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Reiseführer Zürich:Stichworte

Von provinzieller Enge keine Spur: Die Wirtschaft und die Kultur, aber auch die Probleme Zürichs haben großstädtischen Zuschnitt

Banken

Die Gründung der Zürcher Börse legte 1877 den Grundstein für den Aufstieg der Stadt zur Finanz-, Wirtschafts- und Handelsmetropole. Die Börse ist mit einem Jahresumsatz von fast einer Milliarde US-Dollar die sechstgrößte in Europa und die zehntgrößte der Welt. Zürich bietet heute rund 360 000 Arbeitsplätze, wovon 80 Prozent auf den Dienstleistungssektor entfallen. Zürich ist schweizweit gesehen die Stadt der Banken und Versicherungen und nimmt als solche auch weltweit eine einzigartige Stellung ein. Denn der Finanzplatz Schweiz hat sich auf den Handel mit Privatvermögen spezialisiert, und in diesem Bereich kontrollieren die hiesigen Banken 80 Prozent des europäischen und 35 bis 45 Prozent des weltweiten Handels. Das bedeutet, dass fast die Hälfte aller privaten Vermögen in oder über die Schweiz und die Bankenstadt Zürich verwaltet werden. Diese „guten Dienste“ der Banken fügen dem Image des Landes aber auch immer wieder Schaden zu. Vor allem in Zusammenhang mit Steuerfluchtgeldern und Erlösen aus dubiosen Geschäften kommen die Geldinstitute in schöner Regelmäßigkeit immer wieder mal in die Schlagzeilen.

Dada

Im Febuar 1916 gründeten die Pazifisten Hugo Ball, Emmy Hennings, Hans Arp, Sophie Taeuber, Marcel Janco und Tristan Tzara die Künstlerkneipe Cabaret Voltaire an der Spiegelgasse 1 im Niederdorf. Später stieß noch der Berliner Medizinstudent Richard Huelsenbeck dazu. Die Bewegung, die radikal mit den gängigen Kunst- und Literaturbegriffen brach, breitete sich schnell nach Paris, Berlin, Hannover, Köln, Spanien und New York aus. Der Wahnsinn der Zeit führte zu einem immer rigoroseren Auftreten mit wilden Gebärden, hämmernder Musik, einer zersäbelten Sprache, unkonventionellen Bildern und Collagen. Nach nur fünf Monaten wurde das Voltaire damals schon wieder geschlossen, doch Dada war geboren. Heute ist das Cabaret Voltaire www.cabaretvoltaire.ch Café Di–Sa 12–24, So 12.30–18.30, Ausstellung Di–Fr und So 12.30–18.30 Uhr Tram Neumarkt wieder geöffnet: Nach langem Tauziehen um die Nutzung des Hauses wurde 2004 mit finanzieller Hilfe der Uhrenfirma Swatch ein künstlerisches Begegnungszentrum eingerichtet. Das Cabaret Voltaire besteht aus einem Ausstellungsraum, einer Bibliothek, einer Veranstaltungsbühne, einem Shop und einer Cafébar.

Flughafen

Der Schock war groß, als die Swissair, ein schweizerisches Symbol, 2001 zusammenbrach. Den Flughafen Zürich traf dies inmitten großer Ausbaupläne. Inzwischen ist die Nachfolgegesellschaft Swiss International Air Lines, eine Tochter der Lufthansa, erfolgreich und der Flughafen Zürich einer der schönsten und größten in Europa. Ein privatisiertes Unternehmen betreibt ihn im Auftrag des Bundes. Auf den Ranglisten der besten Flughäfen der Welt lag er 2011 auf dem zweiten Platz, zudem wurde er zum besten Umsteigeflughafen Europas gewählt. Der Flughafen ist sehr eng an die Stadt angebunden, seit 2008 sogar mit einem Tram. War früher die Aussichtsterrasse mit dem Blick auf startende und landende Flugzeuge ein beliebtes Ziel für sonntägliche Familienausflüge, so zieht der Flughafen heute auch mit seinem Shoppingcenter, mit Business-Centern und einem schicken Hotel mit Konferenzräumen viele Besucher aus Stadt und Umgebung an. Zürich ist ohne dieses internationale Tor nicht mehr denkbar – daran ändern auch die endlos scheinenden Streitigkeiten über Einflugschneisen und Fluglärm über die Grenzen hinweg nichts.

