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Reiseführer Schottland:Auftakt

Entdecken Sie Schottland!

Schottland ist Kult! Nessie und Whisky, Dudelsack, Burgen und Mythen locken in das wildromantische Nordland: Die Windschutzscheibe wird zum Panoramafenster für Bergkuppen, Moorseen und Steilküsten. Das atlantische Wetter sorgt hier für ständige Lichtwechsel, und die Dramatik der Highlands erleben Sie am besten zu Fuß. Die außergewöhnliche Natur mit ihrem wechselhaften Wetter hat die Menschen, die hier leben, tief geprägt. Das Naturell dieses Volks ist von historischen Härten, subarktischer Randlage und calvinistischer Strenge genauso beeinflusst wie vom hitzigen und melancholischen Wesen ihrer Ahnen, den Kelten, Skoten und Pikten. Diese Mischung hat die Schotten zu einem offenherzigeren und impulsiveren Menschenschlag werden lassen als ihre reservierteren südlichen Nachbarn, die angelsächsischen Engländer. Seit gut 300 Jahren ist man politisch zusammengerückt und hatte zuletzt mit Tony Blair und Gordon Brown sogar zwei Schotten zum Premierminister. Blairs Dezentralisierung verdanken die Schotten sogar ihr eigenes Parlament. Dort regiert nun die Scottish National Party (SNP) und strebt aktuell die komplette Unabhängigkeit an.

Selbstbewusst können die gut 5 Mio. Schotten, die auf einem Gebiet von etwa der Größe Österreichs leben, in die Zukunft schauen. War es vor 150 Jahren der Schiffbau am Clyde, der Schottland wirtschaftlich unter Dampf brachte, sind es heute vor allem Computer- und Gentechnik im sogenannten Silicon Glen zwischen Edinburgh und Glasgow. Studienplätze in Schottland sind begehrt, Kreativität und das gute Bildungswesen sind seit Langem Pfunde, mit denen das Land wuchern kann.

Die meisten Besucher kommen der Natur wegen, und doch ist das Land auch ein respektables Kulturziel. Im Süden, in den meist lieblichen Lowlands mit reizvollen Kleinstädten wie Jedburgh oder Peebles, locken romantische Abteiruinen aus dem 12. Jh. Unter gotischen Bögen wird schottische Grenzgeschichte nachvollziehbar. Am intensivsten erlebt man Klosterruinen und Forellenflüsse auf einer Radtour oder bei Tageswanderungen etwa um Melrose – wobei man auch gleich der Literatur auf die Spur kommen kann. Denn ein Besuch im Abbotsford House am Fluss Tweed ist ein Muss. Abbotsford House war im 19. Jh. die märchenhafte Residenz des Romanciers Sir Walter Scott, der Schottland und seine Highlands in ganz Europa berühmt machte. Ohne Scotts Erzählungen wäre das Klischee von ganzen Kerlen in karierten Kiltröcken nicht entstanden. Es gäbe keinen Hollywood-Highlander ohne den Lowlander Scott, keine Donizetti-Oper „Lucia di Lammermoor“ ohne seine Vorlage. Einzig die Legende vom Ungeheuer im Loch Ness, der quäkende Dudelsack, der im Whisky destillierte Geschmack der Highlands und der Charme Sean Connerys sind nicht auf Scott zurückzuführen.

Zwischen Lowlands und Highlands reihen sich die Städte Glasgow und Edinburgh fast wie eine natürliche Grenze auf. Unterschiedlicher können zwei Städte, getrennt nur durch eine Stunde Bahnfahrt, nicht sein. Edinburgh (sprich: Edinbarra) verströmt pittoresken Charme, besonders auf der Royal Mile: Auf einer der wohl atmosphärischsten Straßen Europas erreicht das Flanierbarometer oft südländische Hochs. Schotten feiern den Büroschluss hemdsärmelig in Straßencafés, Touristen stecken ihre Nasen in die schmalen Gassen, in denen mit der Dämmerung der Spuk von Hexenverfolgungen und die Moritaten eines Dr. Jekyll wieder aufzuleben scheinen. Ganz anders Glasgow. Hier gibt es keine Fassade wie aus einem Guss, stattdessen konkurrieren klassizistische Tempel mit neugotischen Türmen und Jugendstilansichten. Straßenplan und Drive erinnern eher an Chicago als ans Mittelalter. Schottisches Lebensgefühl und Temperament sind nirgends authentischer zu erleben als hier. Auch wenn der Dialekt schwer verständlich ist, wird jeder Besucher vom Streetlife, den Musikclubs, der lebendigen Kunstszene und der Gastfreundschaft positiv überrascht sein.

