stoisch durch. Nervös wird sie nur bei vermeintlichem Stillstand, so etwa während monatelangen Ozeanquerungen "in dem hölzernen Gefängnis" eines Segelschiffs, wo sie nichts Neues besichtigen kann. Doch auch hier weitet sie den Blick: "Leute, die immer bequem daheim sitzen oder nur auf Eisenbahnen, Dampfschiffen und Postgelegenheiten reisen, wissen den Hochgenuss eines guten Bettes oder Bissens gar nicht zu würdigen, sie denken, so etwas könne gar nie fehlen."

Die Self-Made-Pionierin Pfeiffer, die sich möglichst gut durch Lektüre, Gespräche und Museumsbesuche weiterbildet, lernt einige der großen Persönlichkeiten ihrer Zeit kennen. Darunter Alexander von Humboldt, der ihr Briefe voller Komplimente schickt und wichtige Kontakte verschafft. Pfeiffer wird so als erste Frau Ehrenmitglied in den geografischen Gesellschaften in Berlin und Paris, Tausende Objekte aus ihren Expeditionen erwirbt allein das Naturhistorische Museum in Wien. Bis heute tragen einige Tierarten ihren Namen, so die Garnele Palaemon idae und die Heuschrecke Myronides pfeifferae.

Träumen von "Pfeifferia"

1852 ist sie an einem Punkt, an dem sie einer Freundin anvertraut: "In der Jugend wünschte ich zu sterben. [...] Jetzt habe ich ein Leben, wie es Wenigen gegönnt ist, Nichts als Vergnügen, Auszeichnungen, Ehren und Gefälligkeiten von allen Seiten!" Manchmal klingen ihre Briefe richtig übermütig: "Vermutlich erhalten Sie mein nächstes Geschreibsel aus irgendeinem fremdartigen, noch nicht entdeckten Weltteil, vielleicht aus 'Pfeifferia' oder vielleicht gar aus dem Monde. Bis dahin leben Sie wohl und vergessen Sie mich nicht ganz. Ihren Herrn Gemahl, meinen heimlichen Geliebten, grüßen Sie mir herzlichst."

Reisepioniere "Sie werden mich für eine halbe Türkin halten"
Reisepionierin Lady Mary Montagu

"Sie werden mich für eine halbe Türkin halten"

Als mysteriös, gar barbarisch galt das Osmanische Reich im 18. Jahrhundert in England. Lady Mary Montagu wagte sich hin - und gönnte sich den Luxus einer eigenen Meinung.   Von Irene Helmes

Schließlich fehlt Pfeiffer nur noch ein Kontinent: Australien. Der letzte Versuch, dorthin zu gelangen, führt sie über Mauritius und Madagaskar. Dort gerät sie jedoch nicht nur in politische Tumulte, sondern erkrankt schwer. Sie muss umkehren ("ich brachte nichts mit mir zurück als eine gänzlich zerstörte Gesundheit") und stirbt etwa ein Jahr später in ihrer Heimatstadt an den Auswirkungen der Fieberinfektion. Ihren letzten Reisebericht gibt posthum ihr Sohn Oscar heraus.

Zwar betont Pfeiffer ihre ganze Karriere lang, "dass eine Frau mit festem Willen in der Welt ebenso gut fort kommt wie ein Mann und dass man überall gute Menschen findet". Oder beschreibt, dass die Bewohner des Königreiches Wadjo im heutigen Indonesien Herrscherinnen bevorzugen, weil "sie sagen, dass deren Regierung weniger kriegslustig, treuer und ruhiger sei als die der Männer". Als offensive Feministin, die alle Konventionen sprengen will, äußert sich Pfeiffer trotzdem nie. Ihr Lebenswerk spricht auch 160 Jahre nach ihrem Tod für sich.

Die Zitate stammen aus Ida Pfeiffers Briefen (herausgegeben von Gabriele Habinger 2008 unter dem Titel "Wir leben nach Matrosenweise") sowie aus ihren autobiografischen Berichten "Reisen in das Heilige Land", "Abenteuer Inselwelt" und "Reise in die Neue Welt", ebenfalls alle in den Ausgaben des Promedia Verlags.