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Reisepioniere auf der Grand Tour:Das mussten sie gesehen haben

British Connaisseurs von James Russel

Fehlt eigentlich nur der Selfie-Stick: "British Connaisseurs in Rome" - ein Ölgemälde von James Russel, um 1750.

(Foto: Wikimedia Commons)

Nette Sommerferien erlebt? Gut so, aber sicher ein Witz im Vergleich zur "Grand Tour". Welch endlose Europatrips sich die Reichen und Schönen von einst gönnten.

"Auch der junge Mensch von heute sollte nach Italien reisen und seinen Geist (...) bereichern". So heißt es in dem Reiseführer "The Voyage of Italy" von Richard Lassels. Gemeint: der junge Mensch aus dem Jahr 1670.

Serie Reisepioniere

In loser Folge stellen wir Ihnen hier denkwürdige Weltenbummler vor.

Denn zu dieser Zeit ist das Reisen schwer in Mode - die "Grand Tour" durch Europa wird zu einem Vorläufer der Bildungsreise und des Tourismus überhaupt. Besonders britische Adelige (und später reiche Bürgerliche) begeistern sich seit dem 16. Jahrhundert zunehmend für ausgedehnte Reisen nach Süden, manche sprechen gar von einer "Sucht nach dem Reisen". Die Bedingungen sind ideal: Junge Männer können sich, teils über Jahre, aus der Heimat Richtung Sonne und Abenteuer verabschieden und das Ganze ist gesellschaftlich bestens akzeptiert. Obwohl es durchaus hoch her geht auf diesen Trips der feinen Gesellschaft.

Denn schon vor etwa 300 Jahren sehen Einheimische das Treiben ihrer Gäste mit gemischten Gefühlen. In einem Zeitungsartikel von 1725 heißt es: "Die englischen Touristen in Paris trinken bis um zwei oder drei Uhr morgens, dann gehen sie nach Hause, es sei denn sie enden in irgendeinem Bordell (...) Die Bilanz ihrer Reise beschränkt sich somit auf eine Aufzählung der leergetrunkenen Flaschen und der käuflichen Liebeleien."

Die vorzeigbare Version dieser Reisen liest sich natürlich etwas anders. Die Grand Tour ist als "Krönung der guten Erziehung" gedacht, verbessert die Karrierechancen (internationales Networking! Soft skills! Vielleicht sogar Fremdsprachen!). Ganz abgesehen von dem Anekdotenschatz, mit dem Rückkehrer wohl sämtliche Abendgesellschaften ihres restlichen Lebens unterhalten können.

Edward Gibbon (1737-1794, selbst Absolvent der Grand Tour und später Autor von "Verfall und Untergang des römischen Reiches") fasst die nötigen Eigenschaften eines Reisenden einmal so zusammen: "Er sollte (...) über eine große, unerschöpfliche Energie verfügen, die jeder Fortbewegungsart standhält und ihm erlaubt, alle Widrigkeiten der Straße, des Wetters und des Gasthauses mit einem Lächeln zu ertragen. Sie muss ihn außerdem zu unermüdlicher Neugier antreiben... All dies bringt ihn dazu, zu jeder Tages- und Nachtzeit Überschwemmungen zu trotzen, Berge zu erklettern oder in Minen hinabzusteigen, sobald sich nur die geringste Gelegenheit zu bieten scheint, sich zu vergnügen oder etwas zu lernen."

Nun reiben sich zwar sicherlich nicht alle auf der Grand Tour derartig auf. Aber in diesen Zeiten ist auch mitten in Europa Abenteuergeist durchaus gefragt. Weder Wellness-Hotels noch Bettenburgen existieren, Straßen sind in teils haarsträubendem Zustand.

Mal eben ein Wochenendtrip nach Rom oder Nizza ist mangels Flugzeugen undenkbar - ganz abgesehen davon, dass das Konzept Wochenende noch nicht existiert. Ebenfalls weit weg: ein grenzenloses Europa. Allein die Organisation der langen Reise mit Schiffen, Kutschen oder streckenweise gar zu Fuß durch unzählige Stadtstaaten, Königreiche und Fürstentümer steigert deshalb Aufwand und Kosten enorm. Nicht selten wird zudem jemand im Laufe seiner Grand Tour ausgeraubt oder zumindest von zwielichtigen Bekanntschaften ordentlich über den Tisch gezogen.

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Schläfplätze bieten entweder kleinere Gasthöfe oder aber entfernte Bekannte und Verwandte. Es gehört auf der Tour unbedingt dazu, das Netz der Beziehungen zu pflegen und zu erweitern, das einem Eltern oder Gönner vorbereitet haben. Außerdem ist normalerweise mindestens ein älterer Begleiter Pflicht, ob in der Variante Diener, väterlicher Freund oder Hauslehrer.

So exzentrisch viele Reisende sind und so unterschiedlich ihre Vorlieben, so sehr etablieren sich schon bei der Grand Tour Orte, die jeder unbedingt gesehen haben will. Kaum ein Engländer, so schimpft im 18. Jahrhundert der Dichter Giuseppe Baretti, interessiere sich in Italien für unbekannte Routen abseits der Hotspots.

