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Reiseführer Oberbayern:Stichworte

Heimatdichter und Volksmusikrebellen: Oberbayern bestätigt viele Klischees, ist aber auch immer für eine Überraschung gut

Barock & Rokoko

Auf das finstere, von Kriegen und Seuchen geprägte 17. Jh. folgten Glanz und Glorie des Barock. Vor allem die katholische Kirche setzte durch zahllose Um- und Neubauten von Gotteshäusern und Klöstern ein Zeichen für die Herrlichkeit Gottes und des Glaubens. Künstler wie die Brüder Asam, die Brüder Zimmermann, die Familien Schmuzer und Feichtmayr schmückten Kirchen und Klöster mit immer illusionistischeren Fresken, mit noch üppiger wucherndem Stuck, bis sich der behäbige Barock im luftigen Rokoko auflöste. Mitten auf einer Kuhweide vor der Kulisse der Ammergauer Alpen steht bei Steingaden das vollkommenste Beispiel dieser Kunstepoche: die Wieskirche.

Bauernweisheiten & Heilkräuter

Dass Königskerzen, vors Haus gepflanzt, den Blitz ableiten oder Holunder neben seiner vielseitig gesundheitsfördernden Wirkung Heim und Herd schützt, dieses Wissen drohte im modernen Oberbayern in Vergessenheit zu geraten. Sozusagen in letzter Minute hat eine junge Generation von Kräuterfrauen, Wünschelrutengängern, Alpenschamanen und wie sie sich sonst noch nennen die Kenntnisse der Alten um die Heilkräfte und Geheimnisse von Pflanzen, Kräutern und Kraftorten gerettet.

Heute werden sie wieder angewandt und weitergegeben. So gehören durch Kräuterpädagoginnen geführte Wanderungen in vielen Urlaubsorten zum Freizeitprogramm für die Feriengäste, und beim Thema Wellness sind Woll- und Heubäder gerade dabei, Thalasso und Ayurveda zu verdrängen.

Bier

Mit oberbayerischem Bier verbindet man gemeinhin Namen wie Augustiner oder Paulaner. Dass trotz des Verdrängungskampfs zwischen den Großen in Oberbayern rund 100 Brauereien existieren, ist erstaunlich. Tatsächlich ist in den letzten Jahren ein Trend zur mittelständischen Familienbrauerei zu erkennen, obwohl der Bierkonsum – überregional betrachtet – sinkt und immer mehr große Unternehmen wirtschaftlich in Schieflage geraten. Privatbrauereien finden in ihren jeweiligen Regionen lokalpatriotische Unterstützung; da spielt der leicht höhere Preis keine Rolle.

Dass solche Betriebe für Qualität bürgen, zeigen die Preisträger des jährlich vergebenen European Beer Star, der unter den über 1000 Teilnehmern aus aller Welt regelmäßig ebensolche regionale Biere zu Siegern kürt. 2013 war es u. a. Flötzinger Bräu aus Rosenheim. Gebraut wird übrigens nach dem bayerischen Reinheitsgebot von 1516 ausschließlich mit Wasser, Malz, Hopfen und Hefe.

CSU

Abgesehen von einem kurzen SPD-Intermezzo ist die CSU seit ihrer Gründung 1945 Regierungspartei in Bayern, oft sogar mit absoluter Mehrheit.

In ihren besten Zeiten, die untrennbar mit dem Vollblutpolitiker Franz Josef Strauß (1915–88) verbunden sind, erhielt die Partei in den 1970er- und 80er-Jahren Zustimmungsraten um 59 Prozent. Aber auch der derzeitige Ministerpräsident Horst Seehofer kann nach einem Intermezzo mit dem ungeliebten Koalitionspartner FDP seit 2013 wieder absolut alleine regieren.