Gast-Arbeiter

Über 385 000 Einwohner zählt die Stadt Zürich heute. Fast jeder Dritte, d.h. über 30 Prozent stammen aus dem Ausland. Grund dafür sind die Banken und der Dienstleistungssektor im Allgemeinen. 90 Prozent der Arbeitsplätze in der Stadt gehören in diesen Bereich. Insgesamt gibt es in Zürich fast so viele Arbeitsplätze wie Einwohner. Die Stadt bietet damit neun Prozent aller schweizerischen Arbeitsplätze. 40 Prozent aller Schweizer Stellen in Kreditinstituten entfallen auf die Region Zürich. Dafür braucht es viele gut qualifizierte Leute aus dem Ausland, denn Schweizer Fachleute gibt es dafür zu wenig. Viele internationale Firmen haben zudem ihren europäischen Sitz in Zürich und beschäftigen hier Spezialisten aus ihrem Heimatland. Die weitaus größte Ausländergemeinde bilden die Deutschen. Seit Inkrafttreten der bilateralen Verträge zwischen der Schweiz und der EU 2002 lockt Zürich immer mehr Menschen aus dem nördlichen Nachbarland an. Bald 30 000 „Gastarbeiter“ sind es inzwischen – damit stammt jeder vierte Ausländer in Zürich aus Deutschland. Die zweitgrößte Ausländergruppe, die allerdings nur noch halb so groß ist, stellt Italien, die drittgrößte Serbien, Montenegro und der Kosovo mit zusammenrund 8000 Personen – Tendenz sinkend. Insgesamt leben Menschen aus 166 Ländern in der Limmatstadt. Mit ausländischen Mitbürgern zu leben ist in Zürich also eine Selbstverständlichkeit. Selbst an deutsche Tramchauffeure hat man sich inzwischen gewöhnt, nur wenn die Deutschen die anstatt das Tram sagen, schütteln Einheimische den Kopf ...

Grünes Zürich

Im Jahr 2008 entschied die Zürcher Bevölkerung in einer Abstimmung mit einem Ja-Stimmenanteil von 78 Prozent, den Energieverbrauch und die CO 2 -Emissionen gemäß den Zielen der 2000-Watt-Gesellschaft zu senken. Demnach soll die Stadt in nicht allzu ferner Zukunft nur noch 2000 Watt Energie pro Person und Tag verbrauchen – heute sind es 6000 – und den CO 2 -Ausstoß auf eine Tonne pro Person reduzieren. Um dieses ehrgeizige Ziel zu erreichen, wird in vielen Bereichen gearbeitet. Sämtliche Gebäude der Stadt werden auf energietechnische Optimierungen hin untersucht, Erd- und Fernwärmeprojekte werden angeschoben, Alternativen zu fossilen Energieträgern und zur Atomenergie entwickelt. Unter anderem hat die Stadt fünf Windparks in Deutschland gekauft. Im Alltag ist die ökologische Ausrichtung der Stadt vor allem am Verkehrskonzept sichtbar: Die öffentlichen Verkehrsmittel haben absoluten Vorrang, in der Innenstadt ist der Autoverkehr größtenteils eingeschränkt und die Fahrradfahrer haben trotz der vielerorts beengten Straßenverhältnisse eigene Fahrspuren. Weniger offensichtlich, aber ebenfalls interessant: Die Stadtpolizei trägt seit 2009 Uniformhemden aus Biobaumwolle. Biologisch einzukaufen ist in Zürich generell zu einem Teil der politischen Correctness geworden. Und spätestens seit der Großhändler Coop im großen Stil in die Vermarktung von Kleidung aus biologisch hergestellter Baumwolle eingestiegen ist und dafür die schöne Ex-Miss-Schweiz Melanie Winiger als Aushängeschild gewonnen hat, hat biologische Kleidung ihren alternativen Touch verloren und ist trendy geworden. Was Frau Winiger auf den Werbeplakaten trägt, ist meist innerhalb weniger Tage ausverkauft.

Immigrantenkultur

Der Strom von Immigranten während des Ersten und Zweiten Weltkriegs gab dem kulturellen Leben Zürichs großen Auftrieb. Um 1916 gründete der Pazifist Hugo Ball zusammen mit Tristan Tzara, Hans Arp und anderen das Cabaret Voltaire an der Spiegelgasse im Niederdorf, wodurch Zürich zum Zentrum des Dadaismus wurde.

Auch Lenin, der in der Schweiz die Russische Revolution sozusagen plante, und Albert Einstein, der der ETH zu bedeutendem Ansehen verhalf, gehörten zeitweise zu den geduldeten Ausländern. Sie übten jedoch keinen direkten kulturellen oder politischen Einfluss auf das Stadtleben aus. Vor und während des Zweiten Weltkriegs, als viele Intellektuelle, Künstler und Schauspieler auf der Flucht vor dem deutschen Nationalsozialismus in Zürich strandeten, erlebte vor allem das Schauspielhaus eine Hochblüte, von deren Glanz es zum Teil heute noch zehrt.

Industriekultur

Zürichs städtebauliche Entwicklung vollzieht sich in den Industriegebieten. Stillgelegte Fabrikareale bilden den Grundstoff für neues urbanes Leben. Den Anfang machte 1996 die Umnutzung der Seifenfabrik Steinfels in einen Kinokomplex mit schicken Loftwohnungen. 1999 folgte auf dem Areal einer Textilfabrik die große Wohnsiedlung Limmat-West, 2001 die Verwandlung der Schiffbauhalle in ein Theater-, Konzert- und Gastronomiezentrum. Heute ist Zürich-West der trendigste Stadtteil mit dem dichtesten Angebot an angesagten Bars und Lounges – so dicht, dass die erste Generation der seinerzeit hergezogenen Trendsetter sich schon nach einem ruhigeren Stadtteil umsieht. In Oerlikon ist auf dem Areal der Maschinenfabrik der Stadtteil Zürich-Nord mit einem ungewöhnlichen Park und Wohnsiedlungen entstanden, und an der Sihl steht auf dem Gelände der Papierfabrik der Kultur-, Einkaufs- und Hotelkomplex Sihlcity.

