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Reiseführer Polnische Ostseeküste:Auftakt

Entdecken Sie Die Polnische Ostseeküste!

Weißer Strand, von Dünen und Kiefernwald gesäumt, raue Kliffe, an denen im Herbst die Stürme nagen, Strandseen, Salzwiesen und Haffs, von Nehrungen geschaffen, halb Meer, halb Lagune: Polens Ostseeküste trägt viele Gesichter.

524 km zieht sie sich hin vom Zipfel der Insel Usedom im Westen über die Danziger Bucht bis zur Frischen Nehrung, deren Spitze schon im russischen Kaliningrad (Königsberg) liegt. Fast 100 m ragt die Steilküste der Insel Wollin nördlich von Stettin auf, ein Massiv aus Kreide und Lehm, von Buchen und Eichen bewachsen. Weiter nach Osten fällt die Küste ab, geht auf in den breiten Dünenketten von Westpommern mit nicht enden wollenden Stränden. Schließlich wieder ansteigend, nun aber sanfter, zum Słowiński-Nationalpark hin, wo der Wind den Sand zu 50 m hohen Wanderdünen aufgetürmt hat. Touristische Wüste ist dieses Badeparadies längst nicht mehr. Die Ostseeküste zählt zu den beliebtesten Ferienregionen Polens. Fischerdörfchen von Rowy bis Hel werden im Sommer zu überlaufenen Urlaubszielen sonnenhungriger Großstädter, Seebäder wie Międzyzdroje (Misdroy) und Sopot suchen Anschluss an Glanz und Gloria ihrer feinen Vergangenheit.

Villen im verspielten Stil der Bäderarchitektur erstrahlen frisch restauriert oder wurden stilecht nachgebaut, Promenaden und Seebrücken nach alten Vorbildern erneuert. Kołobrzeg (Kolberg) wirbt selbstbewusst als "sonnenreichste Stadt des Nordens". Dabei hätte das renommierte Kurbad Werbung kaum mehr nötig. 1,5 Mio. Gäste kommen Jahr für Jahr in die heimliche Ferienhauptstadt der polnischen Ostseeküste. In Sopot, einst "Deutschlands mondänstes Seebad" mit Kasino, Pferderennbahn, Opernbühne und Strandvillen, sind die schillernden Jahre in den goldenen Zwanzigern Vergangenheit, doch im postsozialistischen Zeitalter avanciert das alte Zoppot nun wieder zum Laufsteg der Schönen und Reichen - und derer, die sich dafür halten. Nicht nur in Polens Nobelbadeort, dessen schönste Straße die 362 m lange Seebrücke ist, setzt man auf Gäste, der Tourismus ist die Wachstumsbranche an der polnischen Küste, und man hat kräftig investiert in den letzten Jahren. Vielerorts zwischen Wolin und der Frischen Nehrung öffneten neue Hotels und Wellnesstempel, gleich hinter den Dünen wachsen moderne Ferienkomplexe aus dem Sand. Die Zersiedelung bekommt der Küstenlandschaft nicht überall gut. Ferien-Hotspots wie Mielno, Niechorze oder das Surfmekka Jastrania auf der Halbinsel Hel verwandeln sich im Juli und August Abend für Abend in Partyzonen. Doch zwischen den Urlaubszentren wird die Küste schnell wieder leer und still, und selbst im Hochsommer hat man die Ostsee kilometerweit fast für sich.

Und wer statt des Strandtrubels ländliche Beschaulichkeit sucht, muss nicht weit reisen. Südlich der Küste schließt sich die Moränenlandschaft des Baltischen Höhenrückens an, ein Mosaik aus sanften Hügelketten, unberührt scheinenden Wäldern und Seen. In den Dörfern gehören Störche und Pferdefuhrwerke noch zum Alltag, in üppigen Gemüsegärten wachsen Kartoffeln, Zwiebeln und Tomaten. Doch nicht alles ist Idylle, was so scheint: Viele Menschen leben mehr recht als schlecht von dem, was ihre schmalen Felder hergeben, die Armut ist nicht zu übersehen. Im Hinterland sind die Probleme am deutlichsten sichtbar, die Polens ländlicher Norden zu verkraften hat. Denn der EU-Beitritt des Landes hat vor allem der jungen, gut ausgebildeten Genration neue Chancen gebracht. Zu den Verlierern zählten die Bauern. Ihre traditionellen kleinen Höfe waren nicht wettbewerbsfähig, Brüssel verweigerte die Zuschüsse, die polnische Regierung förderte den Landverkauf an rentable Großbetriebe. Mittlerweile trägt der Umbau Früchte im Hinterland der polnischen Küste: Die Region zwischen Koszalin und Lebork mit ihren fruchtbaren Äckern zählt bereits zu den größten Saatzuchtzentren für Kartoffelsorten in Europa. Um auch die traditionellen kleinen Höfe nicht sterben zu lassen, vergibt der Staat Bio-Zertifikate und Zuschüsse für umweltgerechte Landwirtschaft. Dennoch ist die Arbeitslosigkeit auf dem Land hoch, bis zu 30 Prozent, Jobs sind rar und allenfalls in den Kleinstädten zu finden. Also sind so viele Junge gegangen, dass in den boomenden Wirtschaftszentren der polnischen Küste, Gdansk und Stettin, die gut ausgebildeten Fachkräfte knapp werden.

