bedeckt München 30°

Corona-Quarantäne im Thailand-Urlaub:Hiergeblieben

Es zeigt Joan Haydon, Gast in Kamalaya auf Koh Samui, Thailand.
Fotocredit: Kamalaya
Onlinerechte: ja
KEIN Verfalldatum für die Veröffentlichung.

Joan Haydon, Gast in Kamalaya auf Koh Samui, beim Meditieren - nicht nur dort ist sie fast allein.

(Foto: Kamalaya)

Ein Resort auf Koh Samui bietet seit März Zuflucht für acht Gäste und knapp fünfzig Angestellte. Wie fühlt es sich an, diese Krise in Luxus-Isolation zu erleben?

Auch nach mehreren Monaten in der Isolation vermisst Emily Sarkies ihre Heimat Australien nicht. Wie auch? Vor ihrem Bürofenster wachsen Palmen, Papaya- und Hibiskussträucher, dahinter schimmert lichtblau der Ozean. "Ich nehme die Natur um mich herum nun noch intensiver wahr, ich lausche der Stille, beobachte Wassertropfen auf einer Lotusblüte oder das Spiel des Lichts im Blattgrün", erzählt sie. Seit zweieinhalb Jahren arbeitet sie als Heilpraktikerin und Wellnessberaterin im Spa-Resort Kamalaya auf der thailändischen Insel Koh Samui.

Diese innere Ruhe sei während des Shutdowns sogar noch gewachsen, erklärt Emily. Denn während im März alle Hotels und Restaurants ringsherum schlagartig schlossen und ihr Personal entließen, mussten die Mitarbeiter des Kamalaya sich keine Sorgen um ihren Job machen. Alle durften bleiben. Bei Normalbetrieb arbeiten dort 350 Menschen daran, den bis zu 100 Gästen eine schöne Auszeit vom Alltag zu bereiten. "Es wäre unvereinbar mit unserer Philosophie und unserem Menschenbild, sie einfach vor die Tür zu setzen", sagen die Besitzer, der Kanadier John, 66, und die US-Amerikanerin Karina Stewart, 58, im Zoom-Telefonat.

Auch die Gäste durften bleiben, wenn sie wollten, wenn sie nicht wussten wohin oder keine Rückflüge in die Heimat mehr ergattern konnten. "Für uns war sofort klar: Das Haus bleibt offen", betont John Stewart. Bis heute nahmen acht Gäste das Angebot an - darunter eine Engländerin, ein dänisches Paar und eine Italienerin. Letztere ist besonders froh, hier zu sein. Sicher, auch das Resort ist eine Art Goldener Käfig, denn raus und rein nach Belieben kann hier niemand. Alle Bewohner und Mitarbeiter sind in Quarantäne, auch wenn es sich vielleicht nicht so anfühlt. Aber eine Ausgangssperre mit tropischem Garten und Strand ist ohne Frage leichter zu ertragen als in einer Wohnung in Italien.

So gehen die Tage im Resort weiter wie vorher: morgens um halb acht Meditation, danach Yoga, Frühstück, tagsüber geht es an den Strand oder zum Coaching, zur Teezeremonie, zu Atemübungen. Auch Körperbehandlungen und das Schwimmen im Pool sind inzwischen wieder erlaubt.

Hotel aussen, Kamalaya

Corona-Einsamkeit herrscht seit März auch am Pool.

(Foto: Kamalaya)

Immer 49 Mitarbeiter kümmern sich im 14-tägigen Turnus um die wenigen Gäste. Während dieser Zeit leben sie selbst mit im Resort und dürfen am täglichen Programm teilnehmen. "Unsere Idee war es, diese Zeit zu nutzen für einen Perspektivwechsel", sagt Karina Stewart. Soll heißen: Die Mitarbeiter schlüpfen in ihrer Freizeit in die Rolle der Gäste. "Wir wollten, dass sie erfahren, was sonst die Gäste hier erleben." Ist ihr Einsatz beendet, leben sie zu Hause bei ihren Familien - ebenfalls in Isolation, die Bezahlung läuft weiter. Sind die Stuarts Traumtänzer, Idealisten, die nicht rechnen können? "Keineswegs", sagt John Stewart, "am Ende des Tages müssen wir Geld verdienen, Gewinne erzielen. Aber das wollen wir mit unseren Leuten, die immer loyal zu uns gestanden haben." Nun sei es Zeit, etwas zurückzugeben.

