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Reiseführer Schweden:Stichworte

Hightech-Kult und Krimiwelten: Die Schweden sind technik- und musikbegeistert - und schreiben Krimis für die große weite Welt

Elche und Mücken

Zwei prominente Vertreter der schwedischen Fauna sorgen immer wieder für Gesprächsstoff: wenn sich etwa eine Elchdame in den Stockholmer Hauptbahnhof verirrt und den Fahrplan halb Schwedens stört. Oder wenn die Einwohner der Gemeinde Västerfärnabo am unteren Dalälven Unterstützung der schwedischen Luftwaffe brauchen, um - dank der Giftbespritzung der Mückenpopulation - wieder ihre eigenen vier Wände nutzen zu können. Elche und Mücken gehören zum schwedischen Sommer fast ebenso wie Mittsommerbaum und Nieselregen. Doch weder ist garantiert, dass Sie in Ihrem Urlaub die phantastische Begegnung mit einem Elch machen werden, noch muss sich jeder mit den bluttrünstigen "Minikampffliegern" herumschlagen. Letztere halten sich vor allem am Wasser auf und lassen sich am liebsten auf verschwitzter Haut nieder. Angebote von Mitteln gegen die Mückenplage sind oft nur ein Riesengeschäft der Apotheken.

FKK

Nacktbaden gilt in Schweden - anders als etwa an der ostdeutschen Ostseeküste - als "Privatsache". Das bedeutet, dass in diesem freizügig geltenden Land öffentliches Nacktsein in Schwimmbädern oder Stadtparks wenn auch nicht verboten, so doch ungern gesehen ist. Trotzdem ist Schweden eigentlich ein Paradies für Anhänger des textilfreien Freizeitvergnügens. Aus einem einfachen Grund: In Schweden gibt es immer irgendwo einen einsamen Badestrand oder einen abgelegenen See im Wald. Hinzu kommt, dass im Sommer die Luft- und Wassertemperaturen selbst im höchsten Norden recht angenehm sind. Aber auch im kältesten Winter ist es nicht ungewöhnlich, sich unbekleidet in einem Eisloch nach einem Saunabesuch abzukühlen oder sich bei einem Spaziergang durch die Polarnacht ganz ohne wärmenden Pelz im frischen Schnee zu wälzen.

Gleichheit

In Schweden spielt Egalität eine besondere Rolle. Zahlreiche Gesetze und Erlasse schreiben vor, dass allen Menschen, unabhängig von Herkunft, Religion und Geschlecht, die gleichen Chancen eingeräumt werden müssen. Die jahrzehntelange Regierungsmacht der Sozialdemokraten, die erst 2006 gebrochen wurde, hat die Gewerkschaften und die Frauenbewegung stark gemacht. Die langjährige Praxis der Gleichstellung hat dazu geführt, dass Klassenunterschiede geringer sind als etwa in Deutschland oder Frankreich und dass Frauen deutlich stärker ins Berufsleben integriert sind. Beim Militär sind sie eine Selbstverständlichkeit, in Parlament und Regierung stellen sie etwa die Hälfte der Mitglieder.

Soziale Schichten sind in Schweden kaum zu unterscheiden. Die Mittelklasse ist noch dominanter als in den meisten anderen europäischen Ländern. Zwar existiert auch hier eine Oberschicht, doch diese trägt ihren Reichtum in der Öffentlichkeit wenig zur Schau - Luxussportwagen und Pelzmantelträgerinnen sind allenfalls vor ausgesuchten Nobellokalen in der Stockholmer Innenstadt zu sichten. Dass sich alle mit Vornamen und dem informellen "Du" anreden, verstärkt noch das Gleichheitsgefühl.

Hightech

Kaum ein anderes europäisches Land ist so technikbegeistert wie Schweden: neun von zehn nutzen regelmäßig das Internet, und das per Smartphone am liebsten von unterwegs. Entsprechend gut ausgebaut sind die Mobilfunk- und Breitbandnetze. Letztere erreichen in Glasfaservariante selbst abgelegene Ecken des Königreichs. In einem dünn besiedelten Land wie Schweden ist es wichtig, auch von zu Hause aus arbeiten zu können, weil die Fahrt in die nächste größere Stadt lange dauern kann. Mittlerweile kann z. B. die Steuererklärung per SMS abgegeben werden und viele Rechnungen trudeln nur noch auf elektronischem Weg ein. 2006 gründete sich die schwedische Piratenpartei (Piratpartiet), die für digitale Bürgerrechte sowie gegen staatliche Überwachung im Internet kämpft. Bei den Europawahlen 2009 schaffte die Partei den Sprung ins EU-Parlament. Sie ist dort mit einem Abgeordneten vertreten.

