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Reiseführer Oberbayern:Auftakt

Entdecken Sie Oberbayern!

Was verbinden Sie mit Oberbayern? Dramatische Berglandschaften und stille Täler, auf deren Weiden glückliche Kühe grasen? Oder haben Sie Bilder von mit Putten und reichem Ornament geschmückten Kirchen und bizarren Traumschlössern im Kopf? Hören Sie einen Bergbauern juchzend jodeln oder einen sarkastischen Spruch des Kabarettisten Gerhard Polt, wenn Sie an Oberbayern denken? Sehen Sie ein Bilderbuchdorf mit Zwiebelturmkirche oder die schwebende Architektur des Buchheim-Museums? Nichts wäre falsch, denn all das ist Oberbayern: eine stark in den Traditionen verwurzelte Region, die sich den Fortschritt und die Moderne auf die blau-weiße Fahne geschrieben hat und die der politische Ehrgeiz vorantreibt, alle anderen zu übertreffen.

Denn Oberbayern ist der Primus unter den bayerischen Regierungsbezirken und steht sogar im gesamtdeutschen Vergleich in der ersten Reihe. Die niedrigste Arbeitslosenquote, das höchste Pro-Kopf-Bruttoinlandsprodukt, der beste Freizeitwert, die meisten Touristen ... die Aufzählung könnte endlos so weitergehen. Für die „saubere“ wirtschaftliche Entwicklung war u. a. Edmund Stoiber verantwortlich, Ministerpräsident von 1993 bis 2007. Er verordnete seinen Bayern den Sprung ins 21. Jahrhundert und förderte alles, was nach Hightech, Biotech oder Cluster klang. Umso erstaunlicher ist, dass man noch 2013 in vielen oberbayerischen Gemeinden mit Internetverbindungen zurechtkommen muss, die völlig antiquiert sind, falls sie überhaupt existieren. Ganz einfach – der gute Wille wurde marktschreierisch verkündet, die Mühlen der Umsetzung aber mahlen sehr langsam. Reisende geraten folglich immer wieder in Funklöcher, oder sie finden in der Ferienwohnung keinen DSL-Anschluss vor – von WLAN ganz zu schweigen.

Aber ist das nicht auch sympathisch, dieses Verharren in einem Lebensstil, den weniger Bits und Bytes als Hahn und Kuh strukturieren? Viele Urlauber suchen genau das, und finden es hier nicht als folkloristische Inszenierung, sondern als gelebten Alltag. Auch Oberbayern, die ihren Lebensunterhalt als Bankmanager oder Luftfahrtingenieure verdienen, pflegen die überlieferten Traditionen, erneuern die Lüftlmalereien am Haus, folgen den Fronleichnamsprozessionen und treffen sich am Stammtisch. Althergebrachtes und Moderne widersprechen sich nicht, sondern werden genuss- und lustvoll miteinander kombiniert. Das gilt in besonderem Maß für die oberbayrische Küche, die Alfons Schuhbeck zur Sternereife verfeinert hat. Aber auch der Volksmusik beschert das Wiederaufleben von Hausmusikabenden eine Renaissance. Manchmal wird sie dabei frech neu interpretiert, wie es die Chiemgauer Band La Brass Banda mit einem Crossover von Bayern bis Balkan erfolgreich vormacht. Typische Vertreter des neuen Oberbayern sind auch die Huberbuam, Thomas und Alexander Huber, Weltklassekletterer mit Hang zu Kamikaze-Aktionen an den Sechs- bis Achttausendern dieser Welt. Trotz internationaler Popularität würden die beiden ihre Wurzeln in den heimatlichen Chiemgauer Bergen nie aufgeben.

Oberbayern ist traditionsverbunden – und damit seit jeher ein Sehnsuchtsort. Die bayerischen Könige und der Adel unterhielten im 19. Jh. Jagden und Berghütten; Literaten und Künstler suchten um 1900 Inspiration im Blauen Land, an Chiemsee und Starnberger See; und auch heute zieht sich so mancher stressgeplagte Schauspieler, Manager und Politiker ins Oberbayerische zurück. Die Eliten waren Wegbereiter für den Pauschaltourismus: Ab 1933 unterhielt das Reisebüro Carl Degener eine wöchentliche Bahnverbindung von Berlin nach Ruhpolding und legte damit den Grundstein für die touristische Erschließung Oberbayerns. Heute kommen jährlich knapp 13 Mio. Menschen, um zwischen Donau und Alpen zu wandern, Rad zu fahren, Kirchen und Königsschlösser zu bewundern oder sich einfach nur zu erholen.

