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Reiseführer Teneriffa:Stichworte

Von Guanchen und Drachenbäumen: Teneriffa hat viel mehr als nur Sonne, Strände und den Pico del Teide zu bieten

MARCO POLO Koautorin Izabella Gawin

Architektur

Kennzeichnend für die traditionelle kanarische Architektur ist die großzügige Verarbeitung einheimischer Hölzer innen und außen. Kunstvoll geschnitzte Balkone, Erker, Arkaden und Treppen finden sich an den Fassaden vieler Gebäude. Engmaschig vergitterte Fensterläden lassen Luft, aber keine Sonne ins Haus und wirken wie eine Klimaanlage. Dagegen sind die kalkweißen Fassaden auffallend schlicht. Aus Vulkansteinquadern gemauerte, unverputzte Hausecken und blassrote Ziegeldächer setzen klare Kontraste. Im Zentrum eines Hauses liegt der patio, ein Innenhof, der auf mehreren Ebenen und über Arkadengänge direkten Zugang zu allen Räumen bietet. Oft ist er üppig bepflanzt, manchmal sogar mit einem Brunnen ausgestattet und bildet eine kühle, grüne Oase im warmen Kanarenklima. Besondere Beispiele für kanarische Architektur findet man in La Orotava und La Laguna. Kirchen und Herrenhäuser haben im Inneren oft geschnitzte und fein bemalte Holzdecken im maurisch inspirierten Mudéjar-Stil. Außen herrscht klassischer Kolonialstil vor: weiße Fassaden, aus Naturstein gesetzte Fassungen der Fenster und Türen und wuchtige, oft verzierte Portale. Teneriffas am besten erhaltenes Bergdorf ist Masca, dessen Häuser in Trockenbauweise, also ohne Mörtel, errichtet wurden.

Carnaval

Kein Blick fällt auf Teneriffa, wenn alljährlich die Bilder des brasilianischen Karnevals über deutsche Fernsehbildschirme flimmern. Dabei kann sich das überschäumende Spektakel auf der Kanareninsel in jeder Hinsicht mit Rios Sambasause messen. Monatelang laufen die Vorbereitungen für die wilden Wochen im Februar und März. Es werden carrozas, Festwagen, gebaut und dekoriert, Kostüme geschneidert, Masken und Verkleidungen gebastelt. Murgas, verkleidete Spaßmachergruppen, wetteifern darum, die besten Kostüme, die frechsten Gesänge und die schrägste Musik zu machen. Während der desfiles, der Umzüge, ziehen sie tanzend und lärmend durch die Straßen. Oft sind Zehntausende in Santa Cruz de Tenerife unterwegs: ein wogendes Meer aus Leibern. Diesen Umzügen, die im spanischen Fernsehen landesweit live übertragen werden, schließt sich jede Nacht ein mogollón an: Bis zum Morgengrauen tanzt man zu Latinorhythmen. So geht es tage- und wochenlang.

Offizieller Höhepunkt ist die Wahl der Reina del Carnaval. Nicht die Schönheit der Aspirantinnen entscheidet bei der Kür zur Karnevalskönigin, sondern ihre Fähigkeit, das zentnerschwere, funkelnde Kostüm – teuer wie ein Mittelklassewagen – mit Anmut zu tragen. Auch die Kinder haben ihren eigenen Umzug und ihre eigene Königin.

Grandioser Abschluss des carnaval ist der Entierro de la Sardina, das Begräbnis der Sardine. Noch einmal gibt es einen großartigen, farbenprächtigen Umzug, bei dem eine gewaltige Pappsardine durch die Straßen gezogen wird. Zum Schluss explodiert sie in einem Feuerwerk aus Lichtbögen, Raketen und Knallkörpern. An allen Aktivitäten können Urlauber teilhaben; Infos in den Touristbüros.

