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Reiseführer Sylt:Stichworte

Was ist die Biike? Welche Wurzel ist mehrere Kilometer lang? Wie viel kostet der Quadratmeter in Kampen? Ein kleines Syltlexikon

Biikebrennen

Traditionsreiches, im Ursprung heidnisches Friesenfest, das immer am 21. Februar gefeiert wird. Rituelle Wintervertreibung, später die Verabschiedung der Walfänger werden als ursprüngliche Anlässe für dieses wichtigste Fest der Sylter genannt. Das Absingen des Lieds „Üüs Söl'ring Lön“ („Unser Sylter Land“) und die friesischen Ansprachen werden von den zu Tausenden anreisenden Gästen zwar nicht verstanden, und der anschließend überall servierte Grünkohl schmeckt auch nicht jedem, doch das kann der ausgelassenen Stimmung nichts anhaben.

Buhnen & Tetrapoden

Alle im rechten Winkel zum Strand in die See hineingebauten Küstenschutzwerke, ob aus Holz, Stein, Beton oder Stahl, werden Buhnen genannt. Seit 1867 wurden etwa 100 dieser bis zu 100 m langen Querwerke an den Weststrand gesetzt – bis in die Fünfzigerjahre des 20. Jhs. auch aus Stahlbeton –, in der irrigen Annahme, damit die parallel zum Ufer verlaufende Strömung zu brechen und so die Strandabbrüche zu reduzieren. Die durch den Landverlust nach und nach wieder auftauchenden Buhnen werden zwar regelmäßig entfernt, doch an einigen Stellen sind ihre scharfkantigen Überbleibsel eine echte Gefahr für Badende – vor ihnen warnt ein gelbes Andreaskreuz. Die Buhnen wurden übrigens seinerzeit durchnummeriert – so kam der berühmte Strandabschnitt „Buhne 16“ bei Kampen zu seinem Namen.

In den Sechzigerjahren versuchte man auch, die Westerländer Promenade und die Westseite von Hörnum-Odde mit Tetrapoden („Vierfüßler“) vor der See zu schützen, doch die meisten der 6 t schweren Betonmonster wurden unterspült und versanken im Sand. Etliche Dutzend verschandeln allerdings bis heute den Strand.

Dünen

Fast ein Drittel der rund 100 km2 großen Insel besteht aus Dünen, die bis zu 35 m hoch aufgeweht sind. Ihre Substanz, den Strandsand, liefert das Meer. Dieser wird vom Westwind gen Osten getragen. Ursprünglich waren es Wanderdünen, die seit dem 18. Jh. mit Strandhafer, auch als Dünengras bezeichnet, bepflanzt wurden, um eine Zerstörung der Ackerfluren und Siedlungsflächen durch Sandflug zu stoppen. Strandhafer besitzt unter anderem die erstaunliche Fähigkeit, jährliche Übersandungen von bis zu 2 m zu durchwachsen und den Sand damit festzuhalten. Die Wurzeln des Wurzelsystems einer einzigen Pflanze können zusammen viele Kilometer Länge erreichen! Nur im Listland wurde teilweise auf eine Bepflanzung verzichtet; dort befinden sich die einzigen Wanderdünen Deutschlands. Die mächtigste der drei Dünen ist rund 400 m breit und knapp 2 km lang. Bis zu 4 m pro Jahr beträgt die Wanderstrecke der Dünen.

Hindenburgdamm

Reichspräsident Paul von Hindenburg kam am 1. Juni 1927 persönlich zur Einweihung des nach ihm benannten, 11,2 km langen Eisenbahndamms zwischen dem Festland und Sylt. In der vier Jahre dauernden Bauphase wurden über 3 Mio. m3 Sand und Lehm sowie 120 000 t Steine verarbeitet. Die Entwicklung des Sylter Fremdenverkehrs wäre ohne den Eisenbahndamm so nicht denkbar gewesen – doch insbesondere die Hunderttausende Autos, die jährlich via Autozug über den Damm geschleust werden, rufen auf der Insel nicht nur Beifall hervor.

Immobilien

„In Deutschland ganz oben“ – der ehemalige Sylter Werbeslogan lässt sich bis heute genauso gut auf die hiesigen Immobilien- und Grundstückspreise anwenden: Ein Quadratmeterpreis von bis zu 27 000 Euro pro m2 Wohnfläche (in Kampen) ist bundesweit Spitze. Selbst für schlechtere Lagen werden bis zu 13 000 Euro fällig – da kann ein Einzimmerapartment schon mal schlappe 300 000 Euro kosten. Die Preise steigen seit vielen Jahren, und ein Ende dieses Booms ist nicht absehbar. Kein Wunder also, dass immer mehr Sylter Dollarzeichen in den Augen haben und ihre Immobilie an die verkaufen, die solche Preise zahlen können (und wollen) – und die kommen vom Festland. Die Folge für die Sylter ist fatal: Sie sterben langsam aus. Zwar haben laut Melderegister noch 21 500 Menschen ihren Erstwohnsitz auf Sylt, aber wie viele davon wohnen wirklich das ganze Jahr hier? Seriöse Schätzungen gehen derzeit von 12 000–15 000 „echten“ Syltern aus, der Rest sind Zweitvillenbesitzer, zu denen sich noch etwa 16 000 „offizielle“ Zweitwohnungsbesitzer gesellen.

