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Reiseführer Niederländische Küste:Stichworte

Von Coffeeshops bis Windmühlen: Die Küste überrascht. Leitfaden durch eine eigenwillige Region

MARCO POLO Koautorin Anneke Bokern

Coffeeshops

Die Niederlande sind das einzige Land Europas, in dem es sogenannte Coffeeshops gibt, Cafés, in denen weiche Drogen wie Haschisch und Marihuana gekauft bzw. konsumiert werden dürfen. Der Besitz ist nicht legal, aber die Verfolgung dieses Delikts hat eine sehr niedrige Priorität. Wer nicht mehr als 30 g bei sich trägt, bekommt keine Probleme mit der Polizei. Auch der Eigenanbau von Hanf wird toleriert, allerdings dürfen es nicht mehr als fünf Pflanzen sein. Die Duldung weicher Drogen steht jedoch schon seit einigen Jahren unter politischem Beschuss, und immer mehr Gemeinden erzwingen die Schließung von Coffeeshops, vor allem im näheren Umkreis von Schulen.

Deiche

Römer waren es, die die ersten Deiche entlang der Flüsse anlegten. Erst um das Jahr 1000 begannen die Holländer mit dem Bau von Deichen an der Küste und machten so eine dauerhafte Besiedlung des Landes möglich. Auf den Warften – aufgeschüttete Hügel – wurden Bauernhöfe und Kirchen errichtet. Die Sorge für den Unterhalt der Deiche lag beim Deichgrafen. Um Inseln und Strände, etwa bei Scheveningen oder auf Texel, vor einer Abtragung durch die Fluten zu bewahren, werden aufwendige Sandaufspülungen vorgenommen. Auch die Flüsse sind mit Deichen versehen, die allerdings nicht immer halten: 1995 mussten wegen Überflutung von Maas und Rhein 250 000 Menschen evakuiert werden.

Deltawerke und Oosterschelde

Rund 5,5 Mio. Euro wurden zwischen 1953 und 1997 für das sogenannte Deltaprojekt zum Schutz des Hinterlandes in Zeeland ausgegeben – das damals wohl kostspieligste Wasserbauprojekt der Welt. Das Oosterschelde-Wehr hat 65 Öffnungen, jede von ihnen ist 40 m breit. Bei normalem Wasserstand hat das Meer freien Zugang in die Mündungsarme der Flüsse Rhein, Maas und Schelde, nur in Sturmflutzeiten werden die Tore geschlossen. Die Oosterschelde ist ein beliebtes Überwinterungsquartier von Vögeln. Ihre Artenvielfalt und hohe Population ist bemerkenswert. Auch die Seehunde fühlen sich wohl. An warmen Sommertagen werden mittlerweile wieder durchschnittlich 78 Tiere gezählt.

Dünen

Dünen prägen das Gesicht aller niederländischen Inseln und der Küste von Den Helder bis nach Belgien. Das Dünensystem entstand etwa im 12. Jh. Bis heute ist nicht sicher, was den plötzlichen Sandzuwachs verursachte. Man vermutet, dass das Abschlagen der Wälder im Inland dazu beitrug. Dabei wurde eine Menge Sand freigesetzt, der sich mit den Ablagerungen, die die Flüsse Rhein und Maas seit Jahrhunderten an die Küste getragen hatten, vermischte. Dünen werden im Laufe der Zeit von Gräsern überwuchert. Wird die Pflanzendecke zerstört, trägt der Wind die Dünen ab, und das Wasser hat freien Zulauf. Der Schutz der Dünen gehört daher zu den vordringlichen Aufgaben der niederländischen Behörden.

Gewächshäuser

Gewächshäuser sind in den Niederlanden allgegenwärtig: Insgesamt bedecken sie eine Fläche von etwa 10 000 Hektar. Vor allem im Westland, also der Gegend zwischen Den Haag und Hoek van Holland, stehen die gläsernen Gebäude dicht an dicht. Unter der Glasdecke wachsen Gemüse, Obst und Zierpflanzen, von denen 80 Prozent exportiert werden. In Deutschland sind vor allem Hollandtomaten ein Begriff – wenngleich kein positiv besetzter. Lange waren die Gewächshausfrüchte aufgrund ihrer Aromalosigkeit als Wasserbomben verschrieen. Inzwischen werden aber verstärkt aromatische Sorten angebaut, denen man ihre Treibhausjugend kaum noch anmerkt.

