bedeckt München 22°

Reiseführer Norwegen:Auftakt

MARCO POLO Autor Jens-Uwe Kumpch

Entdecken Sie Norwegen!

Eine Mittsommernacht irgendwo an der Küste weit nördlich des Polarkreises: weißer Sand, blaues Meer, blank gewaschene Felsen und die Sonne, die sich langsam auf die Wasseroberfläche zubewegt, um wenig später wieder aufzusteigen – ein vollkommenes Naturerlebnis, wenn sich weder Wolken noch Nebel ins Bild drängen.

In den Häusern in Strandnähe wohnen Menschen, die ihr Land auch anders kennen: Mit Eisenketten haben sie den Dachstuhl im Erdboden verankert, denn mit der Natur und ihren Launen ist nicht zu spaßen. Auch nach einer milden Mittsommernacht kann Wind aufkommen, kann plötzlicher Nebel die Boote in die Häfen zurückjagen. Im Sørlandet, Norwegens Küstenstreifen am Skagerrak, verschwindet die Sonne im Sommer zwar für ein paar Stunden, doch sitzen die Urlauber nach dem Grillen auch gern bis zum Morgengrauen beisammen – es gilt, den Augenblick zu nutzen.

Norwegen hält eine Vielfalt an Landschaften voller Überraschungen bereit. In riesigen Wäldern verbergen sich fischreiche Seen und Flüsse, Hochebenen werden vom Eis der Gletscher überragt, gewaltige Täler durchziehen die Gebirge. Die Küste ist übersät von Tausenden Inseln und aufgerissen von Fjorden, die einzigartig sind. Ebenso wie die Mitternachtssonne und das Nordlicht sind sie Ausdruck einer mächtigen Natur. In Norwegen bietet jeder Augenblick eine neue Perspektive, und wer sich mit allen Sinnen auf dieses Land einlässt, wird vor allem eines erleben: Harmonie. Ein Gefühl, das auch die Menschen prägt. Nur so ist zu erklären, wie die Norweger mit einer der schrecklichsten Tragödien ihrer Geschichte umgingen, als bei einem Anschlag in Oslo und auf der Insel Utøya am 22. Juli 2011 77 Menschen von einem rechtsradikalen, islamfeindlichen Attentäter getötet wurden. Hunderttausende gingen auf die Straße, spendeten sich gegenseitig Trost und sprachen sich für Toleranz, Demokratie und Einigkeit aus. „Heute“, sagte Kronprinz Haakon bei einer der Kundgebungen, „sind unsere Straßen mit Liebe gefüllt.“

Geborgenheit, Geschlossenheit, das Eintreten für eine freie, offene Gesellschaft: Diese Haltung entstammt wohl auch dem Nationalstolz der Norweger. Sie haben sich zweimal gegen die Europäische Union entschieden, und selbst die Unterzeichnung des Vertrags über den gemeinsamen Binnenmarkt stieß bei der Bevölkerung auf großen Widerstand. Der Grund dafür könnten die Reichtümer sein, die sich vor Norwegens Küste verbergen. Jedes Jahr verkauft das Land Erdöl und Erdgas für rund 60 Mrd. Euro – immerhin 20 Prozent des Bruttosozialprodukts. Der Spartopf des Landes ist mit 375 Mrd. Euro prall gefüllt und wird kaum angerührt. Die Norweger wissen von ihrem Glück, wissen, dass das schwarze Gold Löhne sichert und die Staatskassen klingeln lässt. Richtig stolz aber sind sie auf das, was ihr Land zwischen Skagerrak und Nordkap zu bieten hat.

Der Dichter und Sprachforscher Ivar Aasen schrieb Mitte des 19. Jhs. das Gedicht „Der Norweger“. Als Lied wird es in der Schule gelehrt und am 17. Mai, dem Nationalfeiertag, gesungen: „Zwischen Hügeln und Felsen draußen am Meer hat der Norweger seine Heimat gefunden, wo er selbst seine Grundstücke ausgegraben und auch selbst seine Häuser hat gebaut.“ Dem harten Klima getrotzt und das raue Land nutzbar gemacht zu haben erfüllt die Norweger mit Stolz. Ihr Verhältnis zur Natur ist von tiefstem Respekt geprägt. Zu den vielen Veranstaltungen am 17. Mai gehört der Freilichtgottesdienst auf dem Hardangerjøkulen – bis zu 2000 Menschen wandern auf den 1800 m hohen Gletscher. So wird die Natur zum Tempel.

Die landschaftliche Schönheit Norwegens offenbart sich bald hinter dem dicht besiedelten Speckgürtel an der Küste Südnorwegens. Im Gebiet bis Trondheim liegen neun der zehn größten Städte des Landes. Allein im Großraum Oslo sind gut eine Million der gerade mal 5 Mio. Einwohner zu Hause, während in den drei nördlichen Verwaltungsbezirken (Fylker) nur gut zehn Prozent der Bevölkerung wohnen. Die kleinste ist die Insel Utsira nordwestlich von Stavanger mit 218 Einwohnern auf 6 km2 . In Kautokeino in der Finnmark teilen sich rund 3000 Einwohner 9707 km2 , eine gut zehnmal größere Fläche als Berlin. Insgesamt ist Norwegen ohne die arktischen Inselgruppen Svalbard und Jan Mayen 323 364 km2 groß, die Einwohnerdichte liegt bei 14 Menschen pro Quadratkilometer.

