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Reiseführer Niederländische Küste:Auftakt

MARCO POLO Koautorin Anneke Bokern

Entdecken Sie die Niederländische Küste!

Ein Holzpfad führt über die letzte Düne. Je höher man steigt, desto feiner wird der Sand und desto höher wächst der Strandhafer. Oben angekommen, bietet sich ein großartiger Ausblick: landeinwärts über hügelige Dünenlandschaften mit Sanddorn und Krüppelkiefern, seewärts über einen endlosen Sandstrand und das Meer.

Etwa 1 Mio. Besucher erleben jedes Jahr solch einen ersten Blick. Nicht weniger als 450 km Küste – davon 250 km Strand – haben die kleinen Niederlande entlang ihrer westlichen Küste zu bieten. Endlose Sandstrände und einsame Dünen säumen die Küstenlinie von Zeeland bis Den Helder und auf den Watteninseln. Eigentlich ist die gesamte Strecke von der belgischen Grenze bis hin zu den Inseln im Norden ein einziger langer Strand, unterbrochen nur von einigen Häfen und Flussmündungen. Und obwohl die Niederlande das am dichtesten bevölkerte Land Europas sind, kann man an den Nordseestränden noch Einsamkeit und Ruhe finden. Strand und Dünen sind jedoch nicht nur schön, sondern bilden einen natürlichen Schutz der „niedrigen Lande“ vor dem Meer. Der Kampf gegen das nasse Element hat die Geografie des Landes geprägt: Da die Dünen keinen ausreichenden Schutz boten, baute man Deiche und Stauwehre. Dennoch brach das Wasser immer wieder in das Land ein und veränderte seine Küstenlinie und Gestalt. Manch eine Naturkatastrophe brachte Landschaften hervor, die heute zu den reizvollsten der Niederlande zählen: Durch Überschwemmungen entstanden nicht nur die Watteninseln, sondern auch das friesische Seengebiet und die zeeländischen Inseln.

Eine große Veränderung erfuhr die niederländische Landkarte 1932:

Durch die Fertigstellung des Abschlussdeichs wurde der Meeresarm Zuiderzee von der Nordsee abgetrennt und in einen riesigen Süßwassersee, das IJsselmeer, verwandelt. Nun klatscht auf der einen Seite die See stürmisch gegen den Damm, auf der anderen Seite liegt die spiegelglatte Wasserfläche des IJsselmeers. Im so entstandenen See wurde nach dem Zweiten Weltkrieg die neue Provinz Flevoland eingepoldert: eine riesige Nutzlandschaft aus Äckern und schnurgraden Baumreihen.

„Gott hat die Welt erschaffen, aber die Niederländer machten ihr eigenes Land“, so heißt ein altes Sprichwort. Fertig sind die Küstenbewohner mit dieser Lebensaufgabe noch lange nicht. So werden momentan einige künstliche Inseln im IJsselmeer östlich von Amsterdam angelegt, auf denen ein komplett neuer Stadtteil entstehen soll. Dringender ist allerdings das Problem der Erosion: Jedes Jahr müssen die niederländischen Strände mit neuem Sand aufgefüllt werden, um die Abtragung der Dünen einzudämmen. Bis 2014 sollen im Rahmen des staatlichen „Deltaprogramms“ neue Maßnahmen zum langfristigen Schutz der Niederlande vor dem Meer entwickelt werden. Zu den bisherigen, zum Teil sehr umstrittenen Vorschlägen gehören eine weitere Erhöhung der Deiche, aber auch eine Anhebung des IJsselmeer-Wasserspiegels um einen Meter.

Wasser ist in den Niederlanden allgegenwärtig; die See und der Wind prägen das Klima ebenso wie die Mentalität der Bewohner. Im Mittelalter wagte sich kaum ein Fürst in die sumpfigen Gebiete im Westen, sodass die freien Bauern dort weitgehend selbstbestimmt leben konnten. Nach dem Freiheitskampf gegen Spanien im 17. Jh. gründeten die Niederländer eine der ersten Republiken Europas. Das Sagen hatten damals vor allem die reichen Kaufleute der VOC (Vereinigte Ostindische Kompanie), die mit exotischen Waren aus Übersee handelten und damit den Grundstein für das Goldene Zeitalter legten. Innerhalb weniger Jahrzehnte entwickelten sich die Niederlande zur Weltmacht. Die dunkle Seite des Erfolgs waren Sklavenhandel und eine skrupellose Kolonialpolitik.