Daten & Fakten

Oberbayern ist mit 17 500 km2 Fläche der größte der sieben bayerischen Regierungsbezirke. Es umfasst die Region südlich der Landes- und Bezirkshauptstadt München, die nach Süden und Osten bis an die Grenze zu Österreich reicht und im Westen an Schwaben grenzt. Von München nach Norden gehören Ingolstadt, Eichstätt und Neuburg an der Donau ebenfalls zu Oberbayern.

Wichtigste Flüsse sind Donau, Lech, Isar, Inn und Salzach; der höchste Berg ist mit 2966 m die Zugspitze. Obwohl etwa 49 Prozent der Fläche landwirtschaftlich genutzt werden und rund ein Drittel aus Wäldern besteht, spielt der Agrar- und Forstsektor keine tragende wirtschaftliche Rolle.

Das von den knapp 4,4 Mio. Einwohnern erwirtschaftete Bruttoinlandsprodukt – nach Hamburg das höchste der Bundesrepublik – wird vorrangig in den Städten wie München und Ingolstadt im Dienstleistungs- und Industriesektor generiert. Die Arbeitslosenquote ist mit Werten um 4 Prozent konstant niedrig.

Eiszeitliche Spuren

Das Landschaftsbild des Fünfseenlands ist der letzten, nach dem Flüsschen Würm benannten Eiszeit zu verdanken, deren weit ins Alpenvorland reichender Gletscher vor etwa 12 000 Jahren abschmolz und die charakteristischen Geländeformen wie Moränenhügel, Drumlins, Zungenbecken und Toteislöcher hinterließ. Die mit Wasser gefüllten Zungenbecken, durch den wandernden Gletscher tief in den Boden gegraben, wurden zu Seen.

Die Toteislöcher, in denen Eis, das mit dem Gletscher nicht mehr verbunden war, unter Geröll abschmolz, bildeten Moor- und Seengebiete wie die Osterseen. Der vom Gletscher transportierte Gesteinsschutt türmte sich rund um die Seen zu Moränenhügeln wie etwa der Ilkahöhe bei Tutzing. Gesteinsablagerungen unter dem Gletscher folgten hingegen der Fließrichtung des Eises und bildeten lang gezogene Hügel. Auf einer solchen, Drumlin genannten Kuppe steht Kloster Andechs.

Föhn

„Wann da Fön geht, dann krieg i glei wieder Schädlweh ...“ besingt der Alpenrocker Hubert von Goisern in „Fön“ den berüchtigten, warmen und trockenen Fallwind, der sich manchmal in Sturmstärke über die Alpennordhänge aufs Voralpenland stürzt und nach Norden bis zur Donau seine segens- wie schmerzreiche Wirkung entfalten kann.

Der positive Effekt des Föhns ist ein blitzblank geputzter Himmel in bayerischem Weiß-Blau, der negative besagte Kopfschmerzen, die nicht nur Neu-Oberbayern, sondern auch Alteingesessene an diesen Tagen quälen. Fotografen bietet der Föhn die einmalige Gelegenheit, die Alpenkette visuell an den Stadtrand von München zu verlagern, denn die trockene, warme Luft wirkt wie ein Vergrößerungsglas.

Heimatdichter

Nicht nur in der bayerischen Monarchie, auch unter den oberbayerischen Dichterfürsten ist der Vorname Ludwig häufig vertreten: Die beiden Ludwigs – Ganghofer und Thoma – stehen unbestritten an der Spitze der bayerischen Literatur: Der gebürtige Kaufbeurer Ganghofer (1855–1920, „Der Jäger von Fall“) als Verfasser von Heimatromanen, in denen heile Dorfwelt und Alpenlandschaftsidyll gefeiert werden, Thoma (1867–1921, „Lausbubengeschichten“) aus Oberammergau mit einem realistischeren und satirischen Ansatz. Beide verstarben in Tegernsee und sind auf dem Friedhof von Rottach-Egern beigesetzt.

