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Reiseführer Schottland:Stichworte

Folklore und Moderne: Den Spagat zwischen alten und neuen Tönen schaffen die Schotten spielend

Clans

Der Begriff Clan (Gälisch: Clann) lässt sich mit dem deutschen Wort „Stamm“ einigermaßen korrekt übersetzen und meint eine nahe zusammenlebende Großfamilie. Mac ist das Wort für Sohn aus dem schottischen Gälisch. Diese an alte Familienbande erinnenden Begriffe sind alles andere als veraltet und aus der Mode gekommen. Im Gegenteil: Jährlich pilgern Abertausende Amerikaner oder Südpazifikbewohner nach Schottland, um dort in den Archiven in ihrer Familienhistorie zu lesen. Was für die Lebendigkeit der Clans spricht.

Die Ahnenforscher müssen allerdings weit zurückblättern, um fündig zu werden – das Clanwesen in Schottland wurde 1745 durch Parlamentsbeschluss verboten. Damit fiel der Vorhang über ein mittelalterliches Gefüge, das grob die vier Himmelsrichtungen des „Schottischseins“ einzuteilen half. Hauptstämme waren die Völker der Pikten aus dem Norden, Normannen aus England, Scots aus Irland und Britannier aus Wales. Wer Clanchef war, hatte das Sagen über das Land und das Leben seiner Clanmitglieder – was zu heftigen Kämpfen untereinander führte. Dass die Clans sich keinesfalls grün waren, davon zeugen zahlreiche Moritaten, etwa das Massaker von Glen Coe. Überlebt haben die Clans dennoch, wenigstens dem Namen nach: Es gibt allein um die 5 Mio. MacDonalds (auch: Macdonald, McDonald) weltweit. Womit dieser Stamm der wohl global bekannteste Clan ist.

Dudelsack

Klar, dass ein derart schrill quäkendes Instrument mit übrigens neun ganzen Tönen eine Kriegswaffe ist. Die Römer marschierten damit, die Engländer hatten es schon vor den Schotten, und heute quält sogar die jordanische Armee den musikalischen Balg. Eine Zäsur in der Geschichte der Sackpfeife bildet die grausame Schlacht von Culloden: 100 schottische piper wurden damals gevierteilt, England verbot das Dudelsackspiel. Doch die Schotten hatten den längeren Atem, und der hat sich bis heute gehalten – was wohl auch mit der schottischen Cleverness in Sachen Mythosvermarktung zu tun hat.

Erfinder

Der 1881 geborene Bakteriologe Alexander Fleming entdeckte nach langen Forschungsjahren das Penicillin und erhielt dafür den Medizinnobelpreis. Nicht nur Mediziner und Forscher, auch Erfinder brachte Schottland reichlich hervor: Charles Mackintosh (1766–1843) entwickelte die wasserfeste Kleidung, weshalb immer noch ein Regenmantel nach ihm benannt wird. John Dunlop (1840–1921) erfand den luftgefüllten Reifen; die Dampfmaschine stammt von James Watt (1736–1819). Alexander Graham Bell (1847–1922) ist der Vater des Telefons. Dass ein kleines Land so stark vom Genius gesegnet wurde, hat seine Gründe. So setzte sich der Reformator John Knox schon ab 1546 für eine allgemeine Schulpflicht ein. Der hohe akademische Standard hat sich bis in die Gegenwart erhalten – ob bei der Entwicklung von Mikroelektronik im Silicon Glen oder bei den wissenschaftlichen Versuchen, Erbgut zu manipulieren – man erinnere sich an das Klonschaf Dolly. Das walisische Bergschaf stammte aus Roslin.

Filmkulissen

Für manchen begann die Entdeckung Schottlands mit dem Kino: Vor allem die Highlands dienen immer wieder als filmreife Kulisse für große Produktionen. Den Anfang machte 1985 der Kultfilm „Highlander“ mit Christopher Lambert in der Hauptrolle. Die Geschichte des unsterblichen Helden Connor Mac Leod wurde u. a im Eilean Donan Castle gedreht. Die wuchtige Burg vor atemberaubender Bergkulisse diente auch als Kulisse für Filme wie „Braveheart“ oder „Rob Roy“. Auch die einsamen, wilden Gebirgstäler Glen Nevis und Glencoe sind häufig auf der Leinwand zu sehen: Mel Gibson kämpfte hier als Braveheart gegen die Engländer, der Beginn von Rob Roy wurde in den Bergen oberhalb von Kinlochleven bei Glencoe gefilmt. Auch für Szenen aus Harry-Potter-Filmen lieferte Schottland die Hintergrundbilder. So kurvt der dampfende Hogwart Express auf dem Weg zur Zaubererschule über das phantastische Viadukt Glenfinnan, das sich auf der Strecke von Fort William nach Mallaig fotogen über ein Hochlandtal spannt.

