Reisepionierin Freya Stark Hundert Jahre Reiselust

Freya Stark 1957 in Asolo, wo sie zwischen ihren Reisen Ruhe fand.

(Foto: Getty Images)

Eine gemütliche ältere Dame? Von wegen. Freya Stark unternahm aufsehenerregende Trips bis in Ecken des Mittleren Ostens, die vor ihr kein Europäer gesehen hatte.

Von Irene Helmes

"Ich habe den Verdacht, dass du eine geborene Piratin gewesen wärst oder auch eine geborene Schmugglerin, wenn dich das Leben in ein anderes Jahrhundert geworfen hätte." So kommentiert die Autorin Vita Sackville-West die Abenteuerlust von Freya Stark, nachdem sie 1950 eines ihrer Bücher gelesen hat.

Serie Reisepioniere

In loser Folge stellen wir Ihnen hier denkwürdige Weltenbummler vor.

Denn Stark (1893-1993) ist zu diesem Zeitpunkt längst eine der besten Kennerinnen von Ländern wie Iran, Irak, Ägypten oder der Türkei. Sie unternimmt dort auf eigene Faust lange Reisen, taucht tief ein und teilt mit ihren Lesern eine ganz eigene Art, die Welt zu sehen. "Stil ist meines Erachtens - sowohl bei der französischen Mode als auch bei der syrischen Landschaft - der Verzicht auf alles, außer auf das Wesentliche, damit dieses zu sprechen vermag", so einer ihrer ungewöhnlichen Vergleiche.

Sie veröffentlicht zwischen den 1930er und 1980er Jahren mehr als 30 Bücher, um zu ermöglichen, was sie "Lehnsessel-Reisen für durchschnittliche Leser" nennt. Recht bescheiden, bekommt sie doch gleichzeitig Komplimente wie "Poetin des Reisens". Denn Stark beschreibt in schönster Sprache einfach alles - Politik, Kultur und Gesellschaft genauso wie Landschaften, die für ihr Publikum exotisch sind. Etwa die Region um das Rote Meer: "Wenn ich meine Augen schließe, kann ich es wie aus der Vogelperspektive sehen: eine blaue Fläche mit grünen und türkisfarbenen Korallenbänken in seichtem Wasser, umgeben von der weißen Monotonie des Sandes. Kleine, unbewohnte Inselgruppen, braun und zerfurcht wie geäderte tote Blätter, schwimmen darauf wie auf einem Teich."

Ihre Sprachbilder bringen die Orte ihrer Reisen ganz nahe. Und so intellektuell Stark ist, so begeistert beobachtet sie Alltagsdinge und kuriose Szenen. Da ist etwa der Gärtner ihres Hauses im Bagdad der 1940er Jahre, "der die Arbeit liegenließ, wenn sich niemand dafür interessierte (wofür wenig Zeit war) und sich beklagte, 'dass es keinen Spaß macht, etwas zu pflanzen, wenn keiner hinschaut'". 100 Lebensjahre hat Freya Stark Zeit, um solche Geschichten zu sammeln - genau so lange wie eine andere große Reisende ihrer Zeit, Alexandra David-Néel.

Stabil ist Starks Welt von Anfang an nicht. Sie wird 1893 in Paris als Tochter eines Künstlerpaares geboren, das Wurzeln in England, Italien, Deutschland und Polen hat. Die Eltern trennen sich früh, ein konventionelles Zuhause der Belle Époque sieht anders aus. Als Dreizehnjährige überlebt Stark einen dramatischen Unfall, bei dem eine Maschine sie fast in Stücke reißt. Die Narben an ihrem Kopf versteckt sie lebenslang mit auffälligen Hüten.

Stark spricht früh mehrere europäische Sprachen wie Englisch und Italienisch, bringt sich selbst Arabisch und Türkisch bei. Ihr Interesse, so heißt es, ist durch die Geschichten aus "Tausendundeiner Nacht" erwacht. Später studiert sie an der "School of Oriental and African Studies" der University of London.

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Unmöglich, in ihrer Zeit den Krieg aus dem Leben auszusparen. Im Ersten Weltkrieg arbeitet Stark als Krankenschwester in ihrer zweiten Heimat Italien. Jahre später beginnt sie mit Mitte Dreißig, den Mittleren Osten zu bereisen. "Es ist so wundervoll, fort zu sein, wirklich fort; jeden Morgen öffnet sich ein neues Land", schreibt sie bei der Fahrt über das Mittelmeer. Vom Libanon aus tastet sie sich immer weiter vor. Für eine Frau ihrer Zeit eigentlich unerhört, aber sie dreht den Spieß oft um. Der möglicherweise einzige Vorteil ihres Geschlechts sei schließlich, "dass man sich immer dümmer stellen kann, als man ist, und niemand wundert sich darüber".

Bald wohnt sie in Bagdad und erkundet Gegenden, die für Europäer noch weiße Flecken auf der Landkarte sind, wie die Provinz Lorestan und die einstigen Territorien der Assassinen des alten Persiens. Sie tut dies oft allein und immer unbewaffnet. Sie besichtigt die Ruinen von Festungen in Alamut, kommt bis zum Tacht-i Suleiman (Thron des Salomon) im heutigen Aserbaidschan. In besonders abgeschiedenen Gegenden fühlt sie sich - mitten in den 1930er Jahren - an alte Pionierzeiten erinnert. Manche Dorfbewohner "hätten auch Inselbewohner der Südsee vor der Ankunft von Kapitän Cook sein können ... sie sind auf mich zugerannt, als wäre ich ein Zirkus". Ihr Buch "The Valley of the Assassins" etabliert sie in Forscherkreisen als ernstzunehmende Entdeckerin.

Und anders als etwa die Pionierin Alexandra David-Néel, die sich den Katastrophen der Zeit durch ihre Reisen in die buddhistische Welt eher entzieht, engagiert Stark sich politisch. Im Zweiten Weltkrieg wird sie als Expertin für das Britische Informationsministerium im Nahen und Mittleren Osten aktiv. Sie zeigt britische Wochenschau-Filme in den Privathäusern der oberen Zehntausend der Hauptstadt Jemens und gründet in Kairo das anti-faschistische Netzwerk "Brüder der Freiheit", dem sich Zehntausende anschließen.