Damit die Pflanzen schneller wachsen, werden sie rund um die Uhr beleuchtet. Bis vor einigen Jahren konnte man deshalb die Glashäuser vom Flugzeug aus beim nächtlichen Landeanflug auf die Niederlande wie leuchtende Würmer in der Landschaft liegen sehen. Bis man auf das Problem der „Lichtverschmutzung“ aufmerksam wurde: Der Tages- und Nachtrhythmus von Wildpflanzen in der Umgebung der Gewächshäuser durch die ständige Beleuchtung wurde gestört, und in manchen Gegenden der Niederlande wurde es nachts nie mehr richtig dunkel. Seither müssen die Züchter die Dächer der Gewächshäuser nachts mit lichtundurchlässigen Planen abdecken.

Holland

Holland ist eigentlich nur ein Teil der Niederlande, der aus den zwei Provinzen Nord- und Südholland besteht. Da diese Provinzen, in denen mit Amsterdam, Rotterdam und Den Haag die bedeutendsten Städte des Landes liegen, schon seit Jahrhunderten eine wirtschaftliche und kulturelle Vormachtstellung haben, wurde „Holland“ im deutschen Sprachgebrauch zum Synonym für die Niederlande. Doch es kann schon passieren, dass ein Friese oder Zeeländer etwas verschnupft reagiert, wenn man ihn als Holländer bezeichnet.

Königshaus Oranien-Nassau

Stammvater des Königshauses Oranien-Nassau ist Wilhelm I. von Nassau, der 1533 im hessischen Dillenburg geboren wurde. Er war unter Karl V. Statthalter von Holland, Zeeland und Utrecht. Im Zuge der Auflehnung des Adels gegen die radikale katholische Machtpolitik Philipps II. von Spanien (Sohn Karls V.) setzte sich Willem von Oranje an die Spitze der Aufständischen. Er wurde 1584 ermordet. Der Freiheitskampf gegen Spanien endete erst mit dem Westfälischen Frieden 1648. Die Oranier blieben weiterhin Statthalter des Landes.

Erster König der Vereinigten Niederlande wurde König Willem I. (regierte 1813–40). Die heutige Königinmutter Juliana regierte bis 1980. Seitdem ist Beatrix Königin der Niederlande. 1966 heiratete sie den deutschen Diplomaten Claus von Amsberg, der 2002 verstarb. Der älteste ihrer drei Söhne, Prinz Willem-Alexander, heiratete im Februar 2002 die Argentinierin Máxima Zorreguieta. Sie ist inzwischen beinahe so populär wie ihre Schwiegermutter. Wann immer das Thronfolgerpaar mit seinen drei blonden Töchtern Amalia (geb. 2003), Alexia (geb. 2005) und Ariane (geb. 2007) im Fernsehen erscheint, schießen die Einschaltquoten in die Höhe.

Kolonialmacht

Ebenso wie andere Kolonialmächte kamen die Niederlande durch Ausbeutung und Sklaverei zu Reichtum. Um die zerrütteten Staatsfinanzen im 19. Jh. zu sanieren, führte man für die Kolonie Nederlands-Indië (heutiges Indonesien) das cultuurstelsel ein, ein Zwangsanbausystem für Kaffee, Tee, Tabak, Zimt und Indigo, dessen Ertrag zwischen 1830 und 1870 ca. 375 Mio. Euro betrug. Mit diesem „Blutgeld“ bauten die Niederländer Deiche sowie Schulen, senkten Steuern und begannen mit dem zügigen Ausbau der Infrastruktur ihres Landes. Erst 1862, 30 Jahre nachdem England die Sklaverei abgeschafft hatte, entschlossen sich auch die Niederlande zu diesem Schritt. Nach dem Zweiten Weltkrieg führten sie noch zwei Kriege in Indonesien, um die Unabhängigkeit des Landes zu verhindern. Der Freiheitskampf (1945 bis 1949) kostete rund 200 000 Indonesier das Leben.

