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Reiseführer Türkei:Stichworte

Die türkische Gesellschaft verändert sich mit großer Geschwindigkeit: Grundsätzliches und Hintergründiges zum Verständnis

Atatürk

Verehrt wird Staatsgründer Mustafa Kemal Atatürk, weil er das Land vor der Aufteilung bewahrt und ihm mit Gründung der Republik eine neue Perspektive gegeben hat. Nach dem Willen der Sieger des Ersten Weltkriegs, in dem der Sultan auf der Seite der Deutschen gestanden hatte, sollten Italien, Frankreich, Großbritannien, Griechenland und Armenien die Türkei unter sich aufteilen. Den Türken sollte nur ein kleiner Teil des anatolischen Kernlandes bleiben. Eine Gruppe junger türkischer Offiziere unter Führung von Mustafa Kemal organisierte von der Schwarzmeerküste aus den Widerstand gegen das Sultanat und die Aufteilung ihres Landes. Was wie ein Guerillakrieg begann, wuchs zu einer nationalen Widerstandsbewegung. Das Ziel: die Gründung eines Staates „Türkei“.

Nachdem die staatliche Souveränität wiedergewonnen und am 29. Oktober 1923 feierlich die Türkische Republik gegründet worden war, begann Mustafa Kemal als Präsident (er erhielt 1934 den Ehrennamen Atatürk, „Ahne“) mit dem zweiten Teil seiner ehrgeizigen Revolution: der radikalen Umgestaltung des Landes im Innern. 1922 wurde das Sultanat, 1924 das Amt des Kalifen abgeschafft. Damit war gleichzeitig die Dynastie der Osmanen beendet, die bis dahin beide Ämter innehatte. Dann löste Atatürk die islamischen Orden auf, verbot Koranschulen und das Tragen eines Schleiers in öffentlichen Gebäuden und verschaffte den Frauen juristische Gleichberechtigung. 1930 erhielten sie das allgemeine Wahlrecht – früher als in manchen westeuropäischen Ländern. Atatürk führte das Schweizer Zivilrecht ein, das Strafrecht ließ er aus Italien importieren. Eine besonders einschneidende Zäsur bedeutete die Ablösung der arabischen Schrift durch das lateinische Alphabet. Atatürk starb 1938 im İstanbuler Dolmabahçe-Palast im Alter von 57 Jahren an Leberzirrhose. Sein beeindruckendes Mausoleum befindet sich in Ankara (Anıt Kabir).

Christen

Christen sind heute in der Türkei nur noch eine kleine Minderheit. Das war zu Anfang des 20. Jhs. noch anders, als mehrere Millionen Christen im damaligen Osmanischen Reich lebten. Doch durch die Vertreibung der Armenier während des Ersten Weltkriegs und den großen Bevölkerungsaustausch zwischen Griechenland und der Türkei nach dem Ende des türkischen Befreiungskriegs 1923 ist die Zahl erheblich zurückgegangen. Fast alle griechischen und armenischen Christen leben heute in İstanbul. Dazu kommt eine immer kleiner werdende Gruppe syrisch-orthodoxer Christen in den kurdischen Gebieten entlang der syrischen Grenze. Im Gegensatz dazu wächst die Zahl der Protestanten und Katholiken, die sich in den Großstädten wie İstanbul und İzmir oder am Mittelmeer niederlassen.

Wenn von der schwierigen Situation der Christen in der Türkei die Rede ist, geht es in der Regel um die Rechte der alteingesessenen Griechen und Armenier. Deren Status ist im Friedensvertrag von Lausanne geregelt, in dem Minderheitenrechte wie eigene Schulen und die Einrichtung anderer kultureller Institutionen festgeschrieben sind. Konflikte gab und gibt es immer wieder um Liegenschaften der Kirchenstiftungen, die teilweise willkürlich beschlagnahmt wurden, und um die autonome Ausbildung von Klerikern. Das wichtigste Priesterseminar der orthodoxen Griechen ist seit mehr als dreißig Jahren geschlossen, auch deshalb, weil die Gemeinde ihre Einrichtung nicht dem türkischen Bildungsministerium unterstellen will. Im Zuge des EU-Beitrittsprozesses wird die türkische Regierung nun dazu gedrängt, den Kirchen einen besseren Rechtsstatus einzuräumen und größere Organisationsfreiheit zu gewähren. Manche Verbesserungen sind seit 2005 zu beobachten. So durften die Gemeinden 2010 erstmals in so symbolischen Orten wie dem Sumela-Kloster in Trabzon oder der Akhdamar-Kirche auf dem Van-See Messen feiern.

