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Reiseführer Thailand:Auftakt

Entdecken Sie Thailand!

Ein Bauerndorf im Nordosten Thailands. Wie eine vergessene Insel im Ozean liegt es in den Reisfeldern, die sich bis zum Horizont ziehen. Ein Mönch läuft die staubige Dorfstraße entlang. Eine alte Frau kniet vor ihrem Pfahlhaus und bietet dem Mönch ihre Gaben an. Einen kleinen Plastikbeutel mit Reis, zwei hart gekochte Eier.

Der Mönch bleibt stehen und hält ihr die Almosenschale hin. Er verliert kein Wort des Dankes. Dank zu sagen ist Sache der Spenderin: Sie hat Gelegenheit bekommen, Gutes zu tun. Dann erhebt sie sich, steigt die Holztreppe ihres Hauses hinauf. Oben dreht sie sich noch einmal um.

Sie schaut in die Ferne, wo sich eine asphaltierte Straße in den Reisfeldern verliert. Die Straße führt nach Korat, in die Provinzhauptstadt, und weiter nach Bangkok, in die ganz große Stadt. Ihr Sohn arbeitet dort als Taxifahrer. Vielleicht ist er es, der gerade im Morgenverkehr der Hauptstadt feststeckt und dem fliegenden Blumenhändler eine Kette aus Jasmin- und Orchideenblüten abkauft – ein duftender Glücksbringer als Zierde für den Rückspiegel.

Egal, ob Sie in einem thailändischen Dorf Ruhe atmen oder in Bangkok im Stau stecken: Sie werden feststellen, dass dies ein Land ist wie kein anderes. Ein Land voller Geheimnisse, fremdartig. Und trotzdem werden Sie sich nicht lange fremd fühlen, denn dies ist auch das Land des Lächelns.

Es sind vor allem seine Menschen, die Thailand zum Urlaubsland Nr. 1 in Asien gemacht haben. Schon wahr, leicht zu verstehen ist dieses Volk nicht. Wie zum Beispiel soll man begreifen, dass Menschen, die sich mit Begeisterung auf alles stürzen, was tansamai (modern) ist, höchst abergläubisch sind? Internetcafés eröffnen wie am Fließband, aber die gleichen Leute, die per Mausklick durch die Netzwelt surfen, fürchten sich vor Geistern und bauen ihnen zur Besänftigung ein Häuschen an jeder Ecke. Oder gleich einen ganzen Schrein.

Nicht immer waren die Geister dem Land günstig gestimmt. Auch wenn die Thais stets auf Ausgleich bedacht sind, sich lieber arrangieren als zu den Waffen greifen, so machten sie doch mit ihrem Nachbarn im Nordwesten schlechte Erfahrungen: 1767 legten die Burmesen Ayutthaya, eine der glanzvollsten Metropolen der damaligen Zeit, in Schutt und Asche.

Als die europäischen Mächte nach Fernost kamen, um auch diese Gegend der Welt unter sich aufzuteilen, fiel Siam als einziges Land in Südostasien nicht unter koloniales Joch. Flexibel wie Bambus, der sich dem Wind beugt, um nicht zu zerbrechen, lavierte sich die Nation auch durch die stürmische Zeit des Zweiten Weltkriegs. Statt sich mit den übermächtigen Japanern anzulegen, verbündete man sich lieber offiziell mit ihnen.

Die Nachkriegsgeschicke Thailands beherrschten Generäle, die sich immer wieder an die Macht putschten. Studentenproteste wurden 1973 und 1976 blutig niedergeschlagen. Aber der Wirtschaftsboom der 1980er-Jahre veränderte nicht nur die Skyline von Bangkok, sondern auch die politische Landschaft. Gerade in der Hauptstadt bildete sich eine breitere Mittelschicht heraus. Sie entwickelte ein politisches Bewusstsein und forderte Mitsprache bei der Gestaltung des Landes ein. Gingen früher nur Studenten auf die Straßen, bildeten sich mit Beginn des neuen Jahrtausends auch Massenproteste. 2008 besetzten Regierungsgegner sogar den internationalen Flughafen von Bangkok. 2010 blockierten Anhänger des ehemaligen Premierministers Thaksin, der durch einen Armeeputsch aus dem Amt gejagt worden war, das Hauptgeschäftsviertel in Bangkok. Der wochenlange Protest wurde von Armee und Polizei gewaltsam aufgelöst, es gab Dutzende von Toten.

Mit 513 120 km2 ist Thailand ungefähr so groß wie Frankreich. Geografisch wird es in vier Regionen unterteilt. Die Zentrale Ebene mit ihrem fruchtbaren Schwemmland ist die Reiskammer des Landes und mit der Millionenstadt Bangkok zugleich der wichtigste Industriestandort. Ausläufer des Himalaja bilden die Berge des Nordens. Dort oben, wo Bergvölker in bunten Trachten noch Brandrodungsfeldbau betreiben, erlauben die Temperaturen der Wintermonate sogar den Anbau von Erdbeeren und Äpfeln. Die dürregeplagte Hochebene des Nordostens ist trotz karger Böden fast ausschließlich Bauernland. Rund 20 Mio. der 67 Mio. Thais leben hier im Isan, dem Armenhaus des Landes. In den Dörfern sind viele Straßen noch Pisten, das Wasser schöpfen die Menschen aus Brunnen und Zisternen.