Dabei mussten auch die Zentren Rückschläge wegstecken. Der Zusammenbruch der Werften kostete Tausende den Job und kühlte die Europa-Euphorie schockartig ab. Doch die Polen, die ihr Land seit dem Zusammenbruch des Sozialismus in einer geradezu atemberaubenden Entwicklung vorangebracht haben, sind gewohnt, nach vorn zu blicken. Mehr und mehr Bauern etwa verbinden mittlerweile biologischen Anbau mit Übernachtungsgelegenheiten und Erlebnisangeboten: Agrotourystyczna ist groß im Kommen im polnischen Norden, denn Naturliebhaber und Ökotouristen haben dieses fragile Paradies entdeckt. Die alleengesäumten Nebenstraßen sind wie geschaffen fürs Radwandern, Angler und Kanuten fasziniert die Pommersche Seenplatte mit ihren 3000 blauen Augen. Eine Perle dieser Landschaft schimmert südwärts der Halbinsel Hel: die Kaschubische Schweiz. Auch im Hinterland wird mittlerweile, dank großzügiger EU-Förderung, einiges in die Infrastruktur investiert. Noch ist manches Baustelle, mancher Radweg endet so unvermittelt wie er begann. Besonders auf dem Land wird improvisiert. Doch darin sind die Menschen hier Meister. Und macht nicht gerade das Unvollkommene den Reiz des Entdeckens aus?

Für viele ältere Besucher, die aus Deutschland kommen, ist es auch eine Zeitreise in die eigene Vergangenheit, an die Stätten der Kindheit. Jahrhundertelang, vom späten Mittelalter bis 1945, gehörten weite Teile des Landes zwischen Stettiner Haff und Frischer Nehrung zu Deutschland. Die großen und kleinen Städte längs der Küste bewahren ein reiches kulturelles Erbe: Burgen, Backsteingotik, Bürgerhäuser. Da ist Szczecin, das alte Stettin, mit dem Greifenschloss. In Kamień Pomorski, früher Cammin, steht die Bischofskathedrale, einst geistiges Zentrum Pommerns. Im Osten erinnert die Marienburg an die Herrschaft der Ordensritter, die im 13. Jh. in das slawisch-heidnische Land an der Weichsel vordrangen und ihren theokratischen Militärstaat errichteten. Über allem thront Gdańsk, Danzig, das Juwel der Ostseestädte. Mehr als 1000 Jahre ist das mächtige Handelszentrum alt, und an allem gewachsen, wenn auch oft im Schmerz: unter dem Deutschen Orden und als Löwe im Hansebund, zu Zeiten der polnischen Teilung, später als Freie Stadt. Am 1. September 1939 entfesselte Hitler-Deutschland hier mit den Schüssen des Panzerschiffs "Schleswig-Holstein" auf die Westerplatte den Zweiten Weltkrieg, an dessen Ende auch Danzig in Trümmern lag. Die Stadt erhob sich wieder, wie ein Phoenix aus der Asche, nun Gdańsk heißend, polnisch, sozialistisch - doch immer noch an der Ostsee, dem Wind der Freiheit nah. Im August 1980 erstreikten 16000 Werftarbeiter, angeführt von Lech Wałęsa, die Gründung einer freien Gewerkschaft. Das war der Anfang vom Ende des Ostblocks unter Moskaus Fuchtel.

Die Solidarność-Revolution ist Geschichte. Heute präsentiert sich Gdańsk, mit Sopot und Gdynia zur "Dreistadt" verschmolzen, als weltoffene Ostseemetropole. Willkommen sind auch die Deutschen, trotz manchen Vorurteils, das noch zwischen den Völkern steht. Am ehesten werden das die jüngeren Generationen abbauen, für die die unheilvolle Vergangenheit Geschichte ist und die Zukunft in einem offenen Europa liegt. Wer mit diesem Verständnis an die polnische Küste reist, wird Menschen mit einem großen Herzen voller Gastfreundschaft treffen. So sehr hat der Eiserne Vorhang die Mitte des Kontinents verschoben, dass die Wanderdünen von Łeba manchem im Westen immer noch so entlegen scheinen wie die Sahara. Dabei führt eine Reise nach Pommern geradewegs zurück in das alte Herz Europas.

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Seit 20 Jahren lebt der deutsche Journalist Thoralf Plath bei Kaliningrad (Königsberg). Auf dem Weg in seine Heimat Vorpommern hatte er zahllose Male Gelegenheit, die polnische Küste in all ihren Facetten kennenzulernen. Als Segler kennt er sie auch von der Wasserseite her, als Korrespondent für deutsche Medien bringt er seinen Landsleuten immer wieder die Reiseziele an Polens Ostseeküste nahe.

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Quelle: www.marcopolo.de