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Reisepionierin Ida Pfeiffer:"Mein Fleisch wird ihnen schon zu alt sein"

Ida Pfeiffer

Ida Pfeiffer (1797-1858), fotografiert zwei Jahre vor ihrem Tod.

(Foto: Franz Hanfstaengl via Wikimedia Commons)

Ida Pfeiffers Jugend war enttäuschend, doch dann fielen alle Ketten ab. Die Wienerin wurde eine der größten Abenteurerinnen des 19. Jahrhunderts und besuchte sogar gefürchtete Kannibalen.

Island: landschaftlich spektakulär, kulturell enttäuschend. Borneo: eine echte Entdeckung. London: keine Stadt so lästig wie diese. Jerusalem: wunderbar. Kannibalen auf Sumatra: halb so schlimm wie ihr Ruf. Madagaskar: am Ende leider tödlich.

Serie Reisepioniere

In loser Folge stellen wir Ihnen hier denkwürdige Weltenbummler vor.

Die Weltreisen der Ida Pfeiffer zwischen 1842 und 1858 sprengen die Grenzen ihrer Zeit und führen immer wieder zu überraschenden Einsichten. Dabei sei die Dame doch eigentlich nur "eine gutmütige Wienerin im vorgerückten Alter, aber gut konserviert, anspruchslos in Kleidung und Sprache, Ton und Benehmen", wie ein Budapester Journalist nach einer Begegnung behauptet.

Wie das zusammenpasst, darüber zerbrechen sich unzählige Zeitgenossen den Kopf. Tatsache ist, dass Ida Pfeiffers Reisen bis heute bemerkenswerte Pionierleistungen sind. Vollbracht gegen viele Widerstände, stets dokumentiert in detaillierten Berichten, die zu ihrer Zeit Bestseller werden.

Dabei spricht zunächst alles für ein ruhiges Leben. Ida kommt am 14. Oktober 1797 im florierenden Wien der Habsburger zur Welt. Ihre Familie ist dank einer Textilfabrik wohlhabend, erzieht die Kinder aber sparsam und fordernd. So nimmt die Bürgertochter in ihrem Leben sehr unterschiedliche Rollen ein: zunächst die der streng gehaltenen Tochter, die früh den Vater verliert. Später die der unglücklich verheirateten Gattin und Mutter in einer Vernunftehe, die sie eigentlich nie wollte. Und endlich die der international respektierten Weltreisenden.

Sicherheitshalber das Testament geschrieben

"Reisen war der Traum meiner Jugend", schreibt sie später. Erste eigene Ausflüge in Europa befeuern ihr frühes Fernweh, spätestens als sie als Erwachsene in Triest erstmals das Meer sieht. Das Getrenntleben von ihrem Mann, der Tod ihrer ungeliebten Mutter 1837 sowie die Volljährigkeit ihrer Söhne Alfred und Oscar erweisen sich als Etappen hin zur Befreiung aus bisherigen Zwängen. Anstatt in einer Midlife-Crisis zu versacken, krempelt Ida Pfeiffer ihr Leben um und absolviert schließlich fünf lange Expeditionen in alle Teile der Erde.

Die erste verläuft entlang der alten Pilgerroute nach Jerusalem, später im Zickzack bis Syrien und Ägypten. Bei der Abreise aus Wien verrät die mittlerweile 44-Jährige ihren Angehörigen nur das erste Ziel Konstantinopel, um nicht noch größerem Widerstand zu begegnen als ohnehin schon. Heimlich hat sie dagegen Palästina fest im Blick und schon ihr Testament gemacht, damit im schlimmsten Fall daheim "die Meinigen alles in bester Ordnung fänden".

Unnötige Vorsicht, wie sich zeigt. Nach der sicheren Rückkehr erscheint ihr Bericht über die neun Monate als "Reise einer Wienerin in das heilige Land" anonym, um den Ruf der Familie zu wahren. Zu lesen ist darin von den berühmten Kulturdenkmälern, von den faszinierenden Lebenswelten des Orients - und auch davon, wie irritierend es ist, wenn ein griechischer Matrose sich neugierig die eigene Zahnbürste ausleiht: "Nachdem er sich die Zähne geputzt [hatte], legte er das Bürstchen hin und gab mir sein Wohlgefallen darüber zu erkennen." Mit dem Erfolg bei gebildeten Leserschichten und weiteren Ausgaben kann sich Pfeiffer als Autorin ihres sogenannten "Werkchens" zu erkennen geben. Der Beginn einer ungewöhnlichen Karriere: Mit dem Schreiben finanziert sie sich ab sofort einen Großteil ihrer Ausgaben, sie wird in mehrere Sprachen übersetzt.

