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Reiseführer Tessin:Auftakt

Entdecken Sie das Tessin!

Kamelien, die in der Januarsonne blühen, wenn der Norden in Frost und Nebel erstarrt; laue Sommerabende am Steintisch im Grotto bei einem Glas Rotwein; der schlichte Charme uralter Kirchtürme inmitten eines Dorfs aus gedrungenen Steinhäusern; die tiefe Ruhe der Kastanienwälder im warmen Licht der Herbstsonne: Das Tessin steckt voller Bilder, die in den Herzen des Nordens die Sehnsucht nach dem Süden wecken – selbst wenn alle wissen, dass es auch hier schneit, regnet, stürmt, blitzt, donnert, oft sogar heftiger als anderswo.

Doch die eindringliche Kombination von Gegensätzen – Palmen vor schneebedeckten Bergspitzen, mediterranes Klima in schroffen Bergtälern, italienische Emotionalität inmitten schweizerischen Ordnungssinns – lässt niemanden kalt. Von dieser Magie können auch Sie sich verzaubern lassen. Lassen Sie sich auf den kleinen Zipfel zwischen der Schweiz und Italien ein – es gibt einigen Grund dazu. Die bizarre Landschaft mit den herrlichen Wanderbergen und den Seen, Flüssen und Wildbächen zum Baden ist einer davon. Aber der Kanton hat noch mehr zu bieten: spektakuläre Werke seiner berühmten Architekten, den Thrill von Trendsportarten wie Mountainbiking, Climbing, Bouldering oder Canyoning, die kreative Energie seiner Spitzenköche.

Entdeckt haben das Tessin zunächst jene, die auf der Durchreise nach Italien waren. Erst später wurde es zum Ziel an sich. Ab dem Ende des 19. Jhs. erobern Künstler, Aussteiger, Anarchisten und Träumer den Monte Verità und machen Ascona zu einem Anziehungspunkt für die deutschsprachige Kulturszene der damaligen Zeit: Hermann Hesse, Paul Klee, Max Frisch und Max Horkheimer – alle pilgern sie in die milde italienische Schweiz. Im Sog der Prominenz wandelt sich das Tessin vom Südbalkon der Elite zum Traumziel für Hunderttausende aus Deutschland und der Deutschschweiz; so sehr versprechen die Begriffe Ascona und Tessin in den Fünfziger- und Sechzigerjahren des 20. Jhs. ein irdisches Paradies, dass sogar ein Auto, der Opel „Ascona“, nach ihnen benannt wird.

Doch die zunehmende Aufmerksamkeit bringt auch große Probleme: Die bis in die Mitte des 20. Jhs. rückständige Agrarregion wird in rasender Geschwindigkeit zum Dienstleistungsstandort umgebaut. Bei den Tessinern wecken die munter fließenden Devisen die Versuchung des schnellen Gelds. Sie verkaufen Häuser und Boden. Bauern werden über Nacht zu neureichen Immobilienbesitzern und ziehen sich aus der Berglandwirtschaft zurück. Die in Jahrhunderten entstandene „Kultur des Steins“ – in schwindelerregende Steilhänge gebaute Ackerterrassen oder mit riesigen Granitblöcken gedeckte Steinhütten – versinkt vielerorts unter unkontrolliert wuchernder Vegetation.

Beim Anblick der Bausünden an den Berghängen oberhalb von Locarno, Ascona und Lugano gerät jedoch allzu leicht in Vergessenheit, dass immer noch 95 Prozent des Tessiner Kantonsgebiets unverbaut sind. Vor allem in den strukturschwachen Tälern, wo es mangels Arbeitsplätzen zu einer starken Abwanderung kam, gibt es noch viele weitgehend intakte Dörfer. Im Bavonatal mit seinen steil aufragenden Felswänden beispielsweise sah es vor 100 Jahren nicht viel anders aus als heute – es ist eine Welt von herber Schönheit.

Es sind diese Gegensätze, die die Einzigartigkeit des Tessins ausmachen. Uralte Kirchen und hochmoderne Architektur, Trends und Traditionen, Biobauernhöfe und Banken bilden einen idealen Mix für einen abwechslungsreichen Urlaub. Faszinierend sind überdies die geringen Distanzen: Die Brissagoinseln mit ihren tropischen Pflanzen und der Basodinogletscher liegen gerade einmal 30 km Luftlinie voneinander entfernt. Und die Zeitreise vom über 1500 Jahre alten Baptisterium in Riva San Vitale am Luganer See zu Mario Bottas avantgardistischer Kapelle auf dem Monte Tamaro dauert mit dem Auto und der Gondelbahn weniger als eine Stunde.

