bedeckt München 28°

Reiseführer Usedom:Auftakt

Entdecken Sie Usedom!

Trubel am Strand oder Einsamkeit im Hinterland, Baden in der Ostsee oder Wandern um einen Binnensee – Usedom ist voller Naturschönheiten und so kontrastreich, dass die Langeweile zu Hause bleiben wird. Dicht drängen sich an der Ostseeküste die Badeorte mit bis zu 70 m breiten Puderzuckerstränden, darunter so traditionsreiche wie Ahlbeck, Bansin, Heringsdorf und Zinnowitz. Nur einige Hundert Meter vom Trubel entfernt dösen kleine Dörfer vor sich hin – mit sandigen Wegen, blumengeschmückten Vorgärten, rohrgedeckten, weißen Häuschen.

Usedom vereint auf 445 km2 alle landschaftlichen Besonderheiten der Ostseeküste: flache Dünen, Steilufer und einen 42 km langen, weißen Sandstrand, dazu leicht gewelltes Hinterland mit Wäldern, Wiesen, Äckern, Boddengewässern und Binnenseen. Zum Wahrzeichen der Insel wurde das Seebrückengebäude mit seinen vier grünen Türmchen in Ahlbeck, das einzige historische, das an der Ostseeküste erhalten geblieben ist. Viktor von Bülow, der berühmte Loriot, machte es 1990 bundesweit bekannt: Er wählte es für das finale Familienessen in seinem Film „Papa ante Portas“ aus. Nicht zu vergessen: Meteorologen haben anhand ihrer Aufzeichnungen der letzten 30 Jahre ermittelt, dass Usedom die sonnenreichste Ferienregion Deutschlands ist. 1906 Sonnenstunden hat die Insel im Jahresdurchschnitt.

Vor allem ab 1890 schossen auf der Insel Pensionen und Hotels aus dem Boden. Sie bekamen Türmchen, Säulen, Erker und verzierte Loggien, alle Stilrichtungen wurden kopiert: Antike und Klassizismus, Alpenland und Brighton. Bäderarchitektur wird dieser unbekümmerte Stilmix genannt, der den Badeorten Usedoms bis heute ein eigenes, unverwechselbares Gesicht gibt – auch dem im polnischen Teil liegenden Swinemünde. Denn nach dem Zweiten Weltkrieg ist Deutschland ein Stück Usedom abhanden gekommen. Die Alliierten sprachen die Odermündung einschließlich Swinemünde Polen zu.

Zum Gesicht der Seebäder gehören auch die Seebrücken. Entstanden waren sie in den Jahren, als die Gäste noch auf dem Wasserweg in die Badeorte gebracht wurden, weil es keine Eisenbahn und nur schlechte Straßen gab. Später avancierten sie zu Flaniermeilen. Sehen und gesehen werden! Das war so in den Jahren, als Kaiser Wilhelm II. mehrere Jahre die Konsulswitwe Elisabeth Staudt in Heringsdorf zum Tee besuchte, und daran hat sich bis heute nichts geändert. Was Rang und Namen oder Geld hatte, steht in den Gästelisten von Deutschlands zweitgrößter Insel: Könige und Kaiser, Minister und Generäle, Wissenschaftler und Künstler. Bis zum Zweiten Weltkrieg reisten die wohlhabenden Berliner scharenweise mit der Eisenbahn an, was zum Spitznamen „Badewanne der Berliner“ führte. Später übernahmen die Sachsen das Ferienregime, das heute wieder die Berliner innehaben. Die Sachsen belegen aber immerhin noch Platz 2, gefolgt von den Gästen aus Brandenburg, Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen. Alle pilgern sie zu den Seebrücken, auf denen man so schön über den Ostseewellen spazieren kann. Die schönste Seebrücke mit verschnörkelten Aufbauten besaß Heringsdorf. Im strengen Winter 1941/42 zerstörten fast überall Eisschollen die hölzernen Bauwerke. Zu DDR-Zeiten waren Schiffspartien auf der Ostsee untersagt, also brauchte man keine Seebrücken. Nach der Einheit, als es Fördermittel für den Neubau gab, erlebten die Seebrücken ihre Renaissance. Zinnowitz, Koserow und Bansin legten sich wieder eine zu, das Seebrückengebäude in Ahlbeck bekam seinen Landungssteg zurück. In Heringsdorf bauten private Investoren eine Brücke, die die modernste und mit 508 m auch die längste bewirtschaftete in Kontinentaleuropa ist.

