Hin und weg:Den Mutigen gehört die Welt

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Hin und weg: Einmal lächeln: 500 Euro. Schnappschüsse vor dem Kolosseum können teuer werden.

Einmal lächeln: 500 Euro. Schnappschüsse vor dem Kolosseum können teuer werden.

(Foto: Alessandro Di Meo/dpa)

Das Schöne am Reisen ist, dass man Erfahrungen sammeln kann. Manchmal auch sehr kostspielige.

Glosse von Jochen Temsch

Skifahren unterscheidet sich vom Reisen im Wesentlichen darin, dass es erwartbar und halbwegs berechenbar ist. Das heißt nicht, dass das Herabsausen von beschneiten Hängen und alles, was dazugehört, keine schönen und bösen Überraschungen böte. Die Entdeckung einer urigen Hütte mit besonders fluffigem Kaiserschmarrn im Angebot ist genauso drin wie eine Spiralfraktur des Schienbeins. Aber alles in allem weiß man doch schon vorher, was auf einen zukommt und was der Spaß kostet. Den Großteil ihres Budgets haben Skifahrer schon ausgegeben, bevor sie mit Skifahren beginnen. Ein Ticket zu bezahlen, ist die Voraussetzung dafür, dass sich das Drehkreuz an der Talstation bewegt und sich die Sphäre des Wintersports öffnet. Ein Tag auf der Piste hat mehr von Kino als von Abenteuer.

Erst den Kellner, dann die Carabinieri rufen: Die Klagen abgezockter Touristen häufen sich

Zu den großen Vorzügen des Reisens dagegen zählt es, Erfahrungen sammeln zu dürfen, also etwas zu lernen und - hätte, hätte Fahrradkette - es nächstes Mal besser zu machen. Reisende geraten immer wieder in Situationen, die das, was sie gewohnt sind, übersteigen und die sie deshalb nicht mit Routinereaktionen bewältigen können. Je nach Touristentyp geht die eine rational, der andere intuitiv heran, aber jeder letztendlich, ohne zu wissen, wie es endet, also unsicher. Ein Umstand, die den Reisenden weniger freundlich gesinnte Zeitgenossen, einst Räuber oder Wegelagerer genannt, auszunutzen wissen. Dann sitzt man beispielsweise in einem Restaurant in Rom, fühlt sich ein bisschen angeschickert vom Dolce Vita und bestellt übermütig statt der ollen Pizza Funghi wie daheim bei Giuseppe an der Ecke einen Teller Pasta mit Fisch freschissimo, der angeblich in der Küche abgewogen wird - und kriegt mit dem Caffè zum Abschluss den Kassenzettel auf den Tisch geknallt: 429,80 Euro für zwei Teller Spaghetti, prego. Zeitungen und Internetforen sind voll von Klagen Reisender, die in Rom erst den Kellner, dann die Carabinieri gerufen haben.

Aber auch die Wegelagerer lernen dazu. Sie tarnen sich erst gar nicht mehr umständlich mit schwarzen Hosen und weißen Hemden als Bedienungen. Sie sehen direkt aus wie Menschen, die einem an den Geldbeutel wollen: In Riemchensandalen und rotem Umhang, mit buschigem Cassis - und Schwert! - stehen sie etwa vor dem Kolosseum und bieten sich für Schnappschüsse an. Helm und Umhang sollen nach antiken Soldaten ausschauen, das Schwert dient zur Eintreibung des Solds: Bis zu 500 Euro verlangten drei Pseudolegionäre im vergangenen Sommer für ihre kurzen Dienste. Den Preis nannten sie erst nach dem Posieren. Wie die römische Polizei jetzt bekannt gab, zwangen sie ihre Opfer teils mit Gewalt, den Obolus zu entrichten, und eskortierten sie zum Geldautomaten.

Wieder eine Erfahrung: Wer auf Reisen etwas erleben will, fragt sich nicht, was es kostet. Der macht einfach und lässt sich überraschen. Den Mutigen gehört die Welt.

Hin und weg: Jochen Temsch isst gerne Fisch in Rom. Aber nur an Orten, die weit entfernt von Menschen liegen, die als Legionäre verkleidet sind.

Jochen Temsch isst gerne Fisch in Rom. Aber nur an Orten, die weit entfernt von Menschen liegen, die als Legionäre verkleidet sind.

(Foto: Bernd Schifferdecker (Illustration))
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