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Reiseführer Umbrien:Auftakt

Entdecken Sie Umbrien!

In Umbrien gibt es kein Meer, keinen Strand und keine Riviera, doch das grüne Herz Italiens hat unendlich viel Schönheit zu bieten. Eine zart getupfte Landschaft wie auf Giottos Fresken erwartet Sie, sanfte grüne Hügel mit Wald und silbrigen Olivenhainen, Rebstöcken in Reih und Glied, goldgelb wogenden Sonnenblumenfeldern und blutrotem Mohn als Akzent am Wegesrand. Als die "blauen Augen in Umbriens grüner Landschaft" werden der Trasimenische See, der zum Baden einlädt, und der eiskalte, vor allem bei Anglern beliebte Lago di Piediluca bezeichnet.

Zur Natur kommen Kunst und Kultur pur. Aufgereiht wie eine Perlenkette liegen prächtige alte Hügelstädte an den Rändern der Valle Umbra bis zu den Marken: Gubbio, Perugia, Assisi, Spello, Bevagna, Montefalco, Todi, Narni und Spoleto sowie Orvieto haben ihren historischen Ortskern hervorragend erhalten. Mit römischen Brücken, etruskischen Stadttoren, mittelalterlichen Gassen und steilen Treppenstufen, die meist auf eine schöne herrschaftliche Piazza führen, auf der Sie in der Bar mit einem Cappuccino, Campari oder Aperol Spritz die kleinen Dinge des Lebens genießen können. Selbst das Bergstädtchen Norcia, Wirkungsort des hl. Benedikt von Nursia, hat trotz mehrfacher Erdbeben sein ursprüngliches Aussehen bewahrt. Entdecken Sie auch weniger bekannte Orte, die überraschend mit einem in den Himmel aufragenden Dom oder mit Signorelli-Fresken, vielleicht auch mit etruskischen Höhlengräbern, zumindest aber mit einem romanischen Kirchlein aufwarten, wo ein freundlicher alter Franziskanerpater Ihnen die Marienbilder unbekannter Meister erklärt.

So abgelegen Umbrien wirkt, seine Hotellerie ist ausgezeichnet. Zimmer gibt es für jeden Geschmack und Geldbeutel: trutzige Festungen mit Himmelbett und Himmelsblick, ehemalige Klöster mit Bad und TV im Zimmer und einfachem, gutem Essen im Refektorium - oder auch einstige Schafställe, die ihre Besitzer zu schmucken Hotels mit Spa und Schwimmbad umgebaut haben. Die Preise sind bezahlbar, so manches Drei- oder gar Viersternehotel ist in der Vorsaison unter 100 Euro zu haben.

Im grünen Umbrien haben grüne Ideen besser und viel früher Fuß gefasst als im übrigen Italien. Viele Hügelstädte sind verkehrsberuhigt, mit unterirdischen Parkgaragen und Rolltreppen in die Innenstadt. Hier wird der Müll auch in kleinen Dörfern - ganz unitalienisch - getrennt. Bioprodukte wie Wein und kaltgepresstes natives Olivenöl, schwarze und seltene weiße Trüffeln und Steinpilze haben Hochkultur. In den Trattorien kocht oft noch die Mamma die strangozzi, hausgemachte Pasta mit Wildschwein. Sogar ein schlichtes Rührei wird hier mit gehobelten Trüffeln veredelt.

Eigentlich merkwürdig, dass Umbrien bei all seiner bellezza noch immer als Geheimtipp unter Italienliebhabern gilt, als die kleine ungeschminkte Schwester der reichlich herausgeputzten Toskana. Vielleicht liegt es auch daran, dass die extrovertierten toskanischen Nachbarn sich gut vermarktet haben, während die erdverbundenen Umbrer eher franziskanische Einfachheit und Bescheidenheit bei hohem Qualitätsstandard in Küche und Keller pflegen. Hier wird man auch trotz Alltagssorgen, die aus der Wirtschaftskrise resultieren, herzlich empfangen, Sie können auf den sagre, den Dorffesten, mitessen und mittanzen, mit Trüffelsuchern durch die Steineichenwälder streifen, aber auch in den Modeoutlets der Kaschmirkönige Cucinelli oder Tasselli stöbern. Und so kann man nur hoffen, dass eine wachsende Schar von aktiven Urlaubern diese einmalige Mischung aus ländlichen Charme, innerer Spiritualität und sportlicher Action für sich entdeckt: Pilger und Wanderer, Mountainbiker und Paraglider, Mittelalterfans und Eselsreiter. Ein Land für Kunstsinnige, Sportler und Genießer.