Die typische Reise, die Jahre in Anspruch nehmen kann, verläuft also von England per Schiff an die französische Küste, dann weiter über Paris und Lyon in die Provence und zur Côte d'Azur Richtung Alpen. Deren Überquerung gilt als anstrengend und gefährlich und ist damit eher kein Highlight, auf das man sich freut. Ein Engländer beschreibt einen der Bergpässe Mitte des 17. Jahrhunderts so: "Am nächsten Morgen stiegen wir wieder über seltsame, schauerliche, beängstigende Felsengebirge und Einöden, (...) nur von Bären, Wölfen und Wildziegen bewohnt. Unser Blick nach vorne reichte nicht weiter als einen Pistolenschuss...".

Wie fürchterlich, wieder daheim zu sein

Endlich auf der anderen Seite angekommen, geht es möglichst schnell Richtung Florenz, Rom und in den Golf von Neapel mit seinen Inseln, dem Vesuv und Pompeji. Die Spuren der Jahrtausende dort gelten als absoluter Höhepunkt. Nach einem Schlenker über Sizilien kann man auf der Rückreise Orte wie Venedig mitnehmen. Zentren von Kultur und Wissenschaft wie Wien, München, Weimar, Berlin oder weiter im Westen Heidelberg oder Baden-Baden runden die Route ab. Als eines der letzten Naturhighlights steht der Rhein hoch im Kurs, über die Niederlande erreichen die Briten schließlich wieder die Heimat.

Damals wie heute gilt: Je mehr man von den Reisen anderer liest, desto mehr wünscht man sich selbst dorthin. Eine wachsende Zahl an Reiseberichten etabliert die Bildungsreise in den höheren Kreisen, ein eigenes Genre entsteht. Entsprechende Bücher heißen zum Beispiel "The Gentleman's Guide in His Tour Through Italy - with a Correct Map and Directions for Travelling in This Country" (aus dem Jahr 1777). Das Versprechen einer fehlerlosen Landkarte ist dabei kein Zufall, denn der Mangel daran stellt für viele ein ewiges Ärgernis dar.

Gentleman hin oder her, weder ist die Grand Tour je eine rein britische Angelegenheit, noch bleibt sie Männersache. Auch feine Damen wie die Markgräfin von Bayreuth (1709 - 1758), eine Schwester Friedrichs des Großen, machen sich auf. Wilhelmine wird mit Anfang 20 verheiratet, ihr Gatte hat die Grand Tour zu dem Zeitpunkt schon unternommen. Sie selbst muss wegen diverser Krankheiten lange warten, bis ihre heiß ersehnte eigene Reise wahr wird. Erst mit Mitte 40 bricht sie endlich mit ihrem Mann nach Frankreich und Italien auf - zwar inkognito unter einem Decknamen, aber doch mit einem Gefolge von mehreren Dutzend Dienstboten.

Wie zu ihrer Zeit üblich, teilt sie ihre Eindrücke in vielen Briefen mit. Aus Florenz schreibt sie an ihren Bruder, sie sei "wie ein Blinder", der nun langsam die Welt erkennt: "Was ich von Italien gesehen habe, übertrifft alles, was man mir davon erzählt hat. Ich bin oft wie verzaubert und wähne, alles was ich sehe, sei nur ein Traum." Umso stärker der Dämpfer bei der Heimkehr nach Bayern, wo sie alles nur noch im Vergleich zum Süden sehen kann: "Die abgeschmackte Einförmigkeit des Landes hier, die düstere Traurigkeit des Himmels, die Verschlossenheit der Bewohner, das alles zersetzt mein Sein."

Grand Tour

Paar bei der Planung seiner Tour - ein Gemälde von Emil Brack aus dem späten 19. Jahrhundert.

(Foto: Wikimedia Commons)

Solche Rückkehrerdepressionen schrecken andere aber nicht ab, sich selbst auf den Weg zu machen. Ausgedehnte Reisen werden für wohlhabende Europäer zunehmend üblich. Je weiter es ins 19. Jahrhundert geht, desto öfter sind nicht mehr nur reiche, junge Menschen mit ihrer Entourage auf großer Fahrt, sondern auch Familien, junge Paare und Ältere. Es entwickeln sich nach und nach professionelle Reiseanbieter, es gibt Ratgeber für passende Reisemode, sogar Vorläufer praktischer Outdoorkleidung.

Doch das Geheimnisvolle, Unentdeckte scheint immer schwerer zu finden. Die Schriftstellerin Anna Jameson klagt bei der Abreise aus Paris: "Ist nicht alles, was noch über Paris (...) gesagt werden könnte, schon in den getreuen Berichten vieler berühmter Reisender erzählt worden?" Es ist das Jahr 1826.

Die Zitate beziehungsweise ihre Übersetzungen wurden entnommen aus "Als Reisen eine Kunst war" von Attilio Brilli, erschienen 1997 im Verlag Klaus Wagenbach, sowie "Adlige auf Tour" von Thomas Freller, erschienen 2007 im Jan Thorbecke Verlag.