bedeckt München
vgwortpixel

Reisepioniere: Cäsar und Marie-Louise Ritz:Die Kunst, Kühe und Könige zu verstehen

Aus dem "schrecklich alten" Mann und dem "Kindchen" wird ein Erfolgspaar: Cäsar (César) und Marie-Louise 1888.

Er: ein Schweizer Bauernsohn. Sie: bald eine "working mom". Gemeinsam erfand das Ehepaar Ritz Luxus im Hotel neu - und zahlte selbst einen hohen Preis dafür.

"Was muss ein Hotel nicht alles sein! Ein Heim für Ruhebedürftige, eine Geschäftszentrale für Spekulanten, eine Unterhaltungsstätte für die Jugend, eine Oase für Weltenbummler, ein Treffpunkt für Verliebte, ein Ankerplatz für Mütter heiratsfähiger Töchter, der Spiegel der großen Welt und doch wieder ein eigener kleiner Kosmos ..." Als Marie-Louise Ritz während des Zweiten Weltkrieges die Biografie ihres längst verstorbenen Mannes schreibt, kennt sie die Branche mit all ihren damaligen Eigenheiten wie kaum eine andere Frau. Heute würde man sie eine "working mom" nennen, schreibt sie doch auch: "Mein Sohn Charley erinnerte mich noch kürzlich an die vielen bewegten Nächte, die er als Kind in den Gepäcknetzen der französischen Bahnen verbracht hat." Wie kommt es zu einem für die Zeit so ungewöhnlichen Leben?

Serie Reisepioniere

In loser Folge stellen wir Ihnen hier denkwürdige Weltenbummler vor.

1867 geboren, wird die Elsässerin wegen des Deutsch-Französischen Krieges nicht in Straßburg, sondern an der Côte d'Azur groß. Nach der Klosterschule in Nizza kommt sie als 17-Jährige nach Monte Carlo zurück, wo ihre Mutter ein "altmodisches, anspruchsloses Hotel" besitzt. Dort hat sie die Möglichkeit, "näher in den ganzen Betrieb hineinzuschauen", und "zum Glück machte mir das riesigen Spaß!". Marie-Louise springt an der Rezeption ein oder kümmert sich um die Organisation der Wäscherei. Für diese Einblicke bleibt sie ihrer Mutter lebenslang dankbar, denn "ungleich den meisten damaligen Töchtern der gutbürgerlichen Familien brachte sie mir mehr als nur ein tadelloses gesellschaftliches Benehmen bei; ich lernte die Arbeit schätzen und die Dienstboten als menschliche Wesen, als Mitarbeiter achten". Und sie freundet sich mit dem Direktor des Grand Hotels ihrer Tante an - Monsieur Ritz, mit dem sie die Begeisterung für die Hotellerie teilt.

Dessen Herkunft ist recht ungewöhnlich: "Ein Bauernbursche aus den Schweizer Bergen, der Kühe gehütet hat, wird zum Hüter eines bahnbrechenden, neumodischen Lebensstiles der weltweiten internationalen Gesellschaft. War das nicht in höchstem Maße erstaunlich?" In ihrer Biografie "Cäsar Ritz" schreibt Marie-Louise vom bleibenden Bedauern, seine prägenden Jahre nicht miterlebt zu haben. Was hat ihr Mann also getrieben, bevor er "Mimi" heiratet?

"Aus dir wird nie ein rechter Hotelier!"

Der Bauer Anton Ritz und seine Frau Kreszentia ziehen den kleinen Cäsar, geboren 1850 als jüngstes von dreizehn Kindern, im Schweizer Dorf Niederwald zwischen Gletschern und Viehweiden auf. Die Sehnsucht nach der Welt, die irgendwo hinter den Gipfeln beginnt, ist schon da. Eine mondäne Freundin wird später hinter Ritz' "Taktgefühl und Geduld" genau diese Herkunft vermuten: "Die haben Sie sich angewöhnt, als Sie die dummen Schafe Ihres Vaters auf die Weiden von Niederwald trieben!"