Jedermannsrecht

Prinzipiell darf sich in Schweden jeder frei in der Natur bewegen, auch auf Privatgrundstücken. Das regelt das sogenannte allemansrätten (Jedermannsrecht). Gerade wegen dieser Freiheit ist es wichtig, sich an die wenigen Einschränkungen zu halten, um die Natur zu bewahren. Lagerfeuer etwa sind im Wald (Brandgefahr) und auf Felsen (Bruchgefahr) verboten. Das Pflücken geschützter Pflanzen ist ebenso untersagt wie das Fällen von Bäumen. Schilder mit dem Hinweis "Betreten verboten" sind selten, sollten aber unbedingt beachtet werden. Es empfiehlt sich, das Jedermannsrecht zu studieren (www.allemansratten.se), bevor es in die Natur geht. Dort steht nicht nur, was erlaubt ist und was nicht, die Bestimmungen sind auch ein Stück Kulturerbe, das viel über das Selbstverständnis der Schweden aussagt.

Königshaus

Schweden ist zwar seit dem 16. Jh. eine Erbmonarchie, doch der König nimmt nur repräsentative Aufgaben wahr. Politische Macht hat er seit der Verfassungsänderung von 1975 keine mehr. Während das Ansehen des amtierenden Regenten Carl CVI. Gustaf wegen dessen außerehelichen Eskapaden in den letzten Jahren spürbar ramponiert ist, gilt seine aus Deutschland stammende Frau Silvia weiterhin als allseits beliebte und würdevoll auftretende Königin.

Trotz der Ausgaben für die Königsfamilie profitiert das Land finanziell vom Herrscherhaus. Sein gutes Image im Ausland fördere, so behaupten jedenfalls Ökonomen, den Verkauf schwedischer Produkte und locke Touristen ins Land. Mit Ausnahme des angeschlagenen Königs behandeln die Medien die Königsfamilie rücksichtsvoll und wenn es Gelegenheit dazu gibt - wie bei der Hochzeit der Thronfolgerin oder der Geburt von Prinzessin Estelle -, auch gern einmal überschwänglich. Während ein großer Teil der schwedischen Bevölkerung die Erbmonarchie als Anachronismus beschreiben würde, hätte die Abschaffung genau derselben in einer Volksabstimmung keine Chance. Wer Skandalgeschichten über Thronfolgerin Victoria, die 2010 ihren langjährigen Freund Daniel Westling heiratete, sowie ihre Geschwister Carl Philip und Madeleine lesen möchte, muss zur deutschen Klatschpresse greifen.

Krimiwelten

Alles begann mit dem Autorenpaar Maj Sjövall und Per Wahlöö. 1965 erschien der erste von ingesamt zehn Krimibänden, in denen Kommissar Martin Beck hinter die idyllischen Kulissen einer schwedischen Kleinstadt blickte. Ein neues skandinavisch-sozialkritisches Krimigenre war geboren und feiert nun, bald ein halbes Jahrhundert später, große Erfolge mit Autoren wie Henning Mankell oder Liza Marklund. Auch deren Charaktere bemühen sich nach Kräften, den Traum vom schwedischen Gesellschaftsparadies ein für allemal platzen zu lassen. Niemandem ist dies jedoch so erfolgreich gelungen wie dem langjährigen Journalisten und Antifaschisten Stieg Larsson aus Nordschweden. Seine in langen Nächten geschriebene Millenium-Triologie verkaufte sich allein in Schweden bislang über vier Millionen Mal und gilt heute als eine der weltweit meistverkauften Krimireihen. Larsson selbst bekam davon nichts mit, denn er starb 2004 an einem Herzinfarkt, bevor der erste Band ("Verblendung") überhaupt erschienen war.

Lindgren, Astrid

Beim Thema Kinderliteratur fällt einem sofort Astrid Lindgren ein. Die 1907 in Vimmerby geborene Autorin hat so verrückte Kinder wie Michel aus Lönneberga, Pippi Langstrumpf oder Kalle Blomquist erfunden und für ihre liebenswert-phantasievollen Geschichten weltweit Anerkennung bekommen. Die höchste Auszeichnung jedoch, der Nobelpreis für Literatur, blieb ihr verwehrt. Die Schriftstellerin lebte bis zu ihrem Tod im Jahr 2002 in einer kleinen Wohnung in Stockholm.

Marken

So gern sich die Schweden per Internet die Welt nach Hause holen, so beliebt sind schwedische Markenprodukte im Ausland. Das beginnt beim einst als "verrückt" geltenden Möbelhaus aus Småland, Ikea, und hört bei den allseits beliebten Kleidern des Herstellers Hennes & Mauritz noch längst nicht auf. Legendär sind auch die beiden mittlerweile in chinesischen Händen befindlichen Autohersteller Volvo und Saab oder der Waschmaschinenhersteller Husqvarna. Eine Kombination aus reichlich vorhandenen Rohstoffen, einem exzellenten Bildungssystem und unkonventionellen Köpfen haben dazu beigetragen, dass "Made in Sweden" für eine besondere Mischung aus Qualität und Innovation steht. Dazu gehören seit einigen Jahren auch Modemarken wie Whyred, House of Dagmar oder 2707.

