Süddeutsche Zeitung

Reisen ohne Kinder:Ist die Aufregung um kinderfreie Hotels übertrieben?

Sie sind im Trend - und werden zugleich als Auswuchs der Ego-Gesellschaft kritisiert. Die Soziologin Paula-Irene Villa plädiert für mehr Gelassenheit.

Interview von Monika Maier-Albang

Genaue Zahlen über die Beliebtheit kinderfreier Hotels gibt es nicht, nur einen Trend: Sie werden immer stärker nachgefragt - auch in Deutschland. Die Antidiskriminierungsstelle des Bundes hat Hotelangebote, die Menschen unter 16 kategorisch ausschließen, zuletzt als problematisch eingestuft. Die Münchner Soziologin Paula-Irene Villa hält diese Einschätzung für überzogen.

SZ: Kinder wollen laut sein und Erwachsene ihre Ruhe. Ist es da nicht logisch, dass sich kinderfreie Hotels entwickelt haben?

Paula-Irene Villa: Ja, ist es. Es ist Ausdruck einer Pluralisierung der Gesellschaft, die wir momentan in vielen Lebensbereichen erleben. Das heißt: Immer mehr Bereiche des Alltags und eben auch der Freizeit und des Urlaubs werden in unterschiedlicher Weise von uns selber gestaltbar.

Das klingt unaufgeregt. Es gibt aber viele Eltern, die sich über kinderfreie Hotels sehr erregen können. Und andererseits Menschen, die ebenso vehement für solche Hotels eintreten. Warum ist das so ein emotionales Thema?

Weil es einen ethischen Maßstab und unser moralisches Empfinden verletzt, wenn jemand einfach aufgrund seines Alters aus der Öffentlichkeit ausgeschlossen wird. Wir haben eigentlich den gesellschaftlichen Konsens, dass man im öffentlichen Raum mit allen Menschen rechnen muss und möglichst pragmatisch mit ihnen auskommen sollte.

Die Eltern fühlen sich in ihrem Lebensentwurf angegriffen?

Genau. Menschen, die Kinder haben, identifizieren sich meist ganz stark damit. Die Kinder sind Teil ihrer selbst, gehören zum Kern ihres Wesens. Wenn nun andere sagen: Die mögen wir nicht, die wollen wir nicht dabeihaben, ist das intuitiv erst mal ein Affront.

16+

Da ist zum Beispiel das Hotel Esplanade im brandenburgischen Kurort Bad Saarow, das seit November letzten Jahres nur noch Erwachsene und Fast-Erwachsene in seine Zimmer und Solebäder lässt. Man sieht es nicht auf den ersten Blick; ein kleiner Button im Eck der Webseite zeigt an: "16+". Im bayerischen Bodenmais hat das "Erwachsenenhotel" Dolce Vita schon länger mit dem Konzept Erfolg. An die 40 solcher Hotels, in denen Kinder erklärtermaßen unerwünscht sind, soll es mittlerweile in Deutschland geben, weltweit mehr als 600. Auch die Webseite "Urlaub-ohne-Kinder" verspricht Erholung von den eigenen Kindern - oder ohne fremde Kinder. Auf der anderen Seite ziehen sich viele Familien in Kinderhotels zurück - nicht nur, weil es dort Wickelauflagen im Bad und Streicheltiere vor der Haustür gibt. Sondern weil sie sich andernorts zunehmend unerwünscht fühlen.

Monika Maier-Albang

Dazu kommt, dass Urlaub den Menschen sehr wichtig ist.

Dem Urlaubsgedanken wohnt die sehr wirksame Idee inne, dass diese Zeit unsere Eigentlichkeit ist - in der wir den Zwängen der Erwerbsarbeit entkommen, uns selbst verwirklichen, zu uns finden. Kommt zum Urlaubs- das Kinder-Thema hinzu, hat es eine doppelte Bedeutung, weil wir über Kinder unseren moralischen Wert und auch politische Normen verhandeln. Eine gute Mutter zu sein heißt, ein guter Mensch zu sein. Eine gute Familie zu sein, heißt ein guter Bürger oder eine gute Bürgerin und damit ein wertvolles Gesellschaftsmitglied zu sein. Das ist wahnsinnig überhöht und emotional aufgeladen.

Man sollte das Thema also gelassen angehen?

Das wäre gut. Das, was dir das Liebste ist, muss eben nicht jeder teilen. Gleichzeitig ist der Ausschluss - hier von Kindern - natürlich eine Form von Diskriminierung, die ethisch sehr schwierig zu begründen ist.