Erdbeben

Die Türkei ist ein Erdbebengebiet. Vor allem der Norden gehört zu den am stärksten erdbebengefährdeten Regionen der Welt. Der „Nordanatolische Graben“ zieht sich vom Osten bei Erzurum bis zum Golf von Saros an der griechischen Grenze hin. Zu der größten Katastrophe seit 100 Jahren kam es im August und November 1999 in der Westtürkei. Damals starben mehr als 18 000 Menschen. Die schweren Beben machten die Gefahr besonders für die Millionenmetropole İstanbul deutlich, denn ihre Epizentren lagen weniger als 100 km von der Stadt entfernt. Im Oktober 2011 forderte ein schweres Beben vor allem in den Städten Van und Ercis am Van-See viele Hundert Opfer.

Familienschutz

Oft werden Sie die Schilder sehen: „Aile Çay Bahçesi“ („Familienteegarten“) oder „Aile Salonu“ („Familiensalon“) steht am Eingang und weist darauf hin, dass die Bereiche der männlichen Junggesellen von denen der Familien und Paare schön getrennt sind. Was in großstädtischen Cafés und Restaurants schon längst der Vergangenheit angehört, ist in einfacheren Esslokalen und auf dem Land die Regel. Schützen soll das Verfahren die Frauen vor lästigen Männerblicken – was doch oft vorkommt, vor allem, wenn Mann einige Gläser zu viel getrunken hat.

Flora & Fauna

Die Tier- und Pflanzenwelt ist so vielfältig und kontrastreich wie die Regionen des Landes. Alle Spezies, die in Mitteleuropa und auf dem Balkan vorkommen, finden sich auch in der Türkei. In abgelegenen Gegenden leben noch vereinzelt Wölfe, Schakale und Bären. In der Südtürkei stolpert man fast über Landschildkröten und diverse Eidechsenarten. Der letzte türkische Leopard soll 1979 erlegt worden sein. Beeindruckend ist auch die Artenfülle der Vogelwelt, die in den Seengebieten zu beobachten ist. Kormorane, Pelikane, Reiher und Störche, speziell Weißstörche, sind allerdings nur Sommergäste. Im Herbst ziehen sie in schönen Formationen weiter gen Süden.

Frauen

In der Türkei sind Frauen gesetzlich gleichgestellt. Das Frauenwahlrecht gibt es seit 1930 (siehe Stichwort „Atatürk“), und an den Schulen gilt schon seit 1925 die Koedukation. Die Teilnahme von Frauen am öffentlichen Leben gehört in der Türkei deshalb zur gesellschaftlichen Normalität: An den Hochschulen beträgt der Frauenanteil fast 50 Prozent. Dennoch kämpfen türkische Frauenrechtlerinnen für mehr Rechte, z. B. für Frauenquoten im Parlament. Dem stehen konservative islamische Parteien und Organisationen, die in den letzten Jahren zunehmend an Einfluss gewonnen haben, ablehnend gegenüber. Die Zahl der sogenannten „Ehrenmorde“ ist vor allem im kurdischen Milieu stark angestiegen. Die schnelle soziale Veränderung erreicht noch nicht die konservative ländliche Umgebung; Frauen werden auf dem Land oft noch von ihren Männern unterdrückt.

