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Reiseführer Zürich:Auftakt

Entdecken Sie Zürich!

Zürich bietet beste Lebensqualität. Das behaupten nicht die Zürcher selbst – das geht aus einer Studie von Mercer hervor, des größten Consultingunternehmens der Welt, das jedes Jahr Ranglisten erstellt. Seit Jahren liegt Zürich hier auf einem der vordersten Ränge. Was Zürich so lebens- und erlebenswert macht, sind das große Freizeitangebot und die privilegierte Lage am herrlichen Zürichsee, eingebettet in grüne Hügel. Es sind die ausgedehnten Fußgängerzonen und Grünflächen, die Straßencafés, die Altstadtgassen, die vielen jungen Designerläden, die Boutiquen der großen Modelabels.

Viele internationale Großkonzerne haben sich in oder um Zürich niedergelassen. Und nicht nur deren Mitarbeiter, auch die vielen ausländischen Fachkräfte in Schweizer Unternehmen machen Zürichs Bevölkerung zu einer polyglotten Gesellschaft. Fast jeder dritte Einwohner stammt aus dem Ausland. Brasilianische Bars, englische Clubs und japanische Spitzenrestaurants sind deshalb ebenso selbstverständlich wie die traditionellen Schweizer Kulturgüter: die Banken, die Uhren und die gute Schokolade.

In der Vergangenheit wurde Zürich vor allem der Politik der umliegenden Länder wegen häufig zur Wahlheimat großer Persönlichkeiten. Thomas Mann wohnte hier (bzw. im nahen Kilchberg), Bertolt Brecht und Richard Wagner, James Joyce, C. G. Jung, Georg Büchner sowie Wladimir Iljitsch Uljanow, besser bekannt unter dem Namen Lenin. Zürichs Liste von weltbekannten, brillanten Köpfen Schweizer Provenienz ist ebenfalls beeindruckend. Dazu gehören z. B. Gottfried Keller und Max Frisch oder die konstruktiven Künstler Max Bill und Richard Paul Lohse. Auch heute leben in und um Zürich viele Künstler, Showgrößen und sonstige VIPs, die man eher in Paris oder New York erwarten würde, so etwa die Rocklegende Tina Turner und der spanische Stararchitekt Santiago Calatrava.

Zürich ist Kunst- und Kulturmetropole: Auf knapp 370 000 Einwohner kommen über sechzig Kinosäle, vierzehn permanente Theater und über vierzig Museen. Dazu hat sich eine überaus lebendige und kreative Design- und Modeszene etabliert, was dazu führt, dass viele Jungtalente nicht in die Metropolen im Ausland abwandern, sondern ihre Kreativität in ihrer Heimat umsetzen. Heimische Labels wie Rossi und Ida Gut sind nur zwei Beispiele von vielen. Historische Kulturdenkmäler gibt es ebenfalls in Hülle und Fülle. Die Glasfenster von Marc Chagall im Fraumünster gehören dazu, die Plastik von Max Bill an der Bahnhofstrasse, das Grossmünster, das Wahrzeichen der Stadt, oder die Kirche St. Peter mit dem größten Zifferblatt Europas. Auch der Zoo mit seiner Masoala-Halle, einem gigantischen Regenwaldreservat, ist einen Besuch wert. Moderne Architektur boomt in den zum Teil umgenutzten Industriequartieren Zürich-West und Zürich-Nord. Und was es wirklich mit der viel gerühmten Schweizer Uhrenindustrie auf sich hat, sieht man auf einem Schaufensterbummel entlang der Bahnhofstrasse.