Fussball

Fußball ist für die Schotten mehr als das Spiel von 22 Männern mit einem Ball – der Sport gilt vielen als Ersatzreligion, vor allem in Glasgow. Zwischen dem von irisch-katholischen Einwanderern gegründeten Verein Celtic und den protestantisch dominierten Rangers wechselt die Meisterschaft hin und her. Wer durch den armen Glasgower Osten schlendert, sollte ein Bier in einem der grün ausgeflaggten Celtic-Pubs trinken. Mit hoher Wahrscheinlichkeit wird gerade das Video von 1967 gezeigt. Damals gewann Celtic Glasgow gegen Inter Mailand das Spiel um den Europapokal. Derzeit sind die Rangers allerdings in die unteren Ligen strafversetzt: Weil sie 2012 166 Mio. Euro Schulden angehäuft hatten, mussten sie wieder ganz unten anfangen.

Gälisch

„Slàinte“, sagen die Menschen auf den Hebrideninseln, im westlichen Hochland und in Glasgow, wenn sie „Prost“ meinen. Das Wort stammt aus dem Gälischen – jenem alten keltischen Idiom, das in einigen Ecken Schottlands bis heute überdauert hat. Vor allem die Äußeren Hebriden und die Westküste der Highlands sind Sprachnester, in denen Gälisch noch gesprochen und verstanden wird. Auf den westlichen Inseln sind sogar die Straßenschilder zweisprachig, es gibt gälische Radio- und Fernsehsendungen und gälischsprachigen Schulunterricht. Etwa ein Prozent der Schotten beherrscht die alte Sprache noch fließend.

Green age

Es scheint, als hätte der Griff der Scottish National Party nach der Macht mit Alex Salmond als First Minister (Premierminister) ein ökologisch denkendes Zeitalter in Schottland eingeläutet. Die Zeichen stehen seitdem fast ein wenig euphorisch auf Grün, der Ausbau erneuerbarer Energien wird massiv vorangetrieben. So steht der derzeit größte europäische Windpark 15 km vor Glasgow und liefert Strom für 180 000 Haushalte, auch in Offshore-Energie und Wellenkraftparks wird kräftig investiert. Bis 2020, so lautet das ehrgeizige Ziel, sollen erneuerbare Energien 80 Prozent des schottischen Strombedarfs decken. Als Reisender merkt man von dieser grünen Welle allerdings noch nicht so viel. In vielen Hotels und Gasthäusern gibt es statt Doppelverglasung die alten Schiebefenster, und das fettreiche Scottish breakfast ist auch denkbar weit entfernt von ökologischer und gesunder Ernährung. Doch auch im Tourismus hält das grüne Zeitalter Einzug, immer öfter stößt man am Eingang von Unterkünften, Sehenswürdigkeiten, Restaurants und öffentlichen Gebäuden auf ein ovales grünes Schild mit dem Wortlaut Green Tourism. Das grüne Label existiert in ganz Großbritannien, steht für nachhaltiges Wirtschaften und zeichnet ökologisch vorbildliche Betriebe aus. Infos: www.green-business.co.uk

Highlands

Aufruhr in den Highlands: Nach gut 1000 Jahren Abwesenheit kehren die Elche zurück ins Hochland. Von Menschen wurden sie einst vertrieben, nun will ein Schotte diesen Eingriff in die Natur rückgängig machen. Paul Lister heißt der Mann, er ist Multimillionär und besitzt nördlich von Inverness das Landgut Alladale. Auf dem etwa 10 000 ha großen Stück Land will Lister die schottische Fauna und Flora wieder in ihren Urzustand versetzen. Denn die heute kahlen Bergrücken waren einst dicht bewaldet. Kaledonische Kiefern (scots pine), Eichen und Birken bedeckten den Boden. Wildschweine lebten hier und Wölfe, Bären und Elche. Doch dann beanspruchten gewinnsüchtige Schafzüchter das Land. Sie vertrieben die dort ansässigen Kleinbauern und rodeten die Wälder. Für ihre Schafzucht kultivierten sie Weideland, für ihre Jagden führten sie Rotwild ein. Die Highlands veränderten ihr Gesicht. Verschwunden sind seither unter anderem die Elche, geblieben ist das Rotwild: Etwa 500 000 der Tiere streifen heute durch die Heide. Paul Lister träumt davon, das Geschichtsrad zurückzudrehen. Er lässt sich dabei von Wissenschaftlern beraten, hat Hunderttausende der alten schottischen Kiefern gepflanzt und Elche aus Schweden importiert. Verlassene Bauernhäuser baut er zu Lodges für Highlandbesucher um. Und im Sinne der ökologischen Erneuerung organisiert er Hirschjagden. Bis irgendwann vielleicht auch wieder Wolf und Bär im schottischen Hochland heimisch werden. www.alladale.com

Highland games

Wenn der König vor Jahrhunderten neue Leibwächter suchte oder die Clanchefs einander trafen, dann war es wieder soweit: Man veranstaltete eine Art Olympiade der starken Männer. Solche Highland Games haben sich bis heute erhalten, es gibt etwa 100 Sportfeste in ganz Schottland mit über 40 Disziplinen. Tossing the caber heißt es dann, wenn Muskelmänner im Wickelrock einen Baumstamm werfen und ihn mehrmals zum Überschlag bringen. Throwing the hammer ist eine Art Hammerschleudern über eine Latte, putting the stone ähnelt dem Kugelstoßen. Es geht aber auch leichtfüßiger, etwa beim kuriosen Hochlandstepptanz. Natürlich werden auch die besten Dudelsackspieler gehört und geehrt. In Braemar finden Anfang September die berühmtesten Spiele statt, unter der Schirmherrschaft der Queen.

Literarisches

In der schottischen Literatur gibt es ein unangefochtenes Dreigestirn: Sir Walter Scott, Robert Louis Stevenson und Robert Burns. Burns (1759–96), der Poet der Kneipen und Spelunken, ist Schottlands Nationaldichter. Zu seinen Ehren isst man am 25. Januar haggis, einen mit Innereien gefüllten Schafsmagen. „To a haggis“ heißt die Ode an jene Speise, die durch Burns berühmt wurde. Sir Walter Scott (1771–1832) lebt in seinen historischen Romanen weiter. Und Robert Louis Stevenson (1850–1894) hat u. a. mit seinem Roman „Die Schatzinsel“ einen Platz in den Bücherregalen der Welt gefunden. Ein beliebter Autor des 20. Jhs. ist Alasdair Gray. Er schreibt Romane und Geschichten, die er gelegentlich selbst illustriert. In astronomischen Auflagenhöhen schwebt über allen Joanne K. Rowling, die Autorin der Harry-Potter-Bücher.

Musik

Schotten tragen nicht nur Röcke, sondern rocken auch klangvoll. Das eine hat mit dem anderen nichts zu tun, aber der Name der Band Franz Ferdinand hat ja auch nichts mit deren Musik zu tun. Das Quartett aus Glasgow macht keine Habsburger Hofmusik, sondern Indie-Rock. Die typisch schottische Ouvertüre für die Gründung dieser Scotrockband waren angeblich eine Schlägerei unter Alkoholeinfluss sowie ein Studium an der Glasgow School of Art, die auch bei anderen Schottenbands eine initiierende Rolle gespielt hat. Da auch die Gruppen Belle & Sebastian, Travis, Delgado, Mogwai und Amy MacDonald aus dem Herzen des Landes stammen, muss man anerkennen, dass zwischen Glasgow und Edinburgh ziemlich häufig der richtige Ton getroffen wird. Der Sound klingt manchmal melancholisch, aber auch das ist eine schottische Tonart.

Tartan und Kilt

Tartan und kilt beschreiben den karierten „Schottenrock“, wobei tartan das Webmuster meint, das den Umhang einem Clan zuordnet. Drei mal sechs Meter machen einen Rock, der Familienclan bestimmt das Muster, die kühle Witterung verlangt die Kniestrümpfe, kleinere Reparaturen erledigt das Messerchen im Strumpf. Eine perfekte Aufmachung für die armen Bewohner der sumpfigen Highlands, die aber ihr Outfit nach der verlorenen Schlacht von Culloden 1746 aufgeben mussten. Gefängnis und sogar Verbannung waren die Folge von Missachtung des neuen englischen Kleidererlasses. 1782 wurde der Rock wieder zugelassen, doch bis dahin waren die alten Muster vergessen. Heute wird der Rock vor allem bei Hochzeiten getragen. Wer einen Schotten nach dem Darunter fragt, dem schlägt der Kerl einfach ein Rad. 2010 wurde ein Muster anlässlich des Papstbesuchs entworfen.

Währung

In Schottland kann zwar mit dem Britischen Pfund bezahlt werden, nicht aber umgekehrt mit dem Scottish Pound im Rest Großbritanniens. Dabei wäre es sogar legal: Einigen Privatbanken im Vereinigten Königreich ist es erlaubt, eigene Geldscheine – nicht Münzen – aufzulegen. Sie werden aber meist nur dort akzeptiert, wo das herausgebende Geldinstitut seinen Sitz hat. Das Schottenpfund kommt in unterschiedlicher Optik daher, weil jede Bank andere Bilderserien auf den Scheinen im Wert von 5, 10, 20, 50 und 100 Pfund auflegt. Die Royal Bank of Scotland gibt zusätzlich noch Noten im Wert von 1 Pfund heraus. Auf dem Schottengeld kommen etwa Dichter Robert Burns, die Firth of Forth Bridge, Whisky und Orkneys Steinzeitschätze zur Geltung.

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Seit 30 Jahren zieht es Martin Müller regelmäßig nach Schottland. Für eine Weile ließ sich der Journalist und Fotograf sogar auf Orkney nieder, wo sich keltisches und nordisches Temperament vermischen. Wandern und Whisky, Kajak- und Städtetouren: Die vielen Facetten der Insel hat Müller in zahlreichen Reportagen beschrieben. Sein ständiger Begleiter auf Reisen: ein Tweedsakko. „So kann ich mich immer in Schottland einwickeln.“

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Quelle: www.marcopolo.de