Fußball

Fussball ist der türkische Volkssport schlechthin. Das fängt als Kind auf der Straße an und reicht bis zur lebenslangen Begeisterung für einen der großen Profiklubs. Bis vor wenigen Jahren waren die drei großen İstanbuler Clubs Fenerbahçe, Galatasaray und Beşiktaş noch das dominierende Dreigestirn der Liga, das regelmäßig die Meisterschaft unter sich ausmachte. Mittlerweile sind einige anatolische Clubs wie Trabzonspor oder Bursaspor zu ernsthaften Gegnern geworden, die die Dominanz der großen Drei angeknackst haben. Der türkische Fußball ist damit noch ein bißchen abwechslungsreicher geworden und die Begeisterung breiter gestreut. Einziger Wermutstropfen für die Fans ist, dass die Nationalmannschaft bei den großen internationalen Turnieren noch immer schwächelt. Auch die Frauen sind übrigens nicht nur als Fans aktiv: Die türkische Frauenfußball-Liga begann 2005 mit sieben Mannschaften, 2010 waren es schon 1500 Kickerinnen in 72 Clubs.

Hamam

Plätscherndes, warmes Wasser in Marmorbecken, heißer Dampf unter hohen Gewölben: Das türkische Bad ist ein Muss für Touristen. Frauen- und Männerabteilungen sind im Hamam normalerweise voneinander getrennt, in touristischen Bädern kann aber gemischt gebadet werden. In jeder Stadt finden Sie ein Hamam, das Sie aufsuchen können.

Islam

Offiziell sind 99 Prozent der türkischen Bevölkerung Muslime, der überwiegende Teil gehört der sunnitischen Richtung an. Das heilige Buch, der Koran, enthält in Versform die Offenbarungen des Propheten Mohammed. Nur im arabischen Original gilt er als Koran. Für die Schüler der privaten Koranschulen gilt es als besondere Anstrengung, den Text auswendig zu lernen. An staatlichen Schulen wird nur allgemeiner Religionsunterricht erteilt; Christen und Juden haben ihre eigenen Schulen. Etwa ein Viertel der Muslime gehören der Glaubensrichtung der Alewiten an. Sie sind Anhänger Alis, eines Schwiegersohns Mohammeds.

Die beiden höchsten islamischen Feste sind Kurban (Opferfest) und Ramazan bayramı (Zuckerfest). Am Opferfest schächtet jeder, der es sich leisten kann, einen jungen Hammel oder ein Kalb in Erinnerung an das Opfer Abrahams. Schächten bedeutet nach jüdischem und moslemischem Ritus Töten ohne Betäubung, denn nur dann kann das Blut aus dem Tierkörper herausfließen. Das Fleisch ist dann „koscher“ (jüdisch) bzw. „helal“ (traditionalistisch-islamisch). Zwei Drittel des Fleisches soll an Bedürftige verteilt werden. Im Fastenmonat Ramadan hält sich die Mehrheit der Muslime an das Gebot, zwischen Sonnenaufgang und Sonnenuntergang weder zu essen, zu trinken noch zu rauchen. In der Provinz wird es dann schwer, mittags ein geöffnetes Lokal zu finden

Kurden

Die Kurden (heute ca. 8 Prozent der türkischen Bevölkerung) lebten einst in den südöstlichen Provinzen, doch viele sind in den vergangenen Jahrzehnten auf der Suche nach Arbeit in die westlichen Großstädte gezogen. Allein in İstanbul gibt es heute mindestens 3 Mio. Menschen kurdischer Abstammung. Die Kurden werden nicht – wie die Armenier oder die Griechen – als offizielle Minderheit anerkannt. Sie waren lange dem Assimilierungsdruck ausgesetzt. Heute geht der Staat mit ihnen als kulturelle Minderheit gelassener um. Wer zu weit geht und kurdische Autonomie fordert, muss jedoch eine Anklage wegen Separatismus fürchten und mit einer Haftstrafe rechnen.

