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Reiseführer Norwegen:Stichworte

Lebenswertes Land: Norwegen zeichnet sich durch eine junge Kulturszene und eine beispielhafte Familienpolitik aus

MARCO POLO Autor Jens-Uwe Kumpch

Bodenschätze

Jedes Jahr investiert Norwegen mehr als 10 Mrd. Euro in die Erschließung neuer Erdöl- und Erdgasfelder auf dem Schelf. Die auf Sicht ertragreichsten Vorkommen liegen in der Norwegischen See und vor Nordnorwegen. Eine Industrie mit 30 000 unmittelbar Beschäftigten, die über ein Viertel des Bruttoinlandsprodukts erwirtschaftet, ist auch davon abhängig, immer neue Felder zu finden. Umweltschutzorganisationen treten dafür ein, nördlich und westlich des Nordkaps nicht jedes Feld zu erschließen. Sie verweisen dabei auf die extremen Wetterverhältnisse und die Eingriffe in die verwundbare Ökologie in der Barentssee. Der Bergbau hat in Norwegen eine lange Tradition, aber mit Ausnahme des Steinkohleabbaus auf Svalbard an Bedeutung verloren. Heute arbeiten noch ca. 4000 Menschen in norwegischen Gruben.

Familie

Die Gleichstellung von Mann und Frau ist weit vorangeschritten, der rechtliche Unterschied zwischen Ehen und nichtehelichen Lebensgemeinschaften fast ganz aufgehoben. In fast allen Familien sind beide Elternteile erwerbstätig. Norwegen hat die dritthöchste Geburtenrate in Europa, jede Norwegerin bekommt im Schnitt 1,98 Kinder. Die soziale Absicherung der Mütter und Väter ist vorbildlich. Die 47 Wochen Elternschaftsurlaub bei vollem Lohnausgleich (oder 57 Wochen mit 80 Prozent Gehalt) können sich die Eltern nach eigenen Wünschen aufteilen, und ein Elternteil kann mindestens zwei Jahre zu Hause bleiben, ohne den Arbeitsplatz zu verlieren.

Fischerei

Die norwegischen Hoheitsgewässer sind hochproduktive Gebiete, hier leben mehr als 200 Fischarten, Schalen- und Krustentiere. Mit einem Ausfuhrvolumen von rund 5,5 Mrd. Euro ist Norwegen immer noch weltgrößter Fischexporteur, der Anteil der gezüchteten Fische an der Ausfuhr beträgt 56 Prozent. Die Zahl der Fischer ist seit 1950 um fast 80 Prozent, die Fangmengen sind jedoch kaum gesunken. Wegen der bedrohten Bestände im Nordatlantik haben die EU, Norwegen, Russland, Island, die Färöer-Inseln und Grönland Maßnahmen gegen die verbotene Fischerei in diesen Gewässern beschlossen. Eine im Ausland umstrittene Nische ist der Walfang. Es dürfen zwar rund 1000 Zwergwale abgeschossen werden, doch die Nachfrage nach den Produkten ist so stark gesunken, dass kaum noch Wale gejagt werden.

Königshaus

Seit 1991 heißt Norwegens Regent Harald V. Ebenso wie Harald heiratete auch sein Sohn, der 1973 geborene Haakon Magnus, eine Frau bürgerlicher Herkunft, und das stört die Norweger schon lange nicht mehr. Royalisten und Republikanern im Land ist es wichtig, dass der König zwar etwas Besonderes, aber auch „einer wie sie“ ist. Ganz eigene Wege ist Prinzessin Märtha Louise, Haakon Magnus' jüngere Schwester, gegangen – und gerade deshalb viel häufiger in der Regenbogenpresse zu finden als ihre Eltern oder ihr Bruder. Nach der Ausbildung zur Physiotherapeutin und einem Literaturstudium widmete sie sich dem Schreiben und Vortragen von Märchen und Erzählungen, bevor sie ein Zentrum für alternative Behandlungstechniken gründete.