Malerei

Im Goldenen Zeitalter entstand ein reger bürgerlicher Kunstmarkt. Reiche Kaufleute verlangten nach Gemälden, die ihre Lebenswelt naturgetreu darstellen, aber auch moralische Botschaften enthalten sollten. Porträt-, Genre- und Landschaftsmalerei florierten. Die berühmtesten Vertreter waren Rembrandt van Rijn (1606–69), Jan Vermeer van Delft (1632–75), Jan Steen (1626–79) und Jacob van Ruisdael (1628–82). Markenzeichen der damaligen niederländischen Malerei ist ihr Realismus.

Muscheln

An niederländischen Stränden findet man viele Muschelarten, aber auf der Speisekarte stehen nur zwei Sorten: Miesmuscheln und Austern. Miesmuscheln werden meist mit Pommes und Mayonnaise serviert. Gezüchtet werden sie im Wattenmeer und in der Oosterschelde in Zeeland. Die Saison dauert von Mitte Juli bis Mitte April – was in den anderen Monaten angeboten wird, ist Tiefkühlware aus dem Ausland.

Bis vor einigen Jahren wurde die Hälfte der Muschelsaat aus Irland importiert, da das heimische Angebot die Nachfrage nicht befriedigen konnte. Anfang 2006 wurde diese Aussaat jedoch aus Sorge um das Ökosystem verboten. Die Bedenken sind verständlich, wenn man das Schicksal der noch heißer begehrten niederländischen Austern bedenkt, die in Oosterschelde und Grevelingen-Meer gezüchtet werden. Dort wurde in den 1970er Jahren die japanische Auster ausgesetzt, die sich inzwischen zur Plage entwickelt hat und die Larven der einheimischen platte oester frisst.

Dabei hat diese Gattung es ohnehin nicht leicht, ist sie doch sehr anfällig für die Austernkrankheit Bonamiasis, was ihre Zucht noch schwieriger macht. Dementsprechend sind platte Austern in den Niederlanden deutlich teurer als ihre zugereisten Verwandten.

Nationalparks

Unter den 20 niederländischen Nationalparks befinden sich auch einige Küstenregionen, wie die Kennemerduinen, der Biesbosch bei Dordrecht, das Wattenmeer und die Insel Schiermonnikoog. Außerdem gibt es zahlreiche kleinere Naturschutzgebiete, etwa Het Oerd im Osten Amelands, wo man auf über 50 Vogelarten trifft, das Sandgebiet Vliehors auf Vlieland oder De Muy auf Texel. Auch die meisten Dünengebiete stehen unter Naturschutz und dürfen nur mit Eintrittskarte betreten werden (im Tourismusbüro oder am Bahnhof erhältlich).

Polder

Polder, eingedeichtes Grünland, das von schnurgeraden Wassergräben durchzogen ist, gibt es auf allen Inseln und hinter der Küste. Polderwiesen gelten als gute Viehweiden. Es waren Zisterziensermönche, die im 13. Jh. mit der Einpolderung von Land in Friesland und Zeeland begannen. Erst mit dem Einsatz von Windmühlen im 15. Jh., die das tief liegende Land leer pumpen konnten, wurde das Einpoldern effektiv. Ein besonders großer Polder entstand im südlichen IJsselmeer: der Flevoland-Polder.

Sprache

Die Amts- und Umgangssprache ist Niederländisch. In Europa wird es von 21 Mio. Menschen gesprochen, von den Niederländern und den 6 Mio. Flamen in Belgien (Flämisch). Friesisch ist in Friesland als Minderheitensprache anerkannt und wird an den dortigen Schulen gelehrt. In Zeeland hört man noch oft den Dialekt Zeeuws, der dem Flämischen sehr ähnlich ist.