Zu den idyllischsten Orten des Tessins gelangen Sie jedoch oft nur zu Fuß. Ein über 3500 km langes Netz an Wanderwegen bietet eine Fülle an Ausflugsmöglichkeiten. Kunsthistorische Überraschungen findet man häufig dort, wo man sie am wenigsten vermutet, denn viele Sehenswürdigkeiten liegen nicht an den Hauptreiserouten, sondern versteckt in kleinen Ortschaften oder abgelegen in einem Tal.

Grandios ist auch der Blick von der zweibogigen Natursteinbrücke Ponte dei Salti, die bei Lavertezzo über die Verzasca führt, den Fluss, dessen Name auf die Färbung des Wassers zurückgeht (verde acqua = grünes Wasser). Das Wasser schimmert hier tatsächlich smaragdgrün, und die rund geschliffenen Gneisblöcke leuchten wie überdimensionierte Edelsteine. Wem ein Sprung von der Brücke in Lavertezzo zu wenig Nervenkitzel bietet, der kann sich weiter flussabwärts am Bungeeseil von der 220 m hohen Staumauer des Lago di Vogorno in die Tiefe stürzen – so wie schon James Bond im Film „Golden Eye“. In einer weltweiten Umfrage wurde diese Szene zum besten Stunt der Filmgeschichte gekürt.

Apropos Film: Anfang August verwandelt sich die malerische Piazza Grande von Locarno jedes Jahr in das größte Freiluftkino der Welt. Während des internationalen Filmfestivals weht stets ein Hauch von Hollywood durch das Städtchen am Lago Maggiore. Ebenfalls fest im internationalen Festivalkalender etabliert hat sich die Konzertreihe Moon & Stars im Herzen Locarnos, die Fans und Stars gleichermaßen begeistert: „Ich liebe die Piazza Grande. Hier verdichten sich Geschichte und Romantik“, schwärmt Lenny Kravitz, und für die Sängerin Pink ist die Piazza Grande schlicht „der schönste Platz der Welt“.

Ein Kontrastprogramm zur Partystimmung in den Städten bieten die lauschigen Grotti, Gaststätten im Grünen, wo typische Tessiner Gerichte aufgetischt werden. Ursprünglich war das Grotto ein kellerartiges Gewölbe, das an Felsen oder in Höhlen angelegt wurde, um selbst gekelterten Wein und verderbliche Nahrungsmittel wie Wurst und Käse kühl zu lagern. Mit der Zeit entwickelten sich diese Keller zu Treffpunkten der Einheimischen. Am Sonntag oder am Abend kamen sie hier zusammen, um im Schatten der Bäume auszuruhen und Neuigkeiten auszutauschen. Man stellte Bänke und Tische aus Granit auf, an denen man aß und trank und sich des Lebens erfreute.

Hermann Hesse, der 1919 im Alter von 42 Jahren ins Tessin übergesiedelt war und dort zum meistgelesenen deutschsprachigen Autor avancierte, gewinnt den Grotti in seinem autobiografisch gefärbten Roman „Klingsors letzter Sommer“ sogar eine poetische Dimension ab: „Auf schmaler Terrasse standen Steinbänke und Tische im Baumdunkel, aus dem Felsenkeller brachte der Wirt den kühlen Wein. Langsam stiegen aus den irdenen bläulichen Tassen, Sinnbild der Vergänglichkeit, die bunten Zauber, wandelten die Welt, färbten Stern und Licht.“ Lassen auch Sie sich einfangen von den bunten Zaubern des Tessins!

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Omar Gisler hat Geschichte und italienische Literatur studiert und berichtete als Korrespondent jahrelang u. a. für die Neue Zürcher Zeitung über das Geschehen im Tessin. Er hat Bücher zum Thema Fußball sowie das Werk „Auf Entdeckungstouren im Tessin“ verfasst. Den Lebensunterhalt für seine fünfköpfige Familie bestreitet er mittlerweile als Medienmanager für den Tessiner Tourismusverband.

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Quelle: www.marcopolo.de