Zürich ist überschaubar. Die Stadt liegt am nördlichen Ende des Zürichsees zwischen zwei Hügelketten. Die Limmat fließt aus dem See mitten durch die Stadt und vereint sich am Platzspitz hinter dem Landesmuseum mit der Sihl, die aus einem Seitental kommt. Der einstige Wehrgraben, der Schanzengraben, verläuft im Zickzack vom See bis zum Hauptbahnhof. Ein lauschiger Spazierweg führt am Kanal entlang. So kann man sich immer an fließendem Wasser oder an Hügeln orientieren. Ein dicht ausgebautes Straßenbahnsystem bringt einen bequem von einem Punkt zum andern. Abends lockt ein vielfältiges Gastronomie- und Unterhaltungsangebot, das allerdings seinen Preis hat. Taxifahrten, Eintritte, Essen und Getränke sind meist markant teurer als anderswo. Deshalb liegt Zürich auch auf der Mercer-Rangliste der teuersten Städte der Welt immer weit vorn. Günstig ist nur das Nach-Hause-Kommen. Ein gutes Netz von Nachtbussen wartet auf nächtliche Ausflügler. Dank der hippen Club- und Loungeszene in den neuen Stadtvierteln sowie der jährlichen Streetparade gilt Zürich für viele als Europas Partystadt schlechthin. Seit die Gastwirtschaftsgesetze Ende der 1990er-Jahre gelockert wurden, ist eine junge, stetig wechselnde Gastroszene mit Restaurants, Bars und Clubs entstanden.

Zürich ist eine Ganzjahresdestination. Der lang anhaltende Hochnebel schlägt im Winter zwar manchem aufs Gemüt, doch mit dem Uetliberg, dem 871 m hohen Zürcher Hausberg, liegt der nächste Strahl Sonne für Müßiggänger nicht allzu weit weg. „Uetliberg hell“ vermelden dann die Anzeigetafeln auf den Frontseiten der Trams. In schneereichen Wintern zieht die Schlittelbahn vom Uetliberg hinunter in die Stadt Jung und Alt in Scharen an. Im Sommer herrscht in Zürich oft Föhn: Der warme, trockene, von den Alpen kommende Fallwind sorgt dann für eine fast unwirklich scheinende Fernsicht. Vor allem vom Seebecken aus sieht man dann die fernen, schneebedeckten Berggipfel zum Greifen nah in der Sonne glitzern.

Zürich genießt auch als Bildungsstadt einen guten internationalen Ruf. Die Universität zählt über 20 000 Studierende. Dazu kommen rund 12 000 an der Eidgenössischen Technischen Hochschule ETH; über die Hälfte davon kommt aus dem Ausland, um von der Fachkompetenz der ETH zu profitieren. Denn die Hochschule hat bis heute nicht weniger als 21 Nobelpreisträger hervorgebracht, darunter Wilhelm Konrad Röntgen und Albert Einstein. Die jüngste Auszeichnung erhielt 2002 der Biophysiker Kurt Wüthrich. Zudem genießt Zürich als Kongressstadt einen guten Ruf. Den Besuchern stehen in 163 Hotelbetrieben annähernd 18 000 Betten zur Verfügung, der Flughafen liegt nur 11 km von der Stadt entfernt, in Kloten.

Die verkehrsgünstige Lage spielte schon immer eine wichtige Rolle. Ab 3000 v. Chr. siedelten Pfahlbauer am unteren Ende des schiffbaren Sees. Um 15 v. Chr. errichteten die Römer auf dem Lindenhof die Zollstation Turicum. Die Siedlung wurde 929 erstmals urkundlich erwähnt. Die an Stelle der Zollstation erbaute Pfalz nutzten deutsche Könige und Kaiser. 1218 wurde Zürich freie Reichsstadt, die Pfalz wurde geschleift und als Steinbruch für den Bau von Wohntürmen verwendet. An der Napfgasse 26 und am Grimmenturm am Neumarkt (Kirchgasse 23) sind diese Steine noch zu sehen. 1336 übernahmen unter der Führung von Rudolf Brun die Handwerker die Macht. In Zünften organisiert, bestimmten sie 500 Jahre lang das politische Leben der Stadt. Die Zunfthäuser prägen noch heute als zumeist noble Restaurants die Altstadt, und im April markiert das Sechseläuten mit dem Umzug der Zünfte in historischen Kostümen und der Verbrennung des Schneemanns am Bellevue den Frühlingsbeginn.