Nach ein paar Jahren Schule wird der 15-Jährige in eine Herberge namens "Zur Krone und Post" in die Lehre geschickt. Doch der Dämpfer folgt prompt: "Aus dir wird nie ein rechter Hotelier! Dazu braucht's eine besondere Begabung, ein Fingerspitzengefühl, das dir vollständig abgeht", so faltet ihn der Wirt bald zusammen. Cäsar ist "empört", aber nicht entmutigt - nach ein paar Zwischenstationen wagt er mit 17 Jahren den Sprung in seine Traumstadt Paris.

"Mumienkopf-Auflauf à la Suez"

Ritz arbeitet dort in einem Hotel, in Cafés und Bistros. Sein Spitzname wird "César le rapide", Cäsar der Schnelle. Er bricht "alle Rekorde in der Flinkheit des Servierens", schreibt seine Frau später, "er zerbrach aber auch zumindest ebenso viele Teller und Tassen wie alle seine Kollegen zusammen". Schließlich steigt er bis zum Oberkellner und sogar Leiter auf - mit nur 19 Jahren. Und bekommt immer mehr mit von einer Lebensart, die er sich selbst (noch) nicht leisten kann.

Auch bei seiner nächsten Station im Nobelrestaurant "Voisin" punktet er besonders bei den Stammgästen. Einem britischen Adligen etwa muss er bei jedem Besuch das Menü übersetzen, und zum Ritual gehört das Erfinden absurdester Gerichte: "Zarter Haifisch à la Prince de Galles, Chrysanthemen-Salat Mikado, Mumienkopf-Auflauf à la Suez" - und am Ende bestellt der Gast jedes Mal grinsend Bier und Steak. Doch der Deutsch-Französische Krieg verändert alles. Während der Belagerung von Paris versucht das "Voisin" sogar mit Fleisch von Zootieren weiterzumachen ("Elefantenrüssel mit Jäger-Sauce", diesmal kein Witz), doch spätestens als die Regierung nach Bordeaux und dann Versailles umzieht, leidet das Lokal so sehr, dass Ritz von Bord geht.

Nach einer kurzen Rückkehr in die Schweiz startet er seine Karriere neu, entwickelt sich 1872 vom Kellner bis zum Maître d'Hôtel im Fünfsternehotel "Splendide" in Paris. 1873 zur Weltausstellung in Wien bedient Ritz dort im Nobelrestaurant "Les Trois Frères Provençaux" Kaiser, Könige und Prinzen, findet aber auch Zeit, sich in eine Heurigen-Kellnerin zu verlieben. Danach zieht er - allein - als Restaurantmanager weiter nach Nizza ins Grand Hôtel an der Promenade.

Reisepioniere Visionäre des Nichtstuns
Anfänge des Strandurlaubs

Visionäre des Nichtstuns

Am Strand liegen ist nichts Besonderes? Stimmt - seit ein paar Menschen ein paar Ideen hatten. Auch Bikini und All-Inclusive sind schließlich nicht vom Himmel gefallen.   Von Irene Helmes

Reisen ist in dieser Epoche noch weitgehend ein Privileg der Oberschicht. Aber es sind nicht mehr nur die reichen Europäer, die nach schicken Hotels und Restaurants verlangen. Es entsteht "ein neuer Adel, der amerikanische Millionär", der die europäischen Hotspots liebt, so Marie-Louise später. Dazu kommen "Herrscher aus dem Orient, Millionäre aus Südafrika" und andere "aus aller Herren Länder". Die Sommer in den Bergen, die Winter am Meer - so ist die Mode, und so pendelt Ritz in den folgenden Jahren saisonal zwischen Schweizer Alpen und der Riviera.

Als am Vierwaldstättersee im Hotel "Rigi-Kulm" eine der ersten exklusiven Reisegesellschaften eines gewissen Thomas Cook ausgerechnet bei einem Kälteeinbruch anreist, rettet Ritz die Lage: Aus Palmenkübeln werden Feuerschalen, aus Backsteinen geheizte Fußschemel, und statt kalter Vorspeisen und Eis werden heiße Suppe und flambierte Crêpes serviert: "Er hatte sich als rechter Zauberkünstler entpuppt."