Zwei Drittel Norwegens bestehen aus Fjell, also Gebirge und Hochebenen, 37 Prozent des Landes sind bewaldet. Da nur gut drei Prozent der Fläche landwirtschaftlich genutzt werden, bleibt viel Platz für Freizeitaktivitäten. Die Norweger gehen sonntags på tur, also durch den Wald oder auf den nächsten Gipfel, gehen angeln, Beeren pflücken oder Pilze sammeln. Überall im Land werden Volksläufe absolviert – im Sommer in Joggingschuhen, im Winter auf Skiern. Schon früh lernen die Kinder in der Schule, sich die Natur zunutze zu machen, eine Schlafstatt ohne Zelt zu bauen, zu fischen, zu schnitzen und sich verantwortungsbewusst auf dem Wasser zu verhalten. Und in keinem Land Europas gibt es im Verhältnis zur Einwohnerzahl so viele Jagdwaffen wie in Norwegen; von Ende August bis Ende Oktober ist die Zeit für Rentier-, Elch- und Hirschjagd.

Seit Jahren ist Norwegen laut UNDP, dem Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen, weltweit das „lebenswerteste“ Land dank Lebenserwartung, Durchschnittseinkommen und Bildungsniveau. Trotzdem wollen immer mehr Norweger einen größeren Anteil aus dem staatlichen Spartopf nutzen, um Lebensmittel, Benzin und Alkohol billiger zu machen und Renten wie Löhne zu erhöhen. Eine andere Herausforderung des 21. Jhs. ist das Verhältnis zwischen Stadt und Land. Vier von fünf Norwegern wohnen in Städten oder größeren Orten. Die Städte werden attraktiver, weil es dort bessere Arbeits-, Freizeit- und Kulturangebote gibt. In den kleineren Orten in Nordnorwegen und auf den Inseln schrumpfen die Einwohnerzahlen trotz massiver Steuererleichterungen; Arbeitsplätze und Angebote verschwinden. Einzige Hoffnung ist der tief verwurzelte Stolz der Norweger auf ihre Heimat und ihre Traditionen. Die Menschen wollen nicht loslassen, was die Natur ihnen gegeben hat und was sie selbst geschaffen haben. Glücklicherweise, denn die Begegnung mit der Vielfalt dieses Landes wäre ohne die Menschen nicht möglich. Sie nehmen sich Zeit – Zeit zum Erleben und zum Genießen. Trubel und Hektik gehören in die Großstadt. Und davon, das sagen selbst die Norweger, gibt's im Land bestenfalls eine.

In den Küstenorten treffen sich die Älteren zum Plausch auf dem Kai – für viele ein Ritual vor allem am Vormittag, wenn die Fischerboote mit ihrem Fang einlaufen. Im Landesinneren sind es besonders die Wanderer, die ein Gespräch über das Wetter, die Gegend oder die Route beginnen. Viele Norwegenurlauber haben sich schon vom Entgegenkommen der Norweger überraschen lassen, die sonst eher als verschlossen gelten. Es hat aber den Anschein, als ob die Zurückhaltung nur der Wunsch ist, anderen nicht zu nahe zu treten. Die Einwohner im Süden gelten als zurückhaltender als die Nordnorweger, aber unhöflich sind weder die einen noch die anderen. Wundern Sie sich nicht, wenn Sie an einem schönen Sommertag zu einer Tasse Kaffee auf der Veranda oder zu einem kurzen Ausflug mit dem Boot eingeladen werden. Lassen Sie sich dann einfach von dem Gefühl anstecken, dass für eine entspannte Unterhaltung auch über die Sprachbarriere hinweg immer genug Zeit ist.

Norwegen ist vor allem ein Paradies für Naturliebhaber. Und tatsächlich kommen die meisten Urlauber nicht zum Shoppen ins Land. Sie suchen das Ursprüngliche und finden sich damit ab, dass es außerhalb der Ballungszentren nur wenige gute Restaurants und ein schmales Lebensmittelangebot gibt. Sie wollen Ruhe und reißende Flüsse, Aussicht und Abenteuer. Und die erste Aufregung über hohe Preise weicht schnell dem Erstaunen darüber, dass es Norwegen geschafft hat, jeden Winkel des Landes ans Straßen- und Stromnetz anzuschließen. Auf gewohnten Luxus muss man also nirgends verzichten. Wer dies trotzdem möchte: Bitte schön – es ist genug Platz!

Weiter zu Kapitel 2

Sein Studium brachte Jens-Uwe Kumpch nach Westnorwegen. Sein Beruf als Übersetzer und Journalist hat ihn mehrmals bis an die Eismeerküste geführt, auf Wanderungen hat er die entlegensten Winkel des Landes erkundet. Obwohl er seit 25 Jahren in Norwegen wohnt, ist unser Autor ein aufmerksamer und kritischer Beobachter geblieben. Für MARCO POLO schreibt er auch den Band „Oslo“.

Der SZ.de-Reiseführer wird Ihnen in Kooperation mit Marco Polo präsentiert. Alle Angaben ohne Gewähr auf Richtigkeit, Aktualität oder Vollständigkeit der Information. Die Verantwortung für die präsentierten Inhalte und Rechte liegt ausschließlich bei Marco Polo.

Quelle: www.marcopolo.de

Zur SZ-Startseite