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Reiseführer Niederlande:Stichworte

Von Deichen und Denkern, Marihuana und Matjes: Notizen zu Tulpen und zum Königshaus, zu Zuckerstreuseln und zu Windmühlen

MARCO POLO Autorin Elsbeth Gugger

Bakfiets

Das fiets, das Fahrrad, ist das beliebteste Verkehrsmittel der Niederlande. Früher dominierten die schwarzen Hollandräder mit Rücktrittbremse das Straßenbild. Doch seit ein paar Jahren feiert das bakfiets eine Renaissance. Dabei handelt es sich um lange Räder mit vorne angebrachten Behältern, in denen Kinder oder Waren befördert werden. Bis in die Dreißigerjahre des 20. Jhs. trugen Bäcker damit ihre Brote aus, Bauarbeiter transportierten Ziegelsteine, und Fischhändler boten darauf ihre Ware feil - bis die Transporträder durch Autos ersetzt wurden. In den Achtzigerjahren war dann vor allem die Hausbesetzerszene auf solchen Rädern unterwegs. Seit Autos die Städte immer mehr verstopfen, erfanden ein paar Tüftler das antike schwarze bakfiets neu. Herausgekommen sind bunte, poppige Modelle aus hochwertigen Materialien, die auf Wunsch mit eingebauten Kindersitzen samt Gurten und Plexiglashauben zu kaufen sind.

Chokoladeletter

Zum Nikolausabend am 5. Dezember schenken sich die Niederländer Schokobuchstaben. Die typische, etwa 130 g schwere Süßigkeit gibt es aus schwarzer oder aus Milchschokolade, manchmal mit Nougat- oder Nussgeschmack, und oft als Fair-Trade-Produkt. Der Brauch stammt aus dem Mittelalter, als Klosterschüler mit Buchstaben aus Brot lesen und schreiben lernten. Heute werden jährlich zwischen 12 und 14 Mio. chocoladeletters produziert. Supermärkte und Bäckereien halten meist das ganze Alphabet vorrätig, doch am meisten wird das M verkauft: Mit diesem Buchstaben beginnen viele niederländische Vornamen - und das Wort Mama.

Coffeeshops

Noch pflegen die Niederlande einen liberalen Umgang mit weichen Drogen. Der Staat duldet den Besitz einer kleinen Menge sowie den Verkauf und Konsum von Haschisch und Marihuana in speziellen Kneipen, den Coffeeshops. Neben der Getränkekarte gibt es hier auch eine für die Rauchwaren. Die zahlreichen illegalen Anbauflächen auf Dachböden und in Gewächshäusern, auf die die Polizei bei Razzien immer wieder stößt, sind Anlass für mehr und mehr Rufe nach härterem Durchgreifen. Derzeit werden im Eigenanbau bis zu fünf Pflanzen toleriert. Aber die Regierung will die Shops in geschlossene Clubs umfunktionieren, die nur noch für Mitglieder zugänglich sind, um so den Zugang wenigstens für ausländische Kunden einzudämmen. Viele Bürgermeister sind aber dagegen - denn die Drogentouristen geben ihr Geld auch in anderen Branchen aus. Bei Redaktionsschluss war noch nicht abzusehen, wohin der Weg führen würde.

Deiche

Schon die ersten Siedler bauten Deiche, um ihre Häuser in dem vielfach unter dem Meeresspiegel liegenden Land vor dem Wasser zu schützen. Die meterhohen Wälle bestehen noch heute im Kern aus Sand, der mit einer dicken Tonschicht bedeckt wird. Im Poldermuseum in Lelystad wird anschaulich der Querschnitt eines Deichs gezeigt. Beim großen Hochwasser 1995 mussten 250000 Menschen evakuiert werden. Seither sind die Deiche vielerorts saniert und erhöht worden.

Erasmus von Rotterdam

Der bedeutende Humanist Erasmus Desiderius wurde 1466 oder 1469 in Rotterdam geboren und starb 1536 in Basel. Sein "Lob der Torheit", ein satirisches Werk über gesellschaftliche und kirchliche Missstände, verhalf ihm zu großem Ruhm. Mit seinen philosophischen Arbeiten übte Erasmus einen großen Einfluss auf die Reformation aus - von der er sich allerdings später distanzierte.