Militär

Die norwegische Verteidigung verfügt über Heer, Luftwaffe und Marine. Die Wehrpflicht für Männer im Alter von 18 bis 44 Jahren beträgt zwölf Monate, Frauen können freiwillig Militärdienst leisten. Norwegen ist der nordöstliche Außenposten der Nato. Die gemeinsame Grenze mit Russland setzt jedoch ein gutes Verhältnis zum großen Nachbarn im Osten voraus. So dürfen ausländische Truppen nur bei Übungen ins Land, und die Stationierung von fremden Waffen auf norwegischem Territorium ist nicht vorgesehen.

Mitternachtssonne

Durch das Fylke Nordland, auf 66° 33' nördlicher Breite, verläuft der Polarkreis. Nördlich davon geht die Sonne in den Tagen um den 23. Juni herum nicht unter. Je weiter man nach Norden kommt, desto länger bleibt sie über dem Horizont. Am Nordkap ist midnattssol theoretisch vom 13. Mai bis zum 29. Juli zu sehen, doch leider ist dort die Sicht selten gut. In Tromsø geht die Sonne vom 20. Mai bis zum 22. Juli nicht unter, auf den Lofoten immerhin noch vom 28. Mai bis zum 14. Juli.

Musik

Norwegen ist die Heimat von Edvard Grieg (1843–1907). Seine Peer-Gynt-Suite gehört zu den meistgespielten klassischen Werken überhaupt. Herausragend unter den gegenwärtigen Interpreten klassischer Musik ist der Pianist Leif Ove Andsnes. Weltbekannt sind auch der Cellist Truls Mørk und der Geiger Henning Kraggerud, der auch gern den Kontakt zum Jazz sucht. Der Pianist Dag Arnesen hat mit seinen Interprationen norwegischer Volkslieder die internationale Jazzwelt überrascht, ebenso wie die Pianisten Tord Gustavsen und Helge Lien mit ihren melodiösen, mutigen Kompositionen. Ebenfalls aus dem Jazz kommt Silje Nergaard mit ihrer einprägsamen Stimme und Balladen, die in Richtung Pop weisen. Auch in deutschsprachigen Ländern beliebt sind die Popsängerinnen Maria Mena, Ingrid Olava und Marit Larsen. Bergen gilt als europäische Hauptstadt des Black Metal, unter anderem dank der Gruppe Immortal.

Nationalparks

Es gibt auf dem norwegischen Festland 40 Nationalparks mit einer Gesamtfläche von fast 27 000 km2 . Hinzu kommen über 80 Landschaftsschutzgebiete, die vor Eingriffen zur Nutzbarmachung geschützt sind. Insgesamt unterliegen gut 40 000 km2 dem Landschaftsschutzgesetz. Diese Flächen sollen eine vielfältige Fauna und Flora bewahren helfen und gleichzeitig dem Einzelnen das Recht sichern, sich in der Natur frei zu bewegen. Die sehr übersichtliche Beschreibung der norwegischen Nationalparks ( www.dirnat.no/nasjonalparker ) gibt es leider nur in norwegischer Sprache.

Nordlicht

Faszinierend, voller Überraschungen – das Nordlicht (Aurora borealis) ist Naturästhetik vom Feinsten. Ausgelöst wird es von Elektronen, die in großen Mengen und mit hoher Geschwindigkeit auf das Magnetfeld der Erde treffen und mit den oberen Schichten der Atmosphäre kollidieren. Dort befinden sich unterschiedliche Arten von Gasen, die dann in verschiedenen Farben leuchten. Das Nordlicht zeigt sich ziemlich oft nördlich des Polarkreises und an kalten, klaren Winterabenden. Wer es zum ersten Mal sieht, vergisst schnell die Physik: Grüne, wehende Schleier versuchen den Himmel auszufüllen, hellblaue Rundbögen huschen über den Horizont, dazwischen fällt ein vielfarbiger Lichtschauer auf eine Schneelandschaft, einen Bergsee oder das Meer hinunter. Man sucht sich einen Baum zum Anlehnen oder einen Stein zum Sitzen und lässt sich betören.