Auch der am Starnberger See aufgewachsene Oskar Maria Graf (1894–1964, „Das Leben meiner Mutter“) zählt zu den großen Heimatdichtern Oberbayerns, wenngleich er viele seine berühmtesten Romane im Exil in New York auf Englisch verfasste. Unter den Dichterinnen hat die in Glonn geborene Lena Christ (1881–1920) mit ihrer erschütternden Biografie „Erinnerungen einer Überflüssigen“ dem Leben der einfachen Leute um die Wende zum 20. Jh. ein Denkmal gesetzt.

Zeitgenössische Heimatliteratur und -filme kommen von den beiden Münchnern Herbert Achternbusch (geb. 1938, „Bierkampf“) und Franz Xaver Kroetz (geb. 1946, „Wildwechsel“).

Hoagascht

Noch vor wenigen Jahren war dieser Begriff nur Eingeweihten bekannt. Er bezeichnet einen Volksmusikabend, der aus „Spaß an der Freud“, wie der Oberbayer sagen würde, stattfindet. Solche Veranstaltungen liefen früher unter dem Motto Musikantenstammtisch oder auch Hausmusik. Heute findet der alte, vom mittelhochdeutschen heingarte für „Garten“ abgeleitete Name immer öfter Verwendung. Ursprünglich war mit dem Hoagascht das Treffen von Nachbarn auf der Bank im Garten gemeint; später wurde es umgedeutet.

König Ludwig II.

Der unglücklich agierende Wittelsbacher herrschte ab 1864 über das Königreich Bayern und ertrank 1886 bei Schloss Berg im Starnberger See, rätselhafterweise im flachen Wasser. Längst verschwindet die reale Person des Kini, wie ihn Verehrer liebevoll nennen, hinter einer von zahllosen Mythen aufgeladenen Traumgestalt.

2011 versuchte die Bayerische Landesausstellung auf Schloss Herrenchiemsee, Ludwig II. in seinen vielen Facetten nahezukommen, und präsentierte den König u. a. auch als modern denkenden Monarchen, der technische Entwicklungen förderte und beispielsweise in seinen Schlössern elektrisches Licht installieren ließ. In Erinnerung bleibt er dennoch als weltferner Verehrer des Komponisten Richard Wagner, dessen musikalischem Sagenkosmos Ludwig bereits in jungen Jahren verfallen war.

Wie Ludwig und sein Begleiter Professor Gudden tatsächlich starben, ist bis heute nicht geklärt. Für die Vermutung, dass sie ermordet wurden, spricht einiges und auch folgendes Detail: Während Ludwigs Armbanduhr um 18.54 Uhr stehen blieb, weil Wasser eingedrungen war, zeigte die Uhr seines ebenfalls ertrunkenen Begleiters 20.10 Uhr an.

Lüftlmalerei

Warum die farbigen Fresken auf Häusern des Voralpenlands Lüftlmalerei genannt werden, ist umstritten. Weil einer der berühmtesten Lüftlmaler, Franz Seraph Zwinck aus Oberammergau, angeblich im Lüftl-Haus wohnte? Oder weil sie im Freien, also an der Luft, aufgetragen werden? Der Brauch, Häuser mit Motiven zu schmücken, die Auskunft über den Beruf ihrer Bewohner oder über deren Funktion geben, geht aufs 18. Jh. zurück. Auch rein dekorative Malereien wurden in der Freskotechnik, also direkt auf den noch frischen Verputz, aufgetragen, der sich beim Trocknen mit der Farbe untrennbar verbindet. Ein schönes Beispiel hierfür ist die Mittenwalder Pfarrkirche. Heute erlebt die Lüftlmalerei mit modernen Techniken und Motiven eine Renaissance.

Natur & Umweltschutz

Der Vielfalt der Landschaften vom hochalpinen Bereich bis zu den Flussniederungen und Mooren entspricht ein großer Reichtum von Tierarten, die vom Steinadler bis zum Weißstorch, vom Schneehuhn zur Kreuzotter und von der Gämse zum Biber reichen.