Heringe

Zeitungsinserate mit dem simplen Text Hollandse nieuwe - junge Heringe, die noch nicht gelaicht haben - läuten jedes Jahr im Juni die neue Heringssaison ein. Es ist die Zeit, in der die ganze Nation vor den rot-weiß-blauen haringkarren Schlange steht. Der berühmteste, den auch Minister und Parlamentarier gerne frequentieren, steht vor dem Regierungsgebäude beim Binnenhof in Den Haag. Der Verzehr dieser Matjesheringe erfolgt nach einem ganz bestimmten Prozedere: In der linken Hand hält man einen kleinen, rechteckigen Pappteller. Darauf liegen der Hering, eine Papierserviette und ein paar Zwiebelstückchen. Dann ergreift man mit Daumen und Zeigefinger der rechten Hand die Schwanzflosse der zartrosa Delikatesse, hebt den Arm in die Höhe und führt den Fisch von oben senkrecht in den geöffneten, gen Himmel gerichteten Mund.

Integration

Der von einem radikalen Niederländer marokkanischer Abstammung verübte Mord am Filmemacher Theo van Gogh 2004 hat auf schmerzliche Weise offenbart, wie schlecht es um die Integration der rund 1 Mio. Muslime in den Niederlanden bestellt ist. Seitdem wurden zahlreiche Projekte auf die Beine gestellt mit dem Ziel, den Dialog zwischen den Bevölkerungsgruppen zu fördern. Gleichzeitig sorgt jedoch die im Aufwind befindliche "Partei für die Freiheit" des rechts-populistischen Islamkritikers Geert Wilders für große Verunsicherung.

Klimawandel

"Mit dem Wasser leben und nicht mehr dagegen kämpfen" lautet die neue Devise der Niederlande. Die Deichnation wird stark unter dem veränderten Klima - insbesondere unter dem Anstieg des Meeresspiegels - zu leiden haben. Experten der niederländischen Deltakommission rieten der Regierung, die Küstenstreifen massiv mit Sand aufzuschütten und in die Nordsee hinaus zu verlängern. Tausende von Deichkilometern müssen verstärkt und erhöht werden. Vielerorts haben die milliardenschweren Arbeiten inzwischen begonnen, auch an der Nordseeküste, wo man die Deichbauer an mehreren Stellen beobachten kann, wie sie mit gigantischen Bulldozern bis zu 10 m hohe Dünen auftürmen. Dank dem neuen Credo bauen niederländische Architekten immer öfter schwimmende Häuser, die sich dem Wasserstand anpassen.

Königshaus

Die Niederlande sind eine konstitutionelle Erbmonarchie mit parlamentarischem System, wobei Kabinett und Krone gemeinsam die Regierung bilden. Die Königin trägt jedoch keine politische Verantwortung, kann aber Einfluss nehmen, etwa bei der Koalitionsbildung nach Parlamentswahlen. Neben zahlreichen Repräsentationspflichten gehört es zu ihren Aufgaben, am dritten Dienstag im September, dem prinsjesdag, die Thronrede vorzulesen. Dabei handelt es sich um das vom Kabinett verfasste Regierungsprogramm des kommenden Jahrs. Kronprinz Willem-Alexander ist mit der Argentinierin Máxima Zorreguieta verheiratet. Das Paar hat drei Töchter. Die Älteste, Catharina-Amalia Beatrix Carmen Victoria, Prinzessin der Niederlande und Prinzessin von Oranien-Nassau, wird nach Willem-Alexander den Thron besteigen.

Literatur

Die Niederländer haben viele wichtige Autoren hervorgebracht, obwohl das Sprachgebiet mit 20 Mio. Holländischsprachigen in den Niederlanden und im flämischen Teil Belgiens eher bescheiden ist. Baruch Spinoza verschaffte sich im 17. Jh. mit seinen philosophischen Abhandlungen weltweite Anerkennung. Viel Beachtung fand im 19. Jh. Multatuli mit seinem Roman "Max Havelaar", einer Anklage gegen die Kolonialherrschaft in Niederländisch-Indien, dem heutigen Indonesien. Nach dem Zweiten Weltkrieg beherrschten vor allem Werke von Willem Frederik Hermans, Harry Mulisch und Gerard Reve die literarische Szene. Im deutschsprachigen Raum sind heute vor allem Cees Nooteboom, Geert Mak, Connie Palmen und Arnon Grunberg ein Begriff.