So treffen sich nun Köche, Fahrer, Zimmermädchen und Therapeuten mit Gästen beim Meditieren oder beim Yoga. Ganz neue Freundschaften entstünden dadurch, sagt Leila Abachi, die als Homöopathin und Ernährungstherapeutin angestellt ist, im Videotelefonat. "Wir spüren noch deutlicher, wie alle und alles miteinander verbunden sind." Ein wenig esoterisch angehaucht ist hier nicht nur das Personal, auch die Gäste, die dieses Resort auswählen, sind es.

Zum Beispiel Joan Haydon und ihr Mann Brandon aus Chicago. Sie beschreiben Dankbarkeit und tiefe Verbundenheit mit John und Karina - für ihr Angebot, bleiben zu dürfen, zu einem sehr fairen Preis, wie Joan sagt. Das Paar ist auf verspäteter Hochzeitsreise. "Wir haben uns vier Jahre vorbereitet", erzählt sie. Ihre Jobs und die Wohnung haben sie vor der Abreise gekündigt, nach Hause zurück hätten sie nicht so ohne weiteres gekonnt. Angesichts der vielen Corona-Toten und der aktuellen Krise in den USA sind sie im Resort auf der Insel vermutlich besser aufgehoben als in der Heimat.

Sind dann also alle happy im Reich des Lotus, wie Kamalaya übersetzt heißt? Nicht ganz: Denn ausgerechnet die Stewarts können diese ungewöhnliche Zeit nicht zusammen verbringen. Vierzehn Stunden, viele Tausend Kilometer und eine beträchtliche Zeitverschiebung liegen zwischen den beiden, seit der Shutdown das Paar auseinandergerissen hat. Ende März war Karina Stewart in die USA geflogen, um ihre Mutter nach Thailand zu holen. "Wir waren schon auf dem Flughafen in Bangkok, bereit zum Weiterflug nach Koh Samui", sagt sie. Doch die Beamten waren unerbittlich - und schickten Mutter und Tochter zurück nach Arizona. Karina Stewart macht das Beste draus: "Wir treffen uns auf Zoom zu einer Art Candlelight Breakfast", scherzt sie. Seit Monaten konferieren sie täglich und besprechen alles Geschäftliche. "Es ist schrecklich, ich vermisse John furchtbar", sagt sie. Da ist es vermutlich hilfreich, dass John als junger Mann 16 Jahre in einem Kloster im Himalaya gelebt hat. "Ich stehe täglich bei Sonnenaufgang auf und meditiere", sagt er.

Mit Einsamkeit könne er umgehen, doch das Paar hofft trotzdem, dass die Einreisesperre spätestens Anfang Juli fällt und sie dann wieder vereint sind. Karina, die in Princeton Akupunktur, Traditionelle Chinesische Medizin, Anthropologie und asiatische Religionen studiert hat, entwickelt bereits neue Ideen für die Angebote im Resort nach der Pandemie - für Behandlungen, die das Immunsystem stärken, die noch stärker auf Berührung zielen. Vermutlich sind nach der langen Zeit des erzwungenen Abstandhaltens viele Menschen ausgehungert nach Berührung. "Aber bis es so weit ist, arbeiten wir mit den anderen Sinnen - mit Geruch, Geschmack, Klängen und visuellen Anreizen", sagt sie.

Noch hat Emily Sarkies Zeit, mit dem Strandkellner Khun Chris zu philosophieren und eine Raupenfamilie auf ein sicheres Blatt umzusiedeln. Sie übt mit der Kellnerin Khun Nan Stand-up-Paddeln und macht Stretching mit Khun Pam, der stillen Zimmerfrau. Aber langsam fährt das Leben auch außerhalb der Resort-Mauern wieder vorsichtig hoch. Erste Restaurants und Geschäfte öffnen, auch Massagesalons sollen bald wieder arbeiten dürfen.

Die Erste-Klasse-Quarantäne dürfte also bald enden. Wie lange sie noch bleiben wollen? "Wir wissen es wirklich nicht", sagt Joan Haydon. Eilig wegzukommen haben sie und ihr Mann es jedenfalls nicht.

© SZ.de/ihe/edi
Coronavirus Pandemic Causes Climate Of Anxiety And Changing Routines In America

SZ Plus
Urlaubsorte in der Coronakrise
:Postkarten, die wir nie bekommen wollten

Die Touristen sind weg, die Einheimischen zu Hause, die Sehnsuchtsorte menschenleer. Eine Weltreise durch die neue Einsamkeit.

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite