Süddeutsche Zeitung

Reiseführer Stuttgart:Auftakt

Entdecken Sie Stuttgart!

Stuttgart hat’s, das gewisse Etwas. Und damit ist nicht nur das lebendige Kulturleben gemeint, die vielen Shoppingadressen, das (Mode-)Design made in Stuttgart oder die berühmten Autos, die hier produziert werden. Es ist das Lebensgefühl, das zwischen Höhen und Talkessel herrscht, zwischen rotem Dächermeer und grünen Hügeln. Es spiegelt sich im bunten, multikulturellen Leben in den Stadtvierteln, in den vielfältigen Küchen aller Standards, in den gut besuchten Bars, Clubs und Lounges. Eine Fähigkeit zum Genießen, die – trotz aller schwäbischer Erdverbundenheit – fast schon so etwas wie Leichtigkeit hervorruft.

Mit Betonung auf fast: Denn im Streit um „Stuttgart 21“ zeigten sie sich dann doch, die unlockeren Seiten der Bürgerseelen im Talkessel, und zwar auf beiden Seiten. Befürworter und Gegner des milliardenschweren Bauprojekts im Herzen der Stadt, bei dem der Bahnhof unter die Erde verlegt werden soll, verfochten ihre Sache mit fast religiösem Eifer. Im Verlauf der Auseinandersetzungen traf die Medienerfindung vom „Wutbürger“ auf alle zu, ob sie nun die Gleise tiefer legen oder „oben bleiben“ wollten, wie es der Schlachtruf der Gegner forderte. Innerhalb weniger Jahre fügte damit die schwäbische Landeshauptstadt ihrem Image noch eine weitere Facette hinzu: Korrigierte sie ihren drögen, spießigen Ruf durch die fröhlichen, entspannten und weltoffenen Feiern während der Fußball-WM 2006 und der EM 2008, so wurde sie ab 2010 zur Keimzelle einer neuen, bürgerlichen Protestkultur. Mit Erstaunen registrierte die Weltpresse: Diese Stadt ist weder bieder, noch werden hier die Bürgersteige ständig wahlweise gefegt oder hochgeklappt. Kein Wunder, dass bei Wirtschaftsexperten und Kulturkennern, bei Szenegängern und Architekturfreunden „Schduagerd“ schon lange auf der Hitliste steht.

Beim Schlendern durch die City oder einem Bummel durch die Kneipen werden Sie schnell erkennen: Stuttgart passt in keinen Rahmen. Auf den ersten Blick ein typisches, klar umrissenes Gesicht zu finden, ist nicht einfach. Lassen Sie sich Zeit, die Vielfalt – und auch die Gegensätze – zu entdecken: Schlendern Sie allein durchs verträumte Lapidarium mit seinen steinernen Zeitzeugen, oder ziehen Sie mit Zehntausenden während der „Langen Nacht der Museen“ durch die Stadt; begegnen Sie Franziska Walser und Edgar Selge auf der Bühne des Schauspiels Stuttgart oder bestaunen Sie die Primaballerinen des Balletts; reisen Sie im Württembergischen Landesmuseum durch die Vergangenheit, oder lassen Sie sich in der Neuen Staatsgalerie von Joseph Beuys provozieren; spazieren Sie durch die Weinberge rund um die Stadt, oder reihen Sie sich ein in den Strom der Shopper im Zentrum.

Stuttgart hat mit seinen etwas mehr als 585 000 Einwohnern stetig an Selbstbewusstsein gewonnen. Die Statistiker registrieren einen ständigen Aufwärtstrend bei den Übernachtungen: 2012 waren es rund 3,1 Mio. Das Thema „Stuttgart 21“, das mit dem Fortschreiten des Bahnhofsumbaus die Tagesordnung zumindest nicht mehr beherrscht, hat der Stadt dabei nicht geschadet, sondern sie nur bekannter gemacht. Ebenso wie die Tatsache, dass im Mai 2011 mit Winfried Kretschmann der erste grüne Ministerpräsident in der Geschichte der Bundesrepublik in die Villa Reitzenstein, den Regierungssitz des Landes, einzog.