Alle Seebäder verbindet die Usedomer Bäderbahn , sie fährt auch nach Peenemünde und Wolgast, seit 2008 kennt sie keine Grenze mehr. Die Gleise wurden bis ins Zentrum von Swinemünde verlängert. Die stromlinienförmigen blau-weißen Wagen, klimatisiert und fast geräuschlos fahrend, bieten eine echte Alternative zum Auto. Auch Ihr Fahrrad können Sie in der Bäderbahn mitnehmen. Bauherren werden auf Usedom oft Zügel angelegt, sie dürfen nur so bauen, wie es die Gemeindevertreter zulassen. Doch zwei Baumeister scheren sich nicht um Gesetze und Genehmigungen, sie modellieren seit Jahrtausenden ungefragt die Küste: Sturm und Wasser. Unablässig nagen beide an den Steilküsten und brechen immer wieder große Teile heraus, die das Meer fortträgt. Am Langen Berg bei Bansin wurde 1878 ein hölzerner Aussichtsturm errichtet, der rund 40 m vom Steilhang entfernt stand. Schon vor Jahrzehnten ist sein Betonfundament in die Tiefe gestürzt. Auch ohne Turm beeindruckt die Aussicht vom Langen Berg, doch schöner sind die Blicke von den zahlreichen Hügeln – die Usedomer sprechen von „Bergen“ – im Hinterland, auf dem Gnitz, der Halbinsel Wolgaster Ort oder in der Usedomer Schweiz, wo die Uhren scheinbar anders ticken. Stets werden Sie irgendwo Wasser erblicken, denn mehr als ein Dutzend Seen liegen in die Landschaft gebettet, schilfbewachsen die einen, mit Badestränden die anderen.

Das leicht gewellte, beschauliche Hinterland hält zu allen Jahreszeiten schöne Ansichten bereit. Im Frühjahr blühen auf der Halbinsel Gnitz Felder von saftigen Sumpfdotterblumen, im Mai und Juni leuchten im Usedomer Winkel die gelben Rapsfelder, und einige Monate später hängen im Lieper Winkel die Sträucher voller Brombeeren, zeigen sich die Buchenwälder in prächtigen Farben. Hier haben Graureiher, Kranich, Fischadler, Weißstorch und Fischotter ihr Zuhause. Typisch für Usedom sind auch die Alleen: „Grüne Tunnel“ werden die baumbestandenen Straßen genannt, weil die Kronen der Bäume sie fast undurchdringlich überspannen. Vor reichlich 200 Jahren pflanzte man die Linden, Kastanien und Apfelbäume, damit sie bei Dunkelheit und im Winter bei Schnee die unbefestigten Wege markierten, im Sommer sollten sie mit ihren belaubten Kronen Schatten spenden und marschierende Soldaten verbergen. Heute werden die Alleen gehegt und gepflegt, nicht nur, weil sie ein Identitätszeichen des Bundeslandes Mecklenburg-Vorpommern sind, sondern auch aus ökologischen Gründen: Ein Alleebaum produziert täglich den Sauerstoff für zehn Menschen und filtert bis zu eine Tonne Staub aus der Luft.

Usedoms Geschichte war zu allen Zeiten bewegt. Zu ihr gehört der legendäre Pirat Klaus Störtebeker, der hier einen Schlupfwinkel besessen haben soll, ebenso wie die gotteslästerliche Gold- und Silberstadt Vineta, die angeblich vor der Küste Koserows unterging. Auf Usedom liegt auch Peenemünde, heute einer der historisch problematischsten Orte in Deutschland. Denn hier, im Norden Usedoms, ließen die Nazis die erste automatisch gesteuerte Flüssigkeitsgroßrakete der Welt entwickeln, die in Westeuropa unermessliche Schäden anrichtete. Die V 2 war aber auch die erste Rakete, die die Atmosphäre durchstieß und somit das Tor zum Weltraum öffnete. Peenemünde gilt deshalb als der Geburtsort der Raumfahrt. Die Raketenbauer hatten seinerzeit nicht nur Peenemünde für die Öffentlichkeit gesperrt, sie riegelten auch den ganzen Nordteil der Insel ab und sperrten ferner die vorgelagerten kleinen Inseln Ruden und Greifswalder Oie für den Ausflugsverkehr. Auch zu DDR-Zeiten blieben die Inseln Touristen verschlossen. Seit der Einheit lassen sich Besucher wieder von Fahrgastschiffen auf den Ostseewellen zu den beiden kleinen Schwestern Usedoms tragen.

Ob Sie Ruhe und Beschaulichkeit genießen oder lieber sportlich aktiv sein wollen, Usedom bietet jedem etwas: breite Sandstrände mit quirligem Leben, Seebäder, die noch viele Bilder wie aus Kaisers Familienalbum bereithalten, verträumte Winkel mit knarrenden Windmühlen und Natur pur im Achterland. Dazu kommen sportliche Angebote und eine vielfältige Kulturszene mit Festen und Museen. Mehr als 60 Jahre lang verwehrte Stacheldraht den Strand- oder Waldspaziergang vom deutschen Ahlbeck ins polnische Swinemünde. Mit der Aufnahme Polens in die EU ist die Grenzregion weiter zusammengewachsen. Usedom zählt wieder zu den Top-Ferienregionen.

Weiter zu Kapitel 2

Kerstin Sucher und Bernd Wurlitzer (www.tourismus-journalisten.de) leben und arbeiten als freie Reisejournalisten in Berlin. Ihre große Liebe gehört Mecklenburg-Vorpommern; durch zahlreiche Veröffentlichungen gelten sie als profunde Kenner dieses Bundeslandes. Häufig sind sie auf Usedom und in den Eingangstoren Anklam und Wolgast unterwegs.

Der SZ.de-Reiseführer wird Ihnen in Kooperation mit Marco Polo präsentiert. Alle Angaben ohne Gewähr auf Richtigkeit, Aktualität oder Vollständigkeit der Information. Die Verantwortung für die präsentierten Inhalte und Rechte liegt ausschließlich bei Marco Polo.

Quelle: www.marcopolo.de

Zur SZ-Startseite