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Reiseführer Venezuela:Stichworte

Cowboys und Conquista: Notizen zur Politik und zum Alltag, zu Karneval, Kakao und Korruption

Barrio

Wörtlich bedeutet barrio "Stadtviertel". Mit barrios marginales sind die Armenviertel gemeint, die Slums, die sich wie ein Ring um jede größere Stadt in Venezuela gelegt haben. Selbst die Polizei hütet sich, bei Nacht in diese Viertel vorzudringen. Die barrios marginales sind nicht zuletzt Ausdruck der Tatsache, dass selbst im "reichen" Venezuela die Güter der Nation sehr ungleich verteilt sind.

Bolas Criollas

Bolas criollas ist die venezolanische Variante des französischen Boule. In Venezuela spielt es jeder, Jung und Alt, Frauen und Männer. Wer gut situiert ist und über einen großen Garten verfügt, hat mitunter sogar eine eigene Bahn.

Chávez

Der Exmilitär Hugo Chávez Frías war 1998 im Jahr seiner ersten Wahl mit einem simplen, aber äußerst wirksamen Slogan angetreten: ¡Ojo! ("Pass auf!") Aufpassen sollten die Wähler zu jener Zeit auf Korruption und Misswirtschaft innerhalb der etablierten Parteien - und der Slogan hatte Erfolg. Hugo Chávez krempelte das Land in Politik und Wirtschaft zu einem zweiten Kuba um und führt die Liga der linken und linkspopulistischen Präsidenten in Lateinamerika an. 2013 starb Chavez an einem Krebsgeschwür und übergab die Macht an seinen engen Vertrauten Nicolás Maduro. Die Proteste im Land gegen diktatorisches Gebaren, Misswirtschaft und Korruption sind seitdem allgegenwärtig.

Cowboys

Wie der Wilde Westen ein Mythos ist, so ranken sich auch um die llaneros viele Legenden, die von ihrem Machismo und ihrem unbändigen Freiheitsdrang berichten. In den Adern der "Cowboys" fließt das Blut spanischer Granden, geflohener Sklaven und das der Ureinwohner. Mit den Reiterhorden der llaneros konnte Simón Bolívar 1821 bei Carabobo die Spanier besiegen. Die llaneros gehören zu den vielen Identitäten Venezuelas, ihre spezielle Musik hört man überall.

Erdöl

Erdöl - Segen und Fluch Venezuelas. Die Indios verwendeten den schwarzen Ölteer zum Abdichten ihrer Kanus. Erste industrielle Bohrungen erfolgten 1904. Mit dem Aufkommen der Autoindustrie wurde der Durst nach dem "schwarzen Gold" größer. In La Rosa, östlich des Maracaibosees, sprudelte 1922 die erste große Quelle. Für ein Linsengericht verkaufte Diktator Juan Vicente Gómez in den 1920er-Jahren die Öllizenzen an die US-Amerikaner. Während des Zweiten Weltkriegs avancierte Venezuela zum zweitgrößten Erdölexporteur der Welt, das Öl wurde zum Schmiermittel von Politik und Wirtschaft. Die bonanza, der schnelle Wohlstand, und eine wachsende Schicht von Neureichen gingen mit den Petrodollars einher. 1976 wurde die Erdölindustrie verstaatlicht. Heute ist Venezuelas Wirtschaft mehr denn je vom Öl abhängig.

Gaitas

Laut Überlieferung haben die venezolanischen Weihnachtslieder, die sogenannten gaitas, afrospanische Wurzeln. Sie entstammen der charakteristischen Musik aus Zulia, ganz im Westen des Landes, die sich durch einen typischen eigenen Rhythmus und kritische Texte auszeichnet. Hierzu werden mindestens drei Instrumente benötigt: die cuatro, eine viersaitige Minigitarre, die Rassel und eine Trommel. Dazu kommen die unverwechselbaren Stimmen der Sänger. Gaitas sind Protestsongs, in denen Alltagsprobleme besungen und gesellschaftliche und politische Missstände angeprangert werden. Nirgends ist die Rede- und Meinungsfreiheit tiefer verankert als bei den gaitas.

Gewalt

Die zunehmende Gewalt (violencia) ist ein großes Problem in den Metropolen, insbesondere in Caracas. Es kann vorkommen, dass in den ranchos, den Elendsvierteln der Hauptstadt, bis zu 100 Personen an einem Wochenende sterben - meist handelt es sich dabei um Opfer von Bandenkriegen. Viele Übergriffe haben ihre Ursache in dem krassen Missverhältnis zwischen Arm und Reich, das auch die sozialistische Regierung nicht wirklich mildern konnte. Manche Stadtgebiete in Caracas sollte man daher meiden, bestimmte Regionen ohne Wertgegenstände oder Handtasche besuchen, um Diebstahl vorzubeugen - z. B. abends den Paseo Orinoco in Ciudad Bolívar oder den Bulevar Sabana Grande in Caracas.