Innovationszentrum

Spätestens seit Google seinen europäischen Entwicklungsstandort in Zürich eröffnete, hat die Stadt den Ruf eine Innovationsmetropole von Weltrang zu sein. Google schuf neue Maßstäbe, was die Arbeitsplatzgestaltung anbelangt und zieht daher auch viele junge Berufstätige in die Stadt. Aber auch andere Großkonzerne arbeiten in der Entwicklung neuer Technologien eng mit Zürcher Institutionen zusammen. Disney betreibt mit der ETH Zürich das Disney Research Centre. Am Zürcher Labor forschen Computerwissenschaftler an neuen Technologien für die Unterhaltungsindustrie – vom 3-D-Kino für zu Hause bis zu neuen Präsentationstechniken in den großen Themenparks. Und immer häufiger interessiert sich ein ausländischer Konzern für einen der sogenannten Spin-Offs der ETH, die auf Basis von Forschungsergebnissen gegründeten und von der Hochschule unterstützten Firmen, die die Umsetzung der Ergebnisse in marktreife Produkte und damit die Schaffung von neuen Arbeitsplätzen vorantreiben, und kauft sich bei diesen ein.

Partymetropole

Zürich war lange als lustfeindliche Stadt verschrieen, noch in den Siebzigerjahren des letzten Jahrhunderts hieß es zum Stichwort Nachtleben: den Zug nach Basel oder Genf nehmen. Die Liberalisierung des Gastgewerbegesetzes, mit der 1997 die sogenannte Bedürfnisklausel abgeschafft wurde, begründete die städtische Entwicklung hin zur Partymetropole: Neue Restaurants, Bars und Clubs schossen wie Pilze aus dem Boden. Viele gingen zwar auch schnell wieder ein, wurden aber stets durch neue ersetzt. Bis heute ist die Gastroszene teilweise sehr kurzlebig, aber auch sehr lebendig. Und da rund 500 Betriebe eine dauerhafte Ausnahmebewilligung zur Sperrstunde haben und auch zwischen Mitternacht und fünf Uhr geöffnet bleiben können, ist in der Stadt rund um die Uhr etwas los. Die öffentlichen Verkehrsbetriebe haben sich der 24-Stunden-Gesellschaft angepasst: Am Wochenende fahren neun S-Bahnlinien und 50 Busse zwischen 1 und 4 Uhr nachts bis weit über die Kantonsgrenzen hinaus in alle Richtungen, um Partygänger sicher nach Hause zu bringen. Und Abertausende von jungen Leuten aus den Vorstädten fahren jedes Wochenende nach Zürich, um in der Stadt mit der größten Dichte an Nachtlokalen abzufeiern.

Zwingli

Zürich heißt auch Zwingli-Stadt, benannt nach dem Reformator Ulrich (Huldrych) Zwingli (1484–1531), der hier im 16. Jh. wirkte. Gleichzeitig mit Luther bemühte sich Zwingli um die Reformation der Kirche, aber radikaler als der Deutsche. 1519 wurde Zwingli Priester am Zürcher Grossmünster, wo er kompromisslos gegen alles vorging, was sich nicht aus der Bibel ableiten ließ: Bilder wurden abgenommen, Gesang und Orgelspiel abgeschafft, der Kirchenraum von jeglichem Schmuck gesäubert. Da sich Zwingli auch als Politiker mit großem Einfluss betätigte, zeitigten seine Lehren weitreichende Wirkung. Mit dem zwinglianischen Geist ist das Strenge gemeint, das Zürich lange Zeit anhaftete und sich z. B. in einer strengen Bewilligungspolitik für Bauvorhaben oder Gastronomiebetriebe äußerte. Auch das „Tanzverbot“ war lange Zeuge dieses Geistes. Heute ist das Verbot abgeschafft, und Diskos und Clubs dürfen auch an hohen Feiertagen geöffnet haben. Zwinglianisch blieb aber als Schimpfwort für „engstirnig“ erhalten.

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Gabrielle Attinger wuchs am Zürichsee auf und studierte in Zürich Germanistik und Philosophie. Als Reiseleiterin und Rezeptionistin auf Kreuzfahrtschiffen bereiste sie die Welt. Dann machte sie ihre Leidenschaft zum Beruf und wurde Reisejournalistin und -redakteurin. Sie leitete lange den Reiseteil der „SonntagsZeitung“ und schreibt heute als freie Journalistin für Zeitungen und Magazine.

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Quelle: www.marcopolo.de