Süddeutsche Zeitung

Reiseführer Österreich:Stichworte

Österreichischer Alltag zwischen Extremsport im Winter wie im Sommer, werbewirksam gepflegten Klischees und gelebter Tradition

Adrenalin

Je steiler, desto attraktiver: Kletterrouten der allerhöchsten Schwierigkeitsstufe, Mountainbike-Downhill-Rennen mit 70 Prozent Gefälle, mit dem Board im freien Fall. Die Berge laden ein, an die Grenzen zu gehen. Eine Herausforderung, der sich die Alpenbewohner gerne stellen - Frauen wie Männer. Wer schon auf Skiern steht, bevor er richtig laufen kann, wer auf Berge kraxelt, bevor er weiß, was Höhenangst ist, hat dem Städter einiges voraus. Wer seit Kindesbeinen in der Bergen unterwegs ist, läuft noch als 70-Jähriger mühelos allen voran. Es gibt in Österreich eine große Community, die extrem sportlich unterwegs ist; entsprechend groß ist auch das Angebot: Tausende Kilometer an Mountainbikestrecken, Kletterrouten und -steigen, Rafting- und Canyoningtouren, Kajakschulen, Paragleitstartpunkten, Fallschirmspringevents ... Die ehrgeizigsten unter den Sportlern treffen sich zum Kräftemessen in ihren Disziplinen in - für Durchschnittsmenschen absolut wahnwitzigen - Contests. Etwa zur Mountainbike Trophy im Salzkammergut (200 km über enge, glitschige, steinige, steile Waldwege), zum Kärntner Ironman (3,8 km schwimmen, 180 km Rad fahren, 42 km laufen) oder zur Freeride World Tour (freeriden am steilen Nordhang des Wildseeloder in Fieberbrunn/Tirol).

Mit Wagemut kann man sogar zum Held der Nation werden, bei großen Ski-Weltcuprennen bangt das ganze Land um die Erfolge seiner Asse. Kein Fußballspiel bewegt die Massen so sehr wie das Rennwochenende in Kitzbühel oder der Nachtslalom in Schladming. Ähnlichen Ansturm vor dem Fernseher erzeugen die Skispringer, wenn sie zum Jahreswechsel zur Vierschanzen-Tournee antreten - im Clinch mit den deutschen Athleten, das hat in Österreich Länderspielcharakter.

Brauchtum

Tracht hat in feierlichen Momenten einen hohen Stellenwert, auch für junge Menschen. Zwar sind die sonntäglichen Kirchgänge immer seltener der Anlass, sich ins Trachtenoutfit zu werfen, aber immer noch die meisten Hochzeiten und Hochfeste. Im Alltag werden alte Traditionen sorgsam gepflegt, was für den Besucher aber selten sichtbar ist: Man ist Mitglied im Schützen-, Musik- oder Armbrustverein, trifft sich in der Vorweihnachtszeit zu Singkreisen oder pflegt die Kunst des Goldhaubenstickens. Anlässlich öffentlicher Feste können aber auch Gäste Einblick ins reiche Brauchtum der Alpen bekommen - auch wenn bei ganz großen Events mitunter ein wenig Folklore mitspielt, sind dennoch alle Beteiligten mit Herz und Seele dabei. Ganz nahe kommt man Land und Leuten beim Besuch eines der zahllosen Feuerwehr-, Winzer- oder Kirtagsfeste, die von Frühjahr bis Herbst die ländlichen Wochenenden füllen. Da geht es schon einmal etwas rau zu - bodenständige, gelebte Volkskultur eben. Lediglich im Großraum Wien hat der ländliche Lebensstil keinen Platz mehr im Alltag.

Erneuerbare Energie

Fossile Energieträger decken in Österreich zzt. rund 67 Prozent des Energiebedarfs. 32 Prozent werden aus erneuerbaren Energiequellen gedeckt, womit man schon jetzt deutlich über dem von der EU für 2020 angepeilten Anteil von 20 Prozent liegt. Das liegt zum einen an der langen Tradition der Wasserkraft, zum anderen gab es in den letzten Jahrzehnten satte Fördergelder für private Initiativen wie Solarzellen oder Kleinwindanlagen. Zudem wurde hier und da kräftig in neue Technologien investiert, als Vorzeigeregion gilt Güssing im Burgenland, wo nahezu energieau-tark gewirtschaftet und gemeinsam mit Hochschulen intensiv geforscht wird. Der Fokus liegt dabei auf der reichlich vorhandenen Biomasse - also etwa Bäume, Holzabfälle, Grünschnitt oder Stroh -, die sich besonders gut lokal verwerten lässt. Das ehrgeizige Ziel der Österreicher: bis 2020 bereits 34 Prozent des Energiebedarfs nachhaltig zu decken.