Drago

Keine Pflanze hat die Fantasie der Kanarier so beflügelt wie der Drachenbaum. Dieser Verwandte der Yucca, der zur Gattung der Liliengewächse gehört, ist jenseits der makronesischen Inselwelt (Kanaren, Madeira, Azoren, Kapverden) schon vor 20 Mio. Jahren ausgestorben. Nahe Verwandte finden sich aber in Afrika und Asien.

1799 zeichnete Alexander von Humboldt den ältesten drago des Archipels – er steht noch heute in Icod de los Vinos und ist weit über 500 Jahre alt – und rätselte über dessen Herkunft, die er irgendwo in Asien vermutete. Den Guanchen galt der Baum als heilig. Vor allem wegen seines Harzes, des „Drachenbluts“, das sich an der Luft dunkelrot färbt und in grauer Vorzeit bei der Zubereitung von Heiltränken und Salben Verwendung fand. Schneidet man dem drago einen Ast ab, wächst dieser so schnell nach wie „das Haupt eines Drachen“. Deshalb verliehen frühe Naturforscher dem Baum den märchenhaften botanischen Namen Dracaena drago. Und auch heute noch verehren die Einheimischen ihre Drachenbäume. Kaum einen Ziergarten gibt es, der auf ihn verzichten würde. Sein Bild findet sich auf Gemälden, Briefmarken und Münzen.

Guanchen

Viel weiß man nicht von den Ureinwohnern der Insel, deren Name so viel wie „Söhne Teneriffas“ bedeutet. Sie besiedelten den Archipel ab dem 3. Jh. v. Chr. in mehreren Einwanderungswellen und entstammten wahrscheinlich hellhäutigen Berbervölkern Nordafrikas. Diese These wird durch einen Fund im Jahr 1992 gestützt: eine Steininschrift mit dem Zeichen zanata, das für einen Berberstamm steht. Neuere Genforschung hält es aber auch für möglich, dass sie aus dem Mittelmeerraum um Sizilien einwanderten.

Die Guanchen waren vor allem Bauern, die von Ziegen und Schafen lebten. Regiert wurden sie von einem mencey, einer Art König. Als die Spanier auf die Kanaren kamen, herrschten die neun Söhne des Mencey Bezenuria. Ihre überlebensgroßen Bronzestatuen stehen auf der Uferpromenade der Plaza Patrona de Canarias in Candelaria. Die Guanchen lebten meist in Höhlen, und dort bestatteten sie auch ihre mit viel Kunstfertigkeit mumifizierten Toten.

Nachdem die Europäer die Altkanarier unterworfen, getötet oder versklavt hatten, gingen die überlebenden Ureinwohner bald in der Bevölkerung der Eroberer auf. Ihre Hinterlassenschaft können Sie im Museo del Hombre y la Naturaleza in Santa Cruz, im Museo Arqueológico von Puerto de la Cruz und in den rätselhaften Pirámides de Güímar in Augenschein nehmen.

Kanarienvogel

Sein Gefieder ist gelb, sein Gesang melodisch. Meist sitzt er im Käfig und trällert zum Vergnügen seiner Besitzer. Selbst in den entferntesten Winkeln der Welt, in Hütten wie in Palästen ist er zu Hause. So kommt es, dass viele Menschen den Namen der Kanaren kennen, auch wenn sie vielleicht gar nicht wissen, dass er eine atlantische Inselgruppe bezeichnet.

Der Kanarienvogel stammt vom wilden Serenus canaria ab, der noch heut die Wälder des Archipels bevölkert: Auch er singt schön, sieht aber unspektakulär aus, weshalb an ihm so lange herumgezüchtet wurde, bis er seine heutige Gestalt erhielt.