Musik

Ob Shakira, Tarkan, türkische „Kunstmusik“ oder Sufi-Klänge: Musik wird Sie in der Türkei auf Schritt und Tritt begleiten. Auch wenn überwiegend Popmusik gespielt wird, bietet die türkische Musik eine große regionale und tonale Vielfalt. Die „Kunstmusik“ (Türk Sanat Müziği) mit byzantinischen und arabischen Einflüssen klingt getragen und erfordert von den Sängerinnen und Sängern große Stimmdisziplin. Die einfache Volksmusik Anatoliens und des Schwarzmeerraums klingt dagegen quirlig und kommt ohne Orchester aus. Ein paar Fideln, Trommeln und eine saz (Saiteninstrument) genügen. Sie können in guten Musikgeschäften (z. B. der D&R-Kette) relativ preiswert CDs und Kassetten erwerben. Guten türkischen Pop finden Sie unetr dem Label Doublemoon, guten Ethnosound unter Kalan Müzik.

Osmanisches Reich

Vom Reichsgründer Osman (Regierungszeit 1288–1324) leitet sich der Name der bis 1922 herrschenden Dynastie ab. 37 Sultane regierten das Reich, manche waren nur wenige Monate an der Macht, bevor sie Opfer einer Intrige oder eines Brudermordes wurden. Nach der Eroberung Konstantinopels durch Mehmet I. (von den Türken nur Fatih, der Eroberer, genannt) herrschten die Sultane jahrhundertelang vom Balkan bis Algerien. Im 19. Jh. begann der unaufhaltsame Niedergang, der im Ersten Weltkrieg und in der Gründung der modernen Republik endete: Nachdem die junge Republik erst alle Erinnerungen an das alte Reich zu tilgen versuchte, erlebt das Osmanische heute ein zuweilen etwas kitschiges Revival in Kultur und Kunst. Die osmanischen Elemente werden in die heutige türkische Kultur eingewoben und gelten nicht mehr als verwerflich.

Politisches System

Die Türkei ist laut Verfassung ein parlamentarischer Rechtsstaat westlichen Zuschnitts – der einzige in der muslimischen Welt. Die Abgeordneten der Großen Türkischen Nationalversammlung in Ankara und die Bürgermeister kreisfreier Gemeinden und Städte werden alle vier Jahre in geheimer Wahl von den Wahlberechtigten über 18 Jahre gewählt. Mehrere „Reformpakete“, die die Meinungsfreiheit ausweiteten und die Macht der Armee in der Politik einschränkten, wurden seit 2001 beschlossen.

Sprache

Das in der Türkei gesprochene Türkisch gehört zu den zentralasiatischen oghusischen Sprachen der Ural-Altai-Gruppe. Während der osmanischen Periode kamen zahlreiche persische und arabische Bestandteile hinzu, in den 1920er-Jahren französische Ausdrücke, etwa şoför (Chauffeur) oder asansör (Fahrstuhl). Die Verständigung unter den verschiedenen „Turkvölkern“ ist schwer, aber nicht unmöglich. Allein mit den Azeris (Aserbaidschan-Türken), die einen hochtürkischen Dialekt sprechen, können sich die Türken ohne größere Probleme unterhalten. Als Besucher kommt man in den touristischen Gegenden des Landes und in den Großstädten meist mit Englisch oder Deutsch recht gut weiter. Überall trifft man auf „aus Almanya zurückgekehrte“ Türken.

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Unsere Autoren leben und arbeiten seit 12 Jahren in der Türkei. Während Zaptçioğlu (Studium der Geschichte und Politik in İstanbul und Göttingen) in İstanbul geboren wurde, ist Gottschlich (Studium der Philosophie und Publizistik in Berlin) ein echter Einwanderer. Beide arbeiten als Schriftsteller und Journalisten, die Zeitungen und Sender in Deutschland mit Nachrichten aus der Türkei versorgen.

Der SZ.de-Reiseführer wird Ihnen in Kooperation mit Marco Polo präsentiert. Alle Angaben ohne Gewähr auf Richtigkeit, Aktualität oder Vollständigkeit der Information. Die Verantwortung für die präsentierten Inhalte und Rechte liegt ausschließlich bei Marco Polo.

Quelle: www.marcopolo.de