Hatos

Der hato ist die typische großflächige Viehfarm in den Llanos. Als eines der wenigen Länder Südamerikas hat Venezuela durch eine Agrarreform 1960 den traditionellen Großgrundbesitz - ein Überbleibsel der kolonialen Sklavenwirtschaft - aufgebrochen und so eine Teilmodernisierung der Landwirtschaft erreicht.

Indígenas

Unter conquista versteht man die Eroberung der Neuen Welt durch die damaligen Großmächte Spanien und Portugal samt ihren entsetzlichen Folgen. Die indianischen Hochkulturen wurden von einer kleinen, goldgierigen Meute von Eroberern, den Konquistadoren, zerstört. Hunger, Krankheiten und Kriege rafften rund zwei Drittel der indígenas dahin. Die indianische Urbevölkerung zählt heute kaum mehr als 150000 Menschen. Zwei Drittel von ihnen leben in den traditionellen Stammesgebieten im Regenwald, in der Gran Sabana, auf der Halbinsel Guajira und im Orinocodelta. Nicht wenige Stämme - unter ihnen die archaisch lebenden Yanomami im Grenzgebiet zu Brasilien - sind durch das Vordringen von Goldsuchern und Siedlern in ihrer Existenz bedroht. Die Rechtsprechung ist trotz allem recht fortschrittlich, den Pemones beispielsweise wurde die Gran Sabana als ihr Lebensraum sogar gesetzlich zugesprochen.

Kakao

Viele Genüsse untersagt die Kirche, so im 17. Jh. den Verzehr von Kakao. Doch das indianische Getränk wurde in Europa immer beliebter und war so begehrt, dass auf dem Weltmarkt mit Schokolade Beträchtliches zu verdienen war. Besonders begehrt war der wunderbare Kakao aus Venezuela, den man Caracas nannte. Auch heute noch setzt er Maßstäbe, wie sich auf Plantagen in Paria und Santa Clara de Choroní überprüfen lässt.

Karneval

Auch in Venezuela wird der Karneval gefeiert, allerdings nicht so passioniert wie in Brasilien oder Trinidad. Allen gemeinsam sind die europäisch-afrikanischen Wurzeln des Fests: die höfischen Maskenbälle auf der einen, die Sklavenfeste auf der anderen Seite. Die Vitalität der afrikanischen Linie setzte sich mit den Rhythmen und den bunt ausgelebten Phantasien durch. Karneval ist hier die Verherrlichung der Lebensfreude - ungestüm und sinnlich.

Korruption

Viele Politiker Venezuelas predigen öffentlich Wasser, trinken aber heimlich Wein. Petrodollars und Steuern versickern in den Taschen von korrupten Beamten, Richtern, Generälen und Politikern. Die Kleinen fängt man, die Großen lässt man laufen, mit diesem Gefühl der Ohnmacht mussten Millionen von Venezolanern über Jahrzehnte leben. Doch je dichter der Filz, desto stabiler ist er.

Maracuchos

Wenn es nach ihnen ginge, wären sie Hauptstädter: Mit unwiderstehlichem Selbstbewusstsein vertreten die maracuchos, die Bewohner von Maracaibo, die Ansicht, ihre Stadt sei größer und besser als Caracas und die schöneren Frauen habe man sowieso. Zudem würden die Erdölfunde im Maracaibosee das ganze Land ernähren, Viehzucht und Obstanbau im Bundesstaat Zulia ebenso, sagen sie nicht ganz zu Unrecht. Auch politisch tanzen maracuchos aus der Reihe - neben Miranda sind sie der einzige Bundesstaat, der von der Opposition regiert wird.

Medien

Das Fernsehen ist ein einflussreiches Medium, da es jeder Analphabet versteht. Besonders beliebt sind die Fortsetzungsserien (telenovelas), gefolgt von Musiksendungen und Konzerten populärer Bands. Tageszeitungen erreichen oft nur die oberen Zehntausend. Ihr Herzstück ist wie überall in Lateinamerika die Klatschkolumne. Hier kann sich die eitle Elite nach Lust und Laune austoben, wenn sie dafür zahlt. Objektive Informationen findet man in Talcual (www.talcualdigital.com), fürs Volk gedacht ist die cháveztreue Vea (www.diariovea.com.ve), der Opposition bleibt nur die Präsenz im Internet, z. B. mit www.dolartoday.com.

Nationalparks

Wachsendes ökologisches Bewusstsein und das Bedürfnis nach Erholung haben dazu geführt, dass der Naturschutz als staatliche Aufgabe akzeptiert wurde. Mehr als 15 Prozent der Landesfläche Venezuelas sind heute als geschützte Areale ausgewiesen. Der erste Nationalpark wurde 1937 eingerichtet. Das Instituto Nacional de Parques Nacionales, kurz Inparques, verwaltet die mittlerweile mehr als 40 venezolanischen Nationalparks, von denen der Parque Nacional Parima-Tapirapecó und der Parque Nacional Canaima mit jeweils über 30000 km2 die größten sind.