Heuriger

Überall, wo Wein angebaut wird, gibt es die Institution des Heurigen, der in manchen Gegenden auch Buschenschank genannt wird. Ein Heuriger ist ein Lokal, in dem Eigenbauweine ausgeschenkt und kleine, kalte Speisen angeboten werden. Ein klassischer Heuriger hat nicht das ganze Jahr über geöffnet, sondern immer nur wochenweise, in den Weinbauregionen gibt es dazu eigene Heurigenkalender. Ist geöffnet, wird ein Busch vor den Eingang gehängt, damit ist "ausgesteckt". Aus dieser Urform sind Heurigenrestaurants entstanden, die im Rahmen einer Gewerbekonzession auch Fremdweine und richtige Küche anbieten. Buschenschanken gibt es im Übrigen auch in jenen Landesteilen, die Moste produzieren; statt Trauben- wird hier Obstwein ausgeschenkt.

Kaffeehaus

Kaffee wird in Österreich auf der zweiten Silbe betont. Wer diese Sprachregelung beherrscht, hat beim Ober, wie der Kellner im Kaffeehaus heißt, fast schon gewonnen. Wer beim Bestellen zusätzlich noch weiß, ob er einen kleinen oder großen Braunen oder doch lieber eine Melange trinken will, sieht, wie erleichtert der Ober ist, keinen Banausen vor sich zu haben. Eine Melange ist ein Espresso mit Milchschaum, ein Brauner ein schwarzer Kaffee, serviert mit einem Extra-Kännchen Sahne. Der kleine Braune ist ein einfacher, der große ein doppelter Espresso. Das Glas Wasser ist zum Kaffee obligatorisch. Neben einer kleinen Auswahl von Kuchen und Zwischengerichten werden mittags in den meisten Kaffeehäusern auch klassische Gerichte der Wiener Küche serviert.

Die Zeit der Kaffeehausliteraten ist zwar längst vorbei, trotzdem zählen Schriftsteller nach wie vor zu begeisterten Kaffeehausgängern. Robert Menasse, bekannt für seine essayistische Literatur, sitzt gerne im Wiener Café Sperl, während Ilse Aichinger, die große alte Dame der österreichischen Literatur, meist im Café Jelinek anzutreffen ist. Im Kaffeehaus wird gearbeitet, werden Geschäfte besprochen, Verträge geschlossen und wird Politik gemacht. Das Landtmann neben dem Burgtheater vermittelt mitunter den Anschein, als sei es eine Außenstelle des nahen Parlaments. Weitere typische Kaffeehäuser sind Central, Bräunerhof, Prückel und Sperl (Wien), Traxlmayer (Linz), Bazar und Tomaselli (Salzburg) und Central (Innsbruck). Die Auswahl an Zeitungen und Magazinen ist groß, Gratiszugang zu WLAN ist mittlerweile Standard.

Klöster

Der ausgeprägte und vom Kaiserhaus verteidigte Katholizismus hat die meisten Klöster besonders in ländlichen Gebieten zu Macht und Einfluss geführt. Sie waren Zentren der Kultur und Bildung sowie der Landwirtschaft und des Weinbaus - und sind es bis heute geblieben. Trotz wirtschaftlicher Krisen und der Josefinischen Reform, die Ende des 18. Jhs. zur Auflassung von Klöstern führte, konnten sich die meisten bis in die Gegenwart retten. Wohl auch deshalb, weil ein Großteil der Klöster über immense Kunstschätze verfügt. So besitzt das Benediktinerstift St. Paul im Lavanttal nicht nur eine Gemäldegalerie, die jedes Museum vor Neid erblassen lässt, sondern auch eine Fülle wertvoller Originalurkunden und Gesetzestexte. Ebenso reich ausgestattet sind die Kunst- und Wunderkammern anderer großer Klöster wie Melk, Klosterneuburg, Heiligenkreuz, Göttweig, Zwettl, St. Florian, Kremsmünster oder Stams in Tirol. Viele der Klöster haben ihre Pforten auch für Erholung Suchende geöffnet. Das Angebot reicht von der Übernachtung über die Teilnahme an Gebeten bis zur Übernahme von Arbeiten (www.kloesterreich.at).

Lebensraum Alpen

Die Alpen, Trinkwasserspeicher und Heimat von rund 5000 Pflanzen- sowie 30000 Tierarten, sind umgeben von reichen, dicht besiedelten, freizeitsüchtigen Ballungsräumen. Sie zählen neben Karibik und Mittelmeer zu den wichtigsten Zentren des weltweiten Tourismus. Da geht es mitunter am Großglockner auch nicht viel anders zu als an der Costa Brava: an schönen Tagen bezwingen die Gipfelstürmer den Berg im Gänsemarsch. Immer neue Gästebetten, Zubringerstraßen, Bergentertainment und Aufstiegshilfen bringen die Alpen unter Druck, die schon jetzt das am dichtesten erschlossene Berggebiet der Welt sind. In Österreich können mehr als 2,7 Millionen Menschen pro Stunde per Schilift und Seilbahn auf die Berge gebracht werden, rund 7000 km sind als Skipisten präpariert, weit über 200000 km stehen Wanderern als Forstwege zur Verfügung. Diese offensive Erschließung zerschneidet und dezimiert wertvolle Lebensräume in einem ohnehin extremen Klima, so dass viele Organismen um ihre Existenz bangen müssen. Beschleunigt wird die Problematik durch den weltweiten Klimawandel, der sich am Rückgang der Gletscher deutlich manifestiert.