Dass die Schwabenmetropole, was Attraktivität und Lebensqualität angeht, auf der Städte-Beliebtheitsskala ganz vorn rangiert, ist auch der innovativen Kulturszene zu verdanken. „Was brauchen wir Kunst, wir brauchen Kartoffeln“, lautete früher eine schwäbische Redensart – die in den Finanzkrisen der letzten Jahre, zumindest in abgewandelter Form, plötzlich wieder an Bedeutung gewann: Die schmerzhaften Kürzungen der sonst für Kulturelles so offenen Stadt sorgten bundesweit für Schlagzeilen. Doch heute wie damals setzen und setzten sich Kunstliebhaber und Kulturmanager, Stifter und Bühnentalente durch – fast ohne Promis und Protz, aber mit Ideenreichtum, Engagement und internationaler Teamarbeit. Für den Kauf berühmter Kunstschätze wurden zusätzliche Kassen geöffnet und Stiftungen ins Leben gerufen. Das Stuttgarter Ballett brachte es zu Weltruhm, die Staatsoper wurde mehrfach zum besten Opernhaus im deutschsprachigen Raum gekürt, die Stadt verfügt über eine der vielfältigsten Kleintheaterszenen in Deutschland. Nicht zu vergessen: die Museenlandschaft, die von der Neuen Staatsgalerie in den 1980ern bis hin zu Mercedes-Benz Museum, Porsche-Museum und Kunstmuseum im Jahr 2005 immer auch mit ihren Bauten für Furore sorgte. Und zwischen der Internationalen Bachakademie und den Ludwigsburger Schlossfestspielen schlug hier mit den ersten Auftritten der „Fantastischen Vier“ die Geburtsstunde des deutschen Hip-Hop. Der Musicalboom dagegen ist abgeebbt, sorgt aber immer noch für ordentliche Besucherzahlen.

Bei aller Innovation: Stuttgart ist der Tradition immer treu geblieben, und vielleicht macht gerade diese Verbindung den – selbst in Krisenzeiten relativ beständigen – wirtschaftlichen Erfolg der Landeshauptstadt aus. Kaum eine andere Region hat es geschafft, ein so solides Fundament zu legen. Sicherlich ist es kein Zufall, dass weltweit erfolgreiche Unternehmen wie Daimler, Porsche oder Bosch hier ihren Ursprung haben. Erfolgreich auch die Taktik, dass Wirtschaft und Wissenschaft stark aufeinander zugegangen sind. Stuttgart kann zwei Universitäten, sechs Akademien und Fachhochschulen und eine Reihe außeruniversitärer Forschungseinrichtungen vorweisen. Und auch für die Verlagslandschaft ist Stuttgart ein wichtiger Standort. 130 Verlage haben ihren Sitz im Zentrum und 250 in der Region; Holtzbrinck, Klett, Motor-Presse und Mairdumont sind nur die größten und bekanntesten. Und: Von den Thienemann-Verlagsräumen in einer Seitenstraße aus eroberten der Räuber Hotzenplotz, Jim Knopf und Lukas, der Lokomotivführer die Kinderzimmer.

Nicht überall stößt der Erfolgscocktail aus klassischen Industrien, neuen Wachstumsbranchen wie Informations- und Kommunikationstechnologien, neuen Medien und Umwelttechnik auf Gegenliebe. Einige warfen den Stadtvätern in der Vergangenheit vor, sich im Rennen um internationale Anerkennung vor allem bei großen Bauprojekten wie „Stuttgart 21“ oder dem Messeneubau beim Flughafen zu verschätzen und viel zu schnell die Bagger anrücken zu lassen, um Altes, Wertvolles unwiederbringlich zu zerstören. Wie das „Stuttgart der Zukunft“ aussieht, ist nicht abzusehen, denn neben der Bahnhofsbaustelle wird es bis voraussichtlich 2020 mindestens neun weitere Großbaustellen geben. Außerdem gestaltet mit Fritz Kuhn seit Januar 2013 zum ersten Mal ein grüner Oberbürgermeister die Politik in der Landeshauptstadt.