Stadtwaagen

In allen historischen niederländischen Städten gibt es ein Stadtwaagengebäude, das meist auf dem Marktplatz steht und schlicht als de waag bekannt ist. Um zu verhindern, dass sie ihre Kunden mit gezinkten Waagen um einen Teil der Ware betrogen, mussten Händler Butter und Käse früher in der von der Stadtbehörde geeichten Stadtwaage wiegen lassen. Dafür zahlten sie ein Wiegegeld an die Stadt. Heutzutage beherbergen die meisten Stadtwaage-Gebäude Restaurants oder Museen. Die Stadtwaage von Alkmaar wird aber beim Käsemarkt noch immer zu ihrem ursprünglichen Zweck benutzt.

Strandcafés

Jedes Jahr kurz vor Ostern werden die ersten Strandcafés an der Küste aufgebaut. Früher waren diese Cafés meist nur schlichte Schuppen mit dem Charme von Eckkneipen, in denen ebenso einfache Speisen wie Käsebrötchen oder Erbsensuppe mit Speck serviert wurden. In den letzten Jahren mutieren sie aber immer öfter zu hippen Lounge-Bars oder freundlichen Familiencafés, je nach Standort. Viele Strandcafés vermieten auch Liegen und Sonnenschirme, einige sogar kleine Wochenendhäuser, die ebenfalls am Strand stehen. Eines haben sie jedoch alle gemeinsam: Im Herbst, vor den großen Winterstürmen, werden sie wieder abgebaut und bis zum nächsten Frühjahr eingemottet.

Voc und Wic

In Middelburg oder Hoorn, in Delft oder Haarlem – überall an der Niederländischen Küste werden Sie auf Bauwerke und Spuren der Vereinigten Ostindischen Kompanie treffen. 1602 wurde die „Verenigde Oostindische Compagnie“ (VOC) in Amsterdam gegründet. Sie hatte das alleinige Recht, in der östlichen Hemisphäre einen Wirtschaftskrieg gegen Portugal und Spanien zu führen und eine Kriegsflotte und ein Heer zu unterhalten. Sie durfte eigene Münzen prägen und Verträge abschließen. Als die VOC am 31. Dezember 1799 formell aufgelöst wurde, stand ihr Name bezeichnenderweise für „vergaan onder corruptie“, also „untergegangen durch die Korruption“. Zwischen 1602 und 1799 fuhren insgesamt 622 000 Personen auf 4510 VOC-Schiffen nach Asien. Die Schwestergesellschaft, die „Westindische Compagnie“ (WIC), trieb Handel mit Afrika und Amerika, war führend im Sklavenhandel und gründete Neu-Amsterdam, das heutige New York.

Windmühlen

Die allgegenwärtigen Mühlen wurden mit der Einpolderung von Land seit dem 15. Jh. wirtschaftlich eingesetzt. Von den ausgeklügelten Windmaschinen existieren noch etwa 980. Sie sind denkmalgeschützt. Die schönsten Ansammlungen sieht man in Kinderdijk, in Zaandam und in Schermer bei Alkmaar. Mit einer Flügelspannweite von 28 m treiben Windmühlen eine Schraubwinde an, die das Wasser aus Gräben in höher gelegene Kanäle hebt. Außer Poldermühlen gab es Getreide-, Öl- und Tabakmühlen.

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Der Job bei einer Kunstnachrichtenagentur führte Anneke Bokern nach Amsterdam. Schnell lernte sie die Meernähe lieben, Buttermilch zum Mittagessen tolerieren und niederländisches Design schätzen. Seit 2001 ist sie als freie Journalistin in Amsterdam tätig. Sie schreibt für internationale Medien über niederländische Architektur, Design und Kunst und organisiert Architekturführungen in den Niederlanden.

Der SZ.de-Reiseführer wird Ihnen in Kooperation mit Marco Polo präsentiert. Alle Angaben ohne Gewähr auf Richtigkeit, Aktualität oder Vollständigkeit der Information. Die Verantwortung für die präsentierten Inhalte und Rechte liegt ausschließlich bei Marco Polo.

Quelle: www.marcopolo.de

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