Zwar sind die Niederlande heutzutage eine Monarchie, aber der im Goldenen Zeitalter entstandene Kaufmannsgeist, die Demokratieliebe und der Pragmatismus prägen noch immer die Geisteshaltung der Niederländer. In den protestantischen Gegenden nördlich von Rhein und Maas hat auch der Calvinismus seine Spuren hinterlassen. Das Resultat ist eine eigentümliche Paarung von Spießbürgerlichkeit und Freigeistigkeit, von Sittenstrenge und Duldsamkeit: Der gute Protestant lässt die Vorhänge offen, denn er hat nichts zu verbergen; was Angehörige anderer Bevölkerungsgruppen jedoch hinter ihren Vorhängen tun, ist deren Sache. Toleranz ist in den dicht besiedelten Niederlanden, die schon im 17. Jh. auf Grund der wirtschaftlichen Blüte viele Einwanderer aus weniger liberalen Ländern anzogen, eine notwendige Tugend – auch wenn sie in den letzten Jahren aufgrund des starken Zustroms von Immigranten und sozialer Probleme in den multikulturellen Vierteln der Großstädte an Bedeutung verloren hat. Seit 2010 ist die PVV (Partei für die Freiheit) des islamfeindlichen Rechtspopulisten Geert Wilders die drittstärkste Kraft im niederländischen Parlament.

Den meisten Besuchern fallen jedoch vor allem das Sprachtalent, der lockere Umgangston und die Kinderfreundlichkeit der Niederländer auf. In Kombination mit den schönen Stränden, guten Wassersportmöglichkeiten und historischen Städten machen diese Trümpfe die niederländische Küste zu einem beliebten Feriengebiet. Wer sonnige, feinsandige Strände und familiäre Atmosphäre sucht, der wird sich in der südlichsten Provinz Zeeland wohl fühlen. Dies ist auch die Feinschmeckergegend: Muscheln und Fisch, aber auch schwarze Johannisbeeren gehören zu den lokalen Spezialitäten. Am holländischen Abschnitt der Küste, zwischen Katwijk und Bergen, geht es etwas jugendlicher und lebhafter zu. An Sommerwochenenden füllen sich die Strände von Zandvoort und Bloemendaal mit jungen Großstädtern – in der Nebensaison kann man aber auch hier noch stundenlange, einsame Strand- und Dünenspaziergänge machen. Zudem locken die Städte im Hinterland: Orte wie Alkmaar oder Haarlem bieten hübsche historische Ortskerne mit vielen Sehenswürdigkeiten.

Von hier aus ist es nicht weit zum IJsselmeer mit seinen altehrwürdigen VOC-Städtchen und nostalgischen Plattbodenbooten. Noch heute wird man beim Anblick der Segelschiffe, der weiten Wasserflächen und des niedrigen Horizonts an ein Landschaftsgemälde des 17. Jhs. erinnert. Etwas herber gibt sich dagegen die verhältnismäßig dünn besiedelte nördlichste Provinz Friesland in der man Friesisch spricht und im Winter, falls es einmal richtig friert, unter Eislauffieber leidet. Vor der Küste liegen die Westfriesischen Inseln, fünf kleine Welten für sich – allen gemein sind die schönen Strände und die ausgedehnten Naturschutzgebiete.

Der Hauch vergangener Zeiten durchweht noch einige küstennahe Großstädte wie Leiden oder Dordrecht. Ein Kontrastprogramm bietet die Hafenstadt Rotterdam. Keine andere niederländische Stadt ist so zukunftsorientiert: Moderne Hochhäuser, der zweitgrößte Seehafen der Welt und eine spannende Kulturszene sorgen für Großstadtflair. Dank spannender Metropolen, schöner historischer Städtchen und eines üppigen Angebots an Museen und Freizeitparks kann auch das legendär wankelmütige niederländische Wetter die Urlaubsfreude nicht trüben. Wobei es sich in den Niederlanden ohnehin selten richtig „einregnet“: Meist sorgt eine steife Brise dafür, dass die Wolken schnell wieder verschwinden und die Sonne zum Vorschein kommt. Dann strömen Einheimische ebenso wie ausländische Gäste wieder an die Strände und zum IJsselmeer – um zu schwimmen, zu segeln, Drachen steigen zu lassen, oder um in einer Strandbar bei biertje und bitterballen den Sonnenuntergang über der Nordsee zu betrachten.

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Der Job bei einer Kunstnachrichtenagentur führte Anneke Bokern nach Amsterdam. Schnell lernte sie die Meernähe lieben, Buttermilch zum Mittagessen tolerieren und niederländisches Design schätzen. Seit 2001 ist sie als freie Journalistin in Amsterdam tätig. Sie schreibt für internationale Medien über niederländische Architektur, Design und Kunst und organisiert Architekturführungen in den Niederlanden.

Der SZ.de-Reiseführer wird Ihnen in Kooperation mit Marco Polo präsentiert. Alle Angaben ohne Gewähr auf Richtigkeit, Aktualität oder Vollständigkeit der Information. Die Verantwortung für die präsentierten Inhalte und Rechte liegt ausschließlich bei Marco Polo.

Quelle: www.marcopolo.de

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