Ein großer Teil der Industrie hat sich rund um Stuttgart angesiedelt. Ihre Fließbänder zogen seit den 1960er-Jahren viele Ausländer an: Menschen aus rund 180 Nationen leben hier. Fast 40 Prozent der Stuttgarter haben einen Migrationshintergrund, es werden 100 verschiedene Sprachen gesprochen, teils hat das gelernte Deutsch einen schwäbischen Akzent angenommen. Die „Reig’schmeckten“ und Fremden haben das Bild der Stadt und der Schwaben nachhaltig – zum Besseren – verändert. „Das Zweiflerische, Querköpfige, Kritische und Praktische im Wesen des Stuttgarters vermischte sich mit der Großzügigkeit, dem Wagemut, der Urbanität und der Musenfreundlichkeit vieler Neubürger“, erklärte der heimische Schriftsteller Thaddäus Troll. Heute würde man sagen: gelebte Integration. Eher weniger verändert hat sich die Metropole selbst, in vielen Stadtteilen ist und bleibt sie ein Meer aus roten Dachziegeln – und eine Großstadt im Grünen: Schlossgarten,Bärenseen oder der Wald rund um den Bopser, auf dessen Höhe der Fernsehturm thront. Von den Hügeln aus, der Uhlandshöhe etwa, dem Haigst, dem Bismarckturm oder der Karlshöhe, fallen nicht nur die Schönheiten wie Neues Schloss oder Königsbau auf, der die klassizistische Fassade für die modernen Königsbau-Passagen abgibt. Auch die Betonwunden, die nach dem Krieg im zerstörten Stuttgart, aber auch in den 1960er- und 1970er-Jahren, geschlagen wurden, sind deutlich zu sehen. Vor allem in den vergangenen drei Jahrzehnten nutzten namhafte Architekten wie James Stirling mit seiner Neuen Staatsgalerie oder Hascher & Jehle mit dem Glaskubus des Kunstmuseums die Fläche für mutige Bauten.

Die idyllische Lage hat es der Stadt auf ihrem Weg in die Zukunft nicht einfach gemacht. Eingeengt zwischen Buckeln und Bergen, nur in Richtung Osten offen, konnte sich Stuttgart nur schlecht ausbreiten. „Aus einem Kessel kann man eben nicht herausgucken“, hieß es. Historisches Zentrum ist das Gebiet um das Alte Schloss, dort, wo im sumpfigen Gelände um die Mitte des 10. Jhs. ein „Stutengarten“, ein Gestüt, stand. Die Siedlung erhielt im 13. Jh. das Stadtrecht, sie wurde Sitz der Grafen von Württemberg, und der Aufschwung zur offiziellen Haupt- und Residenzstadt begann. Er setzte sich fort, als Stuttgart in der ersten Hälfte des 19. Jhs. zur Industriestadt aufstieg. An das vergleichsweise kleine Zentrum grenzen die Nobelterrassen rund um den Killesberg im Norden, die eher von Arbeiterwohnungen geprägten Straßen im Osten und die beliebten Wohnviertel im Westen und Süden. Vor allem ehemals unabhängige Gemeinden wie Bad Cannstatt, Wangen, Vaihingen und Weilimdorf haben ihr Selbstbewusstsein behalten. Der Neckar, der östlich der Innenstadt vorbeifließt, ist in seinem unattraktiven Betonbett ein Stiefkind Stuttgarts. Erst flussabwärts, in Bad Cannstatt oder Münster kann man nette Stellen am Fluss finden.

Das Gewässer, an dem Stuttgart in Wahrheit liegt, ist der Nesenbach – der längst in den Untergrund verbannt wurde und praktisch nicht mehr sichtbar ist. Eigentlich ein gutes Bild für die Schwabenmetropole: Sie mag manchmal eine herbe Schönheit sein, wer aber versucht, hinter ihre Kulissen zu schauen, und ihr neugierig und ohne Vorbehalte begegnet, dem zeigt sie ihr wahres Gesicht. Und das ist offen, freundlich, charmant und, manchmal, von fast mediterraner Leichtigkeit.

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