Abbildung Ida Pfeiffers Reisen

Eine Illustration von 1879 zeigt ein Abenteuer von Ida Pfeiffer vor Madras.

(Foto: Wikimedia Commons)

Eine Lieblingsgegend, wie manch anderer großer Reisender, hat Pfeiffer nicht. Sie will einfach so viel sehen wie möglich und wendet sich in alle Himmelsrichtungen - nach Norden Richtung Island, Norwegen und Schweden, nach Südamerika, Asien und in den Kaukasus, dann wieder nach Südafrika, quer über den Pazifik bis in die jungen Vereinigten Staaten von Amerika.

Der Erfolg als Autorin ist dafür entscheidend. Denn Pfeiffer hat keine mächtigen Gönner im Rücken, von ihrem Erbe ist wenig übrig. Groß ist, wie sie sagt, das Ungemach, weil ihr nur eine "Kleinigkeit - Geld - fehlt". Ihr zunächst mageres Budget stockt sie deshalb auf - auch durch den Verkauf ihrer "Souvenirs", bislang unerforschte Tiere und Objekte, an Museen und Sammler und eine eigene Kuriositätenausstellung in Wien. Das geht manchmal schief, wenn Pfeiffer in feucht-heißen Gegenden nicht genug Spiritus zum Konservieren zur Hand hat, "es verdarben mir die größeren Gegenstände so sehr, dass ich sie wegwerfen musste", klagt sie in einem Brief, "darunter war ein runder ganz schwarzer Fisch ohne Flossen [... und] eine schwarz braune Schlange".

Bald bekommt sie Freifahrten, Empfehlungsschreiben und Einladungen in alle Teile der Welt. Ein Bruch mit Zuhause sind ihre Expeditionen nicht, im Gegenteil schreibt sie, mittlerweile verwitwet, einmal an eine Freundin: "Der gänzliche Mangel an Austausch mit wahrhaften Freunden ist das einzige, was ich oft bitter fühle. Ich finde zwar häufig gute und gefällige Menschen, doch welch schwacher Ersatz für langbewährte Freunde."

Am Ende bis zum Mond?

Die Gesellschaften der Kolonialzeit und der Sklavenhalter schont sie trotz aller Verbundenheit und Dankbarkeit nicht. Auf den indonesischen Inseln schreibt sie sogar nach dem Anblick abgeschlagener Menschenköpfe als Trophäen der Einheimischen: "Ich schauderte - konnte aber doch nicht umhin zu bedenken, dass wir Europäer nicht besser, ja im Gegenteil schlechter sind als diese verachteten Wilden. Ist nicht jedes Blatt unserer Geschichte voll Schandtaten, Morden und Verrätereien jeder Art? Was lässt sich vergleichen mit den Religionskriegen in Deutschland und Frankreich, mit der Eroberung Amerikas, mit dem Faustrecht, mit der Inquisition? Und selbst in neueren Zeiten, nachdem wir vielleicht feiner und gebildeter in der äußeren Form, sind wir deshalb weniger grausam?"

Pfeiffer sieht sich nie als Vergnügungsreisende, sondern als Forscherin und Entdeckerin. Tatsächlich ist sie im Inneren Borneos und in manchen Ecken Sumatras der allererste Besucher aus Europa. Nur selten verkleidet sie sich als Mann, normalerweise schützt sie sich lieber durch die Gesellschaft von Einheimischen oder Reisebekanntschaften - oder auch mal durch beherztes Zuschlagen mit dem Regenschirm.

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Außerdem macht sie sich grundsätzlich keine großen Sorgen, etwa über gefährliche Kannibalen. Vor einer Exkursion auf Sumatra schreibt sie lakonisch an Daheimgebliebene: "Ich hoffe, mein Fleisch wird ihnen schon zu alt sein, sie lassen mich gewiss laufen." Sie hat sich vorgenommen zu testen, ob all die Gruselgeschichten bisheriger Reisender wirklich stimmen können. Ihr Fazit danach: "Außer der unnatürlichen Lüsternheit nach Menschenfleisch" gehe es beim Volk der Batak auch nicht schlimmer zu als anderswo und die Gastfreundschaft sei beachtlich gewesen. Ihre Berichte, die die Sensationslust von Pfeiffers Zeitgenossen auf ganz eigene Weise befriedigen, werden begierig nachgedruckt, auch im deutschen Vorläufer der ersten Unterhaltungszeitschriften, dem "Illustrierten Familienblatt Gartenlaube".