Aber eben ein Grad von Diskriminierung, den Eltern ertragen müssen?

Ich verstehe, dass man sich darüber empört. Aber es ist auf der anderen Seite das gute Recht jedes Menschen, zu sagen: Ich will jetzt Ruhe. Genauso wie man sich für einen Campingplatz entscheidet, der kein Animationsprogramm am Abend hat oder eben für einen Urlaub, wo ausschließlich Familien mit Kindern mitfahren.

Kinderfreie Hotels sind also kein Ausdruck einer zunehmend kinderfeindlichen Gesellschaft?

So einfach ist das auch wieder nicht. Denn Deutschland ist tatsächlich nicht so kinderfreundlich, dass man sagen könnte: Es ist doch okay, Oasen zu haben, in denen Kinder ausdrücklich nicht erwünscht sind. Es ist also nicht auszuschließen, dass der kinderfreie Urlaub auch Spuren von Kinderfeindlichkeit enthalten kann. Ich würde empirisch sogar davon ausgehen.

Freiheitsgewinn oder Verlust für die Gesellschaft?

Zeigt sich nicht allein daran, dass wir Kinder am Pool als störend empfinden, dass unsere Gesellschaft zunehmend kinderentfremdet ist?

Das würde ich so nicht sagen. Das würde bedeuten, dass früher alles besser war. Diese glorreiche Vergangenheit gab es aber nicht. Früher hat man Kinder dauernd ermahnt, still zu sein, man hat ihnen verboten, dieses oder jenes zu tun, man hat sie weggeschickt mit der Aufforderung, vor dem Abend nicht wiederzukommen; man hat sie auch durchaus verprügelt, damit sie "Benehmen lernen". Ich würde eher sagen: Die kinderfreien Hotels sind Ausdruck einer gesteigerten Gestaltbarkeit unseres Lebens. Dass wir uns heute aussuchen können, Kinder zu haben oder eben keine zu haben, ist ein Freiheitsgewinn. Frauen müssen nicht mehr viele Kinder bekommen, um gute Frauen zu sein. Kinder sind zu einem Teil des Lebens geworden, den man plant, über den man entscheidet, dem man nicht ausgeliefert ist. Damit einher geht eben auch die Möglichkeit, das Leben mit Kindern zu gestalten - oder eben ohne sie. Dauerhaft, oder eben nur mal im Urlaub.

Demnach wären kinderfreie Hotels auch ein Freiheitsgewinn für die Kinder: Sie müssen nicht mit Erwachsenen zusammen sein, die von ihnen genervt sind.

Genau.

Aber ist es nicht ein Verlust für die Gesellschaft, wenn sich immer mehr Menschen nur noch mit Gleichgesinnten umgeben, wenn man sich seine Wohlfühl-Wirklichkeit schafft?

Man kann es als Teil dieser problematischen Entwicklung sehen, die wir in der Soziologie Cocooning nennen. Wir erleben das momentan in unserer Debattenkultur, nämlich dass sich Menschen sehr stark in ihren eigenen Haltungen und ihresgleichen einspinnen. Aber: Hotels ohne Kinder sind kein Symptom dafür. Auch hier ist der Kontext entscheidend.

Was bedeutet das?

Für eine Lehrerin beispielsweise kann es ja mal sehr entlastend und damit wirklich erholend sein, kein Kindergequengel zu haben. Wir wollen im Urlaub ja oft genau das, was wir im Alltag nicht haben. Viel schlimmer ist es doch, wenn Eltern sagen: Ich will, dass meine Kinder in der Schule nur unter ihresgleichen sind oder ich will in meinem Viertel nur unter meinesgleichen sein. Im Urlaub kennen wir die Segmentierung schon lange. Es gibt hier abgeschottete, homogenisierte Milieus, etwa die Toskana-Fraktion oder Leute, die auf die Alm fahren oder all-inclusive pauschal in die Dominikanische Republik. Das ist cocoonhaft: Sehr homogene Milieus machen an bestimmten Orten Urlaub in der Erwartung, dass sie auf ihresgleichen treffen. Oft passiert diese Segmentierung auch übers Geld. Achten Sie darauf, ob Sie an einem Urlaubsort die Süddeutsche Zeitung, Die Zeit oder die Bild am Kiosk kaufen können. Bei der Kinder-Debatte hat die Abgrenzung zumindest eine bestimmte Begründung, das finde ich redlicher.

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Quelle:
SZ vom 24.03.2016/ihe
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