Nördlich der Städte beginnen die Highlands: eine grünsamtige Region, zwischen deren Bergen (Bens) fischreiche Seen (Lochs) blinken wie Spiegel. Hier haben Forellenangler ihr Revier, in den Flüssen gehen die Schotten auf Lachse. Wer mit dem Auto unterwegs ist, bestaunt phantastische Panoramen. Links der Straße ziehen Nebelfetzen über das Torfmoor, rechts leuchtet das rötliche Fell eines Highlandbullen in der pinkfarbenen Heide. Lichtfinger tasten suchend vom Himmel herab, beleuchten für einen Moment eine einsame Kieferngruppe inmitten eines Sees, streicheln dann die aufstrebenden Flanken eines gezackten Gipfels, über dem Adler und Raben ihre Kreise ziehen. Nie ist das Meer weiter als eine Autostunde entfernt. An der rauen Westküste, zwischen Oban und Mallaig, verfärbt sich der Himmel abends von Türkis nach Pink. Im Osten, über den kleinen Häfen der Halbinsel Fife, klärt sich der typische Morgennebel, haar genannt, oft zu einem fast mediterranen Licht. In dieser Landschaft Golf zu spielen ist für die Schotten Alltag, und Besucher, auch Anfänger, sollten es hier unbedingt einmal versuchen. Besonders die links genannten Plätze in den Dünen der Ostküste zwischen St. Andrews, Aberdeen und Peterhead sind landschaftliche Highlights.

Nördlich des geologischen Grabens Great Glen und der „Highlandhauptstadt“ Fort William wirkt das Land fast menschenleer. Doch die weiten Heideflächen, die besonders im Herbst das Auge erfreuen, sind keine wilderness – auch wenn Schottland hier durch und durch wild wirkt. Rauschende Mischwälder prägten einst die heute steppenartige Natur. Im 19. Jh. wurden sie gerodet von Großgrundbesitzern, die erst die ansässigen Kleinbauern (crofters) vertrieben, um später im großen Stil Schafzucht zu betreiben und auf die Jagd zu gehen. Das Rotwild, das die neuen Herren dafür einführten, kann heute bei Safaris, etwa im Cairngorm Nationalpark, beobachtet werden. Ohne natürliche Feinde – der letzte schottische Wolf starb vor gut 260 Jahren – pflanzen sich die Hirsche rasant fort. Von den ursprünglichen Kieferwäldern aber existieren nur noch ein Prozent.

Wer noch weiter gen Norden reist, begegnet mit Orkney und Shetland fast eigenständigen Reichen, deren Steinkreise und geografische Namen an die über 5000-jährige Besiedlung und die Verbundenheit der Insulaner mit den Wikingern erinnern. Die Inseln sind gut mit dem eigenen Wagen zu bereisen, wenn man die Fährfahrt nicht scheut. Eher keltisch-verträumt sind die Hebriden im Westen Schottlands. Ein Segeltörn zwischen den dramatischen Gebirgen der Inneren Hebriden, wie Jura, Mull oder Skye, bietet sich an. Oder man nimmt Kurs auf die Äußeren Hebriden, zu den entrückt wirkenden Uists und dem mächtigen Steingebirge von Harris. Auf Lewis faszinieren der zweitgrößte Steinkreis Britanniens, auf Harris menschenleere Strände. Die abgelegenen Inseln sind etwas für Schottlandkenner. Sie kommen wegen der süchtig machenden Ausstrahlung, die vom Lichtspiel der Himmelsgezeiten auf einer herbschönen Landschaft rührt. Den nachhaltigsten Eindruck aber hinterlässt Schottland, wenn Sie sich an den zahlreichen Parkplätzen zu Spaziergängen in die Landschaft, entlang der Küste oder zu den vielen Burgruinen und Schlössern verleiten lassen. Wanderschuhe gehören also immer griffbereit in den Kofferraum einer perfekten Reise hoch im Norden Großbritanniens.

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Seit 30 Jahren zieht es Martin Müller regelmäßig nach Schottland. Für eine Weile ließ sich der Journalist und Fotograf sogar auf Orkney nieder, wo sich keltisches und nordisches Temperament vermischen. Wandern und Whisky, Kajak- und Städtetouren: Die vielen Facetten der Insel hat Müller in zahlreichen Reportagen beschrieben. Sein ständiger Begleiter auf Reisen: ein Tweedsakko. „So kann ich mich immer in Schottland einwickeln.“

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Quelle: www.marcopolo.de

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