Kunstszene

Wer auf den Kanaren früher künstlerisch etwas werden wollte, ließ die Abgeschiedenheit der Inseln rasch hinter sich und suchte sein Glück auf dem europäischen Festland. Das galt auch für viele Jahre des 20. Jhs., als die Franco-Diktatur jede nonkonformistische Regung im Keim erstickte. Doch einem tinerfenischen Künstler gelang es, das, was er bei Zeitgenossen wie Picasso in Paris erfahren und erlernt hatte, auf die Atlantikinsel zurückzubringen. 1935 organisierte Óscar Domínguez mit keinem Geringeren als André Breton eine große Surrealismus-Ausstellung in Teneriffas Hauptstadt und brachte die Welt-Avantgarde in die entfernte Atlantikprovinz – so etwas hatte es zuvor nicht gegeben. Zwar erstarb der künstlerische Aufbruch wenig später im Spanischen Bürgerkrieg (1936–39), und Domínguez blieb bis zu seinem Freitod 1957 im französischen Exil. Doch die Basis für spätere künstlerische Aktivitäten war gelegt.

Heute gibt es nicht nur eine Dauerausstellung von Domínguez' Werken im Tenerife Espacio de Las Artes (TEA), sondern auch mehrere renommierte Galerien, u. a. in Santa Cruz die Galería Leyendecker (Rambla 86 | www.leyendecker.net) und das Kulturzentrum El Tanque (Calle 70), in La Laguna die Fundación Cristino de Vera und die Sala Conca. In Puerto de la Cruz können Sie im ehemaligen Zollhaus oberhalb der Touristinformation in Wechselausstellungen des MACEW (Casa de Aduana | Calle Las Lonjas s/n) die Werke vieler moderner Klassiker betrachten.

Nahe Puerto de la Cruz findet sich eine weitere Rarität für Kunstfans: In San Juan de la Rambla präsentiert die Galería Biblioteca Expresión Contemporánea Antonin Artaud (Calle Estrecha 5) einen umfangreichen Fundus an Kunstbüchern und -katalogen. Treffpunkt internationaler Künstler, die sich auf Teneriffa niedergelassen haben, darunter so unterschiedliche Persönlichkeiten wie Janosch und Arnulf Rainer, ist die Finca de Arte (Chayofa | Calle Centro | www.finca-del-arte.com) oberhalb von Los Cristianos. Das wichtigste Kunstevent Teneriffas ist das in allen ungeraden Jahren stattfindende Fotofestival Foto-Noviembre (www.fotonoviembre.com), das neueste Produktionen aus aller Welt zeigt.

Lucha Canaria

Die lucha canaria, den kanarischen Ringkampf, gab es schon zur Zeit der Guanchen. In einem mit Sand ausgelegten Kreis von etwa 15 m Durchmesser treten zwölf Kämpfer zweier Teams paarweise gegeneinander an. In genau festgelegter Ausgangsposition stehen sie vornübergebeugt einander zugewandt und umklammern das aufgekrempelte Hosenbein des Gegners mit der linken Hand. In dem maximal drei Minuten dauernden Kampf versuchen die luchadores mit verschiedenen Griffen, den Gegner zu Boden zu werfen. Wer seinen Gegner zweimal bezwingt, hat gewonnen. Die Mannschaft mit den meisten Siegen entscheidet den Wettbewerb für sich. Die lucha canaria ist eine rein kanarische Angelegenheit und wird touristisch nicht vermarktet. Wenn Sie Lust haben, sich einen Kampf anzuschauen, erkundigen Sie sich in der Touristinformation nach den Terminen; eine Wettkampfarena (terrero de lucha canaria) leistet sich jeder größere Ort.

Schnee

300 km bis zur Sahara – wie kann es da schneien? Es kann, und das immer wieder. Der Teide-Nationalpark Las Cañadas liegt durchgehend über 2000 m hoch. Während die Bergspitze im Winter meistens eine weiße Haube trägt, sind die umliegenden Lavameere selten ganz eingeschneit. 5 Grad unter Null sind jedoch nichts Ungewöhnliches. Fällt dann Schnee, berichten die Tageszeitungen ausführlich über das Ereignis. Und am folgenden Wochenende fahren dick verpackte Kanarier hinauf und tummeln sich in der weißen Pracht.

