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Reiseführer Sylt:Auftakt

Entdecken Sie Sylt!

„Ich fahre für ein paar Tage auf die Insel …“ Eigentlich weiß damit jeder, dass hier nicht Mallorca oder Ibiza, Capri oder Rhodos gemeint ist. Schließlich kann es für echte Syltfans nur eine geben. Diese eine bedient nur allzu gern die vielen Klischees, die über „der Deutschen liebste Insel“ in Umlauf sind, und ist doch ganz anders – nämlich in erster Linie immer noch Natur pur. Und wenn sich zur vielfältigen Landschaft aus Strand, Dünen, Heide und Watt noch ein ebenso abwechslungsreiches Angebot für Sportler und Gourmets, Wellnessfreunde und Nachtschwärmer gesellt, dann ist es genau dieses Zusammenspiel, das „die Insel“ so faszinierend macht.

Der oben zitierte Syltfan ist – wie alle Liebhaber der Nordfriesischen Inseln – ohnehin eine ganz besondere Art Urlauber: Wassertemperaturen, die auch im Sommer nur selten die 20-Grad-Marke erreichen, schrecken ihn ebenso wenig wie Stürme im Frühjahr und im Herbst oder die gar nicht so geringe Wahrscheinlichkeit von Schauerstaffeln auch zur Hochsaison. Begeistert kehrt er jedes Jahr wieder. Nicht, dass es auf Sylt keine windstillen Sommertage gäbe, verschneite Winteridylle oder Dolce Vita am Strand – nur rechnen darf man damit nicht! Ob jemand, der Sylt das erste Mal besucht, zum Syltfan wird oder nicht, entscheidet sich sehr schnell. Die Insel fordert förmlich ein Urteil heraus, gleich in den ersten Stunden. Ein Strandspaziergang bei starkem Gegenwind: gigantisch oder einfach nur grausam? Ein Bad in der rauen Sylter Brandung: belebend und berauschend oder eher beängstigend? Ein Spaziergang durch die einsame Landschaft des Listlands: lohnend oder langweilig?

Vermutlich erging es auch den ersten Badegästen nicht anders, die Mitte des 19. Jhs. nach einer mühevollen Schiffsreise von Cuxhaven oder Husum die Insel erreichten. Die mussten sich damals auch noch damit abfinden, unter denselben kärglichen Bedingungen zu leben wie die Fischer und Bauern, bei denen sie Quartier bezogen. Viele schwärmten trotzdem von den überwältigenden Eindrücken während ihres Aufenthalts – die ersten echten Syltfans. Von Kargheit kann heutzutage natürlich keine Rede mehr sein: Das Angebot an Hotels, Apartments, Kneipen und Restaurants ist ungeheuer vielfältig und kaum überschaubar.

Das Eiland – bereits in der Stein- und Bronzezeit Heimat für viele Menschen, später besiedelt von Friesen – hatte schon einiges durchgemacht. Acker- und Siedelflächen waren durch den Anstieg des Meeresspiegels dramatisch verringert worden, viele Dörfer lagen längst auf dem Grund des Meers. Die Klimaverschlechterung und Sturmfluten ließen außerdem nicht gerade üppige Ernten zu, sodass das Leben auf Sylt in früheren Zeiten ohne Übertreibung als erbärmlich bezeichnet werden kann. Erst im 17. Jh. änderte sich das Schicksal: Das zur Seemacht aufgestiegene Holland benötigte wagemutige Männer für Schiffe, die zum Walfang ins Nordmeer aufbrachen oder im Auftrag der Handelskompanien in Richtung Asien unterwegs waren. Wagemutig waren die Sylter wohl nicht unbedingt, aber arm und hungrig. Außer ihrem Leben hatten sie kaum etwas zu verlieren, sodass viele die Chance ergriffen. Mit Glück konnte man Kapitän und somit reich werden – so brach auf Sylt ein „Goldenes Zeitalter“ an, dessen Reichtum sich insbesondere im Hausbau niederschlug. Keitum mit seinen vielen Friesenhäusern aus jener Ära lässt diese Zeit heute noch wach werden. Die Zeitspanne, bis die ersten Badegäste das zweite goldene Zeitalter einläuteten, überbrückte man vor allem mit Landwirtschaft.