Inselbahn

Bis 1970 gab es auf Sylt eine Schmalspurbahn, die den Norden mit dem Süden verband. Sie war Ende des 19. Jhs. im Zuge des aufkommenden Tourismus notwendig geworden. Den Abbau der seinerzeit unrentabel gewordenen Strecken, die heute Radwege sind, bereuen mittlerweile viele. Dass die Inselbahn nicht die schnellste Fortbewegung garantierte, zeigt die Anekdote eines Lokführers, der seinen Freund nach Westerland spazieren sah und ihm einen Platz anbot. Er bekam zur Antwort: „Nee, lass man, heut hab ichs eilig.“

Kliff

Steilufer an einer Abbruchküste. Auf Sylt finden sich insgesamt vier Kliffe: Rotes Kliff zwischen Wenningstedt und Kampen, Morsum-Kliff im Osten der Halbinsel Nösse, Grünes Kliff in Keitum und Weißes Kliff in Braderup, das durch Erosion allerdings kaum noch als solches erkennbar ist. Die Landverluste, die Sylt erleidet, lassen sich besonders eindrücklich am Roten Kliff beobachten, wenn alljährlich im Winterhalbjahr Sturm und Brandung gewaltige Brocken aus der Kliffkante reißen. In den letzten Jahren schlug der Blanke Hans auch auf der Wattseite zu und nagte am Grünen und am Morsum-Kliff.

Klöntür

Moderner Ausdruck für die wohl ursprünglichste Form der Friesenhaustür. Sie hat in der Mitte auf Brusthöhe eine horizontale Teilung, sodass die obere Hälfte unabhängig von der unteren geöffnet werden kann. Das hatte in früheren Zeiten den Vorteil, Licht und Luft ins Haus lassen zu können, ohne dass die Kleinkinder davonlaufen bzw. das Viehzeug von draußen ins Haus kommen konnte.

Marsch

Flacher, fruchtbarer Boden am Wattufer. Er ist aus Meeresablagerungen entstanden und meist von Prielen durchzogen. Wenn Marschen nicht eingedeicht werden, können sie sich zu Salzwiesen wie bei Rantum oder am Lister Königshafen entwickeln. Der größte Teil der Sylter Marsch liegt östlich von Keitum und wurde durch den Bau des Nössedeichs 1935 dem Meereseinfluss entzogen.

Quallen

Im Sommer, wenn die Wassertemperaturen so richtig zum Baden einladen, können sie vereinzelt, manchmal aber leider auch invasionsartig auftauchen. Und zwar immer dann, wenn durch Ostwind die unteren Wasserschichten an die Oberfläche strömen. Quallen bestehen zwar zu 98 Prozent aus Wasser und sind meist harmlos, aber ein Bad in diesem Glibber ist doch gewöhnungsbedürftig. Nur vor der gelben Haarqualle, auch Feuerqualle genannt, muss man sich in Acht nehmen: Deren lange Tentakel – die sind neben der gelben Farbe (die anderen Quallen sind praktisch farblos) ihr Erkennungsmerkmal – können Verbrennungen hervorrufen.

Reet

So nennt man in Nordwestdeutschland das Schilfstroh, das im Winter bei Frost geerntet wird und die ursprüngliche Dachbedeckung der Friesenhäuser ist. Dieses einst kostengünstige Baumaterial wächst u. a. am Sylter Wattufer, aber schon längst nicht mehr in ausreichender Menge. Aufgrund des durch den Bauboom stark gestiegenen Bedarfs wird es importiert. Heute kommt der Baustoff für die Sylter Dächer meist aus Polen oder Ungarn.

Sandbänke

Durch Meeresströmungen und die Brandung bilden sich auf dem Grund des Meers lang gestreckte Sanderhebungen, deren Größe und Lage sich ständig verändert. Diese von Seefahrern auch Untiefen genannten Sande fallen bei Ebbe trocken. Bei Flut sind sie hingegen oft nicht zu sehen, was für die Schifffahrt Gefahren birgt. Seehunde und Kegelrobben nutzen die Sandbänke um Sylt als Ruheplätze oder um ihre Jungen zur Welt zu bringen.