Nur wenige Touristen reisen in den Nordosten. Und dabei könnten sie gerade dort den wohl ursprünglichsten Teil des Landes kennenlernen, in dem der Lebensrhythmus noch bestimmt wird von Aussaat und Ernte, von Regen- und Trockenzeit. Aber wer will es den Fremden, die aus der Kälte kommen, verdenken, dass es sie dorthin zieht, wo das Schlagwort von den „glücklichen Tropen“ begreifbar und der Urlaubstraum wahr wird: in den Süden, der sich wie der Rüssel eines Elefanten bis zur malaysischen Grenze zieht. Auf den Feldern wächst Ananas, in Plantagen stehen Gummibäume Spalier, und Kokospalmen werfen gefiederte Schatten auf sahneweiße Strände. Die Fischer binden bunte Tücher und Blütengirlanden an den Bug ihrer Boote, in Gärten leuchten Bougainvillea-Sträucher.

Die einzige thailändische Stadt, die das Prädikat „Weltstadt“ für sich in Anspruch nehmen darf, ist Bangkok. Etwa jeder siebte Thai wohnt hier. Auf den ersten Blick sieht die Metropole mit ihren Hochhäusern und Blechlawinen aus wie jede andere moderne Großstadt. Aber wenn Sie genauer hinschauen, entdecken Sie, dass die Baustile durcheinandergewürfelt sind wie der Inhalt einer Spielzeugkiste. Wolkenkratzer sind in allen Regenbogenfarben angestrichen, Shoppingcenter säulenbewehrt wie griechische Tempel, Firmenzentralen sehen aus wie in Beton gegossene Roboter oder wie riesige Legosteine. Suey mak, wunderschön, sagen die Thais. Denn Eintönigkeit und Langeweile fürchten sie fast noch mehr als Geister. Die Provinzstädte bieten ein anderes Bild. Das Volk wohnte früher in Holzhäusern, doch an diesen nagt im tropischen Klima der Zahn der Zeit. Und so sind die allermeisten Städte mit ihrem Einerlei aus schachtelförmigen Betonbauten austauschbar. Nur auf der Insel Phuket finden Sie noch alte Villen und Ladenhäuser im sinoportugiesischen Baustil.

Noch zur Zeit des Zweiten Weltkriegs überspannte ein grünes Dach fast das ganze Königreich: 70 Prozent der Fläche waren bewaldet. Aber die rasant wachsende Bevölkerung brauchte immer mehr Agrarland. Heute sind die Waldgebiete auf etwa 20 Prozent geschrumpft. Nur noch 2000 wilde Elefanten sollen auf dicken Sohlen durch den Dschungel streifen, und die Zahl der vom Aussterben bedrohten Großkatzen wird auf einige Hundert geschätzt. Ihre Rückzugsgebiete sind nur wenige der insgesamt 99 Nationalparks und Schutzzonen, die immerhin über die Hälfte der noch verbliebenen Waldfläche in Thailand ausmachen. Trotzdem müssen Sie nicht in den Zoo gehen, um eine artenreiche Tierwelt zu entdecken.

Im Golf von Thailand und insbesondere in der Andaman-See liegen Tauchreviere, die zu den besten in Südostasien gehören. Zwar brauchen Sie Glück, um mit riesigen, Plankton fressenden Walhaien um die Wette schwimmen zu können. Aber jede Tauchschule weiß, wo Sie die gefleckten (und ebenfalls harmlosen) Leopardenhaie fast mit der Hand streicheln können. Und die konfettibunten Korallenfische finden Sie auch ohne Lotsen überall im wohltemperierten Nass. Tauchen Sie einfach ab!

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Seit der Journalist Wilfried Hahn 1978 erstmals nach Thailand reiste, kehrt er jedes Winterhalbjahr dorthin zurück. Für Zeitungen und Reisemagazine hat er unzählige Artikel über das Land verfasst. Für MARCO POLO schreibt er die Reiseführer Thailand, Bangkok, Phuket, Ko Samui und Krabi. Und wo in Thailand gefällt es ihm am besten? „Überall dort, wo gelächelt wird – und das ist wirklich überall.“

Der SZ.de-Reiseführer wird Ihnen in Kooperation mit Marco Polo präsentiert. Alle Angaben ohne Gewähr auf Richtigkeit, Aktualität oder Vollständigkeit der Information. Die Verantwortung für die präsentierten Inhalte und Rechte liegt ausschließlich bei Marco Polo.

Quelle: www.marcopolo.de