Ebenso vielfältig ist die Flora, deren bekannteste Vertreter die geschützten Alpenblumen Edelweiß und Enzian sind. Oberbayerns einziger Nationalpark Berchtesgaden gilt seit 1990 auch als Unesco-Biosphärenreservat. Insgesamt stehen in Oberbayern rund 4,5 Prozent der Fläche unter Naturschutz und damit doppelt so viel wie im bayerischen Durchschnitt.

Benedikt XVI.

Dass sich Oberbayern im Papsttum Benedikts XVI. sonnen konnte, ist Joseph Ratzingers Kindheit in Marktl am Inn zu verdanken, wo der 2013 emeritierte Papst 1927 geboren wurde. Die Gemeinde im äußersten Nordosten Oberbayerns hat nach anfänglich ungebremster Benedikt-Vermarktung durch Benedikt-Bier, -Torte und -Gedenkmünze sowie Versand von Marktl-Heimaterde im Internet den Wildwuchs der privaten Geschäftemacher eingedämmt und für den Ehrenbürger ein pietätvoll-angemessenes Museum eröffnet.

Ganz ohne Geschäfte geht es aber auch auf Gemeindeebene nicht, weshalb man sich das Becken, über dem der kleine Joseph getauft wurde, patentieren ließ. Wer mit dem Taufbecken wirbt, muss Lizenzgebühren zahlen. Jede Abbildung davon bringt Geld in die Gemeindekasse.

Well-Familie & Gerhard Polt

Auf die Melodie der Bayernhymne dichteten die Brüder Hans, Michael und Stopherl Well 1982 „Gott mit dir, du Land der BayWa...“. Das Spottlied prangerte die Umweltzerstörung durch den bayerischen Agrarkonzern BayWa an und löste einen politischen Eklat aus. Der Bayerische Rundfunk bestrafte die bissigen Volksmusikanten gar mit einem Sendeboykott.

Seit 1976 antworteten die Well-Brüder auf politische Verwicklungen alleine als „Biermösl Blosn“ oder zusammen mit dem Wahl-Schlierseer Kabarettisten Gerhard Polt mit bayerischer Volksmusik und scharfzüngigen Texten. Die Aufregung über deren Impertinenz wich mit den Jahren einer fast kulthaften Verehrung.

Die Auflösung der „Blosn“ nach 35 Jahren löste 2011 ein ähnliches Medienerdbeben aus wie deren Bayernhymne. Als „Stachel im Fleisch der Obrigkeit und anarchische Seele des Volkes“ wurden die Brüder von der Süddeutschen Zeitung verabschiedet – etwas vorschnell, denn die Brüder gehen zwar getrennt, aber durchaus sich selber treu ihren Weg weiter: Hans Well, der älteste, musiziert mit seinen Kindern, den „Wellbappn“. Christoph und Michael Well treten als „Well-Brüder“ und zusammen mit ihren „Wellküren“ genannten Schwestern als „Geschwister Well“ auf.

Weiter zu Kapitel 3

Die in Slowenien geborene Reisejournalistin lebt seit vielen Jahren in Oberbayern und schreibt über ihre Wahlheimat Reisebücher und Artikel. Es ist das Barocke, das sie hier besonders schätzt und das sich in der Küche ebenso manifestiert wie im Dekor von Kirchen und Klöstern. Am glücklichsten aber macht sie der Blick übers Voralpenland auf die Alpenkette – am besten bei Föhn.

Der SZ.de-Reiseführer wird Ihnen in Kooperation mit Marco Polo präsentiert. Alle Angaben ohne Gewähr auf Richtigkeit, Aktualität oder Vollständigkeit der Information. Die Verantwortung für die präsentierten Inhalte und Rechte liegt ausschließlich bei Marco Polo.

Quelle: www.marcopolo.de

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