Rassismus

In Venezuela herrscht ein offener oder versteckter Rassismus, der von der kleinen, blasierten Oberschicht ausgeht, die stolz auf ihre europäische Herkunft ist. Je heller die Hautfarbe, desto höher der soziale Status. Auf dem Land ist diese Regel weniger ausgeprägt - schließlich arbeiten dort alle unter der Sonne.

Semana Santa

Die heilige Woche, auch la semana mayor genannt ("die große Woche"), ist ein ganz besonderes Fest. Die großen Städte sind während dieser Tage oft verwaist, die Ortschaften am Meer platzen dagegen aus allen Nähten. Das heilige Programm wird meist von viel Whisky am Strand begleitet, die Verkehrsstaus suchen ihresgleichen. Es scheint, als wollte alle Welt an dem Ereignis teilhaben. 2014 haben sich laut Regierungsangaben fast 20 Mio. Menschen durch das Land bewegt. Das sind mehr als zwei Drittel der Gesamtbevölkerung.

Sistema, el

Hinter dem nüchternen Schlagwort "das System" verbirgt sich ein höchst attraktives Projekt: Kinder und Jugendliche aus sozial schwachen Familien klassisches Musizieren zu lehren. Säle und Instrumente werden gestellt und dann geht es los - und zwar beseelt, temperamentvoll, inbrünstig, verzaubernd. Überall hört man sie üben, ob in Caracas, in der Inselhauptstadt von Margarita, La Asunción, oder in Mérida in den Anden. Nicht wenige der jugendlichen Musiker räumen freimütig ein, mit der Geige in der Hand einer kleinkriminellen Karriere entgangen zu sein. El Sistema besteht seit 1975 und geht auf eine Initiative des weltbekannten venezolanischen Musikers und Komponisten José Antonio Abreu zurück. Stolze 360000 Jugendliche hat El Sistema bislang betreut, das heutzutage Kinder- und Jugendorchester und -chöre im gesamten Land vernetzt. An der Spitze steht die Sinfónica de la Juventud Venezolana Simón Bolívar, das sind 250 junge Musikerinnen und Musiker zwischen zehn und 27 Jahren, die vom weltberühmten Dirigenten Gustavo Dudamel geleitet werden. Im kollektiven Musizieren scheint das Erfolgsgeheimnis des Projekts zu liegen. Man lehrt einander und lernt voneinander. "Es ist eben nicht nur ein künstlerisches, sondern auch ein soziales Projekt", bekräftigt Dudamel. Kinder erhalten die Möglichkeit, eine andere Laufbahn einzuschlagen, anstatt mit drohender und zunehmender Gewalt, Drogen und Kriminalität leben zu müssen.

Toros coleados

Der traditionelle Volkssport, insbesondere in den Ländern des Llanos, heißt toros coleados und ist eine Art Stierkampf, bei dem das Tier jedoch keinen größeren physischen Schaden nimmt. Die coleadores, hoch zu Ross, verfolgen den Stier in der manga und versuchen ihn an seinem Schwanz (cola) zu greifen und zu Fall zu bringen. Je nach Art, wie dies geschieht, werden dann Punkte verteilt. Beim remolino, dem "Wirbel", muss der Stier sich für 30 Punkte dreimal komplett überschlagen. Diese Wettkämpfe werden heute in vielen Ländern Lateinamerikas ausgetragen; entstanden sind sie um 1780 in Venezuela. www.toroscoleados.com

Volksheilige

Als katholisch bezeichnen sich 93 Prozent aller Venezolaner, doch in ihren Herzen ist noch viel mehr Platz als nur für die glühend verehrten Jungfrauen von Coromoto, Maracaibo oder von der Isla Margarita. Der schönen, wilden Waldgöttin María Lionza begegnet man gleich bei der Einfahrt nach Caracas, wo sie nackt auf einem Tapir reitet - als Bronzeplastik. Sie entstammt dem Wald und an Flüssen und Quellen wird ihr mit Tabakopfern gehuldigt. Seinen Verehrern besonders heilig ist auch der Arzt José Gregorio Hernández, der als wundertätig gilt. Ihn kann man für seinen Privataltar kaufen - als Plastikstatuette, die ein bisschen so aussieht wie Charlie Chaplin. Viele Venezolaner tun das, und sein Geburtsort Isnotu im andinen Bundestaat Trujillo ist ein Wallfahrtsort.

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Der Autor und Betreiber einer kleinen Reiseagentur (www.parianatours.com) lebt seit über 20 Jahren in Lateinamerika und gilt als Pionier für den Individualtourismus in Venezuela. Stets im Urwald, auf der Piste, an den abgelegensten Orten, aber auch in Städten unterwegs, kennt er das Land wie kaum ein Zweiter und überrascht selbst seine venezolanischen Freunde immer wieder mit neuen Zielen.

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Quelle: www.marcopolo.de