Denn schön ist es, dieses Oberbayern: Von der Schotterebene um München steigt das Land in sanft gewellten, von eiszeitlichen Gletschern aufgetürmten Höhenzügen allmählich an. Blau glitzernde Seen schmiegen sich zwischen die Moränenhügel oder liegen eingebettet am Fuß der Münchner Hausberge, wie der nördliche, selten die 2000 m übersteigende Voralpenriegel vom legendären oberbayerischen Wanderpapst Walter Pause genannt wurde. Dann wechselt die Szenerie schnell ins Schroffe; steil streben Gebirgsflanken und Felswände der nördlichen Kalkalpen über die von Flüssen eingegrabenen Täler empor. Von den Ammergauer Alpen im Westen über das Wetterstein- und Karwendelgebirge bis zu den Chiemgauer und Berchtesgadener Alpen im Osten türmen sich Felspyramiden und gerundete Gipfelkuppen. Im südlichen und weitaus größeren Teil Oberbayerns sind es die Kontraste zwischen der Weite und der dramatischen Höhe, zwischen rauschendem Wildfluss und stillem Bergsee, die berühren. Das Oberbayern nördlich von München, dessen Ausdehnung bis zu Donau und Altmühl reicht, ist eine Region von stillerem, undramatischem Reiz, ein Paradies für Genussradler und Kunstfreunde.

Was so idyllisch wirkt, ist aber nicht unberührte, sondern von alters her wirtschaftlich genutzte Natur. Nachhaltige Nutzung durch Jäger, Fischer und Bauern stand dabei neben ungebremstem Raubbau: Im 16. Jh. wurden die Wälder rund um Reichenhall so rücksichtslos als Brennmaterial fürs Solekochen abgeholzt, dass nichts mehr übrig blieb und die Salzsieder nach Traunstein umzogen, wo sie den Kahlschlag fortsetzten. Die Landschaft bei Penzberg, Miesbach und Hausham im Herzen des Oberlands war im 19./20. Jh. vom Bergbau geprägt, dessen Spuren heute noch sichtbar sind und dessen Abraumhalden sich mühelos in extraterrestrische Drehorte für Fernsehserien wie „Raumschiff Orion“ verwandelten. In den 1950er-Jahren wurde ein malerisches Tal im Karwendel geflutet und dabei das Dorf Fall versenkt, damit das im Sylvensteinsee gestaute Isarwasser Turbinen antreiben und Energie liefern kann. Auch der Tourismus trägt seinen Teil bei. Bergbahnen, Skilifte, planierte und mit Kunstschnee beschneite Abfahrten domestizierten die Landschaft. Und weil Natur an sich inzwischen nicht mehr spannend genug ist, wird sie „aufgewertet“: Dabei sind die vielen neu angelegten Klettersteige noch umweltverträglich, gemessen an adrenalinsteigernden Attraktionen wie dem 7 m über einen 1300 m tiefen Abgrund ragenden „Riesen-Fernrohr“ im Karwendel oder den beiden schwindelerregend ins Leere laufenden Stahlarmen der Aussichtsplattform Alpspix auf der Alpspitze. Irgendwo in deren Nachbarschaft sollte auch ein Flying Fox installiert werden. Am Drahtseil hängend und durch Gurtzeug gesichert, hätten Wagemutige in rasanter Fahrt vom Berggipfel zum 1 km entfernten Zielpunkt sausen können. Nach massiven Protesten von Naturschützern wurden die Planungen jedoch eingestellt.

Wirtschaftlichkeit und Nachhaltigkeit unter einen Hut zu bringen ist auch in Oberbayern nicht selbstverständlich. Aber der von engagierten Umweltschützern und idealistischen Landwirten initiierte Ökotrend findet immer mehr Nachahmer. Ob Tegernseer Milchbauern genossenschaftlich eine Käserei gründen, für deren Bioqualität sie geradestehen, ob sich die Werdenfelser dafür starkmachen, dass die Wolle ihrer Schafe verarbeitet und nicht, was billiger wäre, entsorgt wird, ob Hotels und Pensionen auf Niedrigenergiehäuser umrüsten – zahllose Initiativen und Projekte verdienen Unterstützung. Als Gast und Reisender sollten Sie diese Chance wahrnehmen und aus Ihrem Urlaub in Oberbayern eine runde, grüne Sache machen!

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Die in Slowenien geborene Reisejournalistin lebt seit vielen Jahren in Oberbayern und schreibt über ihre Wahlheimat Reisebücher und Artikel. Es ist das Barocke, das sie hier besonders schätzt und das sich in der Küche ebenso manifestiert wie im Dekor von Kirchen und Klöstern. Am glücklichsten aber macht sie der Blick übers Voralpenland auf die Alpenkette – am besten bei Föhn.

Der SZ.de-Reiseführer wird Ihnen in Kooperation mit Marco Polo präsentiert. Alle Angaben ohne Gewähr auf Richtigkeit, Aktualität oder Vollständigkeit der Information. Die Verantwortung für die präsentierten Inhalte und Rechte liegt ausschließlich bei Marco Polo.

Quelle: www.marcopolo.de

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