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Reiseführer Schweden:Auftakt

Entdecken Sie Schweden!

Viele Besucherinnen und Besucher kennen Schweden aus ihrer Kindheit: als das Land von Michel, Nils Holgersson und Pippi Langstrumpf. Wer hat damals nicht Astrid Lindgrens Romane von der pfiffigen Pippi und ihren etwas biederen Freunden Annika und Thommy gelesen oder in den Geschichten von Michel geschmökert, der in Schweden übrigens Emil heißt? Ähnlich bekannt ist Selma Lagerlöfs Erzählung vom kleinen Nils Holgersson und seiner Reise mit den Wildgänsen. Doch nicht nur Kinder, auch krimiinteressierte Erwachsene haben beim Lesen die Bekanntschaft von Schweden gemacht - von Autoren wie Henning Mankell, Stieg Larsson oder Liza Marklund bekommen sie düstere Szenerien und schwere Verbrechen serviert.

Bullerbü und Lisbeth Salander! Es sind solche Kontraste, die das fast 2000 km lange Land zwischen Öresund und Nordfinnland ausmachen. Und bei aller Schwermut und Melancholie, wie sie nicht zuletzt der 2007 verstorbene Meisterregisseur Ingmar Bergman in seinen preisgekrönten Filmen erfasst hat, gilt das schwedische Volk als frisch, frech und frei. Unbelastet von der jüngeren Geschichte verbindet Schweden das Beste von gestern mit dem Besten von morgen: Intakte Landschaften, gemütliche Kleinstädte, unberührte Gewässer, endlose Wälder treffen auf Hightech, innovative Kulturschaffende, eine erstklassige Infrastruktur und aufgeschlossene Menschen. So nehmen am jährlichen Pride-Festival der Schwulen und Lesben in der Stockholmer Innenstadt gern auch der Erzbischof des Landes oder der konservative Ministerpräsident teil, und ein reichlich ausgekosteter Vaterschaftsurlaub gehört sogar in den höchsten Chefetagen der Wallenberg-Sphäre zum guten Ton. Und selbst Zeitungsartikel über die vom Volk bejubelte erste Tochter von Schwedens künftiger Königin Victoria, Estelle Silvia Ewa Mary, begleiten bisweilen Fragezeichen zur Demokratieverträglichkeit der Erbmonarchie.

Schweden in all seinen Facetten kennenlernen heißt, das Land in seiner ganzen Länge zu besuchen, vom Südzipfel - etwa Mankell-Kommissar Kurt Wallanders Heimat Ystad - bis hinauf zu den rentierzüchtenden Sami von Karesuando an der Grenze zu Finnland. Auf einer Fläche von 447420 km2 leben weniger als zehn Mio. Menschen - es ist also viel Platz für unberührte Natur, in der Tiere wie Elche und Rentiere zu Hause sind. Seit 1909 stehen Teile der insgesamt 25 schwedischen Landschaften unter Schutz. So entstanden die ersten Nationalparks Europas. Die meisten sind von Wanderwegen durchzogen, wie der rund 500 km lange Kungsleden, der vom Abisko-Nationalpark bis Südlappland führt.

Es gibt viele Gründe, das Land zu lieben. Manche schätzen insbesondere die Werte der schwedischen Gesellschaft, die an einem Gleichheitsideal festhält, das andere Nationen längst aufgegeben haben. Andere preisen vor allem die landschaftlichen Vorzüge. Besonders Aktivurlauber fühlen sich in Schweden wohl. In den Weiten der nördlichen Fjälle können Naturbegeisterte tagelange Skitouren oder Wanderungen unternehmen, die vielen Flüsse des Landes ziehen Kanufahrer an. Wer es entspannter mag, geht in den dichten Wäldern schön spazieren oder sammelt Pilze und Beeren. Während die weiten Felder des südlichen Schonen (Skåne) an Norddeutschland und Dänemark erinnern, gleichen große Teile Lapplands im äußersten Norden Schwedens einer Steppe. Dazwischen liegt ein knappes Dutzend traumhafter Landschaften, die alle ihren eigenen Reiz haben.

In der Hauptstadt Stockholm sind nicht nur viele historische Bauten wie das Schloss und die Altstadt sehenswert, Sie können auch etliche Museen und Galerien besuchen. Selbst Naturliebhaber kommen auf ihre Kosten - in einem der vielen Parks oder in den Schären vor den Toren der Metropole, wo mehr als 20000 Inseln darauf warten, entdeckt zu werden - ob mit dem Kajak, dem Segelboot oder einem Ausflugsschiff.