Schweinswale

Die mit 1,80 m Länge kleinsten aller Wale bringen im Mai/Juni vor Sylt und Amrum ihre Kälber zur Welt. Bei Ostwind sind sie manchmal in kaum 50 m Entfernung zum Sylter Weststrand beim Jagen zu beobachten. 1999 wurde vor den Nordfriesischen Inseln das erste Walschutzgebiet Europas ausgewiesen, in dem etwa 6000 Tiere leben. Der auch Kleiner Tümmler genannte Wal steht dennoch nach wie vor auf der Roten Liste gefährdeter Arten in Deutschland.

Sturmflut

Von einer Sturmflut spricht man bei einer Wasserstandserhöhung um mindestens 1,50 m, verbunden mit stürmischen Winden und dementsprechendem Wellengang. Die Küsten- und Inselbewohner leben seit jeher mit diesem meist im Winterhalbjahr auftretenden Naturereignis. 1923 starben zum letzten Mal Menschen bei einer Sturmflut auf Sylt, 1962 drang das Meer bis zum Westerländer Bahnhof vor, und 1999 spülte der Sturm Anatol über 2 Mio. m3 Strand, Kliff und Dünen fort. Seit Beginn des 21. Jhs. fügen Sturmfluten der Insel fast jedes Jahr schwere Schäden zu.

Watt

Ein amphibischer Raum zwischen Land und Meer, der bei Flut überspült wird und bei Ebbe ganz oder teilweise trockenfällt. Diese auf den ersten Blick öde wirkende, graubraune Sand- und Schlicklandschaft ist ein hoch produktiver Lebensraum, der sich besonders gut auf einer geführten Wattwanderung erkunden lässt: Über 1500 Tierarten leben hier – vom Plattwurm bis zum Seehund. Niemals sollte man als Unkundiger alleine ins Watt gehen – jedes Jahr werden in Nordfriesland mehrere Unvorsichtige von der Flut überrascht und ertrinken!

Weltnaturerbe & Nationalpark

2009 erhielten das deutsche und das niederländische Wattenmeer den Status eines Unesco-Welterbes, der dänische Teil soll folgen. Der schleswig-holsteinische Teil des weltweit einzigartigen Lebensraums Wattenmeer ist seit 1985 als Nationalpark ausgewiesen, ursprünglich unter Einbeziehung aller Inseln. Das aber ließ sich seinerzeit nicht durchsetzen – Touristiker, Landwirte und Fischer liefen Sturm dagegen, und so kam es 1999 zu einem Kompromiss: Die Inseln und Strände wurden ausgeklammert, dafür wurde der Nationalpark um 40 Prozent auf 4410 km2 vergrößert und südlich des Hindenburgdamms eine sogenannte Nullnutzungszone von 125 km2 eingerichtet. Um Sylt herum gehören weitere Gebiete zur Nationalparkzone 1, die nur von Fischern und auf geführten (Watt-)Wanderungen betreten werden dürfen: z. B. nördlich vom Hindenburgdamm, zwischen Rantumbecken und Morsum-Odde und der Lister Königshafen. www.wattenmeer-weltnaturerbe.de

Windpark

Bislang sind in der Nordsee vor Schleswig-Holstein sieben Offshore-Windparks mit insgesamt 790 Windanlagen genehmigt. Einer davon ist Butendiek (www.sylt-2000.de/Aktuelles/Butendiek/Sichtbarkeit/sichtbarkeit.html) 34 km westlich von Sylt mit 80 Anlagen auf einer Fläche von 42 km2 . Eigentlich sollte der Park 2012 ans Netz gehen, doch da es Probleme mit der Finanzierung und der Netzanbindung gab und gibt (die Leitung muss immerhin mitten durch den Nationalpark führen), verzögert sich der Baubeginn. Mittlerweile erheben auch die Fischer Protest, denn Fangeinbußen werden unvermeidlich sein. Und nicht zuletzt haben Naturschutzverbände bei Gericht Klage gegen den Park eingereicht, denn er liegt mitten in einem wichtigen Überwinterungsgebiet für Seevögel und dem größten Nordseevorkommen von Kegelrobben und Schweinswalen. Das ganze Areal soll nach EU-Recht unter Schutz gestellt werden, so ihre Forderung. Es kann also gut sein, dass die Sylter und ihre Gäste auf den Anblick von kleinen Windrädern am Horizont verzichten müssen …

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Silke von Bremen ist Gästeführerin und eine profunde Kennerin der Insel. Von ihr liegen zahlreiche Veröffentlichungen zu Sylt vor, sie auf Rundgängen zu begleiten, ist so unterhaltsam wie interessant. Arnd M. Schuppius arbeitet als freiberuflicher Autor und Lektor für mehrere Verlage und Zeitschriften. Er besucht die Insel ein paar Mal im Jahr und verfolgt ihre Entwicklung mit konstruktiver Kritik.

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Quelle: www.marcopolo.de