Der einsetzende Fremdenverkehr veränderte die Insel nachhaltig. Die einst reichen Dörfer im Osten der Insel wie Keitum und Morsum gerieten plötzlich ins Hintertreffen, denn die Gäste wollten an den Strand, den es nur im Westen gab, wo die armen Dörfer lagen. So war bald Westerland das eleganteste Bad an der deutschen Nordsee. Doch nach dem Zweiten Weltkrieg konnte Westerland nicht mehr an die alten Erfolge anknüpfen; es wurde zu schnell zu viel gebaut, und mit der Eleganz war es vorbei. Andere Orte hatten nun die Nase vorn, wie Kampen, wo sich in den Wirtschaftswunderzeiten der Jetset niederließ und Sylt ein neues Image verpasste. Hatten in den Zwanziger- und Dreißigerjahren des 20. Jhs. Verleger wie Ernst Rowohlt und Peter Suhrkamp dazu beigetragen, dass der Ruf der Insel hinausgetragen wurde, waren es von den Fünfziger- bis in die Siebzigerjahre Axel Springer mit seiner Regenbogenpresse oder Oswalt Kolle, der seine Aufklärungsfilme u. a. am Sylter Strand drehte. „Insel der Nackten und Reichen“ hieß es nun, ein Klischee, das sich lange halten sollte. Glücklicherweise ist es damit vorbei, und längst gönnen sich Menschen aus allen Schichten einen Sylturlaub – die Insel hat für so gut wie jedes Bedürfnis und Portemonnaie ein Angebot parat.

Damit wären wir wieder beim echten Syltfan, der manchmal tatsächlich nackt und manchmal auch reich ist – der aber ganz bestimmt ein Faible für die Natur haben muss. Diese einzigartige Natur, derentwegen die Gäste kommen, muss immer öfter sogar vor ihren Verehrern geschützt werden. Da immerhin über ein Drittel der Sylter Fläche unter Naturschutz steht, sind Konflikte an der Tagesordnung. So etwa mit solchen Gästen, die sich über die Sensibilität des insularen Ökosystems nicht im Klaren sind und beispielsweise trotz Verbot die Dünen betreten. Langjährige Syltfans kehren ihrer Liebe auch aufgrund des stetig wachsenden Auto- und Flugverkehrs den Rücken. Ein Grund für die Zunahme des Letzteren: Immer mehr Touristen kommen nur zu Kurztrips auf die Insel – einfach mal übers Wochenende oder zu einem der zahlreichen Events, von Surfweltcup über Harley-Days bis zu Golf- und Poloturnieren. Nicht zuletzt stellt also „die Masse Mensch“ die größte Gefahr dar für die ökologische und infrastrukturelle Gesundheit der Insel: Zuletzt zählte man 868 000 Gäste und 7 Mio. Übernachtungen pro Jahr. In der Hochsaison sind teilweise über 150 000 Menschen gleichzeitig auf der nur 99 km2 großen Insel. Damit wird die Belastungsgrenze der Insel, die nach einer Berechnung aus den Siebzigerjahren bei 100 000 Individuen liegt, derzeit weit überschritten.

Doch trotz alledem ist Sylt – gemessen an anderen europäischen Urlaubszielen – immer noch idyllisch, weil hier Meer und Wind den Lebensrhythmus bestimmen und weil einsame Plätze nach wie vor zu finden sind, besonders in der Nebensaison. Immer mehr Urlauber kommen deshalb auch im Winter: Wer sich nach einem Strandspaziergang bei Eiseskälte und Sonnenschein gemütlich an einem Punsch wärmt, der fühlt sich genauso erfrischt wie nach einem sommerlichen Bad in der Brandung.

Ein weiteres Plus neben der Natur ist die Alternative zu dieser: Mit ihren vielen attraktiven Angeboten besitzt Sylt die nötige Infrastruktur, um Ihren Urlaub ausgesprochen abwechslungsreich zu gestalten. So ist etwa die große Anzahl an ausgezeichneten Restaurants auf so engem Raum nahezu einmalig in Deutschland. Machen Sie sich also auf die Suche nach „Ihrem“ Sylt! Dieser MARCO POLO Band wird Ihnen helfen, eine ganz besondere, einzigartige Insel zu entdecken, eine faszinierende Welt für sich, deren Magie Syltfan Peter Suhrkamp so beschrieb: „Die Größe des stillen Himmels, in der das Inselpanorama klein eingeschlossen ist, gibt erst das Unerschöpfliche.“

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Silke von Bremen ist Gästeführerin und eine profunde Kennerin der Insel. Von ihr liegen zahlreiche Veröffentlichungen zu Sylt vor, sie auf Rundgängen zu begleiten, ist so unterhaltsam wie interessant. Arnd M. Schuppius arbeitet als freiberuflicher Autor und Lektor für mehrere Verlage und Zeitschriften. Er besucht die Insel ein paar Mal im Jahr und verfolgt ihre Entwicklung mit konstruktiver Kritik.

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Quelle: www.marcopolo.de