Nicht nur die Landschaften, auch die Bewohner verändern sich auffallend im Wechsel der Jahreszeiten. Die Unterschiede zwischen Sommer und Winter sind in Schweden wegen der nördlichen Lage viel ausgeprägter als in Mitteleuropa. Der extreme Wetterwechsel beeinflusst das Gemüt. Im Winter sind die Schweden am liebsten zu Hause. Sobald sich aber im Frühjahr die Sonne zeigt, strömt alles in die Parks und Fußgängerzonen. Dort, wo noch genügend Schnee und Eis liegen, schnallen die Schweden ihre Schlittschuhe und Langlaufskier an und begeben sich auf lange Touren durch die verschneite Natur. In den Sommermonaten leben die Schweden ihre Begeisterung für das friluftsliv, das Freiluftleben, in vollen Zügen aus. Dann verbringen sie so viel Zeit wie möglich an der frischen Luft. Gut, dass es auch mitten in den Städten jede Menge Strände und Parks gibt, sodass nirgendwo Gedränge herrscht. Lediglich an midsommar (Mittsommernacht) im Juni, dem wichtigsten Feiertag des Jahres, kann es schon mal voller werden. Ansonsten gehen die Schweden nur ungern auf Tuchfühlung. Nicht nur am Strand schätzen sie es, genügend Abstand zum Nachbarn zu haben. Die stuga - das kleine, zumeist hölzerne Ferienhäuschen - ist in ihren Augen erst dann perfekt gelegen, wenn das Nachbarhaus außer Sicht- und Hörweite ist.

Der schwedische Hang zur Distanziertheit zeigt sich auch politisch. Der EU, der das Land 1995 beigetreten ist, steht die Bevölkerung skeptisch gegenüber, die Einführung des Euro haben die Schweden 2003 in einem Referendum abgelehnt. Zwar duzen sich in dem stark sozialdemokratisch geprägten Land alle, die Menschen sind außerdem gastfreundlich und äußerst hilfsbereit, aber bevor Sie in einer Kneipe oder beim Hotelfrühstück ein ausführliches Gespräch mit einem Unbekannten anfangen, sollten Sie sich das lieber dreimal überlegen.

Fremde, die sich lautstark aufführen und diskutieren, machen sich schnell unbeliebt. In Schweden gilt das Prinzip des lagom, ein unübersetzbares Wort, das im Grunde genommen besagt, dass es stets die beste Lösung ist, nicht aufzufallen. Schweden scheuen Konfrontationen und mögen es nicht, wenn jemand seinen Reichtum zur Schau trägt oder die anderen spüren lässt, dass er sich für etwas Besseres hält. Das mag eine Folge der jahrzehntelangen Herrschaft der Sozialdemokraten oder auch der bürgerlichen Wurzeln des Königshauses Bernadotte sein. Oder aber auf den jahrhundertelang herrschenden Protestantismus zurückgehen, der bis 2000 Staatsreligion war. Krisen und Hungersnöte jedenfalls machten die Schweden zu einer verschworenen Gemeinschaft gegen alles Böse: Bis heute darf nur der Staat Alkohol verkaufen, sind weiche Drogen und Prostitution verboten - und sehen viele Schweden ihr Land als eine Art moralische Weltmacht an.

Außer den Politikern des Landes sind auch die Bürger davon überzeugt, dass die Welt eine bessere wäre, würden sich alle nach schwedischen Idealen richten. Das heißt vor allem soziale Wohlfahrt für alle und militärische Zurückhaltung in internationalen Krisensituationen. Personifizierter Ausdruck dieser Politik war der sozialdemokratische Ministerpräsident Olof Palme, der 1986 ermordet wurde. Palme war ohne Leibwächter unterwegs, ebenso wie die Politikerin Anna Lindh, die 2003 in einem Stockholmer Kaufhaus Opfer eines Attentats wurde. Seither hat der direkte Kontakt zwischen Wählern und Gewählten unter immer strengeren Sicherheitsauflagen gelitten. Offene Rathaustüren und Ministerbesuche ohne Polizeischutz gehören nun leider zur Seltenheit. Trotzdem liegt den Schweden bis heute jeder Personenkult fern. Zwar ist man stolz auf Landsleute wie den Krimiautor Henning Mankell, die Olympiasiegerin Carolina Klüft oder die Musiker Agnetha, Benny, Björn und Anni-Frid, besser bekannt als Abba. Daheim werden sie jedoch als normale Bürger betrachtet, nach denen sich auf der Straße kaum jemand umdreht.

Während viele Industrielle wie der Ikea-Gründer Ingvar Kamprad ihr Land wegen der hohen Steuern verlassen haben, zieht die Prominenz aus Film, Kultur und Sport allenfalls zwischenzeitlich aus ihrem Heimatland weg. Wer einmal in Schweden Urlaub gemacht hat, der weiß, wieso es einen immer wieder hierherzieht.

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Der Schweizer Journalist berichtet seit rund 25 Jahren in Radio und Presse über die Entwicklung in Nordeuropa. Auf seinen vielen Reisen hat der Bahn- und Fahrradfan Schweden besser kennen- und schätzen gelernt als die meisten Einheimischen. Einen großen Teil des Jahres lebt er in Falun, doch die langen Sommertage verbringt er mit seiner Familie am liebsten am malerischen Arboga-Fluss.

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Quelle: www.marcopolo.de