Polargeschichte

Es gibt kein anderes Land, das mit so viel Stolz auf seine Polargeschichte blickt wie Norwegen. Alle Norweger kennen die Expeditionen, die ihre Landsleute per Schiff oder auf Skiern, allein oder in Gruppen zu den entlegensten Gegenden der Erde gemacht haben. Pionier war Fridtjof Nansen, der 1893 mit dem Schiff Fram zu einer dreijährigen Expedition ins Nordpolarmeer aufbrach. Zusammen mit seinem Begleiter Hjalmar Johansen versuchte Nansen auch, mit Skiern und Hundeschlitten zum Nordpol zu gelangen. Roald Amundsen war 1911 der Erste am Südpol. Er durchquerte die Nordwest- und die Nordostpassage und erreichte im 1926 mit dem Luftschiff Norge als Erster den Nordpol auf dem Luftweg. 1990 erreichten Erling Kagge und Børge Ousland den Nordpol ohne Hilfe von außen. Kagge lief 1992/93 auf Skiern zum Südpol, Ousland erreichte 1994 allein den Nordpol. Ousland, der viermal am Nordpol war und den Mount Everest bestiegen hat, war auch an Bord des Glasfibertrimarans Northern Passage, der 2010 erstmals den gesamten Nordpol umsegelte.

Politik

Norwegen ist durch und durch sozialdemokratisch. Ein gut ausgebauter Sozialstaat und ein hoher Anteil an öffentlich Bediensteten lassen sich bezahlen, solange der Erdölfonds weiter in schwindelnde Höhen wächst. Der Staat verwaltet die Öl- und Gasvorkommen und hält 67 Prozent der Aktien an dem international tätigen Mineralölkonzern Statoil. Obwohl die 167 Abgeordneten im Parlament (Storting) aus sieben verschiedenen Parteien kommen, geht es im politischen Alltag eher geruhsam zu. Der Druck, die Steuern zu senken, nimmt allerdings in jedem Wahlkampf zu, und die am rechten Rand des Parteienspektrums stehende Fortschrittspartei träumt von Norwegen als „Kuwait des Nordens“, ohne Steuern und mit weniger Arbeit. Die Abgeordneten und Minister machen ihre Arbeit und bekommen Gehälter, die nach Berufspraxis und Alter gestaffelt und für jeden einsehbar sind. So bleiben Politiker „Leute wie du und ich“.

Religion

Gesetze, Lieder und Monumente bezeugen, dass das Christentum Mitte des 11. Jhs. in Norwegen Fuß gefasst hatte. Die ersten Bistümer wurden kurz vor 1100 errichtet, Nidaros (das spätere Trondheim) war ab 1152 Sitz des Erzbischofs. 1537 wurde die Reformation durch königlichen Erlass aus Kopenhagen verordnet. Ab dem frühen 17. Jh. war Luthers Lehre das einzige Glaubensbekenntnis in Norwegen. Heute sind rund 86 Prozent der Norweger protestantisch und Mitglieder der Staatskirche, rund 380 000 gehören anderen Glaubensgemeinschaften an – die größten sind die Pfingstgemeinde und der Islam. Nur knapp 46 000 Personen bekennen sich zum katholischen Glauben.

Samen

Vorsichtig geschätzt, gehören insgesamt rund 70 000 Menschen zum Volk der Samen, der skandinavischen Urbevölkerung. 40 000 bis 45 000 von ihnen leben in Norwegen, etwa 25 000 davon im Fylke Finnmark. Um 1980 begann man, ihre Rechtslage in Norwegen zu verbessern, 1989 wurde das samische Parlament Sameting in Karasjok als Rat gebendes Organ offiziell eröffnet. Auch dies hat wesentlich dazu beigetragen, dass die Samen heute mit neuem Selbstbewusstsein auftreten. Sie begehen wieder ihren Nationalfeiertag am 6. Februar und haben ihr Recht auf die Verwaltung großer Teile des Regierungsbezirks Finnmark durchgesetzt. Im Kerngebiet des Sameland ist Samisch, das zu den finnougrischen Sprachen zählt, die Alltagssprache, in einigen Kommunen auch zweite offizielle Sprache. Neben Rentierhaltung und Fischerei sind Landwirtschaft, Handwerk und Dienstleistungen die wichtigsten Erwerbszweige der Samen.