Besonders im Grand Hotel "National" in Luzern tobt Ritz sich im Dekor aus, mit exotischen Pflanzen, extra engagierten Musikkapellen, ans Wetter angepassten Speisekarten. Privat wird die Station als Direktor des "Hôtel les Iles Britanniques" in Menton Folgen haben - dort arbeitet er für Verwandte von Marie-Louise. Die damals Elfjährige bestaunt bei den ersten Zusammentreffen seine Eleganz, "aber schrecklich alt kam er mir vor". Ritz wiederum nennt sie "Kindchen", "worüber ich mich furchtbar ärgerte!"

Geheiratet wird später trotzdem. Ritz ist inzwischen 37 und Marie-Louise 20, gefunden haben sie sich über die gemeinsame Liebe zur Hotellerie. Es folgt der Kauf der ersten eigenen Häuser in Baden-Baden und Cannes. Marie-Louise kümmert sich vor allem um den Kurort, Cäsar um die Riviera. Zum ersten Mal verdient Ritz "scheffelweise Geld". Das Paar opfert auch einmal spontan die eigenen Möbel, um eine Suite für illustre Gäste rechtzeitig schick zu machen, bleibt selbst in leergefegten Zimmern auf kaum mehr als einem Bett sitzen. Auch die persönliche Erscheinung ist Ritz stets allen Aufwand wert: 300 Krawatten, 50 Paar Schuhe, 40 Westen, acht Jacketts und fünf Fräcke muss sein Diener auf dem Höhepunkt seiner Karriere in Schuss halten.

"Fiel ein Vorhang zwischen mir und dieser geschäftigen Welt"

Fast überall mit dabei: Auguste Escoffier, der Meisterkoch. Ritz und Escoffier sind beruflich geradezu seelenverwandt, wollen mit dem Pomp der vergangenen Jahrzehnte in Einrichtung, Service und Küche aufräumen zugunsten einer neuen, detailverliebten Eleganz. Und nicht nur das: Escoffier interessiert sich für die entstehende Forschung zu gesunder Ernährung und passt, wie Marie-Louise später mit Genugtuung betont, seine wegweisende Küche immer mehr "dem Geschmack und den Wünschen der Frau an, der man bis anhin (...) eine absolute Kulturlosigkeit in kulinarischen Dingen nachgesagt hatte". Dabei geht er auch persönlich auf sie ein. Für Marie-Louise komponiert er Gerichte aus der elsässischen Tradition, erobert aber auch Stars wie Schauspielerin Sarah Bernhardt. Und all das passt zu einer generellen Befreiung der Frauen in den 1880er Jahren: In den feinen Hotels können sich auch diese nun zunehmend frei bewegen und werden nicht mehr in Séparées versteckt.

Cäsar geht als Nächstes als Generaldirektor ans "Savoy" in London, doch der Erfolg macht ihm zu schaffen. "He is burning the candle at both ends", zitiert "Mimi" die Engländer, "ja, der Docht von Cäsars ruhelosem Leben brannte an beiden Enden". Es ist längst ein Leben "in ständiger Alarmbereitschaft", zwischen Bahnhöfen, Häfen und Hotels in halb Europa.

Für Marie-Louise ist es zwischendurch schwierig, Schritt zu halten. Sie wird 1891 Mutter - und nachdem sie eben noch Teil der Ritz-Unternehmungen war, aktiv besonders im Einkauf und der Inneneinrichtung, "fiel gleichsam ein Vorhang nieder zwischen mir und dieser geschäftigen Welt". Doch nicht für lange. Weil reiche Amerikaner mittlerweile auch zu Tausenden in Rom einfallen, aber keine schicken Hotels vorfinden, beginnt das Paar Ritz in den 1890ern das nächste Großprojekt. Der kleine Charley bleibt in Obhut der Oma in einem Familienanwesen in Molsheim, während sich Marie-Louise in Kaufhäusern durch Möbelkataloge und Stoffmuster kämpft. Was später dazu führt, dass der erwachsene Sohn die Mutter "wenn eine neckische Stimmung ihn überfällt, im Freundeskreise mit der Behauptung bloßstellt, seine 'Rabeneltern' hätten ihn im zartesten Kindesalter einer trunksüchtigen elsässischen Amme überlassen, die ihn mit Bier genährt habe". Bald wird er aber wieder nachgeholt.