Nobelpreis

Neben Astrid Lindgren und Ingmar Bergman ist Alfred Nobel (1833-1896) sicherlich der berühmteste Schwede. Zu Lebzeiten kam er als Erfinder und Industrieller zu Vermögen und Ansehen. Seine bekannteste Erfindung ist das Dynamit, das die moderne schwedische Waffenindustrie begründet hat. Nobel verstand seine Entwicklung als Beitrag zur Sicherung des Weltfriedens. Weltweit berühmt wurde er als Stifter der nach ihm benannten Nobelpreise. Seit 1901 werden alljährlich die "größten Leistungen für die Menschheit" auf den Gebieten der Literatur, der Medizin oder Physiologie, der Biologie, der Chemie und der Friedenssicherung mit jeweils 10 Mio. Schwedischen Kronen (ca. 1,1 Mio. Euro) bedacht. Dass der Friedensnobelpreis als einziger Preis nicht in Stockholm, sondern in Oslo verliehen wird, hängt damit zusammen, dass Norwegen damals noch zur schwedischen Krone gehörte und Alfred Nobel die republikanisch gesinnten Norweger politisch unterstützen wollte.

Personnummer

Ohne die personnummer ist man in Schweden ein Niemand. Die zehnstellige Zahl, die sich aus dem Geburtsdatum sowie vier weiteren Ziffern zusammensetzt, wird benötigt, um ein Konto zu eröffnen, mit der Kreditkarte einzukaufen oder einen Handyvertrag abzuschließen. Datenschutz wird in Schweden kleingeschrieben: Wer Name und Adresse einer Person kennt, kann deren personnummer erfragen und damit z. B. deren Steuerzahlungen abfragen. Wer als Tourist eine personnummer anzugeben hat (z. B. beim Mieten eines Autos), kann sich manchmal mit der Angabe des Geburtsdatums (Jahr/Monat/Tag) behelfen und die letzten vier Ziffern mit "xxxx" ausfüllen.

Schwedenpop

Seit im April 1974 das bis dahin im Ausland weitgehend unbekannte Quartett Abba mit dem Song "Waterloo" den Grand Prix d'Eurovision de la Chanson gewonnen hat, ist Schweden aus dem internationalen Musikgeschäft nicht mehr wegzudenken. Die Band verkaufte mehr als 300 Mio. Platten! Nach dem Erfolg von Abba betraten viele weitere Schweden - u. a. Roxette, The Cardigans und Mando Diao - die Musikbühne. Basis des schwedischen Popwunders ist die gute Ausbildung. Auch in ländlichen Gegenden sind staatlich subventionierte Musikschulen weit verbreitet. Zudem sprechen die Schweden überdurchschnittlich gut Englisch und singen problemlos in der Weltsprache der Popmusik.

Weinbau

Der Klimwandel und die Technik machen es möglich: Dank gestiegenen Durchschnittstemperaturen und computergesteuerten Anbaumethoden haben in den letzten Jahren zahlreiche südschwedische Bauern auf den Weinbau umgesattelt. Der Erfolg blieb nicht aus. In den staatlichen Monopolgeschäften systembolaget sind seit Kurzem auch einheimische Produkte wie "Domaine Sånana" in den Regalen zu finden - und in der Provinz Skåne laden heute Dutzende von Produzenten Gäste zu Degustationsreisen entlang des über 100 km langen "Vinvägen" (Weinstraße) ein. Nur: noch bleibt sich das bisweilen zu Puritanismus neigende nordische Land insofern treu, dass der Direktverkauf im Weingut bis heute verboten ist. Wer nicht den Umweg über ein systembolaget machen will, kann sich heute seine schwedischen Lieblingstropfen allerdings auch im Internet bestellen.

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Der Schweizer Journalist berichtet seit rund 25 Jahren in Radio und Presse über die Entwicklung in Nordeuropa. Auf seinen vielen Reisen hat der Bahn- und Fahrradfan Schweden besser kennen- und schätzen gelernt als die meisten Einheimischen. Einen großen Teil des Jahres lebt er in Falun, doch die langen Sommertage verbringt er mit seiner Familie am liebsten am malerischen Arboga-Fluss.

Der SZ.de-Reiseführer wird Ihnen in Kooperation mit Marco Polo präsentiert. Alle Angaben ohne Gewähr auf Richtigkeit, Aktualität oder Vollständigkeit der Information. Die Verantwortung für die präsentierten Inhalte und Rechte liegt ausschließlich bei Marco Polo.

Quelle: www.marcopolo.de