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Reisen ohne Kinder:Freiheitsgewinn oder Verlust für die Gesellschaft?

Zeigt sich nicht allein daran, dass wir Kinder am Pool als störend empfinden, dass unsere Gesellschaft zunehmend kinderentfremdet ist?

Das würde ich so nicht sagen. Das würde bedeuten, dass früher alles besser war. Diese glorreiche Vergangenheit gab es aber nicht. Früher hat man Kinder dauernd ermahnt, still zu sein, man hat ihnen verboten, dieses oder jenes zu tun, man hat sie weggeschickt mit der Aufforderung, vor dem Abend nicht wiederzukommen; man hat sie auch durchaus verprügelt, damit sie "Benehmen lernen". Ich würde eher sagen: Die kinderfreien Hotels sind Ausdruck einer gesteigerten Gestaltbarkeit unseres Lebens. Dass wir uns heute aussuchen können, Kinder zu haben oder eben keine zu haben, ist ein Freiheitsgewinn. Frauen müssen nicht mehr viele Kinder bekommen, um gute Frauen zu sein. Kinder sind zu einem Teil des Lebens geworden, den man plant, über den man entscheidet, dem man nicht ausgeliefert ist. Damit einher geht eben auch die Möglichkeit, das Leben mit Kindern zu gestalten - oder eben ohne sie. Dauerhaft, oder eben nur mal im Urlaub.

Demnach wären kinderfreie Hotels auch ein Freiheitsgewinn für die Kinder: Sie müssen nicht mit Erwachsenen zusammen sein, die von ihnen genervt sind.

Genau.

Aber ist es nicht ein Verlust für die Gesellschaft, wenn sich immer mehr Menschen nur noch mit Gleichgesinnten umgeben, wenn man sich seine Wohlfühl-Wirklichkeit schafft?

Man kann es als Teil dieser problematischen Entwicklung sehen, die wir in der Soziologie Cocooning nennen. Wir erleben das momentan in unserer Debattenkultur, nämlich dass sich Menschen sehr stark in ihren eigenen Haltungen und ihresgleichen einspinnen. Aber: Hotels ohne Kinder sind kein Symptom dafür. Auch hier ist der Kontext entscheidend.

Was bedeutet das?

Für eine Lehrerin beispielsweise kann es ja mal sehr entlastend und damit wirklich erholend sein, kein Kindergequengel zu haben. Wir wollen im Urlaub ja oft genau das, was wir im Alltag nicht haben. Viel schlimmer ist es doch, wenn Eltern sagen: Ich will, dass meine Kinder in der Schule nur unter ihresgleichen sind oder ich will in meinem Viertel nur unter meinesgleichen sein. Im Urlaub kennen wir die Segmentierung schon lange. Es gibt hier abgeschottete, homogenisierte Milieus, etwa die Toskana-Fraktion oder Leute, die auf die Alm fahren oder all-inclusive pauschal in die Dominikanische Republik. Das ist cocoonhaft: Sehr homogene Milieus machen an bestimmten Orten Urlaub in der Erwartung, dass sie auf ihresgleichen treffen. Oft passiert diese Segmentierung auch übers Geld. Achten Sie darauf, ob Sie an einem Urlaubsort die Süddeutsche Zeitung, Die Zeit oder die Bild am Kiosk kaufen können. Bei der Kinder-Debatte hat die Abgrenzung zumindest eine bestimmte Begründung, das finde ich redlicher.

Paula-Irene Villa, 2015

Die Soziologin Paula-Irene Villa lehrt an der Ludwig- Maximilians-Universität in München. Zu den Schwerpunkten ihrer Forschung gehören Gender Studies.

(Foto: Alessandra Schellnegger)
© SZ vom 24.03.2016/ihe

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