Der Tourismus hat also nicht alleine Schuld an ökologischen Problemen - er ist umgekehrt sogar der große Hoffnungsträger für den Erhalt des Lebensraums Alpen, der ansonsten Gefahr liefe, von den Einheimischen mangels Perspektive verlassen zu werden. Meistens ist es ein zähes Ringen zwischen lokalen Umweltschutzinitiativen und wirtschaftlichen Interessen, was vermehrt zu erfreulichen Projekten führt, die Umwelt nachhaltig und sanft zu erschließen. Weiter steht die Natur in sechs Nationalparks streng unter Schutz. Mit Abstand der größte ist der Nationalpark Hohe Tauern, der die höchsten Gipfel im Grenzgebiet Salzburg-Kärnten-Tirol umfasst.

Moderne Architektur

In den 1960ern formierten sich an den österreichischen Universitäten junge, experimentierfreudige Architekten, die mit neuen Formen und Konzepten gegen die Nachkriegsarchitektur antraten. Wolf D. Prix, Helmut Swiczinsky und Michael Holzer vom Kollektiv Coop Himmelb(l)au (1968), Hans Hollein, der zu den Pionieren der Postmoderne zählte, oder Günther Domenig aus der heute renommierten "Grazer Schule" haben auch international den Durchbruch geschafft. Auch Friedensreich Hundertwasser, der später für seinen "verkitschten Kommerzialismus" oft angefeindet wurde, kommt aus der Wiener Szene. Avantgardistische Bauten entstanden wie Domenigs Steinhaus am Ossiacher See oder Hans Holleins Haas-Haus in Wien, doch es dauerte noch bis in die späten 1990er als zeitgenössische Architektur plötzlich allenthalben sichtbar und auch von der Bevölkerung positiv aufgenommen wurde. Damals kam es zu einem regelrechten Bauboom, der bis heute ungebrochen anhält und der auch internationalen Größen wie Zaha Hadid oder Vito Acconti eine Bühne bietet. Städte und Länder eröffneten aufsehenerregende Kulturbauten, die Wiener Skyline wuchs ins Futuristische, und auch private Bauherren finden Gefallen an den klaren Formen der Postmoderne. Eine herausragende Rolle in der modernen Architektur spielt darüberhinaus Vorarlberg, wo man sich schon früh auf nachhaltiges Bauen konzentrierte und ebenso zeitig mit Grundrissen und Materialien zu experimentieren begann. Nirgendwo sonst im Land finden sich architektonisch spannende und ökologisch durchdachte Alltagsbauten in einer derart großen Dichte.

Sprache

Was Deutsche und Österreicher trennt, ist die gemeinsame Sprache. Germanisten wissen, dass 2-4 Prozent des deutschen Wortschatzes mehr oder weniger typisch österreichisch sind. Das ist in der Schriftsprache nicht weiter dramatisch, kann aber in der Umgangssprache zu Verwirrung führen. Wenn sich beispielsweise ein Österreicher "ausrastet", dann hat er keinen Tobsuchtsanfall, sondern macht eine Pause, legt eine Rast ein. Drückt er ein "Gschichtl", erzählt er eine Lüge. Ist er "marod", dann ist er krank. Ist er "stier," ist er pleite. "Stierlt" er, stöbert er in fremden Sachen. Besonders schlimm sind die Missverständnisse auf der Speisekarte, wo Hackfleisch als Faschiertes und Eierkuchen als Palatschinken angepriesen werden.

Allerdings gibt es auch regionale Unterschiede: so sagen Wiener etwa Viertel Eins wenn sie 12.15 Uhr meinen, während man in Linz Viertel über Zwölf dazu sagt. Neben feinen Unterschieden gibt es noch eine linguistische Besonderheit: Während der Großteil Österreichs zum bairischen Sprachraum zählt, spricht man in Vorarlberg alemannisch. Wo genau ein Mensch herkommt, hört man im Allgemeinen am Dialekt, nur höchst selten wird astreines Hochdeutsch gesprochen. Das lässt sich am ehesten in den Nobelbezirken Wiens und Salzburgs vernehmen, ein aufgrund der weichen Aussprache äußerst angenehmer Klang, den man auch im Theater pflegt.

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