Sprache

Es gibt zwei amtliche norwegische Schriftsprachen, Bokmål (Aussprache: bukmol) und Nynorsk. Die Unterschiede zwischen beiden sind nicht gravierend, die Gegensätze eher sprachpolitischer Natur. Nynorsk ist ein Konstrukt aus mehreren Dialekten, während Bokmål dem Dänischen entlehnt ist. Die meisten Bücher, Zeitschriften und Zeitungen erscheinen auf Bokmål. Die Einwohner einer Kommune entscheiden selbst, welche der beiden Sprachen Unterrichtssprache in der Grundschule sein soll. Die Schüler an weiterführenden Schulen müssen beide Sprachen schriftlich beherrschen.

Stabkirchen

Die gewöhnliche Stabkirche ist ein einfacher, verhältnismäßig kleiner Holzbau mit schmalem Chor, ihre Wände bestehen aus Pfostenwerk. Die ältesten der noch erhaltenen 29 Stabkirchen wurden im 12. Jh. errichtet. Der Grund für ihre lange Haltbarkeit ist das solide Fundament: Es besteht aus Pfosten und Planken, die auf Schwellen stehen und deshalb nicht verfaulen können. Zentrales Element der Ausschmückung sind die geschnitzten Ornamente im Eingangsbereich. Diese Dekortradition geht wahrscheinlich auf die Tierornamentik der Wikinger zurück. Klassische, viel besuchte Stabkirchen sind die Heddal Stavkirke in der Telemark und die Borgund Stavkirke bei Lærdal am Sognefjord.

Theater

Die Dramen von Henrik Ibsen (1828 bis 1906) werden auf den Bühnen der Welt aufgeführt, Figuren wie Nora, Peer Gynt, John Gabriel Borkman und die Frau vom Meer in allen großen Sprachen dargestellt. In seinem Heimatland war Ibsen zu Lebzeiten umstritten. Skien, Ibsens Geburtsstadt, feiert den Dichter jedes Jahr mit einem Kulturfestival. Das gibt es auch alle zwei Jahre am Osloer Nationaltheater. Und es gibt wieder einen norwegischen Dramatiker internationalen Formats: Mitte der 1990er-Jahre tauchten die Schauspiele von Jon Fosse auf den europäischen Bühnen auf. „Der Name“, „Die Nacht singt ihre Lieder“, „Das Kind“, „Sommertage“ oder „Schlaf“ sind Stücke, die auch in Asien und Amerika oft aufgeführt werden.

Trolle

Schon weil es sie in den norwegischen Volksmärchen und in Souvenirläden zuhauf gibt, sollte man an sie glauben: Trolle wohnen tief in den Wäldern und sind nur schwer zu entdecken. Je nach Unterart leben sie in Familien oder als furchteinflößende Einzelgänger. Sie ähneln knorrigen Bäumen, haben riesige Nasen und zotteliges Fell, stinken fürchterlich und kommen nur nachts aus ihren Höhlen. Weil sie mit Menschen nur wenig zu tun haben wollen und man sie leicht reinlegen kann, hält sich die Bedrohung durch sie in Grenzen. Seien Sie auf Ihrer Wanderung durch norwegische Wälder also wachsam, aber nicht ängstlich.

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Sein Studium brachte Jens-Uwe Kumpch nach Westnorwegen. Sein Beruf als Übersetzer und Journalist hat ihn mehrmals bis an die Eismeerküste geführt, auf Wanderungen hat er die entlegensten Winkel des Landes erkundet. Obwohl er seit 25 Jahren in Norwegen wohnt, ist unser Autor ein aufmerksamer und kritischer Beobachter geblieben. Für MARCO POLO schreibt er auch den Band „Oslo“.

Der SZ.de-Reiseführer wird Ihnen in Kooperation mit Marco Polo präsentiert. Alle Angaben ohne Gewähr auf Richtigkeit, Aktualität oder Vollständigkeit der Information. Die Verantwortung für die präsentierten Inhalte und Rechte liegt ausschließlich bei Marco Polo.

Quelle: www.marcopolo.de

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