Schnee und Eis spielten schon zur Zeit der spanischen Eroberer eine wichtige wirtschaftliche Rolle auf Teneriffa. Ein ganzer Berufsstand von Eisverkäufern, die neveros, lebte davon, in tagelangen gefährlichen Fußmärschen zum Teide aufzusteigen, um dann auf Lasttieren oder dem eigenen Rücken die kalte Fracht hinunter in die Dörfer zu tragen und dort zu verkaufen.

Virgen de Candelaria

Mindestens ein Jahrhundert vor Ankunft der Spanier fanden einige Guanchen bei Candelaria eine gotische Madonnenstatue mit Kind, die vom Meer an Land gespült worden war. Die Legende erzählt, dass die ängstlichen Hirten sie mit Steinen bewerfen wollten, ihre Arme aber in der Bewegung erstarrten. Beeindruckt von den offensichtlich magischen Kräften, trugen die Altkanarier die Figur in eine Höhle und begannen, sie zu verehren. Katholischen Missionaren fiel es später nicht schwer, den Wunderglauben für sich zu nutzen und die Guanchen zu bekehren. Sie gaben der Statue den Namen Jungfrau von Candelaria und bauten ihr eine kleine Kirche. Eine Sturmflut spülte jedoch 1826 Kirche und Madonna ins Meer. Die heutige Statue schuf 1827 ein einheimischer Künstler. Ihre Gesichtsfarbe, ebenso wie die ihres gekrönten Kindes, ist fast so schwarz wie der Vulkansand des Strands unterhalb der Basilika.

Wasser

Eine Insel, über der ewig die Sonne scheint, hat auch eine Kehrseite: den Mangel an Wasser. Früher gab es viele Flüsse auf Teneriffa, dichte Pinien- und Lorbeerwälder sogen die Feuchtigkeit aus den Passatwolken. Brunnen und kilometerweit in die Berge getriebene Stollen, sogenannte Galerien, versorgten die Landwirtschaft. Inzwischen sind die meisten Bäume abgeholzt, viele Brunnen versiegt. In einigen Stauseen wird Regenwasser aufgefangen. Meist sind es jedoch Meerwasserentsalzungsanlagen, die die Feriengebiete versorgen, auch Teneriffas neun Golfplätze werden so bewässert.

All das kostet viel Geld und Energie, die vor allem durch Verbrennung von Erdöl überaus umweltbelastend erzeugt wird. Immerhin werden neuere Anlagen auf das umweltfreundlichere Osmose-Verfahren umgestellt, bei dem dem Meerwasser mechanisch das Salz entzogen wird: Per Druck wird es durch Membranschichten gepresst, die nur Wassermoleküle durchlassen, die größeren Salzteilchen aber außen vor lassen. Obwohl der Tourismus nur etwa 10 Prozent des Wassers verbraucht – die Landwirtschaft ist mit gut 70 Prozent dabei –, hier die Bitte, ein gutes Beispiel zu geben: Vergeuden Sie kein Wasser!

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Izabella Gawin kennt die Kanaren wie ihre Westentasche. Sie hat ihre Doktorarbeit über die Inseln verfasst, dazu mehrere Wander- und Reiseführer geschrieben. Auf der ITB in Berlin 2011 wurde sie mit einem Autorenpreis für ihr „Reiseführerschaffen“ ausgezeichnet. An Teneriffa fasziniert sie vor allem „Väterchen Teide“, mit knapp 4000 m einer der höchsten Vulkane weltweit, mit einer gigantischen Felsarena zu seinen Füßen.

Der SZ.de-Reiseführer wird Ihnen in Kooperation mit Marco Polo präsentiert. Alle Angaben ohne Gewähr auf Richtigkeit, Aktualität oder Vollständigkeit der Information. Die Verantwortung für die präsentierten Inhalte und Rechte liegt ausschließlich bei Marco Polo.

Quelle: www.marcopolo.de

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