Ida Pfeiffer schreibt deutlich, wenn ihr örtliche Sitten und Bräuche gefallen, macht aber auch das Gegenteil ganz trocken klar. Über eine Darbietung auf Java schreibt sie: "Der Tanz war das wenigst Anziehende. Sechs Mädchen tappten auf einem engen Raum sehr plump umher und kreischten aus voller Kehle sogenannte Lieder herunter." Im Lauf der Zeit kann sie immer mehr Vergleiche anstellen zwischen Kulturen und auch Landschaften, etwa zwischen Vulkankratern auf Island und Sumatra. Mit immer wieder interessanten Schlussfolgerungen, wie in Kalifornien, wo es ihr eigentlich gut gefällt, aber: "In den schönsten und befahrensten Straßen liegen alte Kleider, Wäsche, Stiefel, Flaschen, Geschirre, Kisten, tote Hunde, Katzen und ungeheure Ratten, an welchen die Stadt überreich ist; aller Unrat wird vor die Türe geworfen - man könnte wirklich Konstantinopel im Vergleich zu San Francisco die Stadt der Reinlichkeit nennen."

Strapazen steht Pfeiffer stoisch durch. Nervös wird sie nur bei vermeintlichem Stillstand, so etwa während monatelangen Ozeanquerungen "in dem hölzernen Gefängnis" eines Segelschiffs, wo sie nichts Neues besichtigen kann. Doch auch hier weitet sie den Blick: "Leute, die immer bequem daheim sitzen oder nur auf Eisenbahnen, Dampfschiffen und Postgelegenheiten reisen, wissen den Hochgenuss eines guten Bettes oder Bissens gar nicht zu würdigen, sie denken, so etwas könne gar nie fehlen."

Die Self-Made-Pionierin Pfeiffer, die sich möglichst gut durch Lektüre, Gespräche und Museumsbesuche weiterbildet, lernt einige der großen Persönlichkeiten ihrer Zeit kennen. Darunter Alexander von Humboldt, der ihr Briefe voller Komplimente schickt und wichtige Kontakte verschafft. Pfeiffer wird so als erste Frau Ehrenmitglied in den geografischen Gesellschaften in Berlin und Paris, Tausende Objekte aus ihren Expeditionen erwirbt allein das Naturhistorische Museum in Wien. Bis heute tragen einige Tierarten ihren Namen, so die Garnele Palaemon idae und die Heuschrecke Myronides pfeifferae.

Träumen von "Pfeifferia"

1852 ist sie an einem Punkt, an dem sie einer Freundin anvertraut: "In der Jugend wünschte ich zu sterben. [...] Jetzt habe ich ein Leben, wie es Wenigen gegönnt ist, Nichts als Vergnügen, Auszeichnungen, Ehren und Gefälligkeiten von allen Seiten!" Manchmal klingen ihre Briefe richtig übermütig: "Vermutlich erhalten Sie mein nächstes Geschreibsel aus irgendeinem fremdartigen, noch nicht entdeckten Weltteil, vielleicht aus 'Pfeifferia' oder vielleicht gar aus dem Monde. Bis dahin leben Sie wohl und vergessen Sie mich nicht ganz. Ihren Herrn Gemahl, meinen heimlichen Geliebten, grüßen Sie mir herzlichst."

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Schließlich fehlt Pfeiffer nur noch ein Kontinent: Australien. Der letzte Versuch, dorthin zu gelangen, führt sie über Mauritius und Madagaskar. Dort gerät sie jedoch nicht nur in politische Tumulte, sondern erkrankt schwer. Sie muss umkehren ("ich brachte nichts mit mir zurück als eine gänzlich zerstörte Gesundheit") und stirbt etwa ein Jahr später in ihrer Heimatstadt an den Auswirkungen der Fieberinfektion. Ihren letzten Reisebericht gibt posthum ihr Sohn Oscar heraus.

Zwar betont Pfeiffer ihre ganze Karriere lang, "dass eine Frau mit festem Willen in der Welt ebenso gut fort kommt wie ein Mann und dass man überall gute Menschen findet". Oder beschreibt, dass die Bewohner des Königreiches Wadjo im heutigen Indonesien Herrscherinnen bevorzugen, weil "sie sagen, dass deren Regierung weniger kriegslustig, treuer und ruhiger sei als die der Männer". Als offensive Feministin, die alle Konventionen sprengen will, äußert sich Pfeiffer trotzdem nie. Ihr Lebenswerk spricht auch 160 Jahre nach ihrem Tod für sich.

Die Zitate stammen aus Ida Pfeiffers Briefen (herausgegeben von Gabriele Habinger 2008 unter dem Titel "Wir leben nach Matrosenweise") sowie aus ihren autobiografischen Berichten "Reisen in das Heilige Land", "Abenteuer Inselwelt" und "Reise in die Neue Welt", ebenfalls alle in den Ausgaben des Promedia Verlags.