Wachsende Bedeutung gewann Zürich Ende des 15. Jhs. unter Bürgermeister Hans Waldmann, der sich in den Burgunderkriegen als Truppenführer einen Namen gemacht hatte. 1519 predigte der Reformator Huldrych Zwingli erstmals im Grossmünster und löste nicht nur in Religionsfragen, sondern auch auf politischer und moralischer Ebene Erdbeben aus. Um 1780 hatte Zürich 10 000 Einwohner. Im 19. Jh. wuchs die Stadt dank florierender Maschinen- und Textilindustrie, dank der Banken und Versicherungen sowie eines regen Tourismus zu einem der Verkehrs- und Wirtschaftszentren der Schweiz heran. 1848 wurde der Schweizerische Bundesstaat gegründet. Im Zuge der deutschen Revolution zogen viele Künstler und Denker als Flüchtlinge nach Zürich und hinterließen der Stadt ein reiches kulturelles und geistiges Erbe. Das Heer der Industriearbeiter verhalf Zürich Ende der 1920er-Jahre zu einer politisch „roten“ Phase. Sie dauerte bis 1949 und schlug sich in immer noch präsenten Genossenschaftssiedlungen nieder. 1943 wurde Ernst Nobs, der Stadtpräsident von Zürich, zum ersten sozialdemokratischen Bundesrat der schweizerischen Geschichte gewählt.

In der Hochkonjunktur der 1950er-Jahre wuchs die Stadtbevölkerung rasant an und erreichte 1962 mit über 440 000 Einwohnern einen Höhepunkt. Mit der Größe kamen auch die großstädtischen Probleme: Krawalle, mit denen die Jugend Platz für ihre alternative Kultur einforderte – 1968 und 1980 – und eine Verwahrlosung einzelner Plätze durch die von der Regierung lange tolerierte offene Drogenszene. Der Platzspitz, die Parkanlage hinter dem Landesmuseum, erlangte Anfang der 90er-Jahre als „Needlepark“ unrühmliche Bekanntheit. Nach seiner Räumung 1992 verlagerte sich die Szene zum Areal des ehemaligen Bahnhofs Letten, bis dieser 1995 ebenfalls geräumt wurde. Heute wird der Platzspitz mit seinen alten Bäumen und dem Spazierweg am Limmatufer nicht nur von Museumsbesuchern geschätzt, und das Lettenareal gehört zur trendigsten Badeanlage der Stadt.

Die Wohnbevölkerung hat sich in die Peripherie verlagert und ist in der Stadt unter 400 000 gesunken. Dafür strömen über das gut ausgebaute Schienennetz jeden Tag Abertausende von Pendlern in die Stadt. Die alternative Kultur ist in der Roten Fabrik zu einer festen und auch von nicht-alternativem Publikum sehr geschätzten Institution geworden. Durch die Umwandlung ehemaliger Fabrikareale in Zürich-West, Oerlikon und an der Sihl wurden neue urbane Lebens- und Freizeiträumen geschaffen. Die umweltfreundliche Verkehrspolitik hat dafür gesorgt, dass Zürich eine überaus fußgängerfreundliche Stadt ist. Mit den vielen Fußgängerzonen und dem absoluten Vorrang von Fußgängern und öffentlichen Verkehrsmitteln an den Kreuzungen hat sich die Stadt schon dem Verdacht ausgesetzt, den Autoverkehr abschaffen zu wollen. Zürich besitzt bis heute keine breiten Boulevards und nur wenige Hochhäuser und hat sich deshalb vielerorts den – je nach Blickwinkel – biederen oder charmanten Kleinstadtcharakter bewahrt. In den neuen Stadtvierteln Zürich-West und Zürich-Nord bilden jedoch umgenutzte Industriebauten eine überraschende Kulisse für urbanes, freches und oft lautes Leben. Vielleicht ist es gerade dieser Mix, der die kleine Weltstadt so unwiderstehlich macht.

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Gabrielle Attinger wuchs am Zürichsee auf und studierte in Zürich Germanistik und Philosophie. Als Reiseleiterin und Rezeptionistin auf Kreuzfahrtschiffen bereiste sie die Welt. Dann machte sie ihre Leidenschaft zum Beruf und wurde Reisejournalistin und -redakteurin. Sie leitete lange den Reiseteil der „SonntagsZeitung“ und schreibt heute als freie Journalistin für Zeitungen und Magazine.

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Quelle: www.marcopolo.de