Malerei

Rembrandt van Rijn, Frans Hals und Jan Vermeer van Delft waren schon im "goldenen" 17. Jh. weltberühmt. Im Amsterdamer Reichsmuseum, dem größten des Landes, findet man eine außergewöhnlich reichhaltige Sammlung mit allen alten Meistern. Im 19. Jh. folgte Vincent van Gogh - einen Großteil seiner Werke finden Sie im gleichnamigen Museum, ebenfalls in Amsterdam. Die herausragenden Maler des 20. Jhs. sind Piet Mondrian, Karel Appel und Corneille als Vertreter der Cobra-Gruppe (Kopenhagen, Brüssel, Amsterdam).

Muisjes

Kommt in den Niederlanden ein Kind zur Welt, essen die Erwachsenen runden Zwieback (beschuit) mit rosaroten oder hellblauen Zuckerstreuseln (muisjes). Und zwar nicht nur Freunde und Verwandte, die den Säugling besuchen kommen - der Vater serviert diese Neugeborenenspezialität auch seinen Kollegen am Arbeitsplatz! Die Streusel sind mit farbigem Zucker umhüllte Anissamen, die von werdenden Müttern schon immer zur Stimulation der Muttermilchproduktion gegessen wurden. Der heutige Brauch geht auf die zweite Hälfte des 19. Jhs. zurück, als die Niederländer anfingen, die Samen mit farbigem Zucker zu überziehen und sie zusammen mit dem runden Zwieback zu essen.

Oranjefieber

Wenn im Fußball eine Europa- oder eine Weltmeisterschaft ins Haus steht, dann breitet sich in den Niederlanden ein orangefarbiger Flächenbrand aus. Oranje ist nicht nur die Farbe des Königshauses, sondern ziert auch die Trikots der niederländischen Nationalspieler. Deshalb hüllen sich die Untertanen von Königin Beatrix während eines Turniers in orangefarbene Gewänder und schmücken ihre Fenster und Autos mit gleichfarbigen Wimpeln. Käse, Kontaktlinsen und Kreditkarten sind plötzlich orange, genauso wie die Pommes in den Snackbars oder der Gips ums gebrochene Bein. In den Regalen der Supermärkte steht orangefarbener Pudding neben orangefarbenem Toilettenpapier.

Tulpen

Die Tulpen stammen ursprünglich aus Zentralasien. Ende des 16. Jhs. pflanzte Carolus Clusius die erste Zwiebel dieses Liliengewächses im botanischen Garten in Leiden. Im 17. Jh. galt die edle Blume als Statussymbol: Damals kosteten drei Tulpenzwiebeln so viel wie ein Amsterdamer Grachtenhaus. Jeder Kauf musste denn auch vom Notar beglaubigt werden! Heute bestreiten die Niederlande 86 Prozent des weltweiten Tulpenhandels. Die gut 2000 Gartenbetriebe produzieren jährlich mehr als 4 Mrd. Tulpenzwiebeln. Hauptanbaugebiet ist die bollenstreek, der "Tulpengürtel" zwischen Leiden und Den Haag.

Windmühlen

Früher waren es Zehntausende, heute gibt es noch etwa 1000 der typischen alten Windmühlen mit vier Flügeln. Die meisten stehen unter Denkmalschutz und werden nur an speziellen Tagen - etwa dem nationalen Mühlentag am zweiten Maisamstag - betrieben. Bei Kinderdijk südöstlich von Rotterdam steht mit 19 Windmühlen aus dem 18. Jh. das größte Mühlenensemble der Welt. Eine größere Ansammlung authentischer Mühlen finden Sie auch im Freilichtmuseum Zaanse Schans. Jahrhundertelang haben die Schöpfräder der Mühlen das sumpfige Gebiet der Niederlande entwässert. Vielerorts, etwa auf dem Flevopolder, treffen Sie auf ganze Windmühlenparks zur Gewinnung von Windenergie - zeitgenössische Turbinen mit Rotor, die die historischen Mühlen abgelöst haben.

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Elsbeth Gugger ist in Bern geboren und lebt seit 1992 in Amsterdam. Als Niederlande-Korrespondentin für Schweizer Medien reist sie kreuz und quer durchs Land, besucht Ausstellungen oder berichtet über die Prozesse an den internationalen Gerichten in Den Haag. Sie wohnt im östlichen Hafengebiet, einem nautischen Hotspot mit alten Lagerschuppen, die in Wohnungen umfunktioniert wurden.

Der SZ.de-Reiseführer wird Ihnen in Kooperation mit Marco Polo präsentiert. Alle Angaben ohne Gewähr auf Richtigkeit, Aktualität oder Vollständigkeit der Information. Die Verantwortung für die präsentierten Inhalte und Rechte liegt ausschließlich bei Marco Polo.

Quelle: www.marcopolo.de

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