In Umbrien scheint alles auf das menschliche Maß zugeschnitten. Auf 8456 km2 leben nur 826000 Einwohner, rund 96 auf 1 km2 . Nur die beiden Provinzhauptstädte Perugia und Terni kommen auf mehr als 100000 Einwohner. Dabei war Umbrien im Mittelalter, am europäischen Durchschnitt gemessen, dicht besiedelt. Um 1600 lebten bereits etwa 300000 Menschen in der Gegend - eine Zahl, die erst nach der Loslösung vom Kirchenstaat 1860 bis zur Mitte des 20. Jhs. langsam anstieg. Es ist dieser lange Dornröschenschlaf, dem heute so manches architektonische Kleinod zu verdanken ist. Das "arme Umbrien" hatte über Jahrhunderte nicht die Mittel zur Zerstörung alter Substanz und zum Aufbau "besserer" Strukturen. Die Menschen lebten in denselben Häusern, in denen schon ihre Vorfahren gelebt hatten, und sie gingen zum großen Teil denselben Tätigkeiten nach. Handwerker und vor allem Bauern und Hirten bevölkerten die Region. Mezzadria, Halbpacht, war bis in die Mitte des 20. Jhs. die Regel. Elektrizitäts- und Wasseranschluss blieben oft bis in die 1970er-Jahre ein Traum.

Doch neuerdings will sich auch das ungeschminkte Umbrien besser in Szene setzen: Perugia, die pulsierende Hauptstadt der Region, hat sich zusammen mit dem spirituellen Nachbarort Assisi als Europäische Kulturhauptstadt 2019 beworben. Assisi, die Geburtsstadt des hl. Franz, Wallfahrtsort und Weltkulturerbe, ist trotz Millionen Pilgern ein schöner, mystischer Ort geblieben. Neben Franziskanern und Klarissinnen haben sich zahlreiche Orden in den Hanggärten und in der Altstadt niedergelassen. Trotz der Menschenmassen strahlt der Pilgerort eine besondere Stimmung aus, ganz im Sinne des Bettelmönchs.

Im benachbarten Perugia, der internationalen Universitätsstadt, sind Tradition und Moderne wie in kaum einer anderen Stadt Italiens harmonisch miteinander verwoben: hypermoderne Minimetro und mittelalterliche Paläste, Etruskermauern in einem Internetcafé, Jazzsessions im Renaissancekonvent, Rolltreppen in der Papstfestung, Raffael-Fresken in der Altstadtkirche und die weltberühmte Schokofirma Perugina mit ihren "Baci", den Schokoküssen ... Keine Frage, Perugia ist eine der lebendigsten und verführerischsten Städte der Apenninhalbinsel. Und wer nie einen abendlichen Bummel auf dem Corso Vannucci, gewidmet dem Renaissancemaler Pietro Vannucci alias Il Perugino, genossen hat, der hat was verpasst.

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"Umbrien muss man riechen, schmecken, fühlen", sagt die Autorin und Italienkorrespondentin, die u. a. für "Die Zeit", "Merian" und den "Stern" schreibt. Als Kontrast zur quirligen Hauptstadt Rom spannt sie gern in einem umbrischen Bauernhaus aus. Von dort erkundet sie stets mit Begeisterung die Region - spürt alte Traditionen und neue Restaurants, idyllische Plätze und aktuelle Trends auf.

Der SZ.de-Reiseführer wird Ihnen in Kooperation mit Marco Polo präsentiert. Alle Angaben ohne Gewähr auf Richtigkeit, Aktualität oder Vollständigkeit der Information. Die Verantwortung für die präsentierten Inhalte und Rechte liegt ausschließlich bei Marco Polo.

Quelle: www.marcopolo.de

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